Fantasy Filmfest Nights: Die metallische Penetration des Fleisches

À l’intérieur
(Alexandre Bustillo, Julien Maury, Frankreich 2007)
Kino

Alexandre Ajas Haute tension hat anno 2003 die Messlatte nicht nur für den französischen Horrorfilm ziemlich hochgelegt. Ganze vier Jahre später scheint endlich ein würdiger 'Nachfolger' am Horrorhorizont angekommen zu sein, der im Vorfeld unzählige Lorbeeren sammelte. So sehen es zumindest die Fans, denn rein plotteschnisch haben die beiden Filme nahezu nichts gemeinsam. Woher kommt dieser Vergleich mit Ajas Film dann? Parallelen finden sich ganz einfach, allen voran die Gewaltausbrüche, die in Inside, so der internationale Titel, nicht weniger grafisch sind als in Haute tension. Zum anderen ist es das Sounddesign beziehungsweise der Soundtrack, der in gewisser Hinsicht ebenfalls recht explizit ist. Es ist kein gewöhnlicher Soundtrack, der Inside auszeichnet und atmosphärisch ungemein bereichert, es ist vielmehr eine Geräuschkulisse, die wie ein stumpfes Stück Kreide direkt an den Nerven des Zuschauers zerrt. Inside begeistert deshalb auch nicht etwa wegen seines ausgefeilten Plots, nein, ganz bestimmt nicht, seinen Fokus legt der Film nämlich ganz klar auf das Audiovisuelle, das sämtliche Schwächen nahezu völlig ausmerzt.

Eine schwangere Frau (Alysson Paradis) verliert bei einem Unfall ihren Ehemann, lebt fortan allein im riesigen Haus und bekommt eines Nachts unheimlichen Besuch von einer fremden Frau. Was die gute im Schilde führt, ist bereits ab dem Zeitpunkt offensichtlich, als man erfährt, dass es sich um einen weiblichen Killer handelt. Die Vorhersehbarkeit schadet dem Film aber auch nicht weiter, im Gegenteil. Die Fronten sind geklärt, auf etwaige Plottwists oder sonstige Nebenschauplätze muss man sich nicht einstellen. Hier ist Inside zutiefst ehrlich, gaukelt er dem Zuschauer doch überhaupt nichts vor, sondern macht schnell klar, was er eigentlich will. Das hier ist nämlich keinesfalls subtiler Horror, wie man ihn bisweilen noch in Haute tension geboten bekam, sondern eine Plattform, innocent bystanders in der explizitesten Form, die möglich ist, zu meucheln. Da werden dann auch Scheren in Hände gestochen, Schädel halb weggeschossen, Kehlen aufgeschlitzt und sonstige Massaker angezettelt, die den roten Lebenssaft so richtig schön zur Geltung kommen lassen. Wenn die Story schon nicht stimmt und man nicht mitdenken muss, will man wenigstens unterhalten werden.

So wundert es auch nicht, dass der ganze Spaß keine vollen 80 Minuten dauert, denn was hätte noch groß passieren sollen? Die Handlungen der Protagonisten sind sowieso alles andere als rational – besonders jene der Polizisten -, wie soll man da bitteschön noch mehr Figuren einfügen? Und sind wir mal ehrlich, ein halbes Dutzend Polizisten, Verleger und Mütter, die der schwarzen Witwe (Béatrice Dalle) zum Opfer fallen, genügen dann ja auch, oder? Nach 80 Minuten Gemetzel deluxe und einem final kill, der keinerlei Wünsche offen lassen dürfte, ist dann nämlich auch der letzte gorehound mit einem breiten Grinsen im Gesicht im Sessel vorzufinden – und genau das ist auch das Ziel eines Inside, keine Frage. Zu keiner Sekunde scheint er sich ernst zu nehmen, auch wenn so etwas wie der Sidekick oder ein comic relief fehlt. Und dennoch ist Inside kein reines Spaßvehikel. Der Film ist von einer dunklen Grundstimmung geprägt, weshalb auch die tristen Farben der Nacht dominieren. Sarah ist schwanger – so arrogant (reich) und recht gleichgültig ihre Figur deshalb auch sein mag -, hat viel zu verarbeiten, und bereits Frontière(s) hat das Motiv der Schwangeren aufgegriffen, um daraus eine politische Botschaft zu machen. So unterhaltsam das Ganze auch sein mag, manchmal fällt es dann doch schwer, hinzusehen. (7/10)

Erscheint bei X-RATED


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11 Kommentare zu “Fantasy Filmfest Nights: Die metallische Penetration des Fleisches”

  1. April 22nd, 2008 | 18:52

    Alexandre Ajas Haute tension hat anno 2003 die Messlatte nicht nur für den französischen Horrorfilm ziemlich hochgelegt. Ganze vier Jahre später scheint endlich ein würdiger 'Nachfolger' am Horrorhorizont angekommen zu sein

    Ich halte nicht nur INSIDE für den größten Dreck, der dieses Jahr die Leinwand erklommen hat, sondern fand auch HIGH TENSION unwahrscheinlich langweilig, ebenso wie DESCENT. Allgemein ist das Horror-Genre doch gänzlich ausgelutscht, was auch der Grund sein wird, weshalb es heutzutage nur noch darauf ankommt, wer mehr Gewalt in seine Filme streut. Und da man hier wahrhaftig fast alles sehen durfte, erklärt sich im Endeffekt auch, weshalb dir der Film so gefiel. Wie privat schonmal angesprochen, glaube der ultimative Kick dürfte für dich nur noch ein Snuff-Film sein :wink:

    BTW, das französische Kino ist das beste in Europa – und das ganz ohne diesen ganzen Gewaltmurks :fall:

  2. April 22nd, 2008 | 19:18

    Zu Deinem ersten Absatz gebe ich Dir Recht, das Horrorgenre ist langsam wirklich ausgelutscht, weshalb auch nur noch Splatter und 'Wackelkamera'-Filme à la DIARY 'schocken'. Zum zweiten Absatz: Wie wir schon privat geredet haben – NO U! :razz:

  3. April 22nd, 2008 | 21:49

    Rudi, du klingst ganz schön alt und verbittert, vor allem dieses Argument, heutige Filme würden immer mehr Gewalt zeigen, ist schon sehr ARD-Monitor-like. :wink: Zwar hast du nicht Unrecht, aber schon dein fehlendes Interesse fürs Genre verblendet dir da ja völlig die Sicht.

    Ansonsten, Cleric: Nein.

    :mrgreen:

  4. April 22nd, 2008 | 22:01

    Zum Rudi-Absatz: Ja.

    Ansonsten, Vega: Doch.

    :mrgreen:

  5. April 22nd, 2008 | 23:01

    Rudi, du klingst ganz schön alt und verbittert

    Bin ich aber gar nicht, auch wenn ich älter als ihr beide seid :sad:

  6. April 23rd, 2008 | 0:45

    Bin ich aber gar nicht, auch wenn ich älter als ihr beide seid

    Wollte sagen: bin ich aber gar nicht, auch wenn ich älter als ihr beide bin. Obschon es blöd ist einen Satz mit demselben Verb zu beginnen wie zu beenden. :???:

  7. Jochen (50)
    April 23rd, 2008 | 9:40

    Kein comic relief? Was ist denn mit dem Gefangenen und den Polizisten? Das war ein so eindeutiger comic relief, wie er nicht eindeutiger geht.

    Und das große Lob des Sounddesigns kann ich leider auch nicht teilen – für mich hat sich die Tonspur so etwas von selbstverliebt in den Vordergrund gespielt – das war bei HT um einiges subtiler. Ohnehin ist Inside ein völlig grobschlächtiger Film – wären die Regisseure ehrlich gewesen, hätten sie einfach nur die nächste OP im Krankenhaus aufsuchen sollen, um ordentlich mit der Kamera draufzuhalten. Das wäre mindestens genauso spannend gewesen wie diesen hölzernen Figuren beim splatterigen Rumkasperln zusehen zu müssen. :mrgreen:

  8. April 23rd, 2008 | 11:57

    Naja, wäre streng genommen ja der ganze Film ein comic relief. Ich meine, das Ganze ist ja mehr surreal als real, insofern müsste man ja die ganze Zeit lachen, wenn man sich darauf nicht einlässt. Aber ja, am ehesten noch der Migrant, der gefangen genommen wurde, ansonsten kann ich bei den Polizisten außer ihrer 'Handlungen' keinen Humor finden.

    Und das Sounddesign war klasse und absolut passend. :wink:

  9. April 24th, 2008 | 11:39

    Ich halte nicht nur INSIDE für den größten Dreck, der dieses Jahr die Leinwand erklommen hat, sondern fand auch HIGH TENSION unwahrscheinlich langweilig, ebenso wie DESCENT.

    Gerade DESCENT hat doch in der ersten Hälfte fast nur auf psychologischen Horror (Klaustrophobie) gesetzt. Und auch wenn es dann arg blutig wird, so muss man doch sagen das hier die Spannung deutlich überwiegt und eben gerade deshalb doch eher nicht mit dem üblichen Teenie-Slasher-Horror verglichen werden kann.

  10. August 5th, 2008 | 12:39

    [...] Equilibrium: 7/10 [...]

  11. November 5th, 2009 | 17:57

    Naja, wäre streng genommen ja der ganze Film ein comic relief. Ich meine, das Ganze ist ja mehr surreal als real, insofern müsste man ja die ganze Zeit lachen, wenn man sich darauf nicht einlässt. Aber ja, am ehesten noch der Migrant, der gefangen genommen wurde, ansonsten kann ich bei den Polizisten außer ihrer 'Handlungen' keinen Humor finden.

    Und das Sounddesign war klasse und absolut passend. :wink:

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