Trendiger Giftzwerg im Walkostüm, 16, sucht…

Juno
(Jason Reitman, USA/Kanada/Ungarn 2007)
Kino

‘Juno’Es ist der amerikanische Traum, wie er im Buche steht: Da beschließt ein gut-bürgerliches Mädchen von zu Hause loszuziehen, um Stripperin zu werden. Nebenher ist sie fleißig am Bloggen, wird dadurch schließlich von Hollywood entdeckt, schreibt ihr erstes Drehbuch und gewinnt dafür gleich den Oscar. Ihr Name: Diablo Cody, ihr Film: Juno, die Prämisse: Eine 16-jährige, Juno (Ellen Page), wird schwanger, was täglich passiert und ohne Probleme zu handeln ist. So weit, so gut. Oder auch nicht. Denn Juno wurde wohl wie kein anderer Independentfilm der letzten Jahre so gelobt, wobei er auch deutliche Schwächen besitzt. Ja, meine Erwartungen waren dann wohl doch etwas zu hoch, aber auch dem Kinopublikum, das asozialer nicht hätte sein können (ab jetzt boykottiere ich dieses Kino wirklich [trotz Studentenrabatts], entweder wird [allein] ins OV-Kino gegangen oder auf die DVD gewartet, so hart es bisweilen auch sein mag) will ich das teilweise Versagen von Juno zu einem gewissen Grad ankreiden.

Ich meine, dass das erste Drehbuch einer unerfahrenen Autorin – die immerhin ein Medien-Diplom hat und der die Materie deshalb nicht völlig fremd ist – nicht gerade perfekt ist, dürfte ebenso klar sein, wie die Tatsache, dass es die Figur der Juno so im wahren Leben nur einmal unter Millionen gibt – wenn überhaupt. Denn genau hier offenbart sich nämlich die größte Schwäche des Drehbuchs, nämlich seine Figuren. So liebenswürdig und von Ellen Page toll gespielt Juno auch sein mag, so ist sie dennoch nichts weiter als eine typisch-fiktive Erfindung des konservativen Hollywoods (das sich ja sonst so liberal gibt). Sie hat Ahnung von Musik, kennt Argentos Filme, und hat immer einen locker-flockigen Spruch auf den Lippen, der sie nahezu unzerstörbar erscheinen lässt. Natürlich schildert Juno auch den Kampf und die Verletzlichkeit dieser kleinen Göre, aber das ist nur oberflächlich und bisweilen verlogen, denn im Kern ist sie der Archetyp des starken Teens, der schon reifer ist als alle andere, bzw. dies gern wäre.

Zum anderen wären da die Eltern, im Prinzip eher konservativ, aber dennoch guten Mutes, denn was soll man denn machen? Da gibt es dann auch keine große Reflexion über die Zukunft oder dergleichen, sondern das wird schon werden – irgendwie. Überhaupt sind hier alle Figuren so schrecklich klischeeisiert – ich sage nur Jenny Garner (so sehr ich sie auch schätze) -, sodass die Geschichte niemals die Leinwand verlässt, sondern stets streng fiktiv bleibt – bei der Thematik dann irgendwie doch erschreckend. Es sind die Frauen, die hier das Sagen haben, da ist für Männer kaum Platz, auch wenn diese durch Jason Batemans Figur deutlich machen, was sie davon halten – die Gender Studies hätten jedenfalls ihre Freude am Film, da bin ich mir sicher. Richtig toll hier aber der buchstäbliche running gag, nämlich die Sportmannschaft Bleekers (gut wie immer: Michael Cera).

Dass das hier alles weniger spektakulär zugeht als in der Realität – allein Junos Freundin ist ja das komplette Gegenteil von ihr selbst -, dürfte also klar sein, zumal ich einen realen Fall kenne, indem die Mutter zwar schon ein paar Jährchen älter war, aber die solche Voraussetzungen nicht hatte (wobei ihre Eltern beide pensioniert sind, was immerhin auch schon ein großer Vorteil ist). Auf diesen Ebenen versagt Juno zu einem großen Teil, da will ich den vielen (deutschen, weil wohl aufgeklärter) Kritikern nicht widersprechen. Was macht Juno dann also doch zu einem buchstäblich netten Erlebnis? Zum einen ist es die Welt Junos, die zwar wie bereits genannt nur zu einem kleinen Bruchteil der Realität entspricht, dafür aber wohl gerade auch so liebenswert ist. Sie diskutiert über die besten Horrorfilme, zeigt ihren Mitschülern wo es langgeht und bleibt dabei doch stets zuckersüß (trotz widerlicher Kleidung uns bisweilen ungehörigem Verhalten). Es ist die Liebe, die im Detail steckt, wie die tolle Musikauswahl oder der noch tollere Vorspann, der wie eine Frischzellenkur wirkt – vom Burgerphone (das Fox in den USA ja auch an einige Kritiker versendet hatte) ganz zu schweigen. Auch wenn ich nie eine Highschool besucht habe (zumindest keine amerikanische) und den Lebensstil Junos auch alles andere als toll finde, so ist es doch diese Popkultur, die sie repräsentiert und in die sie involviert ist – wie wohl auch der Großteil der Rezipienten.

To put it in a nutshell: Reitmans Film gibt sich oberflächlich extrem liberal hipp und modern, ist unter der Lackschicht jedoch zutiefst konservativ, was alles andere als schlecht, aber irgendwie doch heuchlerisch ist. Formal gibt es nahezu nichts auszusetzen, und auch die Darsteller sind toll, so abziehbildhaft sie auch sein mögen. Dass das Drehbuch jedoch deutliche Schwächen aufweist, ist nicht von der Hand zu weisen – aber ein perfektes Drehbuch kann man von einer solch jungen, aber ehrgeizigen Frau auch nicht erwarten. Dennoch bleibt das ganze Phänomen um Juno, ob man ihn nun mag oder nicht, eine interessante, wenn auch überbewertete Angelegenheit. (7/10)


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15 Kommentare zu “Trendiger Giftzwerg im Walkostüm, 16, sucht…”

  1. Me (83)
    März 27th, 2008 | 19:10

    Hm, ich weiß auch nicht wirklich was ich über "Juno" denken soll. Natürlich macht der Film Spaß (obwohl er wie du erwähnt hast nie die Leinwand verlässt), aber ich hab ein Problem damit, dass er viel zu "einfach" ist. Ich war zwar noch nie schwanger und werd es auch nie sein, aber dass das so schön nach dem Flutsch-und-Weg-Prinzip funktioniert glaub ich nicht. Am Ende ist für Juno fast alles so wie vorher. Die ganze Sache hat an ihr keine Spuren hinterlassen(jedensfalls für mich nicht irgendwie ersichtlich). Ich für meinen Teil hatte das Gefühl, dass der Film am Ende nichts aussagt, weil sich nichts verändert. Vielleicht hab ich auch nur was übersehen und versteh den Film falsch :lol:

  2. März 27th, 2008 | 19:15

    Ich für meinen Teil hatte das Gefühl, dass der Film am Ende nichts aussagt, weil sich nichts verändert. Vielleicht hab ich auch nur was übersehen und versteh den Film falsch :lol:

    Nein, das tust Du nicht, denn ich sehe das genau so.

  3. März 27th, 2008 | 19:36

    Also noch einer, der den konservativ und verlogen findet. So richtig bin ich da ja noch nicht hinter gestiegen…

  4. The Critic (5)
    März 27th, 2008 | 21:49

    Der geheimnisvoll-untergründige Konservatismus entspringt vielleicht der gleichen "Logik", die auch jenem Satz innewohnt: "Natürlich schildert Juno auch den Kampf und die Verletzlichkeit dieser kleinen Göre, aber das ist nur oberflächlich und bisweilen verlogen, denn im Kern ist sie der Archetyp des starken Teens, der schon reifer ist als alle andere, bzw. dies gern wäre."

  5. März 27th, 2008 | 23:00

    Nun ja, zum Glück bin ich da ja nicht der einzige, der diesen im Film wittert… :fall: Aber schön, dass Du hier mal vorbeischaust, Critic.

  6. The Critic (5)
    März 27th, 2008 | 23:51

    Ach so, wenn das Deine Glücksvorstellung ist – nicht der Einzige mit einer Meinung zu sein. Dann will ich Dir nicht im Weg stehen.
    Mir persönlich ist ja eine Überlegung lieber, die zuvorderst in sich stimmig ist oder besser noch mit der Realität im Einklang steht. Der für den Blogeintrag exemplarisch zitierte Satz erfüllt nicht mal den ersten Teil.

  7. März 27th, 2008 | 23:57

    Hmm, blöd. Und was machen wir jetzt? Was ist denn an meiner Rezeption so falsch (oder ist es einfach nur unglücklich formuliert)?

  8. The Critic (5)
    März 28th, 2008 | 0:16

    Wir?

    Ich weiß ja nicht mal, was Du sagen willst.
    Gesagt hast Du:
    a) der Film schildert den Kampf und die Verletzlichkeit von Juno
    b) diese Schilderung ist oberflächlich und verlogen, weil Juno im Kern einen konservativen Archetypus verkörpern soll, der reifer als altersentsprechend ist
    c) was sie aber nicht ist

    Ganz schön verlogenes Biest resp. ganz schön abgefeimtes Drehbuchkonstrukt von Frau Cody, wenn sich in Junos Innerem das wiederfindet, was man an der Oberfläche sieht. Und ein trefflicher Beweis für den inhärenten Konservatismus.

    Habe den Satz auch nur deshalb zitiert, weil er, wie gesagt, die gedankliche Divergenz innerhalb des gesamten Beitrages schön zusammenfaßt. Das setzt sich sogar bis in die als Zeugen herangezogenen Beiträge von The Corey und Mr. Vincent Vega fort, von denen der eine Deiner These zustimmt, der andere aber nicht.

  9. Me (83)
    März 28th, 2008 | 6:44

    Bei Wörtern wie "Divergenz" steig ich schon mal aus :mrgreen:

  10. März 28th, 2008 | 11:27

    @Critic

    Hmm… Also war mein rezeptiontechnischer Gedankengang Deiner Meinung nach 'falsch'?

  11. The Critic (5)
    März 28th, 2008 | 11:45

    Welcher Gedankengang? Du behauptest A und Nicht-A innerhalb eines Textes, eines Satzes. George Orwell hätte an Deinem Doppeldenk seine helle Freude.

    @Me: Ich steige Kottbusser Tor aus. So unterschiedlich sind Menschenschicksale.

  12. März 28th, 2008 | 11:53

    Welcher Gedankengang? Du behauptest A und Nicht-A innerhalb eines Textes, eines Satzes. George Orwell hätte an Deinem Doppeldenk seine helle Freude.

    Ah, ok, dann habe ich wohl (im doppelten Sinne) etwas missverstanden.

    @Me: Ich steige Kottbusser Tor aus. So unterschiedlich sind Menschenschicksale.

    :mrgreen:

  13. Me (83)
    März 28th, 2008 | 14:17

    @ The Critic du bist mir unsympatisch :???:

  14. The Critic (5)
    März 28th, 2008 | 17:23

    Me: Mit dieser Tatsache werden wir jetzt wohl weiterleben müssen. Aber ich bin ganz optimistisch, daß wir das beide packen.

  15. März 28th, 2008 | 19:31

    Ich steige Kottbusser Tor aus. So unterschiedlich sind Menschenschicksale.

    Ach, du bist Berliner? Lass' doch mal treffen und Anfassen spielen.

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