Der Krieg gegen die Lethargie

Lions for Lambs
(Robert Redford, USA 2007)
Kino

Am Ende steht jeder für seine Sache ein, koste es was es wolle. Egal ob Journalistin, Hochschullehrer, Soldat, Student oder Politiker – sie alle haben Überzeugungen, Werte für die sie kämpfen, sei es verbal oder eben physisch (meistens sogar beides). Lions for LambsRedford könnte seine Prämisse in LIONS FOR LAMBS nicht deutlicher aufzeigen, das aktuelle Tagesgeschehen nicht besser einfangen als mit seinem neuesten Film. Er hält uns allen den Spiegel vor, ringt uns Entscheidungen ab und holt uns aus unserer Lethargie heraus. Gerade uns junge Leute, denen das aktuelle Zeitgeschehen, die Politik bisweilen sonst wo vorbeigeht. Es sind wir jungen Menschen, die für die Zukunft eines/unseren Landes verantwortlich sind, ohne Interesse an selbigem sieht die Zukunft aber düster aus. Vielleicht ja irgendwann so düster wie derzeit im Irak oder in Afghanistan. Letzteres Land spielt eine erstaunlich große Rolle, was angesichts der Tatsache, dass der Irak doch etwas aktueller erscheint etwas verwundert. Natürlich bleibt auch er nicht auf der Strecke – der Film beginnt bereits mit Meldungen toter Soldaten aus diesem -, aber Afghanistan steht ganz klar im Fokus.

Eine neue Strategie muss her, da ist sich Cruises Senatorenfigur ganz sicher. Eine Strategie, die hält, was sie verspricht, auch wenn ihm das Meryl Streep zu keinem Zeitpunkt glauben will. Und sie hat bisweilen auch Recht, denn Cruise ist hier nichts weiter als ein Politiker, der den Krieg verkaufen will und gleichzeitig natürlich um seine Karriere besorgt ist. Das Präsidentenamt steht ihm recht offen, das muss man natürlich ausnutzen. Lions for LambsSo zeigt sich zumindest die eine Hälfte des wohl interessantesten Charakters des Films. Die andere Hälfte, seine bessere, sorgt sich um Land und Soldaten, ist die ständigen Drangsalierungen gegen seine Partei leid. Cruise spricht hier so viel wahre Worte, dass zumindest ich ihm imaginär nicht oft genug auf sie Schulter klopfen konnte. Und so ist es auch kein Wunder, dass die Figur Streeps – so aufrecht und argumentativ richtig sie bisweilen auch liegen mag -, mit zunehmender Zeit zur uninteressantesten ja sogar nervtötendsten verkommt. Sie ist genau der Typ von Nachrichtenmacher, der dem Land schadet, statt ihm zu helfen. Doch Cruise entlarvt sie, hält ihr den Spiegel 9/11s vor.

Ortswechsel, wie so oft in diesem (Episoden-)Film. Ich fühle mich quasi wie zu Hause, an der Uni, der Heimstätte des Nachwuchses. Redfords Figur des Hochschulprofessors ist idealistisch, keine Frage, doch gerade deshalb so erwünscht, weil man diese so selten bis gar nicht vorfindet. Lions for LambsEr kümmert sich nicht nur um sein eigenes Wohl, ein ordentliches Arbeitsklima, ruhige Arbeitstage, sondern nimmt seine eigentliche Aufgabe wahr, wie sonst niemand. Er tritt den jungen Erwachsenen in den Hintern, stellt sie vor Entscheidungen, die sie – und auch ich, ja – nur allzu ungern treffen. "Do you want to win the war on terror? Yes or No? This is the quintessential Yes or No question of our time.", brüllt der Senator (Cruise) seine Journalistin (Streep) förmlich an – und bringt damit die zentrale Aussage des Filmes auf den Punkt. Natürlich geht es nicht immer nur um den militärischen Kampf gegen den Terror, aber ist unsere Lethargie, unser Nichtstun nicht auch eine Form des Terrors? Es geht um Einsatz, Hingabe und Leidenschaft, nicht nur polemisch über Dinge zu diskutieren und zu prahlen, sondern diese konkret umzusetzen. Wer sich diese Mühe nicht macht, der hat den Kampf (gegen den Terror) bereits auf der Startbahn verloren.

So regt Redfords Film nicht nur an, sondern bringt auch konkrete Ideen. Er traut sich etwas, macht auch vor Opfern keinen Halt, wie der Schluss eindrücklich und in bewegenden Bildern zeigt. Redford ist keinesfalls ein Kritiker seines Landes, im Gegenteil. Er ist Patriot, mit vollem Herzblut bei der Sache. Denn so kritisch und differenziert LIONS FOR LAMBS auf den ersten Blick auch zu sein scheint (und natürlich ist er das auch zur Genüge), so patriotisch und Militär verherrlichend ist er auf den zweiten. Lions for LambsSein Film zeichnet eine große Subtilität aus, ein ganz feines Gespür für Timing, Inszenierung und die Funktion des Ganzen. Genau diese ernste Thematik mischt er nämlich gekonnt mit den Stilmitteln eines Hollywoodfilms, sorgt sogar für große Gänsehautattacken. Seine Bildsprache ist gewaltig, das zeigt er zu jedem einzelnen Zeitpunkt. In den letzten Jahren habe ich wirklich keinen so ehrlichen und aufrichtigen Film gesehen, der sich mit dem Diskurs um Politik und Gesellschaft so uneingenommen beschäftigt hat. Gut, es wird dennoch einige geben, die den Film als patriotische Propaganda abtun werden, aber dass das nichts schlechtes heißen muss, im Gegenteil, sollte der Film selbst nachdrücklich gezeigt haben. Einer der besten Filme des Jahres. (9/10)


23 Kommentare zu “Der Krieg gegen die Lethargie”

  1. November 9th, 2007 | 16:17

    :shock: Bisher die beste Kritik die ich zu dem Film gelesen habe.

  2. November 9th, 2007 | 16:49

    [quote comment="3584"]:shock: Bisher die beste Kritik die ich zu dem Film gelesen habe.[/quote]

    Inwiefern? Von der Bewertung oder vom "Stil" her? :???:

  3. November 9th, 2007 | 17:45

    Sagen wir beides :mrgreen:

  4. November 9th, 2007 | 17:51

    [quote comment="3591"]Sagen wir beides :mrgreen:[/quote]

    Verstehe – nachdem ich nochmal bei Rottentomatoes nachgesehen habe (nur 25%!), dachte ich es mir schon… :mrgreen:

  5. November 9th, 2007 | 18:25

    Mir verwirrte wieder einmal der Aspekt, dass du dich an dein Unileben erinnert fühltest, das war ja schon neulich bei dir der Fall – das wirkt auf mich so, als ob Studieren in Tübingen eine ganz andere Welt ist als in Stuttgart, weil ich hab mich noch nie in einem Film an meine Uni erinnert gefühlt – daher auch vom "Stil" her gut – wobei mir Rajkos Kritik auch gefallen hat.

  6. kaspar (5)
    November 9th, 2007 | 19:34

    Mit Verlaub, aber hier scheint mir ein großes Missverständnis vorzuliegen. Ich komm ganz durcheinander, wenn ich Text und Kommentare lese. Der Film ist ein ganz anderer, wofür nicht zuletzt andere Beobachtungen sprechen.

  7. November 9th, 2007 | 20:32

    [quote comment="3596"]Mit Verlaub, aber hier scheint mir ein großes Missverständnis vorzuliegen. Ich komm ganz durcheinander, wenn ich Text und Kommentare lese. Der Film ist ein ganz anderer, wofür nicht zuletzt andere Beobachtungen sprechen.[/quote]

    Mit Verlaub, aber das verstehe ich jetzt nicht… :???:

  8. November 9th, 2007 | 20:33

    [quote comment="3594"]Mir verwirrte wieder einmal der Aspekt, dass du dich an dein Unileben erinnert fühltest, das war ja schon neulich bei dir der Fall – das wirkt auf mich so, als ob Studieren in Tübingen eine ganz andere Welt ist als in Stuttgart, weil ich hab mich noch nie in einem Film an meine Uni erinnert gefühlt – daher auch vom "Stil" her gut – wobei mir Rajkos Kritik auch gefallen hat.[/quote]

    Naja, nicht in der Hinsicht, dass es dort exakt so aussah wie bei mir, sondern vielmehr das für etwas einstehen, solche Gespräche mit den Dozenten, die Atmosphäre. Dass studieren in den USA noch mal ein wenig etwas anderes ist, als hier, steht außer Frage. Aber ja, Stuttgart saugt (meint auch ein Bekannter, der dort sein BA machte)! :razz:

  9. kaspar (5)
    November 9th, 2007 | 21:08

    Ich glaube, dass du den Film nicht adäquat beschreibst und so auch die daraus gefolgerten Schlüsse nicht auf ihn passen. Die Betrachtung anderer Reaktionen ("Lions for Lambs" hat ja enormes Medienecho in Dtl. hervorgerufen) geben dieser Einschätzung recht. – Ich könnte aber auch von Einzigartigkeit sprechen :smile:

  10. November 9th, 2007 | 21:18

    [quote comment="3600"]Ich glaube, dass du den Film nicht adäquat beschreibst und so auch die daraus gefolgerten Schlüsse nicht auf ihn passen. Die Betrachtung anderer Reaktionen ("Lions for Lambs" hat ja enormes Medienecho in Dtl. hervorgerufen) geben dieser Einschätzung recht. – Ich könnte aber auch von Einzigartigkeit sprechen :smile:[/quote]

    Ja, das kann sein. Aber wenn ich es noch deutlicher gemacht hätte und gesagt, dass Cruises Figur die größte Identifikationsfigur für mich war, dann würde mir wohl auch keiner zustimmen, erst recht nicht die anderen (dt.) Kritiker. Und kann man überhaupt falsche Schlüsse ziehen? Wenn ich Redfords Film eben für sehr patriotisch halte, dann ist das für mich eben so – habe es ja auch (versucht) zu belegen. Und Kino Kino auf BR zumindest würde mir in der Sache Recht geben, denn für die ist Redford(s Film) ebenfalls patriotisch – was nach THE LAST CASTLE auch nicht vom Tisch zu weisen ist. (bist Du's eigentlich, Kasi [filmforen]?)

  11. kaspar (5)
    November 9th, 2007 | 21:40

    Ich glaube, das kam durch (Cruise-Identifikation), und so ungewöhnlich ist das auch nicht. Sowas lässt sich außerdem schon grundsätzlich niemandem absprechen. "falsche Schlüsse": Das ist – gerade angesichts des Films – ein zu weites Feld.

    Der Film ist patriotisch, keine Frage. "The Last Castle" muss man dafür nicht heranziehen.

    (in short: ja)

  12. November 9th, 2007 | 21:42

    Schöne Kritik, Cleric. ;)

    Sag mal, hast du auch Promokarten erhalten?

    Leider konnte ich meine aufgrund einer Erkältung nicht verwerten. Schade drum. Man merkt, dass Promolabels einen Blick auf die Blogwelt wagen, um diese mit Premieren- und Kinokarten auszustatten. Ich finds gut. :)

  13. November 9th, 2007 | 21:48

    [quote comment="3603"]Schöne Kritik, Cleric. ;)

    Sag mal, hast du auch Promokarten erhalten?

    Leider konnte ich meine aufgrund einer Erkältung nicht verwerten. Schade drum. Man merkt, dass Promolabels einen Blick auf die Blogwelt wagen, um diese mit Premieren- und Kinokarten auszustatten. Ich finds gut. :)[/quote]

    Danke erstmal. Und ja, wurde quasi auch eingeladen und finde, dass es ruhig so weiter gehen kann. :wink:

  14. November 9th, 2007 | 21:51

    [quote comment="3602"]Ich glaube, das kam durch (Cruise-Identifikation), und so ungewöhnlich ist das auch nicht. Sowas lässt sich außerdem schon grundsätzlich niemandem absprechen. "falsche Schlüsse": Das ist – gerade angesichts des Films – ein zu weites Feld.

    Der Film ist patriotisch, keine Frage. "The Last Castle" muss man dafür nicht heranziehen.

    (in short: ja)[/quote]

    Na also, ich kann aber eventuell verstehen, wenn das Wort "patriotisch" bei mir ambig wirkt – ich gebrauche es hier nämlich nicht (unbedingt) in Form von Militglorifizierung o.ä. (was der Film bisweilen aber auch tut), sondern eher die Liebe zum Land, seinen Werten und Freiheiten, Kasi.

  15. kaspar (5)
    November 9th, 2007 | 22:20

    Dabei hatte ich mich gar nicht zu Patriotismus geäußert, nur mich diesbezüglich zu erklären versucht, als du ihn ansprachst; ebensowenig geäußert hab ich mich zum Bild des Militärs, wie Redfords Film es zeichnet.

  16. November 9th, 2007 | 22:52

    [quote comment="3606"]Dabei hatte ich mich gar nicht zu Patriotismus geäußert, nur mich diesbezüglich zu erklären versucht, als du ihn ansprachst; ebensowenig geäußert hab ich mich zum Bild des Militärs, wie Redfords Film es zeichnet.[/quote]

    Hmm, und wo/wie finden wir dann jetzt einen 'Konsens'? :smile:

  17. kaspar (5)
    November 9th, 2007 | 23:26

    Wir halten die Aporien aus. Wir können ja gar nicht anders.

  18. November 10th, 2007 | 0:15

    [quote comment="3610"]Wir halten die Aporien aus. Wir können ja gar nicht anders.[/quote]

    :smile:

  19. November 10th, 2007 | 13:10

    Nochmal geschaut und wirklich: bisher bewertet keiner den Film besser als du.

  20. November 10th, 2007 | 14:14

    [quote comment="3631"]Nochmal geschaut und wirklich: bisher bewertet keiner den Film besser als du.[/quote]

    Halt, CineKie gibt ihm immerhin auch 9/10 und war begeistert.

  21. April 5th, 2008 | 19:46

    Wer sich diese Mühe nicht macht, der hat den Kampf (gegen den Terror) bereits auf der Startbahn verloren.

    Die Frage, die du und der Film nicht beachten, ist die nach der Ursache des Krieges gegen den Terror. Ein "Ja" oder "Nein" zum Krieg gegen den Terror ist überhaupt keine einfache Frage, weil sie den Krieg gegen den Terror als unabdingbar vorraussetzt. Die Frage woher der Terror überhaupt kommt, ignoriert Redford total und verrät dadurch seine eigene Prämisse des Filmes. Zudem erzählt Cruise nur das übliche Politiker-Geschwätz, Redford selbst durch seinen Film dem Publikum nichts, was es nicht schon wüsste. Am Ende fragt man sich, was das ganze überhaupt sollte, da es einfach nur unnötig ist.

  22. April 5th, 2008 | 19:52

    Da gebe ich Dir Recht, die Frage nach den Ursachen klärt er nicht – ist aber auch nicht unbedingt notwendig, denn dass der Kampg gegen den Terror geführt werden MUSS, steht m.M. außer Frage.

  23. April 6th, 2008 | 1:50

    Wieder diese Einäugigkeit, du verwechselst Ursache mit Wirkung. Der Kampf gegen den Terror, wer hat denn den initiiert? Die Amerikaner selbst, das ist doch alles gezielte Kriegstreiberei, weil sonst die Wirtschaft nicht funktioniert. Die Amerikaner würden in einer Welt respektive Friedensperiode von fünfzig Jahren (Weltfrieden) gar nicht überleben können, da würde deren Industrie zusammenbrechen, daher gibts immer solche Konflikte wie Vietnam oder Irak. Cruise sagt doch immerhin auch selbst im Film, man erklärte dem Irak den Krieg, weil er kurz davor stand gefährlich zu werden. Das ist als würde ich jemand erschießen, weil er sich vor nem Waffenladen ein Messer ansieht und somit für mich bereits potentiell gefährlich ist. Sehe allerdings keine Möglichkeit mirt dir als "Republikaner" in dieser Hinsicht groß diskutieren zu können :fall:

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