Missing Reel

Planet Terror
(Robert Rodriguez, USA 2007)
Kino

Man stelle sich Folgendes vor: Quentin Tarantino macht seine Hose auf, zieht seine Short herunter und seine Eier, die gen Boden hängen, weil sie sich aufgrund von Biowaffen schleimig schimmelnd auflösen, kommen zum Vorschein. Na, klingt das nicht nach einem großartigen Film? Oder nehmen wir die beiden Ärzte (u.a. Josh Brolin), die den Patienten über schlimme Krankheiten im Irak aufklären, inklusive grafischer Beweise, die appetitlicher nicht sein könnten. Noch immer nicht auf den Geschmack gekommen? Wirklich? Wie wäre es dann mit jeder Menge Zombies, die nicht etwa erschossen, sondern regelrecht zermatscht werden. PLANET TERROR, das ist das komplette Gegenteil von Tarantinos Beitrag DEATH PROOF, laut, hirnlos (das des Öfteren buchstäblich), actionreich, grafisch und mit ganz, ganz viel Liebe zum Detail. Ist Tarantinos Beitrag zu GRINDHOUSE noch eher anspruchsvoll, das Ganze subtil angehend, feuert Rodriguez – wie nicht anders zu erwarten – eine Action/Splatter/Humor-Granate erster Klasse ab!

Planet Terror

Man muss nicht lange auf den Showdown warten, denn der ganze Film ist ein einziger Showdown. Irgendwie hat irgendwer, warum auch immer, irgendwelche Biowaffen freigelegt, die von nun an die Bewohner heimsuchen und diese in blutrünstige Kreaturen verwandeln, auch Zombies, Mutanten oder Aussätzige genannt, was genau sie sind, kann man nicht so genau sagen, nur, dass ihnen ziemlich große Aknepickel wachsen und ihre Körper immer schleimiger werden und schließlich auseinander fallen. Schon hier zeigt Rodriguez deutlich, dass er nicht etwa nur Romeros Trilogie oder den italienischen Splatter zitiert, sondern auch andere Klassiker wie beispielsweise THE FLY und dessen Mischwesen. Mal können seine Zombies nur dumm rum stehen, mal rennen sie und klatschen an Autoscheiben. Sie vereinen in sich also so ziemlich jede mutierte Kreatur, die man im Horrorgenre je zu sehen bekam. Von den ultragrafischen nonstop Splattereinlagen ganz zu schweigen.

Planet Terror

Rodriguez zeigt was er kann und zaubert eine Orgie aus dem Hut, die urkomischer nicht sein könnte. Coole one-liner, bei denen Tarantino mitgeschrieben haben muss (wäre er lieber mal dabei geblieben, denn so langsam aber sicher stoßen mir seine vielen Gastauftritte – wenn auch gelungener als in seinem Film – doch sauer auf), eine absolute Traumbesetzung, die wirklich alles und jeden bedient und eine Story, die auf den ersten Blick so durchschaubar und einfach scheint und es auch ist, angesichts des Bahnhofskino-Charmes aber doch wieder konstruiert wirkt, was ja aber allgemein ein Problem der/des Filme(s) zu sein scheint. Doch nicht nur hier hat sich PLANET TERROR deutlich an seinen Vorbildern orientiert, die Liebe steckt hier nämlich auch im Detail, so wundervoll, dass man vor Freude fast Schreien möchte. So schauen sich die bösen Jungs um Bruce Willis Charakter beispielsweise einen Frauengefängnis-Film an, die Musik erinnert nur selten nicht an Klassiker (allen voran HALLOWEEN) und sowieso meint man jede Sekunde sich an einen anderen Film zu erinnern.

Planet Terror

Im direkten Vergleich zu DEATH PROOF erscheint PLANET TERROR somit um einiges konsequenter und retrospektiver, was er nicht zuletzt auch seiner Geschichte zu verdanken hat, die er wählte. Oder anders gesagt: Rodriguez' Film wird bei den meisten wohl ob seiner massenkompatibleren Idee des grindhouse-Kinos besser ankommen, als DEATH PROOF. Letzterer erscheint im direkten Vergleich dann doch viel geschwätziger, langatmiger und Spaß bremsender als der Film des Amexikaners (kann man das eigentlich so sagen?). Bedenken sollte man allerdings, dass die beiden Filme sich aber auch nur schwer miteinander vergleichen lassen, denn lediglich das Prinzip, dem beide Folgen, ist gleich. Tarantinos Film ist um einiges facettenreicher, eher das "anspruchsvollere" Bahnhofskino einschlagend, als es PLANET TERROR tut. Gefallen tun sie mir aber definitiv beide, sehr sogar, auch wenn ich die Splatterorgie dann doch etwas favorisieren würde.

Abschließend, sowohl für DEATH PROOF, als auch für PLANET TERROR, für GRINDHOUSE eben, muss ich gestehen, dass ich mittlerweile gar nicht mehr verärgert über die Trennung der beiden Filme bin, denn wenn ich überlege, dass bei Tarantinos Kurzfassung der komplette Lapdance fehlt, dann ist das allein schon Grund genug, sich über die Langfassung zu freuen. Einziger richtiger Wehrmutstropfen bleibt natürlich die Unterschlagung der Faketrailer, auch wenn MACHETE mindestens so gut war wie der Hauptfilm selbst und deshalb etwas tröstet. Jetzt muss also nur noch das double feature auf DVD erscheinen (am besten alle drei Fassungen in einer Box) und ich respektive jeder Fan des Features bin überglücklich. Definitiv einer der besten Filme des Jahres, eine Granate! (9/10)


10 Kommentare zu “Missing Reel”

  1. axi (73)
    September 12th, 2007 | 17:47

    Volle Zustimmung zu deinem Artikel, der meinen sprachlich mal wieder alt aussehen lässt. :mrgreen:
    Btw: heißen deine "Amexikaner" nicht Hispanics?

  2. September 12th, 2007 | 18:00

    Danke für die Blumen, das wird schon noch bei Dir, Du Deutschmuffel. :P Zu Rodriguez: der ist ja aber schon in den USA geboren, weiß nicht, ob das da noch zählt… :wink:

  3. September 13th, 2007 | 16:45

    Und was gab es jetzt für eine DVD als Entschädigung?

  4. September 13th, 2007 | 17:01

    [quote comment="2063"]Und was gab es jetzt für eine DVD als Entschädigung?[/quote]

    Keine, dafür aber eine Freikarte für 1408 vor Ort und heute zwei Poster zum Film in DinA1 per Post und gerollt. :)

  5. TheRudi (912)
    September 13th, 2007 | 18:56

    1408 für UFA-Palast nehm ich an, dann musst ja extra wieder in die City reinfahren.

  6. September 13th, 2007 | 19:47

    [quote comment="2067"]1408 für UFA-Palast nehm ich an, dann musst ja extra wieder in die City reinfahren.[/quote]

    Gilt in jedem Kino in Deutschland. :D

  7. morn (2)
    September 13th, 2007 | 23:28

    Sehr interessanter Blog!

  8. September 14th, 2007 | 14:53

    [quote comment="2071"]Sehr interessanter Blog![/quote]

    Vielen Dank. :)

  9. Sven (3)
    September 15th, 2007 | 12:47

    Mal wieder eine großartig geschriebene Kritik von jemand der offensichtlich Ahnung von dem hat über das er schreibt – ganz im Gegensatz zu manchem "offiziellen" Kritiker wie z.B. im Musikexpress (okay ist auch 'ne Musikzeitschrift, trotzdem!), der den Film völlig zu unrecht verissen hat und Rodriguez als untalentierten Wichtigtuer abtut. – Nachzulesen bei den Filmkritiken im Musikexpress Oktober 2007 für Interessierte…

  10. morn (2)
    November 5th, 2009 | 17:47

    Sehr interessanter Blog!

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