Das 9/11 Gotham Citys & des Sommerblockbusters

The Dark Knight
(Christopher Nolan, USA 2008)
Kino

Im wohl größten und erfolgreichsten Blockbuster der letzten Jahre gibt es eine Szene, in der Feuerwehrmänner alles versuchen, ein brennendes Gebäude und seine Flammen in den Griff zu bekommen. Das Gebäude ist völlig zerstört, lediglich Überbleibsel seines Metallskeletts sind noch zu erkennen. Die Szenerie ist voller Rauch und den Feuerwehrmännern scheint nicht nur deshalb der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Diese Szene, die bereits einen großen, weil atemberaubenden Höhepunkt des Films markiert, erinnert nicht von ungefähr an die Ereignisse des 11. Septembers 2001. Dieses Datum, das nie ein Mensch vergessen wird, der an diesem Tag auch nur irgendeinem Medium folgte, war nicht nur eine Tat unproportionellen Ausmaßes, sondern markierte auch die Geburtsstunde des internationalen Terrorismus, der uns seit dem jeden Tag heimsucht. Nach dieser Einstellung Schnitt, dann steht plötzlich Batman (Christian Bale) vor diesem Trümmerhaufen, sein Cape weht im Wind, ähnlich dem Sternenbanner. Keine Frage, es ist Ground Zero und zugleich die Geburtsstunde des irrationalen Terrors, der Gotham City mit seinen 30 Millionen Einwohnern heimsucht.

Nicht, dass Gotham nie Ziel von terroristischen Attacken gewesen ist. Nur waren sie nie so unglaublich motiviert und signifikant wie in diesen Tagen. Warum das alles? Warum müssen unzählige unschuldige Menschen sterben, die zudem noch ihrer Stadt und ihrem Land dienen? Auch wenn The Dark Knight sich nicht explizit dem Glaubenskrieg verschreibt, was der Krieg gegen den Terror ja ist, so zeichnet er dennoch ein sehr düsteres, weil genaues Bild des Terrors, der die USA seit Beginn nicht nur auf den Kopf stellte, sondern ihr auch bis Heute Entscheidungen abringt, die bisweilen ihre eigenen Werte verrät. Nolans zweiter Beitrag zum Franchise ist also nicht nur der politischste Blockbuster der es überhaupt jemals auf die Leinwand schaffte, sondern auch die wohl intelligenteste Comicverfilmung seit Anbeginn der großen Welle von Comicverfilmungen. Der Joker – in der Tat eine großartige Leistung von Heath Ledger, auch wenn er in Brokeback Mountain seinen Höhepunkt hatte und der Oscar ihm wohl vergönnt bleiben dürfte – ist dabei buchstäblich das Gesicht des Terrors. Im Gegensatz zu vielen anderen Gegenspielern benötigt er keine Maske, die Fronten sind klar verteilt, der Terrorfürst ist sowieso nicht zu fassen.

Seine Wahl der Waffen, ein unglaubliches Repertoire an Messern, scheint primitiv, jenen des Staates deutlich unterlegen. Jedoch weiß er damit umzugehen, sie richtig einzusetzen und viel Schaden anzurichten. Doch der Joker verkörpert weniger einen Terrorchef als vielmehr das westliche Demokratieverständnis respektive das der Vereinigten Staaten. Fast alles, was da aus dem Mund dieses vermeintlichen Psychopathen kommt, scheint die Wahrheit zu sein, denn es bestätigt sich immer und immer wieder. "You either die a hero or you live long enough to see yourself become the villain", verkündet Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart) auf einer Pressekonferenz kurz nach den ersten Terroranschlägen und bringt damit pointiert eine ganze politische Richtung auf den Punkt, die ambivalenter kaum sein könnte. Was bringt man dem Terror, dem puren Hass entgegen? Welche demokratischen Mittel stehen dem Staat zur Verfügung – und wie weit darf Demokratie gehen. Egal ob Massen fliehender Menschen oder Batman, der illegal alle Mobiltelefone abhört, um die Quelle des Terrors ausfindig zu machen und das Nest auszurotten, auch in Gotham heiligt der Zeck zu Teilen die (undemokratisch beziehungsweise weit gedehnten demokratischen) Mittel.

Im Film stellt sich die Frage nach dem richtigen Mittel, undemokratisches Verhalten auf nicht-staatlicher Seite zu bekämpfen, erst gar nicht, dafür sorgt allein schon der Einsatz von nicht gerade kleinem Pathos und dem dazugehörigen, für Gänsehaut sorgenden Zimmer/Newton Howard-Bombast-Score. Egal ob Batman selbst oder DA Harvey Dent, große Reden, die Menschen überzeugen und damit gleichzeitig auch für sich und ihre Politik gewinnen, können sie alle halten. Wer aber nie selbst (unfreiwillig) Teil des Terrors war und das Ganze lediglich in den Nachrichten aufschnappt, der ist politisch natürlich vollkommen integer – denkt er zumindest. Harvey Dent, das ist kein Spoiler, dies zu sagen, zeigt, dass dies eben nicht der Fall ist. Jeder glaubt an Werte und Normen, diese zu brechen fällt schwer, doch es hängt auch von den Umständen ab, und so verändern sich Menschen bisweilen urplötzlich – auch wenn seine Figur und ihre Wandlung etwas zu unausgegoren ist. Gotham befindet sich im Ausnahmezustand, so viel ist sicher. Doch warum all der Schrecken, warum all dieses Leid? "Some men just want to watch the world burn", manchmal gibt es eben keine Rationalität hinter solchen Taten – oder sie will sich uns zumindest nicht so richtig erschließen. Clash of Civilizations nannte es Huntington.

Was in den meisten Fällen eine Fantasiewelt ist, die mit der unseren nur wenig gemein hat, ist bei The Dark Knight vollkommen anders, ja geradezu auf den Kopf gestellt. Im Prinzip ist der Film ein hochspannender, hochpolitischer und clever konstruierter Thriller, der mit einem Comic nur seine Gadgets und seinen maskierten Flattermann teilt. Der Rest ist so natürlich auch schon da gewesen, aber sicher nicht in solch einem großartigen Blockbustergewand, dem man jeden einzelnen Cent seines Millionenbudgets ansieht. Weniger überzeugend sieht hingegen der Schnitt aus, der teilweise nicht nur dilettantisch, sondern auch zu stark nach PG-13 riecht. Das fällt aber nicht weiter ins Gewicht, denn neben all den anderen Adjektiven, mit denen sich The Dark Knight in der Tat schmücken darf, ist er vor allem, und das in sehr hohem Maße, dunkel in Ton und Inszenierung. Was bei einem Sin City noch viel zu aufgesetzt und forciert wirkte, ist hier nahe der Perfektion, denn auch wenn es zahlreiche Aufkommen von comic relief gibt, so bleibt der Film dennoch überraschend zynisch und ehrlich, was primär natürlich auch seiner Politik zuzuschreiben ist.

The Dark Knight, das ist Hype, der seinem Namen gerecht wird und Blockbusterkino in seiner schönsten Form. Auch wenn die großen Vorzüge des Filmes den meisten durch die vielen anderen Schauwerte vorenthalten bleiben werden – zugegeben, audiovisuell ist der Film, bis auf den Schnitt, auch der Inbegriff und Archetyp eines Comicfilmes -, so darf er dennoch als Meisterwerk des Genres feiern lassen, denn nichts weniger ist The Dark Knight. (9/10)


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28 Kommentare zu “Das 9/11 Gotham Citys & des Sommerblockbusters”

  1. August 20th, 2008 | 13:54

    Aber 10/10 hat er nicht von dir bekommen und damit ist er durchgefallen. :fall:

  2. August 20th, 2008 | 15:03

    Wie meinen?

  3. August 20th, 2008 | 15:15

    Häh?

  4. August 20th, 2008 | 15:24

    Bei wem durchgefallen? Ich verstehe Deinen Comment nicht ganz …

    :mrgreen:

  5. August 20th, 2008 | 16:18

    Ich schon :mrgreen:

  6. hurz (5)
    August 21st, 2008 | 3:11

    Naja, 10/10 hat er auch nicht ganz verdient, obwohl er zweifellos ein sehr guter Film ist.
    Ich würde da jetzt aber nicht allzuviel parallelen zum Terrorismus ziehen, zumahl es soetwas wie den "internationalen" Terrorismus gar nicht gibt sondern nur diverse Gruppierungen die teils verschiedene Ziele verfolgen … der Joker macht dagegen nicht unbedingt den Eindruck Motive für sein Handeln zu haben, Gotham ins Chaos zu stürzen.
    Eine interessante Parallele ist allerdings, dass der Joker keinerlei Angst vor dem Tod hat, was Batman's Prinzip niemanden zu töten ja dann auch zu seiner größten "Schwäche" macht. (Eine Schwäche die die USA bekanntlich nicht teilen und damit auch nicht besser fahren).

  7. habi (14)
    August 21st, 2008 | 10:37

    so ein schwachsinn in diesen film irgendeinen politischen hintergrund zu interpretieren, ja geschweige denn parallelen mit dem "internationalen" terrorismus zu ziehen… unterhaltungskino auf allerhöchstem niveau, keine billige story, sondern ein plot in dem es schlag auf schlag geht. bemerkenswert dass die spannung über die 2,5 stunden locker gehalten werden kann, so solls sein. heath ledger zieht den film, an ihm allein hängt alles, bale wirkt dagegen blaß.

  8. August 21st, 2008 | 10:50

    Man, ich komm erst nächste Woche ins Kino :fall:

  9. August 21st, 2008 | 15:13

    so ein schwachsinn in diesen film irgendeinen politischen hintergrund zu interpretieren, ja geschweige denn parallelen mit dem "internationalen" terrorismus zu ziehen unterhaltungskino auf allerhöchstem niveau, keine billige story, sondern ein plot in dem es schlag auf schlag geht.

    Mein Fehler, Entschuldigung, ich vergaß, dass Filme ja nur unterhalten sollen und sonst nichts weiter sind. Wie gesagt, entschuldige bitte!

    :roll:

  10. habi (14)
    August 21st, 2008 | 15:41

    Mein Fehler, Entschuldigung, ich vergaß, dass Filme ja nur unterhalten sollen und sonst nichts weiter sind. Wie gesagt, entschuldige bitte!

    kein problem. wollte dich nur auf den unterschied zwischen realität und film aufmerksam machen. und dass man nicht zuviel reininterpretieren sollte, vor allem so etwas, meiner meinung nach, an den haaren herbeigezogenes. nicht dass du irgendwann als fledermaus durch die stadt läufst und terroristen jagst :lol:

  11. August 21st, 2008 | 15:44

    Hmm, hast Du die Ironie jetzt nicht verstanden oder verstehe ich sie nicht?

  12. habi (14)
    August 21st, 2008 | 20:19

    du. aber auch egal. lassen wir das ganze einfach. :roll:

  13. August 21st, 2008 | 20:22

    Also Cleric, echt mal, was du da wieder alles REINinterpretierst. :fall:

  14. August 21st, 2008 | 21:04

    Nur weil man es nicht sieht, heißt es nicht, dass es nicht da ist

    :nocomment:

  15. Thomas H. (138)
    August 22nd, 2008 | 8:26

    Als ob Unterhaltungskino in einem Vakuum entsteht: Filmemacher, die in Hollywood einen Vertrag unterschreiben, werden in eine Kammer gesperrt, damit ja keine Bezüge zur Realität in ihre Werke dringen. The Dark Knight ist ganz klar ein Film seiner Zeit. Wer das nicht gelten lassen will, ist einfältig. Allerdings habe ich eher den Verdacht, dass ihr einfach den Kleriker necken wollt.

  16. August 22nd, 2008 | 15:10

    @Thomas

    Ja, bei Vega war es Ironie, bei Rudi ein angebrachter Kommentar, wenn auch mit falscher Absicht gepostet und bei habi war es, denke ich, kein Neckern, sondern einfach, sorry, Unwissen …

    :fall:

  17. habi (14)
    August 22nd, 2008 | 16:00

    9/11 war vor 7 jahren. sucht uns denn wirklich seitdem jeden tag der internationale terrorismus heim? ich denke nicht. also was soll das gefaßel? ich denke selbst in amerika ist die angst bei weitem nicht mehr in dem maße vorhanden wie du es darstellst. dann könnt ich auch argumentieren die hard war damals schon seiner zeit voraus als terroristen häuser besetzten etc. ich bin einfach nicht de(ine)r meinung. fertig. das hat nichts mit unwissen zu tun.

  18. August 22nd, 2008 | 16:12

    Richtig, das ist Deine Meinung. M.M. ist es aber Unwissen, wenn man Filmen Anspruch abspricht und Rezipienten Kompetenz. Dein Kommentar war im Kern: "Das ist Blockbusterkino, das nichts weiter als unterhalten will" – sorry, aber das ist schlichtweg unwissen, denn sonst könnten wir uns die Filmwissenschaft und die Literaturwissenschaft ja sparen. Ganz davon zu schweigen, dass es für eine Interpretation relativ egal ist, was der Regisseur/Autor sich dabei dachte …

    Und ja, jeden Tag gibt es neuen Terror, nicht in den USA, aber auf der Welt.

    :wink:

  19. August 22nd, 2008 | 18:24

    Interenet-Terror auf Equilibirum :fall:

  20. habi (14)
    August 22nd, 2008 | 20:21

    Ich habe nie gesagt der Film hätte keinen Anspruch. Er hat sogar mehr Anspruch als irgendein anderer Film dieser Richtung. Jedoch muß nicht überall "Terrorismus" dahinter stecken. Das leidige Thema ist eh omnipräsent, und gerade deswegen muß es oft für billige Interpretationen herhalten. Es geht doch eigentlich nur darum dass der Film wirklich super Unterhaltung ist, du jedoch einen tieferen Sinn darin siehst, den ich so nicht sehe. Aber anstatt meine Meinung zu aktzeptieren, mußt du das lange breittreten. Komm doch einfach mal mit Kritik klar und versuch nicht jemanden deine Meinung aufzudrängen. Dafür sind doch Blogs da, Meinung auszutauschen. Und geh doch etwas netter mit deinen Lesern um… :grin:

  21. August 23rd, 2008 | 13:12

    "So ein Schwachsinn", damit einen Kommentar anzufangen ist aber auch nicht die feine englische Art. Und wie kann es bitteschön falsch sein, wenn ICH den Film so lese, wie ich ihn lese (und nur mal so, ich bin da bei weitem nicht der Einzige)? Und meine Interpretation nennst Du "billig"? Also vom Ton her gesehen ist das alles andere als höflich. Und Du trittst es mindestens genau so breit wie ich, aber lassen wir's, da hast Du Recht …

  22. August 25th, 2008 | 0:06

    dann könnt ich auch argumentieren die hard war damals schon seiner zeit voraus als terroristen häuser besetzten

    Ja aber hallo, natürlich war Die Hard damals seiner Zeit voraus, das war ja gerade damals der Grund seines Erfolges.

    So mal eine kleine Unterrichtsstunde über Feindbilder im amerikanischen Kino:

    50er Jahre-> Kommunisten (als Ausserirdische verkleidet)
    60er Jahre-> Superbösewichte (Dr. No, Goldfinger und Co.)
    70er Jahre-> Hinterwäldler + Kommunisten und Superbösewichte
    80er Jahre-> Russen, Russen, Russen, Russen, Russen, Russen
    90er Jahre bis jetzt-> Weils die Russen nicht mehr bringen, der Kommunismus am dahinwelken ist, der kalte Krieg beendet ist sind es seitdem Terroristen, Terroristen, Terroristen + Wirtschaftsunternehmen.

    So, und wenn der Joker nicht der fantastische Inbegriff eines Terroristen ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.

  23. August 26th, 2008 | 9:51

    Wäre aber die Frage, inwieweit der Joker tatsächlich ein Terrorist ist, schließlich strebt er ja nicht nach einem politischen Wandel, sondern nach bloßem Chaos. Ich glaube ihm wäre es relativ egal, ob in Gotham nun Demokratie oder eine Diktatur herrscht, er würde dennoch agieren wie er agiert.

  24. August 26th, 2008 | 21:55

    Doch, doch. Er will Chaos und Angst, genau das wollen auch Terroristen mit ihren Anschlägen erreichen. Aus welchen Gründen auch immer.

  25. August 26th, 2008 | 23:18

    Ja, aber die Terroristen wollen Chaos und Angst aus bestimmten Gründen, ihren eigenen Motiven. Beim Joker ist sein Tun Selbstzweck, vollkommen unmotiviert.

  26. August 28th, 2008 | 17:56

    [...] Equilibrium: 9/10 [...]

  27. rene (1)
    September 5th, 2008 | 11:05

    zu der Anspruchsdisskussion die sich dieser Film selbst auferlegt habe ich eine ganz gute kritik gefunden. hier nachzulesen

  28. Elefant (1)
    Juli 29th, 2011 | 23:16

    Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

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