David gegen Goliath

In the Valley of Elah
(Paul Haggis, USA 2007)
Kino

‘In the Valley of Elah’Pathos. Meyers Lexikon definiert es wie folgt: "Feierlichkeit, Leidenschaftlichkeit; in der 'Poetik' des Aristoteles Hauptelement des Tragischen, wesentliche Voraussetzung für die Katharsis." Ja, Paul Haggis mag diese Feierlichkeit, diese Leidenschaftlichkeit in seinen Filmen. Und dass auch Hollywood diesem verfallen ist, zeigte es beim Oscar 2006, als Haggis' Crash die Trophäe für den besten Film des Jahres bekam. Dies als eine umstrittene Entscheidung zu beschreiben, wäre gewagt, denn der Großteil hasste die Academy dafür und hat ihr diesen Fehlgriff – der in meinen Augen absolut keiner war, im Gegenteil – bis heute nicht verziehen. Eines sei also gleich verraten: Wer mit Crash nichts anfangen konnte, der wird auch mit Haggis' Neuem nichts anfangen können. In the Valley of Elah spart nämlich nicht an Leidenschaftlichkeit, was an sich für die meisten ja gar nicht so schlimm wäre, wäre da nicht eben noch die Moralkeule, die auf einem Parallelgleis zum Pathos fährt. Es geht um ein heikles Thema, den Komplex Irak…

Dass es Verfilmungen zu diesem gibt, ist an sich ja nichts Neues; uns überkommt ja gerade eine ganze Welle von Irakkriegsfilmen, mal mehr moraldidaktisch, mal weniger. In einem Punkt sind sich die meisten aber einig, nämlich der Tatsache, dass das, was im Wüstenstaat vor sich geht, falsch ist. Das sieht auch Haggis so, der mit den Drehbüchern zu Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima ja schon reichlich Kriegsfilmerfahrung sammeln durfte. Und von letzteren beiden unterscheidet sich sein zweiter großer Spielfilm auch nicht allzu sehr. Klar, es ist kein richtiger Kriegsfilm, aber in ihrer Inszenierung und Prämisse sind doch deutliche Parallelen zu erkennen. Es sind unsere Jungs, die 'drüben' kämpfen und sterben, die erst durch die inhumanen Umstände zu drastischen Mitteln greifen und zu seelischen Wracks werden. Der Schuldige? Nunja, das ist die Politik – oder auch nicht. Haggis liefert hier keine eindeutige Antwort, denn das Engagement im Irak wird zu keiner Zeit in Frage gestellt. Vielmehr klagt er die Verhältnisse im Irak an, dass viel zu wenig getan wird, die falsche Strategie gefahren wird und unsere tapferen Männer und Frauen den Preis dafür bezahlen müssen.

Sein Protagonist, Tommy Lee Jones, ist ein Veteran, der selbst die Schrecken des Krieges erlebt hat. Er ist ein harter Hund, der moralische Werte hochhält und diese auch die Menschen in seiner Umgebung spüren lässt. Jones mimt diesen innerlich zerfressenen Mann, der die Katharsis bitter nötig hat, die er am Ende auch bekommt, grandios. Ich würde ihm den Oscar wirklich gönnen, was angesichts der Konkurrenz jedoch sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich zu sein scheint. Er hat Außenseiterchancen, bestenfalls. In the Valley of Elah ist sowieso großes Schauspielkino, denn auch eine Charlize Theron oder Susan Sarandon laufen zur Höchstform auf. Lediglich ein verschenkter Josh Brolin, der nach No Country for Old Men ziemlich klein wirkt, lässt ein klein wenig Wehmut aufkommen. Sie alle sind betroffen von der Situation im Irak, direkt oder indirekt – und repräsentieren dabei nur drei von fast 300 Millionen Menschen. Als es vor ein paar Jahren hieß, Irak werde das zweite Vietnam, dachte ich, das wäre Nonsens. Diese Ansicht hat sich jedoch verändert.

In the Valley of Elah hat so viele großartige Momente, dass man den Film schon fast als einen einzigen magic moment bezeichnen kann (die Unfallszene aus Crash kann der Film aber dennoch nicht toppen). Sei es das Tischgebet, die Badewannenszene (die jedoch äußerst ambivalent aufgenommen zu werden scheint) oder das Hissen der Flagge – Haggis zelebriert das Zelebrierende, das Pathos. Doch so rührselig das Drama auch daherkommen mag, so gibt es auch durchaus spannende Thrillerelemente à la Whodunit. Der Fokus und vor allem auch die Stärke des Filmes liegt aber ganz eindeutig auf Seiten des Dramas. Hier liegt Haggis' Stärke, hier ist er in seinem Element. Viele werden ihn hassen, viele werden Haggis Pathos aber auch wieder verfallen. Dies entscheidet sich spätestens in der fantastischen letzten Szene des Filmes, die es dann endgültig auf den Punkt bringt (denn ja, der Film ist durchaus etwas bedeutungsschwanger, das ist bei Haggis ja aber ebenfalls nicht ungewöhnlich): Es herrscht Notstand im Irak, und das dazugehörige Notsignal ist dieser Film. (8-9/10)


Tags , , , ,

8 Kommentare zu “David gegen Goliath”

  1. Februar 21st, 2008 | 17:32

    Abgesehen von dem unterschwelligen "I would blow you, Mr. Haggis" Zustimmung von meiner Seite :razz: :wink:

  2. Februar 21st, 2008 | 17:34

    :lol: :lol: :lol:

    So habe ich das aber nicht gemeint. :wink:

  3. Februar 22nd, 2008 | 10:39

    "Es herrscht Notstand im Irak, und das dazugehörige Notsignal ist dieser Film."

    Ich bitte dich!
    Und dafür brauchst du diesen belehrenden Quark?
    Weiß das nicht ohnehin JEDER MENSCH der nicht vor Jahren seinen Fernseher aus dem Fenster geschmissen hat?

  4. Februar 22nd, 2008 | 11:31

    Und dafür brauchst du diesen belehrenden Quark?

    Touch :mrgreen:

  5. Februar 22nd, 2008 | 12:43

    @Timo

    Naja, je öfter man das den Leuten ins Gedächtnis ruft… Zudem passt dieser Schluss/Aussage ja auch zur Stimmung des Filmes (Pathos und so :wink: ). Ich hätte es auch ganz hart formulieren können und sagen: "Ja, im Irak läuft vieles falsch, aber im Kern ist die Sache richtig und ehrenwert…"

  6. Februar 22nd, 2008 | 13:16

    Du und deine magic moments :D

  7. Februar 22nd, 2008 | 13:22

    Du und deine magic moments :D

    :cool: :wink:

  8. Juli 24th, 2008 | 23:35

    [...] Equilibrium: 8,5/10 [...]

Kommentieren?