Tausend Worte sagen mehr als ein Bild

Standard Operating Procedure
(Errol Morris, USA 2008)
Kino

Keine Frage, die militärische Intervention der Koalitionstruppen, die 2003 im Irak begann, war nie sonderlich populär. Doch welcher Krieg ist schon populär? Noch schwerer kann man es sich eigentlich kaum machen, allen voran, wenn man USA heißt und einen Präsidenten wie Bush Jr. im Oval Office sitzen hat. Kann man? Ja, man kann, wie die Bilder aus Abu Ghraib, dem wohl bestbekannten irakischen Gefängnis zeigten. Genau jene Fotos, die uns wohl für immer im Gedächtnis bleiben werden, machte sich Dokulegende Errol Morris zum Sujet und folgte ihnen von ihrer Entstehung, über ihre Manipulation, bis hin zu ihrer Veröffentlichung in den Medien – und beweist damit, dass 1000 Worte manchmal doch viel mehr sagen als ein Bild. Er geht nämlich viel tiefer, schaut hinter die Bilder, die die Medien so reißerisch auseinander nahmen und zeigt die wahren Täter – und Opfer. Ja, es gab hier Opfer, und sie waren nicht nur irakischer, sondern auch amerikanischer Nationalität. Im Schach nennt man diese Bauernopfer.

Völlig frei von Exploitation kommt Morris' Film natürlich nicht aus, das war bereits im Trailer ersichtlich; man denke nur an den in Zeitlupe abgelichteten, zähnefletschenden Wachhund, unterlegt mit Danny Elfmans elegischer musikalischer Untermalung. Doch solch eine Thematik völlig ohne Wertung angehen, ist so etwas überhaupt möglich. Das gelang nicht einmal Zoo, der zwar ziemlich nah dran war, sich von der einen oder anderen bisweilen reißerischen Szene aber ebenfalls nicht völlig lossagen konnte. Morris versucht dennoch sein Bestes, das sieht man Standard Operating Procedure an. Auf den ersten Blick scheint das alles eine deutliche Sprache zu sprechen. Was man in den Medien gesehen hat, war schlicht und ergreifend unmenschlich, gegen jede Regel des Krieges verstoßend und absolut inakzeptable. Doch was ist die Geschichte, die hinter den Fotos steckt? Ist wirklich alles so geschehen, wie auf den Bildern zu sehen? Morris liefert hier eine Antwort, die deutlicher nicht sein könnte, und sie lautet nein, es ist nicht alles so passiert, wie auf den Bildern zu sehen.

Sie waren jung, gerade einmal 19 oder 20 Jahre alt, keine Offiziere, sondern enlisted, also von Mannschaftsdienstgraden. Morris ruft uns ins Gedächtnis, dass man in diesem Alter bei weitem noch nicht Herr der Dinge ist, zumal die jungen Soldaten und Soldatinnen im Schnellkurs in Sachen Abu Ghraib instruiert wurden. Hinzu kommt die Liebe der zwei Soldatinnen zu ihren Vorgesetzten, die wiederum in die Pläne – zumindest tiefer gehend – eingeweiht waren als ihr weibliches, deutlich jüngeres love interest. Morris lässt ebendiese Personen fast zwei Stunden zu Wort kommen, und selbst diese zwei Stunden scheinen bei Weitem nicht für all die Komplexität dieses (Vor)Falles zu reichen, um ihn wirklich zu analysieren. Lynndie England und ihre Kameraden wollten immer wieder in Erfahrung bringen, was hier überhaupt vor sich geht, doch keiner der Militärgeheimdienstler klärte sie hinreichend auf. Vielmehr wurde das militärische Autoritätensystem ausgenutzt um die jungen Soldaten das zu machen, was sie heute bisweilen bereuen.

Eine der Soldatinnen echauffiert sich, dass es doch nur Bilder seien, ohne jedoch die Konsequenzen eines einzigen Schnappschusses im Kopf zu behalten. Doch warum überhaupt Bilder, warum dachte niemand an eventuelle Folgen? Diese Frage vermag auch SOP leider nicht hinreichend zu beantworten, denn diese Frage scheint mindestens so geheimnisvoll umhüllt zu sein wie der Militärgeheimdienst, der alles anordnete. Genau hier kommen auch Morris' Reenactments ins Spiel. Es sind intensive Szenen, bisweilen pathetisch, doch vermitteln sie einen Eindruck davon, was im Irak anno 2004 unglaubliches vor sich ging. Dabei steht jedoch nie das Gesicht der Iraker im Fokus, vielmehr das verletzliche Fleisch. Genau mit diesem spielte man auch Spiele, die zum Teil jedoch – das stellt Morris recht früh und nüchtern da – nichts anderes als eben Standardprozedur waren (beispielsweise wurde der Iraker, der an einen Stormkreis angeschlossen zu sehen ist, nicht gefoltert, da der Stromkreis nie ein solcher war, sondern vielmehr eine Attrappe). Eine Standardprozedur, die von ganz oben festgeschrieben und befohlen wurde. Da kann auch der weibliche Ein-Stern-General nur mit den Ohren flackern, denn auch sie erfuhr nur durch ein Memo, dass sie all ihrer Pflichten enthoben sei.

Morris sucht keinesfalls nach Absolution für die Täter, vielmehr bringt er Licht ins Dunkel. Licht, ins Dunkel der Fronten, die klar verteilt waren, Sieger und Verlierer von Vornherein festlegten. Richtig interessant wird dieser Aspekt, begibt sich Morris einmal auf die technische Schiene und erläutert, wie stark die Bilder bisweilen beschnitten wurden, um die Opfer-Täter-Rollen klarer zu definieren – und die schlampige Arbeit der Medien vorzuführen, für die das Ganze natürlich ein gefundenes Fressen in einem ohnehin alles andere als prestigeträchtigen Krieg war. Morris blendet Typenbezeichnung der verwendeten Kameras ein, zeigt technisch haargenau auf, wie es zur Veränderung der Fotos kam und wie sich die Bilder das ein oder andere Mal sogar überschnitten. Wenn ein Regisseur das alles wieder rekonstruieren kann, warum können es die großen Nachrichtenagenturen dann nicht? Oder wollen sie ganz einfach nicht?

Am Ende bereuen dann nicht alle ihre Taten, vielmehr berufen sie sich auf ihre Naivität und die Umstände. Doch die einzigen Fragen, auf die Morris' Film eine Antwort findet, sind gerade einmal zwei Stück: Was war SOP, was war außerordentlich? Die deutlichste Antwort ist dem Zuschauer zwar schon lange klar, wird von Morris aber noch einmal verstärkt, denn man kann es nicht oft genug aufzeigen: Die wahren Täter sitzen nicht im Irak, sie sitzen hinter ihren großen Schreibtischen, geben Befehle und lassen andere die Schmutzwäsche waschen (so gab es beispielsweise genügend Iraker in Abu Ghraib, die zurecht saßen, sei es wegen Mord oder Vergewaltigung). Die finale Texttafel macht es dann endgültig: No one above the rank of staff sergeant was being held responsible for the events. Da scheint man den tatsächlichen Ausführen fast schon zu verzeihen (was aber genau das Gegenteil dessen wäre, was der Film will) und erkennt, dass Bays Philosophie dann doch nicht allzu weit von der Realität entfernt zu sein schein. (8.5/10)


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19 Kommentare zu “Tausend Worte sagen mehr als ein Bild”

  1. Juli 13th, 2008 | 18:51

    Lynndie England und ihre Kameraden wollten immer wieder in Erfahrung bringen, was hier überhaupt vor sich geht, doch keiner der Militärgeheimdienstler klärte sie hinreichend auf.

    Ich hab mal ein Interview mit der guten Frau gelesen, wie die sich versucht hat rauszureden war nicht mehr feierlich.

    Die wahren Täter sitzen nicht im Irak, sie sitzen hinter ihren großen Schreibtischen, geben Befehle und lassen andere die Schmutzwäsche waschen

    Befehlsverweigerung gibt's auch noch. :love:

  2. Juli 13th, 2008 | 18:58

    P.S.: Es sind nur 965 Worte :nocomment: :mrgreen:

  3. Juli 13th, 2008 | 18:59

    Ich hab mal ein Interview mit der guten Frau gelesen, wie die sich versucht hat rauszureden war nicht mehr feierlich.

    Ja, das muss man schon sagen, bei ihr war es wirklich am stärksten.

    Befehlsverweigerung gibt's auch noch. :love:

    Da müsste man aber mal nachschauen, was der UCMJ härter ahndet … (und ich bin jetzt zu faul zum nachschauen) Zudem: Die waren so jung und 'frisch', da kommt so was wohl nicht in Frage.

  4. Juli 13th, 2008 | 19:00

    P.S.: Es sind nur 965 Worte :nocomment: :mrgreen:

    Mist! :fall:

  5. Juli 13th, 2008 | 19:02

    Zudem: Die waren so jung und 'frisch', da kommt so was wohl nicht in Frage.

    What would Jesus do? :fall:

  6. Juli 13th, 2008 | 19:05

    Touch!

  7. Juli 14th, 2008 | 12:56

    Die wahren Täter sitzen nicht im Irak, sie sitzen…

    … im Weißen Haus.

  8. Juli 14th, 2008 | 13:26

    Befehlsverweigerung gibt's auch noch. :love:

    Selbst wenn der Befehl illegal war landest du erstmal im Gefängnis und du musst dann hinterher beweisen, das dem auch so war. Dieses "dann muss der Soldat den Befehl verweigern" Gelaber hört man oft genug, wenn man dann aber ist der Situation selbst ist, und man genau die Konsequenzen vor Augen hat, dann gebietet einem schon der Selbstschutz die Klappe zu halten und einen anderen Weg zu suchen.

  9. Juli 14th, 2008 | 16:11

    dann gebietet einem schon der Selbstschutz die Klappe zu halten und einen anderen Weg zu suchen.

    Genau diese Einstellung unterscheidet Menschen ohne Rückgrat von denen mit Rückgrat.

  10. Juli 14th, 2008 | 22:08

    Genau diese Einstellung unterscheidet Menschen ohne Rückgrat von denen mit Rückgrat.

    Jo. Will dich mal sehen wenn du das machst. Natürlich nicht während der Grundausbildung beim Bund sondern im Kriegsfall.

  11. Juli 14th, 2008 | 22:17

    Das ist ja auch genau das, was der Film zeigt/was offensichtlich ist: Im Krieg macht man Dinge, die man sonst wohl nie tun würde – da kann man oftmals gar nicht groß/lange überlegen. Kann Peter da somit nur zustimmen.

  12. Juli 15th, 2008 | 19:49

    Jo, jetzt wollt Ihr mir aber nicht erzählen, daß sich die betreffenden Soldaten in einer lebensbedrohlichen Lage befunden hätten oder bei Befehlsverweigerung exekutiert worden wären, oder?

  13. Juli 15th, 2008 | 19:57

    Ich meine, Du hast den Film nicht gesehen, aber das war dennoch keine angenehme Situation – das erscheint einem alles so skurril, so surreal, dass man wohl auch nicht allzu klar denken kann …

  14. Juli 15th, 2008 | 20:30

    Mir ist schon klar, was Ihr sagen wollt und gebe auch zu nur ein wenig provozieren zu wollen. Mich kotzt es aber grundsätzlich an, daß die Verantwortung immer öfter nur bei Denen da oben gesucht wird und die Eigenverantwortung in den Hintergrund gestellt wird. Mir ist auch klar, daß die Welt nicht nur schwarz weiß ist. :wink:

  15. Juli 15th, 2008 | 20:38

    Ja, aber genau das versucht Morris ja auch deutlich zu machen. Keiner ist hier unschuldig (auch wenn er hier dem Pathos am offensichtlichsten nicht davonrennen kann).

  16. Juli 15th, 2008 | 20:55

    Ich habe keinen einzigen Kommentar zum Film gegeben :mrgreen:

  17. Juli 15th, 2008 | 20:57

    Doch, indirekt schon! :razz: :wink:

  18. Juli 15th, 2008 | 21:36

    Den werde ich aber auch anschauen. Meine letzte Doku war Ghosts of Cite Soleil. Die war mal wirklich surreal und verstörend, kaum bewertbar. Dürfte Dir gefallen, versprochen. :wink:

  19. Juli 15th, 2008 | 21:47

    Klingt nicht übel, ja. :smile:

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