Verfasst von Stefan am 04th Januar 2008 in
Review
The Darjeeling Limited
(Wes Anderson, USA 2007)
Kino
Arthouse. Das Kino abseits der großen Publikumsmassen, abseits der großen Multiplexe. Buchstäblich, denn um den Film zu sehen musste ich extra 30km weit fahren, den vielen Multiplexen und nicht existenten Arthousekinos hier im Umkreis sei Dank. Doch was tut man nicht alles für einen Film, der im Vorfilm sogar eine halbnackte Natalie Portman zeigt? Und wie sich herausstellte, sollte es sogar ein ganz besonderes Kinoerlebnis werden. Der Name: Studio Museum. Der Ort: (meine) Universitätsstadt Tübingen. Ein Kino ohne Platzkarten, mit putziger Lobby, fein distinguiertem Publikum und einem Saal, der eher einem Heimkino als einem Lichtspielhaus gleicht. Tja, wer Arthouse will, bekommt es hier auch. Wir kommen fünf Minuten vor Start in den Saal, alle der knapp 50 Plätze sind nahezu belegt, nur ganz hinten noch zwei freie Plätze. Die Leinwand erscheint von hier aus so groß wie mein LCD zu Hause, die beiden normalwüchsigen Damen vor uns nehmen uns fast die ganze Sicht auf die Leinwand. Es kommt mehr Werbung fürs TV, denn fürs Kino, aber sei's drum. Atmosphärisch passt das zum Film, keine Frage.
Der spirituelle Trip der drei Brüder (Owen Wilson, Adrien Brody, Jason Schwartzman) ist mein erster Wes Anderson und wohl gleichzeitig auch der Startschuss für eine Retrospektive, denn mit THE DARJEELING LIMITED erschafft er eine sehr schöne Mischung aus Komödie und Drama. Die erste Hälfte strotzt nur so vor feinem Humor, feuert einen Gag nach dem anderen ab, ohne dabei auch nur ansatzweise in Klischees oder ähnliches abzudriften. Anderson zeigt uns die Welt auf eine ganz besondere Art und Weise, mit viel Humor, absichtlichen Stereotypen und einem großen Spiegel. Jeder der drei Brüder hat issues, auf den ersten Blick total unterschiedlicher Natur, sind sie im Kern jedoch kaum voneinander zu unterscheiden. Sie laufen weg oder versuchen es zumindest, am liebsten vor sich selbst. Es scheint nicht nur ihnen der einfachste Weg aus der Misere zu sein, oder? Was sich in der ersten Hälft noch eher in den Hintergrund drängt, wird spätestens in der zweiten, die auch leicht weniger humorvoll daherkommt, in den Fokus gerückt.
Es geht um Selbstfindung, Vorurteile, Identität und dergleichen, wobei jedoch anzumerken ist, dass Anderson darauf bisweilen doch recht unsubtil, ja grob, anspielt (bspw. wenn Wilson kurz seinen Verband vor den anderen öffnet und sich ihnen dabei auch seelisch öfnet). Themen, die der Rezipient nur zu gut kennen dürfte, egal ob er zwei Brüder hat oder nicht. Und genau hier kann Andersons Film auch punkten, denn anders als viele andere ist er mit diesen moralischen Themen nicht zugekleistert oder schwingt selbstsicher die Moralkeule, nein, er bleibt stets luftig-leichte Unterhaltung, die keinem wehtun will und auch nie anstößig wirkt. Die Prämisse beeinflusst dies aber nicht, im Gegenteil. Die Charaktere sind zum Verlieben, herrlich verschroben und voller Überraschungen, ebenso wie die tolle Musikauswahl, die immer wieder im Hintergrund wahrzunehmen ist (wenn auch einmal mehr durch einen/den iPod). Wilson, Brody und Schwartzman agieren und harmonieren dabei perfekt, die Chemie stimmt zwischen den drei (nicht deren Figuren) stimmt von Anfang an.
THE DARJEELING LIMITED ist großes Independentkino, das so liebenswert wie wertvoll ist. Und wenn das Publikum dann auch noch so herrlich agiert (Stille, in den lustigen Momenten lautes Lachen), das Ambiente passender nicht sein könnte, dann kann man wirklich ruhigen Gewissens sagen, dass dies ein perfekter Start ins Kinojahr 2008 ist. (8-9/10)
Tags adrien brody, jason schwartzman, owen wilson, the darjeeling limited, wes anderson