Schmalspurpädagoge mit Lederjacke und Hemd

Die Welle
(Dennis Gansel, Deutschland 2008)
Kino

‘Die Welle’Zu allererst einmal sollte ich vielleicht anmerken, dass ich den Roman nicht in der Schule gelesen habe, trotz des besten Gymnasiums des Kreises. Um was es im Groben geht, das war mir dennoch bewusst, überschlägt sich die Berichterstattung seit kurzem doch mal wieder (Vogel im Interview mit SpOn, Vogel bei Schmidt & Pocher, am Mittwoch bei JBK, etc.), und auch die wahre Begebenheit, auf der der Film beruht – das macht er gleich zu Beginn mit einer Texttafel deutlich – wird aktuell überall breitgetreten. Weniger bekannt ist jedoch die Tatsache, dass der Stoff schon einmal verfilmt wurde, 1981, nämlich fürs amerikanische Fernsehen. Regisseur Dennis Gansel bringt den brisanten Stoff nun also erneut unters Volk, unter eines, das sich dafür wohl besser eignet, als kaum ein anders. Und das macht Gansel auch überdeutlich, metaphorisiert er doch die Bücherverbrennung der Nazis und lässt sogar gleich eine ganze Figur (Frederick Lau) aus der Reihe tanzen beziehungsweise militaristisch mit ihr tanzen. Das Tanzen ist hier sowieso ein omnipräsentes Leitmotiv, das nach seiner Nase tanzen lassen und das aus der Reihe tanzen.

Die Welle spielt mit Motiven und Metaphern, was auch die meiste Zeit über schön Mitanzusehen ist und eine gewisse Metaebene mit sich bringt. Weniger gefallen da schon die vielen Klischees, die einerseits zwar ebenjene Metaebene unterstützen könnten, meiner Meinung aber doch nichts weiter als Klischees sind. So ist unter den Schülern mal wieder alles vertreten: Es gibt den beliebten Cliquenführer, wohlhabend und cool, den Einzelgänger mit kaputtem Familienhaus, das hübsche love interest und den gerade für diesen Plot notwendigen Schüler, dessen Eltern Alt-68er sind, die nichts anderes als freie Liebe im Kopf haben und ihre Kinder – wie sollte es anders sein – antiautoritär erzogen. Ich könnte die Liste noch um einiges erweitern, aber was sollte das bringen, ich meine, man muss eben auch mal dramatisieren, will man aus dem Plot nicht nur eine politische Prämisse, sondern auch einen spannenden Spielfilm machen. Und angesichts des Ergebnisses nehme ich diese Stereotypen auch gerne in Kauf, denn Die Welle ist endlich mal wieder ein deutscher Film, der sich wirklich sehen lassen kann – was er beim Sundance Festival auch tat.

Gansel erschafft eine Atmosphäre, die so ungemein dicht ist, dass man ab einem gewissen Punkt in der Geschichte gefangen ist und so schnell nicht mehr herauskommt. Es ist eine ähnliche Atmosphäre wie in Das Experiment, bedrückend, authentisch und gerade in Hinsicht auf die Zielgruppe – ich sah den Film mit ehemaligen Klassen- und Stufenkameraden, zudem könnte ich selbst Gymnasiallehrer werden -, die wie ein Verstärker wirkt, noch mal ein ganzes Stück fesselnder. Fragen kommen da auf, Fragen nach dem eigenen Verhalten in solch einer Situation. Wäre ich zu intelligent und aufgeklärt dafür (was die Klasse anfangs auch von sich behauptet), welcher Charakter trifft am ehesten auf meinen zu – oder als Lehrer: Würde ich mich dabei gut fühlen, verehrt zu werden. Um ehrlich zu sein, einheitliche Kleidung und das höfliche Ansprechen inklusive Aufstehen beim Betreten der Zimmers, würde ich mir für meine eigene Karriere als Lehrer wünschen, keine Frage. Doch wo fängt das Ganze an auszuufern, wo liegen die Grenzen? All diese Fragen wirft der Film auf, schmeißt sie vielmehr in den Raum. Eine klare Antwort gibt er nicht, trotz drastischem Ende.

Es ist schön, wie der Film fast minutiös die Entwicklung des Experimentes zeigt, den Fokus ständig auf eine andere Figur verlagert und dabei fast nie prätentiös oder effekthascherisch daherkommt. Die jungen, meist unbekannten Darsteller machen ihre Sache sehr gut und tragen somit einen beachtlichen Teil zur Atmosphäre bei. Jürgen Vogels Charakter hingegen hat die größten Schwächen zu beklagen. Ich meine, wo bitteschön findet man solch einen locker-lässigen Lehrer, dessen Schüler ihn sogar Duzen dürfen. Bei genauerer Betrachtung aber nur ein weiteres (kleines) Opfer, das man der Dramaturgie bringen musste. Aber wie gesagt, das tut dem Ganzen keinen Abbruch, denn dafür macht der Film einfach zu viel anderes richtig. Die Optik kann locker mit Hollywoodproduktionen mithalten, das Verhalten der Schüler könnte näher am tatsächlichen Geschehen nicht sein und die ewige Frage nach dem Warum des aufkommenden Nationalsozialismus kann man besser wohl kaum veranschaulichen. Ein Film, der ob seiner Eindringlichkeit länger als nur die Laufzeit über (nach)wirkt. (8/10)


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16 Kommentare zu “Schmalspurpädagoge mit Lederjacke und Hemd”

  1. axi (28)
    März 11th, 2008 | 17:17

    Na da hattet ihr mit der Sneak aber mal wieder mal unverschämtes glück ;)
    Übrigens gefält mir eine Textstelle besonders:

    besten Gymnasiums des Kreises

  2. März 11th, 2008 | 17:20

    Ja, hatten wir – und ja, das ist nichts als die Wahrheit, diese von Dir zitierte Aussage (O-Ton eines Kommillitonen: "Ist das ein Elitegymnasium?"). :wink:

  3. März 11th, 2008 | 17:34

    Schönes Review. Habe zwar das Buch auch nicht gelesen, werd mir den Film aber mal reinziehen. :smile:

  4. März 11th, 2008 | 17:42

    Danke. :smile:

  5. März 11th, 2008 | 19:51

    Im großen Ganzen kann ich mich deiner Kritik anschließen. Einzig, dass die Figur des Lehrers nach meinem Befinden etwas zu kurz kam, da ja auch er von dem Experiment mitgerissen und beeinträchtigt wurde, finde ich schade, die Auswirkungen auf ihn hätte ich gerne etwas deutlicher behandelt gesehen.
    Aber solche lockeren Lehrer gibt es durchaus: unseren Sportlehrer durften wir ebenfalls duzen – allerdings war dieses "Privileg" der Oberstufe vorbehalten.

  6. März 11th, 2008 | 19:56

    Aber solche lockeren Lehrer gibt es durchaus: unseren Sportlehrer durften wir ebenfalls duzen – allerdings war dieses Privileg der Oberstufe vorbehalten.

    Das stimmt, in der Oberstufe lockert das Schüler-Lehrer-Verhältnis etwas auf, man ist ja schließlich auch erwachsen. Finde das aber trotzdem nicht so toll… :wink:

  7. März 11th, 2008 | 20:27

    Entry of the mßwler….naja, wirklich lange nachwirken tut das Ganze nicht, zudem ist gerade das Ende in der Hinsicht bedenklich, dass es verallgemeinert und unnötig den Zeigefinger hebt, dabei den Punkt, welchen die Vorlage erzielen will nicht vollends trifft. Aber einer der erträglichen deutschen Filme, da stimme ich zu. :wink: …the m0wler has left the building

  8. März 11th, 2008 | 20:32

    :mrgreen:

    Klar erhebt er den Zeigefinger, aber das war so klar wie das Amen in der Kirche (und was wäre, würde er das nicht tun?). Das von Dir beschriebene Originalende klingt aber auch nicht schlecht, wenn nicht sogar besser. Und in der Tat, endlich mal wieder ein guter deutscher Film.

  9. März 11th, 2008 | 20:39

    und was wäre, würde er das nicht tun?

    Dann würde er enden wie das echte Experiment und das wäre sehr viel gelungener, betrachtet man den Kontext der Geschichte.

  10. März 11th, 2008 | 20:48

    Naja, aber das meinte ich ja nicht, im Prinzip ist ja der ganze Film ein erhobener Zeigefinger. Selbst das Originalende ist einer, nur eben nicht so Holzhammer-mäßig wie das deutsche Pendant.

  11. März 12th, 2008 | 12:26

    Fuck, jetzt muss ich mir den Film wohl doch im Kino ansehen :mrgreen:

  12. Ribsy (8)
    März 17th, 2008 | 11:50

    Huhu,
    also meine Kritik ist ja wohl viel verständlicher…du musst aber auch immer einen auf Klugscheißer machen :razz:
    Lies lieber meine in der Zeitung :lol:
    Liebes Grüßle

  13. März 17th, 2008 | 16:03

    und die ewige Frage nach dem Warum des aufkommenden Nationalsozialismus kann man besser wohl kaum veranschaulichen.

    Widerspruch regt sich bei Ekkehard Knörer in der taz: link

  14. März 17th, 2008 | 16:12

    Widerspruch regt sich bei Ekkehard Knörer in der taz: link

    Danke, Thomas, werde mal reinlesen.

  15. Juli 24th, 2008 | 23:29

    [...] Equilibrium: 8/10 [...]

  16. November 5th, 2009 | 17:55

    Schönes Review. Habe zwar das Buch auch nicht gelesen, werd mir den Film aber mal reinziehen. :smile:

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