FFF: Familie, die Keimzelle des Staates

Eden Lake
(James Watkins, UK 2008)
Kino

Lehrer an Grundschulen benötigen Einfühlungsvermögen, pädagogische Konzepte und jede Menge Erfahrung mit Kindern, um erfolgreich unterrichten zu können. Jenny (Kelly Reilly) ist eine dieser erfolgreichen Pädagoginnen, ihre Profession macht ihr zudem auch großen Spaß, das kann man in ihrem Gesicht lesen. Kinder sind neben ihrem Freund Steve (Michael Fassbender) ihr ein und alles. Doch dass der Nachwuchs nicht immer so brav und adrett ist wie in der Oberschicht, wie sie Jenny unterrichtet, das wird auch ihr schnell klar. Der Angriff auf einen Rentner in der U-Bahn Münchens oder aggressive Schüler, die keinen Respekt vor Autoritäten haben, wie an der Berliner Rütlischule, haben gezeigt, dass es ein großes Gefälle zwischen dem Nachwuchs der jeweiligen sozialen Schichten gibt. Dass dies nicht nur ein deutsches Problem ist, das zeigt Eden Lake eindringlich. Jenny und Steve, ein hübsches junges Paar, adrett gekleidet und frei von jeglichen Sorgen. Auf der anderen Seite: Jugendliche aus der Arbeiterschicht, White Trash, mit alkoholabhängigen Eltern und nichts als Provokation im Kopf.

James Watkins' Eden Lake ist Horror, der sich in seine Typologie nahtlos einreiht. Ein junges Pärchen genießt sein Glück, fährt in den Wald um Frieden und Ruhe zu finden. Hier ein Schreckmoment, der kein wirklicher ist, da eine falsche Fährte, die sich als reiner Effekthascherei herausstellt. Doch weit gefehlt, denn Eden Lake weiß gerade in dieser Hinsicht zu überraschen. Ist es auch im Horror jedoch nichts allzu revolutionäres mehr, wenn man plötzlich eine hundertachtzig Grad Drehung macht, so hat Eden Lake diese gar nicht unbedingt nötig. Er muss nichts groß drehen oder verrücken, vielmehr reicht es ihm, vom typischen Feindbild abzurücken, nämlich vom übermächtigen, meist maskierten, Täter, der schnell, leise und präzise tötet. Bei Watkins ist es buchstäblich der Nachwuchs, der hier terrorisiert, und das auch nicht gerade zu knapp. Eine Handvoll Jugendliche, die aus reinem Vergnügen und aus reiner Langeweile, so scheint es, zu Monstern werden, die damit die Leere und die Perspektivlosigkeit in ihrem Leben auszugleichen scheinen. Dabei gibt es auch bei ihnen Werte und Zuneigung. Der Anführer der Gruppe hat eine Freundin, er liebt seinen Kampfhund und kümmert sich um seine 'Kameraden' – auch wenn es der falsche Weg ist, sie durch menschenverachtende Mutproben zu vollen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen.

Eden Lake, das steht nicht nur für ein wunderschönes natürliches Idyll, sondern auch für den dazugehörigen Kontrast: Schmerz, Leid und stumpfsinnige Gewalt. Zwar scheint der Film sich hier einmal mehr in Genrekonventionen zu festigen, doch ist die Motivation der 'Killer' alles andere als frei von Rationalität. Das Klischee wird immer mehr traurige Realität, und so bleibt dieser Gruppe Jugendlicher – der Anführer wird auch Opfer häuslicher Gewalt – nicht nur Chancen-, sondern auch Perspektivenlos. Nicht nur die angeführten Vorfälle haben gezeigt, dass diese innere Unzufriedenheit und der Hass auf die Gesellschaft, die einem vor der Nase die Türe zuhaut, für ein solches Verhalten mitverantwortlich sind, es ist auch die Familie, die dafür maßgeblich mitverantwortlich ist. Es gibt in Eden Lake einige Szenen, die auf den ersten Blick überflüssig bis egal wirken, sich am Schluss aber wie ein Puzzle zusammenfügen. Warum greift Jenny beispielsweise nie ein, ist sie doch die geschulte Elitepädagogin, die Kinder liebt. Warum hat sie dann aber keine eignen (und auch keinen Kinderwunsch)? Watkins' Film markiert gerade in diesen Diskursen, die er mehr als nur tangiert, zugleich Rationalität und Irrationalität. Sein Film ist ein Gewalt- und Gesellschaftsdiskurs, eingepackt in einen äußerst spannenden Spielfilm, der einem einiges abverlangt.

Hinter vielem, das auf den ersten Blick so simpel und determiniert erscheint, steckt doch so viel mehr. Ja, Eden Lake propagiert einen Hass auf ebenjene Jugendliche, ihre soziale Herkunft, die nichts anderes als den Alkohol und die Gewalt kennt (und zudem noch fett und unattraktiv ist), aber nur, um diese Vorurteile gleichzeitig auch anzuprangern. Dies alles schlussendlich auch noch in eine Tour de Force zu packen ist eigentlich fast schon zu viel des Guten. Schön auch, dass sich der Film in seinen Gewaltausbrüchen größtenteils zurückhält, denn für den eigentlichen Horror sorgen seine Antagonisten ganz allein. Kinder sind formbar, man muss sie nur formen. (8/10)

Erscheint bei X-Rated


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