Das Ende ist ein graziöser Neubeginn

Grace Is Gone
(James C. Strouse, USA 2007)
Kino

Dass die USA in einem großen Tief seit Beginn des Krieges im Irak stecken, zeigt nicht erst Grace Is Gone, der beim Sundance Festival nicht nur den Preis für das beste Drehbuch abräumte, sondern auch noch den Zuschauerpreis für sich einnehmen konnte. Home of the Brave zeigte bereits letztes Jahr, wie schwer der Umgang mit Verlust ist – egal ob es sich um Gliedmaßen, den Stolz oder eben einen geliebten Angehörigen handelt, das Leben wird nie wieder so sein, wie es war. Das muss auch Stanley Philipps (John Cusack) schmerzlich erfahren, der zu allem Übel auch noch eine Art Rollentausch durchmachen muss, ist er doch der Einzige, dessen Frau in den Irak gegangen ist. Doch hier dreht sich alles um dreihundertsechzig Grad, denn auch Stanleys Wertesystem scheint mit dem Tod seiner Frau unterzugehen. Er will mit dem Militärpfarrer nicht beten, obwohl sein Haus voller Kreuze ist, er vernachlässigt seinen Job, den er so liebt. Am meisten verändert sich jedoch seine Beziehung zu seinen beiden Töchtern (Shélan O'Keefe, Gracie Bednarczyk), die er von nun an mit weicherer Hand führt, ja mehr zu lieben scheint als zuvor.

Keine Änderung ist jedoch in seiner Einstellung zum Krieg im Irak festzustellen, nach wie vor sieht er das Gute in dem, was seine Frau tut: "Your mother fights for the freedom we enjoy and the country she loves – she is a hero", so Stanley zu seinen beiden Töchtern, die natürlich trotz oder gerade wegen ihres Alters besorgt sind. Stanley scheint dennoch jeden Bezug zur Realität verloren zu haben: Er schickt seine Kinder nicht in die Schule, greift seinen Bruder an und kommt jedem Wunsch seiner Töchter nach, egal wie ausgefallen diese sind. Doch kann man es diesem Mann übel nehmen, der an einer Stelle erwähnt, dass er es bitter bereut, dass nicht er – er wurde kurze Zeit zuvor jedoch unehrenhaft aus den Streitkräften entlassen – in den Irak ging, sondern Grace? Plötzlich hat er Zeit für seine Kinder, die zuvor einem straffen Tagesplan weichen musste, Zeit für das Einzige, was ihm nun bleibt und das er von nun an beschützt, wie seinen eigenen Augapfel. Grace Is Gone klingt nach großem Pathos und aus der Leinwand triefendem Kitsch, ja. Doch es ist keine von Hollywood geschriebene Geschichte, kein Drehbuch, das den Kinozuschauer zum tear jerking veranlassen soll. Vielmehr ist es eine Dokumentation dessen, was jeden Tag zu Massen an der Heimatfront geschieht.

Bei all dem Schmerz ist Strouses Film dennoch stets nüchtern und weiß sorgsam mit seinem Sujet umzugehen. Natürlich ist das Pathos nicht von der Hand zu weisen – vor allem nicht mit Clint Eastwoods pathetisch-melancholischem Score, der nicht von ungefähr deutlich Parallelen zu seinen beiden WWII-Epen aufweist -, aber er übertreibt es nie, was angesichts solch einer Thematik nur allzu verführerisch erscheint. Grace Is Gone ist dabei aber nicht nur eine intensives Drama und eine Dokumentation amerikanischer Wundheilung, sondern auch ein hervorragendes Charakterdrama, das von John Cusack alles verlangt und es auch bekommt. Würde dafür keine Nominierung für den Goldjungen raus springen, es wäre ein Affront. Jede Einstellung ist lyrischer und zugleich schmerzvoller als die andere. Keine Anzeichen von Hochglanz, sondern Vororttristesse und Gleichgültigkeit dominieren. Selbst die letzten Einstellungen verherrlichen nicht, vielmehr ernüchtern und appellieren sie. Nicht nur Stans Leben hat die Grazie verloren, nein, ein ganzes Land hat sie verloren. (8.5/10)


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4 Kommentare zu “Das Ende ist ein graziöser Neubeginn”

  1. August 27th, 2008 | 12:14

    Auf den Film freu ich mich wie Sau. Dein Review steigert meine Vorfreude :smile:

  2. eayz.net (428)
    September 1st, 2008 | 0:40

    Flutsch und weg…

    Bereits vor einer Woche habe ich in der Sneak Grace is Gone serviert bekommen. Seitdem drücke ich mich vor dieser Rezension. Ursprünglich hatte ich nämlich die befürchtende Hoffnung einen stupiden Action-Streifen la "Hey, wir haben keinerl…

  3. September 19th, 2008 | 1:17

    [...] Equilibrium: 8,5/10 [...]

  4. November 20th, 2013 | 13:57

    [...] zum Film: entweder man hält es wie die Sundance-Jury und mein geschätzter Bloggerkollege vom Equilibrium Blog und ist von Grace is Gone, der Musik, den Bildern und dem Spiel von Cusack begeistert oder man [...]

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