Fantasy Filmfest Nights: »Goetz!«

Frontière(s)
(Xavier Gens, Frankreich/Schweiz 2007)
Kino

Eli Roths Hostel startete das neue Subgenre des Horrorfilms (oder brachte zumindest den Stein ins Rollen), den so genannten torture porn. Seit seinem Film sind schon wieder ein paar Jahre vergangen und somit wurden auch zahlreiche dieser 'Folterpornos' an Land gespült. Vielen missfällt diese Art von Film, was angesichts der nur allzu grafischen Gewaltdarstellungen aber nicht weiter wundert. Ja, man hat vieles gesehen seitdem, aber – und an dieser Stelle benutze ich diesen Superlativ wirklich nicht als hohle Phrase – bei weitem nicht so etwas grafisch und vor allem 'krankes' wie Xavier Gens' Frontière(s). Dass der gute ein Freund der Gewalt ist, hat er mit Hitman ja schon bewiesen, was er aber hier in die Tat umsetzt ist wirklich jenseits von Gut und Böse (ja, liebe gorehounds, Ihr werdet Eure helle Freude an diesem Vehikel haben!). Und das sogar gleich in zweierlei Hinsicht. Zum einen wäre da der Plot, der nur allzu deutlich an den Klassiker des Horrorfilms, The Texas Chain Saw Massacre, erinnert. Eine Gruppe von Jugendlichen gerät an eine Inzestfamilie, die sich schon bald als white trash herausstellt. Waren es in Tobe Hoopers Film hinterwäldlerische Rednecks, sind es bei Gens ein Haufen Nazis, die ihrem 'Führer', dem Vater – ein offensichtlicher Kriegsveteran, der mit der Niederlage der Nazis nie zu Recht kam und deshalb in seinem eigenen Dritten Reich lebt – auf (Stech)Schritt und Tritt folgen. Die Familie ist also das französische bzw. europäische Pendant zu den amerikanischen Rednecks.

Doch damit sind die Fronten noch nicht ganz geklärt. Französisches Hinterwäldlerpack, das es auf unschuldige Jugendliche abgesehen hat? Nicht ganz. Genau hier scheint der Film sich nämlich kurzerhand von den Genrekonventionen zu verabschieden – es sind nämlich keine Unschuldslämmer, mit denen der Zuschauer sich hier identifizieren soll (oder eben auch nicht), sondern Jugendliche aus den Banlieus, den Pariser Vorstädten, die Autos in Flammen setzen, Polizisten niederschlagen und Banken überfallen. Im Prinzip ist das also nicht Gut gegen Böse, sondern Pack schlägt sich mit Pack herum – zudem erhält die Politik somit auch Einzug in den Film, der einem Genre angehört, das schon seit Beginn politisch ist. Dennoch ist die (politische) Aussage des Filmes nie einfach zu formulieren, denn auch wenn am Ende die 'Unschuld' siegreich von dannen zieht, so weiß Gens wohl selbst nicht ganz, was er mit seinem Film auf dieser politischen Ebene bezwecken wollte. Soll uns der Film zeigen, dass es in Frankreich größere Probleme gibt als die Aufstände der Migrantenminderheit in den Vorstädten oder ist Frontière(s) eine Parabel auf das Leben, speziell das entstehende Leben. Schließlich ist die Protagonistin (toll, trägt sie doch fast den ganzen Film: Karina Testa) ja schwanger. Oder ist er ganz einfach nur ein Appell gegendie Rechte (im Film wurde gerade ein extrem rechter Präsident gewählt)?

Die zweite Ebene, auf der Xavier Gens' Film ziemlich radikal und roh daherkommt ist natürlich die der Gewalt. Da werden Köpfe zerschossen, Leute verdampft, Achillesversen durchtrennt und sogar vor der Kreissäge wird kein Halt gemacht. Höher, schneller, weiter, das trifft wohl am ehesten auf Frontière(s) zu, denn auch wenn die Gewalt in die Story manchmal nicht so recht passen will, besonders am Ende, so ist sie doch stets das primäre Anliegen, auf dem auch der Fokus des Filmes liegt, ganz klar. Der Plot von Gens' Film ist in erster Linie nichts weiter als eine riesige Plattform – fast zwei Stunden wird gefoltert und gemeuchelt -, um die genannten Szenarios abzuspulen, stets mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass der Zuschauer damit sicher nicht gerechnet hat. Und es geht bisweilen sogar auf, denn ich hatte davor weder etwas zum Film gelesen, noch den Trailer gesehen. Dementsprechend überrascht war ich dann auch, welche Richtung der Film nach seinen ersten 15 Minuten einschlägt, die mehr wie einen Thriller denn ein Horrorfilm daherkommt. Natürlich macht Frontière(s) vieles falsch, besitzt weder Sinn, noch Verstand (beispielsweise reiht sich eine Endszene an die andere). Nur ist er in seinem eigentlichen Anliegen äußerst konsequent, und es so unangebracht das jetzt auch klingen mag, aber es ist schön, dass sogar der deutsche Zuschauer bei all den hohle Phrasen, die der Nazivater so von sich gibt, lachen kann, das hat das Stuttgarter Publikum eindrucksvoll gezeigt.

Letzten Endes ist Frontière(s) also viel weniger schlimm, als es den Anschein hat. Fast in allen Belangen wird der Bogen so weit überspannt, dass es nicht gefährlich, sondern schlichtweg unterhaltsam ist, so unangenehm und schwer es einem bisweilen auch fällt, das Geschehen auf der Leinwand zu verfolgen. Dass er dennoch kein neuer Haute tension ist, das zeigt allein schon der Konkurrent À l'intérieur, der ja viel stärker als Gens' Film gehypt wird und in der Tat auch besser ist. Man mag Frontière(s) vieles vorwerfen, aber er gehört sicherlich zu den konsequentesten und ehrlichsten torture porns der letzten Jahre. Ein Film, der buchstäbliche Grenzen auslotet. (5.5/10)


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5 Kommentare zu “Fantasy Filmfest Nights: »Goetz!«”

  1. April 16th, 2008 | 0:12

    Wundert mich nicht, dass der Kleriker INSIDE gut fand :fall:

  2. axi (73)
    April 16th, 2008 | 11:23

    Wenn "Doomsday" 3 Punkte wert sein soll, dann seh ich den hier bei mind. 7 points. Aber ansonsten kann ich dir größtenteils zustimmen.

  3. April 16th, 2008 | 13:10

    Wundert mich nicht, dass der Kleriker INSIDE gut fand :fall:

    Naja, richtig gut ist er nicht, aber ordentlich. :fall:

    @axi

    Das hatten wir doch schon auf dem Rückweg… :wink:

  4. April 20th, 2008 | 13:15

    Also ich war ziemlich abgenervt. Der Film lief gestern als letzter (Berlin) und ich hätte nach Romero und Marshall gerne noch was aufbauendes gesehen :honk:
    Und wo soll 2008 bitte ein so ein rüstiger Altnazi herkommen ? Der müsste ja bereits 90 Jahre alt gewesen sein :shock: Ein "Deutscher", der kein "H" sprechen kann :lol:
    Im Großen und Ganzen eine lächerliche Vorstellung, die voller logischer Fehler war.

  5. April 20th, 2008 | 13:24

    Naja, wann waren die Aufstände? Vor 3 Jahren? Das würde ihn dann 'nur' noch 87 machen… :fall: :wink:

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