Jedem sein Stück Blaubeerkuchen

My Blueberry Nights
(Wong Kar Wai, Hong Kong/China/Frankreich 2007)
Kino

Eine Frau (Norah Jones) betritt ein kleines Café, inmitten des Großstadtdschungels New Yorks. Sie ist aufgebracht, wendet sich an den Kellner (Jude Law), der sich sofort um sie zu kümmern scheint – und das nicht nur ihrer Bestellung wegen. Während Lizzy, so der Name der bezaubernden Frau, in das Ambiente des kleinen aber feinen Plätzchens eintaucht, tauche auch ich ein. My Blueberry NightsIch tauche ein in die Welt WKWs, eine von Farbfiltern und Slow-Mo geprägte Gegenwart, die bereits von der ersten Sekunde an deutlich macht, wessen Film man hier sieht. Ich tauche ein in eine Geschichte, die so einfach ist, dass man sich durchaus fragt, warum denn schon wieder eine Geschichte eines Mannes und einer Frau erzählt wird. Kann der Mann denn nichts anderes machen? Die Antwort ist so simpel wie befriedigend: Warum sollte er? Es ist eines der ältesten Themen der Menschheit, die Liebe, das Finden und Suchen jener. Sie bringt Menschen zusammen, wenn auch meist über Umwege. Zudem gibt es zum ersten Mal westliche Protagonisten (ob das jedoch besser ist, sei dahingestellt).

Bei WKWs erstem englischsprachigem Film verhält es sich nicht anders. Die Umwege sind im wahrsten Sinne des Wortes solche. Was Lizzy hier in einem knappen Jahr erlebt, erleben manche Menschen nicht einmal in ihrem ganzen Leben. Gestellt? Na klar, wir sprechen hier ja schließlich von einem Film. My Blueberry NightsUnrealistisch? Ein wenig, ja. Wichtig? Definitiv nicht. WKW erzählt für etwas mehr als 110 Minuten eine Liebesgeschichte, die schöner und purer nicht sein könnte. Es ist diese spezielle Atmosphäre, die wie seine anderen Werke auch dieses Werk durchzieht, diese Mischung aus Lethargie, knallbunten, passenden Farben und Darstellern, die für ihre Rollen geboren wurden. Allen voran Norah Jones, die so lebendig aufspielt, dass man ihr die Tatsache, dass es ihr Debüt ist, gar nicht abnehmen will. Wer die audiovisuellen Spielereien WKWs liebt, der wird sein Herz auch hier einmal mehr verlieren. Von ruhigen, romantischen Tönen über verruchte Souleinlagen, WKW setzt das Stilmittel Musik virtuos ein, zeigt, wie existenziell diese für einen Film sein kann.

Sowieso erscheint hier alles nahezu perfekt. MY BLUEBERRY NIGHTS, das ist Erzählkino in seiner schönsten Form, Liebesfilm frei von jedwedem Kitsch und Pathos und Darstellerkino, das seine Darsteller zwar fordert, aber ihnen angesichts deren Leistung noch immer nicht alles abzuverlangen scheint. My Blueberry NightsAber vor allem hat man schon lange keinen Cast mehr gesehen, der einerseits so hochkarätig ist (Norah Jones, Natlie Portman und Rachel Weisz in einem Film – hallo, liebe Männer!), aber andererseits auch noch so gut harmonisiert. Im Prinzip hat jeder seine eigene Episode, wobei ich jene David Strathairns bevorzugen würde. Sie ist am wenigsten abgehoben, nur allzu realistisch und menschlich. Norah Jones' Charakter ist dabei die einzige Figur, sie sich durch die Episoden bewegt, sie miteinander verbindet und am Ende für all ihr Bemühen belohnt wird. MY BLUEBERRY NIGHTS ist eine Ode an das Kino, filmisch bis ins Detail ausgearbeitet, ohne ein Gramm übermäßiges Fett und einfach zum Verlieben. (8-9/10)


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10 Kommentare zu “Jedem sein Stück Blaubeerkuchen”

  1. November 22nd, 2007 | 15:39

    Den muss man sich eigentlich schon alleine wegen der Portman anschauen, wobei abzuwarten ist, ob der in unserer Region überhaupt regulär ins Kino kommt :cry:

  2. November 22nd, 2007 | 15:47

    Ja, definitiv (ich brauche einen :love:-Smiley!), auch wenn sie eine Frisur zum Kotzen hat! Also in Stuttgart und Tübingen wird der definitiv laufen, in Sifi wird's schon schwierig…

  3. November 22nd, 2007 | 18:15

    Die Frage ist wann und wo der in Stuttgart läuft, gut möglich dass er so beschränkt läuft wie Jesse James. Ne wahre Schande ist das immer :mad:

  4. November 22nd, 2007 | 18:22

    Also in Sachen 'Arthouse' ist TÜ echt ein Paradies (auch wenn ich noch nie war), denn da läuft wirklich alles!

  5. R3 (206)
    November 23rd, 2007 | 18:22

    Danke für das Review. Freue mich auf den WKW sehr :wink:

  6. November 23rd, 2007 | 18:39

    Danke für das Review. Freue mich auf den WKW sehr

    Gerne. Kannst Dich auch sehr freuen, wobei er IMHO etwas schlechter als ITMFL ist (aber besser als 2046).

  7. Januar 30th, 2008 | 20:44

    WKW erzählt für etwas mehr als 110 Minuten eine Liebesgeschichte, die schöner und purer nicht sein könnte.

    Die Kinoversion ging nur 95 Minuten, hattet ihr in der PV einen Director's Cut oder eine Extended Version :?:

  8. Januar 30th, 2008 | 22:04

    Habe mich da nach der IMDb gerichtet, die 111 Minuten (NTSC – und das war die PV wohl) angibt…

  9. Januar 31st, 2008 | 9:27

    Die Kinolaufzeit wurde mit 95 Minuten angegeben…komisch, kann mir nicht vorstellen, dass der Film nochmal umgeschnitten worden ist. Naja.

  10. Januar 31st, 2008 | 9:49

    Wurde er auch nicht, aber eine Fassung in NTSC geht immer ein paar Minuten länger – und Du weißt doch: Never trust the Laufzeitangaben… :wink:

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