Aktive Teilnahmslosigkeit

No Country for Old Men
(Ethan Coen, Joel Coen, USA 2007)
Kino

No Country for Old MenDer amerikanische Süden. Hitze, Staub, Wüste. Es rauscht durch die Lautsprecher, man spürt die Schwüle und die willkommenen Winde, die einem um die Ohren fegen. Das Land ist weit, schier unüberschaubar, mit weit und breit nichts als trockenem Boden, einigen Bäumen und mittendrin einigen Männern, jungen Männern. Jede Einstellung ist eine Offenbarung, ein weitflächiges Stilleben – man will kaum glauben, dass es sich hierbei nicht um ein Gemälde handelt. Diese ersten Minuten von NO COUNTRY FOR OLD MEN fesseln, werfen den Zuschauer direkt ins Geschehen und gönnen ihm keine Pause. Im Gegenteil, nach den schönen Bildern bekommt man erst einmal wieder weniger schöne Bilder zu sehen: Gewalt, in all ihren Facetten, schmerzhaft, real. Es ist kein gewöhnlicher Killer (Javier Bardem), weiß Gott nicht. Er hat das Glück stets auf seiner Seite, denkt er zumindest, er fordert es heraus, spannt den Bogen bisweilen ziemlich weit. Es ist sein Land, es gelten seine Regeln, jeder der sich ihm in den Weg stellt wird beseitigt, ohne das kleinste Anzeichen von Mitleid.

Das muss auch bald Josh Brolin feststellen, der den Fehler begeht, sich ihm und seinem Geld in den Weg zu stellen. Er ist jung, kennt die Weite des Landes. Doch weiß er auch mit wem er sich da angelegt hat? Als Zuschauer weiß man es schnell, denn heißt es im Trailer noch "What's this guy supposed to be the ultimate badass?", so trifft es wohl nichts besser als ebenjene Aussage. Javier Bardem mimt einen Killer, der kälter, ausdrucksloser – er selbst ist dabei aber ausdrucksvoller als kaum ein Killermimender Darsteller vor ihm – und brutaler nicht sein könnte. Sein Gegenpart, Josh Brolin agiert nicht weniger grandios, auch wenn er als good guy (zumindest im direkten Vergleich mit Bardems Figur) natürlich weniger stark im Gedächtnis bleiben dürfte als Bardem, der einem in wirklich jeder einzelnen Szenen einen Schauer über den Rücken jagt. NO COUNTRY FOR OLD MEN wird von diesen beiden Größen ohne Probleme getragen, da bedürfte es eigentlich gar keinem Tommy Lee Jones oder Woody Harrelson mehr. Ersterer hat aber eine ganz bestimmte Funktion, er sorgt nämlich für den Humoranteil in dem sonst durch und durch düsteren Thriller. Er ist dabei jedoch weniger comic relief als der alte Mann, der die eine oder andere amüsante Anekdote zu erzählen hat.

Nicht anders verhält es sich mit Harrelson. Doch egal wie präsent oder lustig die beiden auch sind, so gehört dieser Coen ganz klar Brolin und Bardem. Ihr Duell führt die beiden nicht nur quer durch Texas und Mexiko, sondern auch quer durch alle Schichten dieser Gesellschaft(en). Es kommen Fragen auf, Fragen nach Glück, Bestimmung, Prinzipientreue. Diese beschäftigen nicht nur die beiden Kontrahenten, sondern auch (zwangsweise) deren Angehörige. Da wäre beispielsweise Tommy Lee Jones’ Figur des Sheriffs, der dem Killer immer einen Schritt hinterher ist, ihn erst gar nicht zu sehen bekommt. Doch er hinterlässt Zeichen, Zeichen, die Sheriff Bell (Jones) deuten kann. Er weiß, dass dieses, sein Land verkommen ist. Er ist es diese Welt nicht mehr gewohnt, diese von Drogen und Geld korrumpierte. Da können ihm auch seine Freunde nicht von großer Hilfe sein, denn dazu sind sie auch zu alt. Gerade hier setzen die Coens ihre Prämisse, die nicht nur den Titel widerspiegelt. In ihrem Film gibt es keine Helden, denen das Land gehört. Jeder hat sein(e) Last(er) zu tragen. Nicht einmal der im Genre sonst so heroischen Sheriff, den der scheint schon lange Opfer seiner Lethargie und seines Galgenhumors geworden zu sein.

Dieser ist es auch, der die Dialoge prägt, wenn sich diese mal nicht auf die beiden Protagonisten und deren schlichten, aber dennoch subtilen Informationsaustausch konzentrieren. NO COUNTRY FOR OLD MEN lässt sowieso lieber Bilder sprechen, und so kommt der Film neben den relativ wenigen Dialogen auch nahezu ohne Musik aus, lässt besonders die eingangs genannte Weite des Landes für sich (eindrucksvoll) sprechen. Auch plottechnisch hebt sich der neue Coen bisweilen meilenweit von seinen Kollegen ab. Nicht unbedingt wegen des Plots an sich (hier wurden ja bereits viele Stimmen laut, die A SIMPLE PLAN anführten), sondern wegen der konsequenten Inszenierung dessen. Joel und Ethan Coen nehmen gewalttechnisch keinerlei Blatt vor den Mund und zeigen die Gewalt so, wie sie auch ein David Cronenberg zeigen würde – nämlich als das, was sie ist: drastisch und roh. Ihr vermeintlich psychopathischer Killer will dabei auch nicht so recht in eine Klischeekiste passen, auch wenn er natürlich bisweilen Eigenschaften aufweist, die kein Killer mehr nicht vorzeigen kann. Doch das fällt überhaupt nicht ins Gewicht, denn ihr Film ist perfekt, so wie er ist. Geht man nur mal ins Detail, dann scheint sich hier immer mehr zu erschließen. Der Weite des Landes wird die Enge der Beziehung, der Motels und deren Schächte, den Stiefeln und dem verwundbaren Fleisch gegenübergestellt – da scheint der Titel noch das Offensichtlichste zu sein.

NO COUNTRY FOR OLD MEN würde man das Abräumen bei den diesjährigen Oscars gönnen. Er hätte es verdient, keine Frage, denn er ist schlichtweg perfekt. Denkt man nur mal an die unzähligen Vehikel, die sich heutzutage (Psycho)Thriller nennen, dann wächst der Film nur noch weiter. Angesichts der doch recht beeindruckenden Filmauswahl, die dieses Jahr noch auf uns zu kommt, kann man wohl dennoch mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass er – wie im letzten Jahr bei den amerikanischen Kritikern – den besten Film des Jahres markiert. (10/10)


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22 Kommentare zu “Aktive Teilnahmslosigkeit”

  1. Januar 24th, 2008 | 19:56

    Oh, mann ey… ich will auch. Jetzt hast du mich aber scharf auf den Film gemacht. :)

  2. Januar 24th, 2008 | 20:00

    Das will ich auch hoffen – den muss dieses Jahr jeder sehen, der auch nur ansatzweise was mit Thrillern/hitman anfangen kann. Und für 'Cineasten' ist er sowieso Pflicht. :wink:

  3. Januar 24th, 2008 | 20:20

    Gute Kritik, der ich nur im Bezug auf den besten Film des Jahres noch nicht so ganz euphorisch zustimmen möchte, ich denke dafür ist es dann doch zu früh.

    Es ist aber definitiv der atmosphärischste Film seit sehr langer Zeit und Javier Bardem spielt sie alle an die Wand und liefert damit eine Performance ab, die mich momentan dazu bringt dass ich mir gerade keinen furchterregenderen Menschen auf der Welt vorstellen kann als eben seinen Charakter. Ich glaube ich muss den Film jetzt noch ein ganz wenig reifen lassen, so wie einen guten Wein, und werde dann auch eine Kritik schreiben.

    Vielschichtig ist er nämlich wirklich, dieser Suspensefilm der Königsklasse.

    Und die Tankstellenszene lässt mich jetzt noch in Begeisterungsstürme ausbrechen.

  4. Januar 24th, 2008 | 20:34

    @Knur…

    Ja, klar ist es etwas früh, aber was soll denn noch größeres kommen? RAMBO vielleicht ( :wink: ), aber das kann man ja nicht miteinander vergleichen. Kann Dir ansonsten nur zustimmen, Bardem ist der badass schlechthin und die Amtosphäre – meine Güte! Die Tankstellenszene hingegen fand ich nicht so spektakulär, da wurde Bardem ja erst noch eingeführt – mir hat es am meisten wohl der Anfang und die Motelszene(n) angetan.

  5. Jochen (50)
    Januar 24th, 2008 | 20:35

    Einerseits freue ich mich, dass dir der Film so gut gefallen hat. Anerderseits ärgere ich mich darüber, dass ich noch einen Monat warten muss, bis ich ihn sehen kann…jedenfalls hat deine Kritik meine hohen Erwartungen (übrigens: auch der Roman ist großartig!) nicht geschmälert!

  6. Januar 24th, 2008 | 20:47

    Ja, Reviews sind immer eine zwiespältige Angelegenheit, nicht? Freut mich, dass Du Dich ebenfalls auf den Film freust (aber wer tut das eigentlich nicht?). :grin:

  7. Januar 25th, 2008 | 13:13

    10/10 sogar noch? :shock: Ich glaube jetzt hast du Michael Bay zum Heulen gebracht :lol: Und ne ordentliche Menge Text hat er auch noch geschrieben, der "Anglistiker" :mrgreen: Würde aber nicht bereits behaupten, dass es der beste Film ist, bevor du nicht THERE WILL BE BLOOD gesehen hast :wink:

  8. spidy (36)
    Januar 25th, 2008 | 14:00

    Für mcih ist There will be blodd der beste Film 2007, aber nur ganz knapp da hinter ist No Country for old men, beide Filme sind grandios und Meisertwerke!

    Und schön, dass Javier Bardem jetzt endlich die Aufmerksamkeit bekommt die er immer schon verdient hat!

  9. Januar 25th, 2008 | 14:38

    Ich will den sehen. Sofort.

  10. Januar 25th, 2008 | 16:22

    Ich will den sehen. Sofort.

    Tja, bisschen musst noch warten… :razz: :wink:

  11. Januar 25th, 2008 | 16:26

    10/10 sogar noch?

    Ja, denn ich meine, wenn ein Film perfekt ist, warum nicht die 10 zücken? Diese Wertung – mal abgesehen davon, dass diese ja eh nur begrenzt etwas taugen – muss ja dennoch nicht implizieren, dass es von nun an einer meiner Lieblingsfilme ist. Das wird nämlich auch noch durch andere Faktoren definiert…

  12. Januar 26th, 2008 | 12:45

    Perfekt fand ich ihn ehrlich egsagt nicht, der hatte doch einige dramaturgische Hänger (was Puristen vielleicht wieder mit den Coenschen Ellipsen umschreiben werden) und im Großen und Ganzen ging es in dem Film für mich letztlich um nichts (wie so oft bei den Coens). Dass das Teil brillant isnzeniert ist und die beiden Hotel-Episoden geradezu schweißtreibend spannend sind, möchte ich aber auch erwähnt haben.

    Nur insgesamt roch das ganze für mich immerzu nach "wird bestimmt wieder überbewertet" – und ich habe Recht. :mrgreen:

  13. Januar 26th, 2008 | 15:43

    So, ich habe dann mich dann auch mal an einer Kritik versucht.

  14. Januar 26th, 2008 | 15:54

    :smile: Hättest ruhig auch verlinken dürfen… :wink:

  15. Januar 26th, 2008 | 16:24

    Naja, ein simpler Klick auf meinen Namen genügt da ja schon. :wink:

  16. Januar 26th, 2008 | 16:31

    Klar, ich dachte eben nur, dass Du zu bescheiden seist, um Eigenwerbung zu machen. :razz: :wink:

  17. Februar 28th, 2008 | 8:16

    [...] dem neuen Streifen "No Country for old Men" haben die beiden aber nicht nur überall begeisterte Kritiken hervorgerufen, sondern auch bei der diesjährigen Oscar-Verleihung kräftig abgeräumt. Zu [...]

  18. Februar 28th, 2008 | 22:03

    na, da wurde Dein wunsch im letzten absatz ja erhört – zu recht ;)

  19. Juli 24th, 2008 | 23:37

    [...] Equilibrium: 10/10 [...]

  20. September 13th, 2008 | 15:17

    [...] zuerst erschienen bei: Equilibrium [...]

  21. November 5th, 2009 | 17:53

    Ja, Reviews sind immer eine zwiespältige Angelegenheit, nicht? Freut mich, dass Du Dich ebenfalls auf den Film freust (aber wer tut das eigentlich nicht?). :grin:

  22. Dezember 14th, 2014 | 19:17

    [...] Mit dem Streifen “No Country for old Men” haben die beiden aber nicht nur überall begeisterte Kritiken hervorgerufen, sondern auch bei der Oscar-Verleihung kräftig abgeräumt. Zu [...]

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