Der letzte Kampf einer Legende

Rambo
(Sylvester Stallone, USA/Deutschland 2008)
Kino

‘Rambo’"No man, no law, no war can stop him!", hieß es im Trailer zu Rambo: First Blood Part II anno 1985. Heute, immerhin 23 Jahre später trifft diese Aussage noch immer voll ins Schwarze – vielleicht sogar stärker, als je zuvor. Der vierte Aufguss der Serie ist der härteste, das war von Beginn an klar. Jeder, der Stallones Cannes-Promorolle gesehen hatte, wusste, was mit Rambo auf ihn zukommen würde. Zerfetzte Körper, Frauen und Kinder, die zuerst vergewaltigt werden, nur um anschließend ins Feuer geworfen zu werden und bizarre Spielchen, die vom Teufel persönlich erfunden worden zu sein scheinen. Ja, Stallone macht es einem mit seinem neuen Film nicht leicht. Wer Gewalt nur schwerlich erträgt, für den ist Rambo nichts und wird Rambo auch nie etwas sein. Doch wozu das alles, wozu großkalibrige Waffen, die von einem Menschen nichts weiter als Hack übrig lassen? Wozu diese drastische grafische Umsetzung dieser Ereignisse? David Cronenberg, selbst kein Mann der gewalttechnischen Zurückhaltung, meinte einmal auf diese Frage, dass er sie so drastisch darstelle, weil der Tod das Ende ist. Gewalt sei hässlich, drastisch und verschone niemanden. Die Nachrichten(bilder) aus Burma – im Film ebenfalls integriert – haben auch der westlichen Welt gezeigt, dass es Menschen gibt, die vor dieser Drastigkeit nicht zurückschrecken, im Gegenteil.

Wenn wir schon beim Thema grafische Gewalt sind: Zu den Kürzungen – wer den Film nicht im Internet verfolgte, der wird von diesen sowieso nichts mitbekommen haben – gibt es nicht allzu viel zu sagen. Weiß man nichts von den fehlenden 55 Sekunden, bemerkt man so gut wie nichts, alle anderen (Stichwort: Cannes-Promo) werden aber spätestens beim Finale große Augen machen – allerdings im negativen Sinne -, denn von der MG-Regenwald-Rodungs-Szene ist nicht mehr viel übrig. Und dennoch muss man klipp und klar sagen, dass Rambo auch in dieser Form noch dermaßen auf den Putz haut, dass einem Hören und Sehen vergeht. Erstaunlich jedenfalls, dass die FSK mehr gegen zerplatzenden burmesischen Abschaum als gegen gemeuchelte und abgefackelte Kinder einzuwenden hatte.

Ans Eingemachte geht Rambo aber nicht nur in Sachen grafischer Gewalt. Was auf den ersten Blick zu fehlen scheint, nämlich die emotionale Komponente, ist auf den zweiten jedoch präsenter als je zuvor. Dieser alte John J. ist endgültig mit der Welt fertig ("Fuck the world!"), es scheinen ihn nur noch Schlangen, also sein täglich Brot, zu interessieren. Er scheint lethargisch geworden zu sein, abseits von allem politischen Geschehen zu leben. Würde dieser John J. auch noch zur Flasche greifen – man würde sich nicht wundern und es ihm irgendwie wohl auch nicht übel nehmen. Ganz groß in dieser Hinsicht natürlich die Flashback-Sequenz, die seine bisherigen Gewaltausbrüche noch einmal zusammenfasst und für den ersten ganz großen Anfalls von Gänsehaut sorgt. Trautman, der Amoklauf in der Heimat, die Folter in Vietnam, der Kampf gegen die Russen – hier scheint die literarische mit der psychologischen Katharsis Hand in Hand zu gehen. Der wohl größte Moment des Filmes – ein magic moment, der noch lange nachwirkt. Vom Schluss – der Krieger ist endlich 'nach Hause' gekehrt – ganz zu schweigen.

Was folgt ist – zugegeben – Redundanz in Reinform. Will er anfänglich nicht so recht – weil er ebenjene Erfahrung(en) hat, die die christlichen Missionare und später auch Söldner eben nicht haben -, bedarf es erst eines schrecklichen Ereignisses, um den Krieger aus seinem Winterschlaf zu holen. Dieser Weckruf bringt nur einmal mehr die Bestie auf die Matte, die Rambo eigentlich für immer zu begraben gedacht hatte ("You didn't kill for your country, you killed for yourself."). Dennoch war Rambo schon immer ein Mann der Ehre, der sich für andere einsetzt und bereit dafür zu sterben ist ("I'd die for it!" – am Ende des zweiten Teils). Hier ist es Trautman-Ersatz Sarah (Julie Benz), die Missionarin, die das Herz des Eisberges zum schmelzen zu bringen scheint. Genau hier ist nun auch die wohl am häufigsten zitierte Aussage Rambos anzuführen: "Live for nothing or die for something!" – John kann sein kümmerliches, bisweilen sinnloses Leben entweder so weiterführen oder er setzt sich einmal mehr für eine gute, humane Sache ein. Im Prinzip begehen nicht die Missionare den Fehler, sondern er selbst. Er ist es nämlich, der sie letzten Endes dem Feind ausliefert, quasi seine eigene Gutmütigkeit und Ehrbarkeit. Und dennoch keine Spur einer Hamartia bei Rambos Charakter.

Abseits der emotionalen und grafischen Komponente ist Rambo handwerklich perfektes Actionkino, das größtenteils Gott sei Dank auf handmade-Effekte statt auf CGI setzt und gerade deshalb auch so richtig schön nach 80er-Jahre-Action riecht. Angesichts Stallones toller Regie scheinen die Zeiten von PG-13-Action und CGI-overkill zwar nicht vorbei, aber dennoch definitiv einen Gegendwind verspürend. Natürlich lässt sich eine gewisse reaktionäre Lesart des Filmes nicht verleumden, aber die Figur Rambos ist bisweilen einfach tiefer gehend als jene des Propaganda- und Rassismusvorwurfs. Und dass das Feuilleton nicht viel Übrig für Actioner dieser Machart hat, ist ebenso wenig neu wie die Militärjunta in ebenjenem Birma. Ferner ist Rambo auch ein Mythos, den man entweder ob einer persönlichen Beziehung dazu liebt – oder eben hasst. Abschließend möchte ich noch Oliver Nödings Kritik zu Rambo auf F.LM empfehlen, die gerade in Hinsicht auf Feuilleton/Lesart/Ideologie die eine oder andere Schuppe von den Augen fallen lassen dürfte. (9-10/10)


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19 Kommentare zu “Der letzte Kampf einer Legende”

  1. Jubai (8)
    Februar 14th, 2008 | 16:38

    heftig! ich hab deine kritik noch nicht gelesen, weil ich den film heute abend sehen will, aber 9/10 ist natürlich schon sehr hoch bewertet. quasi gegenwind zu den fünf-filmfreunden und zu dem sat1 bericht – ich bin gespannt wie rambos flitzebogen ;)

  2. Februar 14th, 2008 | 16:42

    Naja, alo den 'Sat. 1-Mann' kann man ja wohl eh nicht ernst nehmen, oder? :wink:

  3. Jubai (8)
    Februar 14th, 2008 | 16:57

    nein, natürlich nicht. "ich habe zwar noch nie ein videospiel gespielt, aber so stell ich mir das vor" ;) und dieses gestikuliere. das plöde ist nur, dass der "sat.1-mann" ungefähr 1000 mal so viele leute erreicht, die jetzt alle denken "rambo…ja, ja…totaler mist" ;)

  4. Februar 14th, 2008 | 17:04

    Ja, aber zu erkennen, dass der gute Mann keine Ahnung hat, dürfte diesen Leuten nicht schwer fallen…

  5. Februar 14th, 2008 | 20:30

    Von toller Regie will ich mal nichts wissen und

    Abschließend möchte ich noch Oliver Nödings Kritik zu Rambo auf F.LM empfehlen, die gerade in Hinsicht auf Feuilleton/Lesart/Ideologie die eine oder andere Schuppe von den Augen fallen lassen dürfte.

    lass ich einfach mal so stehen, weil wir da wohl auf keinen grünen Zweig kommen – wie so oft passen auch zu dir die Worte, die ich Rajko schrieb "war nicht anders zu erwarten" :wink:

  6. Februar 14th, 2008 | 20:36

    Ja, das stimmt. :mrgreen: Aber eines haben wir dennoch gemeinsam – keine FHM… :wink:

  7. Februar 14th, 2008 | 20:49

    Sch*** Cinemaxx :mad:

  8. Februar 14th, 2008 | 21:07

    Sch*** Cinemaxx

    AHHHHH Zensur, quo vadis Deutschland?! :mrgreen:

  9. Februar 14th, 2008 | 21:16

    Ja, aber die viel wichtigere Frage ist doch: Abgemahnte Blogger – quo vadis? :wink:

  10. Februar 14th, 2008 | 21:24

    Die wichtigere Frage ist doch Meinungsfreiheit im Netz :wink: Wo kommen wir denn dahin, wenn man gar nichts mehr sagen darf? Nazi-Deutschland reloaded! Zudem hätten sie ja einfach die FHM rausrücken können :razz:

  11. Februar 14th, 2008 | 21:28

    Stimmt, do want FHM! :wink:

  12. Februar 14th, 2008 | 21:32

    bin grundsätzlich auch gegen zensur. in diesem fall sind mir die schnitte aber auch kaum aufgefallen. und auch sonst gibt der film ja ins achen action – wie Du richtig schreibst – ab einem gewissen punkt so richtig vollgas. das ende kam recht abrupt, aber ansonsten hat auch mir dieser 80er-jahre-nostalgie-trip mächtig spaß gemacht.

  13. Februar 14th, 2008 | 21:44

    Ich frag mich immer noch, wie man mit bloße Händen einen Kehlkopf rausreißen kann – muss ich mal ne Freundin fragen, die schreibt jetzt ihre Doktorarbeit… :roll:

  14. Februar 14th, 2008 | 22:53

    In Johns Welt geht das einfach so. Hast wohl nicht Last Action Hero gesehen? :grin:

  15. Sarge (25)
    Februar 15th, 2008 | 10:01

    "Hamartia"?
    Musste ich auch erst mal nachschlagen. :razz:
    Aber dank dir und RAMBO kenne ich jetzt ein Fremdwort mehr! :wink:

  16. Februar 15th, 2008 | 11:54

    Ist ein literaturwissenschaftlicher Begriff, der hier einfach herrlich passte – und ist Film nicht sowieso bewegte Literatur…? :wink:

  17. Jubai (8)
    Februar 16th, 2008 | 13:06

    bin strickt gegen diese art von zensur. warum dürfen mir da einige leute vorschreiben, dass es kein problem für mich ist zu sehen wie ein kind ins feuer geworfen wird, aber es ein riesen problem ist, wenn jemand jemanden mit der hand den kehlkopf herausreißt?! hallo? völlig daneben sowas…

    ich denke, dass die herrschaften was zensieren mußten – quasi als daseinsberechtigung für ihre institution.

  18. Februar 17th, 2008 | 22:30

    [...] Equilibrium: 9.5 von 10 [...]

  19. Juli 24th, 2008 | 23:38

    [...] Equilibrium: 9,5/10 [...]

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