Fantasy Filmfest Nights: Embedded Journalism

[Rec]
(Jaume Balagueró, Paco Plaza, Spanien 2007)
Kino

Dass der Einsatz einer Handkamera und der Nicht-Einsatz von Farbfiltern Realismus im Film schafft, hat spätestens Cloverfield eindrucksvoll gezeigt. Natürlich ist auch dieser alles andere als realitätsnah, aber lässt man die Story um das Monster, das Manhattan invasiert, einmal weg, dann ist das Geschehen, dem man folgt zumindest formal um einiges realer als ein Film aus der Feder Michael Bays oder Tony Scotts, die mit Farbfiltern und Konsorten ja nur so um sich schmeißen. George A. Romero zeigte es mit Diary of the Dead ebenfalls, was man mit einer 'Wackelkamera', einer (nahezu) ungefilterten Optik und Toneffekten alles erreichen kann – doch auch hier sei die Qualität des Filmes im Gesamten mal außen vorgelassen. Nun steht mit dem spanischen Horror [Rec] der nächste Film der 'YouTube-Generation' auf dem Plan, die immer und überall draufhält, egal was für ein Nonsens letztendlich dabei herauskommt. Doch was bei [Rec] herauskommt ist glücklicherweise alles andere als Nonsens, auch wenn der Plot, der mit einer Zombieseuche versehen ist, den Realitätsrahmen einmal mehr sprengt.

Alles beginnt harmlos. Der Film eröffnet als Reportage, wie man sie heute ja regelmäßig im Fernsehen zu sehen bekommt. Die Sendung, deren charmante Moderatorin Ángela (Manuela Velasco) stets alles im Griff zu haben scheint, scheint die üblichen Klischees zu bedienen, vordergründig auf investigativen Journalismus machend, aber hintenrum nur die Quoten im Kopf. Schnell scheint man vom Geschehen angewidert, denn wen interessiert denn bitteschön ein Feuerweheinsatz, der zur Aufgabe hat, ein Kätzchen vom Baum zu retten? Doch es kommt anders, Ángela wünscht es sich eigentlich nicht (oder eben doch), aber die Truppe wird zu einem Wohnblock gerufen, indem sich eine Frau verschanzt haben soll, die zudem noch geistig verwirrt zu sein scheint. Man muss kein Genrekenner sein, um zu ahnen, was es mit dieser Frau auf sich hat. Keine 15 Minuten vergehen, da kommt er auch schon, der erste große Schock. Während die Kamera Ángelas draufhält und wird mittendrin statt nur dabei sind, greift die zum Zombie mutierte Frau einen Polizisten an – was gewöhnlich klingt wird durch die aggressive Musik und die nicht weniger aggressive Kamera zur Zerreißprobe. Danach bekommt der Zuschauer erst einmal eine Verschnaufpause, die er auch bitter nötig hat.

Man will es nicht glauben, was man da gerade gesehen hat. Längst sieht man nicht mehr nur einen Film, sondern 'reale' Aufnahmen, die quasi live übertragen werden – die Quoten werden ja schließlich in die Höhe schlagen. Langsam aber sicher macht sich Unmut bei den Bewohnern breit, was geht da vor sich, warum stehen sie unter Quarantäne? Auch dem Kinozuschauer wird kein Blick nach draußen gewährt, er ist eingeschlossen, zusammen mit den Hausbewohnern, Ángela und ihrem Kameramann. Auch für mich als Zuschauer gibt es somit keine Fluchtmöglichkeit, auch welche Ursache respektive welchen Ursprung dieses vermeintliche Virus hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bleibe stets auf dem gleichen Informationsstand wie die Protagonistin. Ebendiese Situation ist es, die der Atmosphäre und Spannung des Filmes so zuträglich ist, die sie bisweilen ins unermessliche ansteigen lässt. [Rec] weiß genau, was er tun muss, um uns in den Sessel zu drücken und die Nägel kauen zu lassen. Ist die erste 'Angriffswelle' erst einmal vorbei, dauert es nicht lange, bis erneut das Adrenalin ausgestoßen wird. Ángela wird von der Boulevardjournalistin kurzerhand zur Kriegsreporterin, die an vorderster Front berichtet, stets dem Kreuzfeuer ausgesetzt ist und dennoch stets den Drang verspürt, vom Krieg berichten zu müssen.

Mit [Rec] fanden die diesjährigen Fantasy Filmfest Nights definitiv ihren Höhepunkt. Wäre Cloverfield nicht gewesen, [Rec] hätte noch ein Stück weit intensiver gewirkt. Selten war es einem Film so zuträglich, wenn man außer dem Teaser Trailer nichts vom Film wusste, selten war man dem Geschehen näher. Setzen die meisten Filme des Horrorgenres auf harte Klänge während den 'Actionszenen', so setzt [Rec] zwar ebenfalls auf diese, aber in einer Form, die schmerzlicher und gleichzeitig aber auch zuträglicher nicht sein könnte. Natürlich hat Balagueró und Plazas Film auch Schwachstellen, allen voran die Moral, die dem Zuschauer nicht oft genug vor die Nase gehalten werden kann. Aber selbst solch ein 'Plottwist' wie jener am Schluss des Filmes – so weit hergeholt oder dumm er auch sein mag -, kann da die Nerven noch weiter spannen. Man ist nach den 85 Minuten, die der Film geht, wirklich fertig mit der Welt. Das Genre muss aufpassen, dass es diesen Stil, der noch ganz jung zu sein scheint, nicht überkonsumiert, denn das wäre der größte Fehler. [Rec] ist eine kleine Horrorperle, die man noch lange zu schätzen weiß und die noch lange nachwirkt. Da schmerzt er richtig zu hören, dass das amerikanische Remake bereits in den Startlöchern steckt.

Ferner ist er ein Musterbeispiel dafür, wie man den Zuschauer dramaturgisch in einen Film einbindet, Spannung aufbaut und dann die Katharsis folgen lässt. Schön, dass es für so etwas keines Millionenbudgets bedarf, das auf Effekthascherei statt auf ausgewogenen und gut getimten Horror setzt. Hier kann sich nicht nur Romeros Diary of the Dead eine Scheibe abschneiden. (8.5/10)


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10 Kommentare zu “Fantasy Filmfest Nights: Embedded Journalism”

  1. April 20th, 2008 | 15:21

    Nein.

  2. April 20th, 2008 | 15:24

    Nein.

    LOL.

  3. April 20th, 2008 | 15:24

    Doch.

  4. hurz (5)
    April 20th, 2008 | 15:57

    Allerdings.

    Wieder einmal zeigt ein spanischer Regisseur wie ein moderner guter Horrorfilm auszusehen hat.

  5. April 20th, 2008 | 17:13

    [...] Grammaton Cleric hat ein wieder einmal gutes Review auf seinem Blog geschrieben, diesmal zum neuen spanischen [...]

  6. April 20th, 2008 | 17:39

    Ja watt denn nu? :mrgreen:

  7. mr.vengeance (6)
    April 20th, 2008 | 18:22

    doch hoch 2.

  8. April 24th, 2008 | 22:53

    kann ich voll und ganz unterschreiben. was für ein kleiner aber effektiver scheiß ;)

  9. Mai 10th, 2008 | 10:27

    Nein.

    Nach gestriger Sichtung kann ich nur schreiben. Doch! :mrgreen:

  10. September 9th, 2008 | 13:52

    [...] Equilibrium: 8,5/10 [...]

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