»What the fuck have you done lately?«

Wanted
(Timur Bekmambetov, USA/Deutschland 2008)
Kino

'Sytle over substance', dieses Motto haben sich in den letzten Jahren viele Comic- und Graphic-Novel-Verfilmungen auf die Flagge geschrieben. Mal freiwillig, mal unfreiwillig. Bei Timur Bekmambetovs Wanted ist die Sache hingegen klar: hier dominieren optische Spielereien, die man so zu Teilen wirklich noch nicht gesehen hat. Darauf, eine anständige Geschichte oder dergleichen zu erzählen, legt er so gut wie keinen Wert. Hier ein kleiner Plottwist, da eine kleine Loser-Ballade, fertig ist die Geschichte, die Wanted zu erzählen hat – oder eben auch nicht. Bekmambetovs erste rein westliche Regiearbeit lässt also deutlich mehr auf formaler als auf inhaltlicher Ebene rezipieren. Beides zusammen genommen führt aber zu einem mehr als ambivalentem Ergebnis. The Matrix, ein Film, der im Vorfeld des Filmes oft in den Mund genommen wurde, und zu dem nicht von ungefähr so viele Parallelen gezogen wurden. Doch auch hier finden sich die Gemeinsamkeiten primär auf der visuellen als auf der inhaltlichen Ebene, auch wenn gewisse Parallelen zu Letztere natürlich nicht von der Hand zu weisen sind.

War The Matrix nicht nur ein popkulturelles Phänomen, so zeigte es zumindest auch eine Sache ganz deutlich, nämlich, dass wahre Gewaltverherrlichung meist ungestraft durch die staatlichen Behörden kommt. Es findet sich eine Szene in Wanted, die gleicht jener aus The Matrix nahezu eins zu eins. Bis auf die Zähne bewaffnet stürmt der Protagonist das Domizil seiner Gegner, feuert aus allen Rohren und lässt die toten Körper nur so auf den Boden knallen. Natürlich inszeniert man das Ganze in Slow-Motion, so dass die Bewegungen, die der 'Held' ausführt auch nachzuvollziehen sind und man ihm seine Coolness auch ansieht. Unterlegt wird die Szenerie dann auch mit passender Musik, gerne auch harte Gitarrengriffe, die atmosphärisch zuträglich sind. Über Moral und Unmoral macht sich der Rezipient in diesem Moment keine Gedanken, denn es ist klar, dass dies der einzige Lösungsweg ist. Nackte Gewalt, das ist die universelle Sprache, die jeder versteht – und auch sehen will. Liegt hierin also nicht die Gewaltverherrlichung, die in den Medien jeden Tag omnipräsent scheint?

Natürlich muss auch das Outfit stimmen, denn wie lehrte schon ein Werbespot einer großen Bekleidungsfirma: 'Dress for the Moment', und so darf die feine Lederjacke (beziehungsweise der lange, schwarze Trenchcoat) inklusive Muskelshirt drunter natürlich nicht fehlen. Ein Paradebeispiel dafür, wie man allein durch die künstliche Optik des Mediums ein Gefühl erzeugen kann, dass Affekte heraufbeschwört, die vielleicht nicht ganz angebracht erscheinen. So verkommen die Gegner schließlich zu bloßen Zielscheiben, das lehrt auch Bruderschaftsanführer Sloan (Morgan Freeman). Und so wundert es auch nicht, dass man zu Trainingszwecken auf echte Leichen schießt: "Oh my God! Hey, we can't shoot a dead woman! She might be somebody's mom!", echauffiert sich Wesley (James McAvoy) und zack!, landet die Kugel im Kopf der Frau. Zynismus ist doch immer wieder etwas Feines. Es ist eine grundsätzliche Menschenphobie, die Wanted durchzieht. Die Namen der Opfer, die ein Webstuhl hervorbringt, sind Namen jener, die Böses tun werden und deshalb eliminiert werden müssen. Mitglieder mit Gewissensbissen oder sonstiger Ethik braucht man in der Bruderschaft deshalb gar nicht erst.

Mit Wesley hat man für alle diesen Zynismus dann auch gleich den perfekten Archetyp geschaffen, der ähnlich dem Charakter Neos ein Mensch ist, der mit seinem Leben nicht klar kommt, ein Einzelgänger ist, von dem viel erwartet wird, der diesem Leistungsdruck aber nicht standhält. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit bis sich hieraus Allmachtsphantasien entwickeln, die dann irgendwann auch ausgelebt werden – ohne Rücksicht auf Verluste. Wanted gibt sich hier vielleicht etwas moraldidaktisch, macht der Film seinen Protagonisten doch vom kleinen Bürohengst zum Quasi-Superhelden, doch diese bleibt auch die einzige Ebene, auf der dies noch nahezu wertfrei geschieht. Auf allen anderen Ebenen ist nur allzu deutlich, was der Film propagiert. Und dennoch sind es hauptsächlich Norris, Schwarzenegger, Stallone, Lundgren & Co. in den Achtzigern, denen man den Terminus 'reaktionär' ins den Mund legt. Wanted ist alles andere als wertfreie Weltanschauung (die es ja sowieso nicht gibt), vielmehr ist es politische Propaganda, eingehüllt in einen abendfüllenden Spielfilm, der sein Publikum genau kennt und es detailgetreu anspricht. Mark Millars Wanted steht Frank Millers 300 in Sachen Politik also in nichts nach.

Versucht man diese und andere Faktoren auszuklammern, so bleibt Wanted dennoch nur durchwachsen. Zu ermüdend und redundant ist das ganze Konzept der Morde, die immer nach demselben Schema von statten gehen und die immer die gleichen Konsequenzen nach sich ziehen. Lediglich der Soundtrack Danny Elfmans kann wirklich überzeugen, doch auch hier muss man sich fragen, warum sich dieser mittlerweile für fast alles und jeden hergibt. Auch in Hinsicht auf die Transferierung der Graphic Novel in das Medium Film muss man Bekmambetov einen gewissen Tribut zollen, denn selten traf die Floskel 'over the top' so was von ins Schwarze wie hier (und markiert zugleich eine weitere Parallele zu Miller). Genau hier liegt aber auch das größte Problem von Wanted. Kann man mit ihm durchaus seinen Spaß haben, so ist es ebendieser 'Spaß', der nichts weiter als ein Blender ist. Wanted ist reine Gewalt, die gar nicht erst versucht auf leisen Sohlen daherzukommen, sondern gleich mit der Tür ins Haus bricht – Angriff ist ja schließlich immer noch die beste Verteidigung. Eine Schande (zugleich aber auch eine Demaskierung der Behörden), dass so etwas in die Lichtspielhäuser darf, Planet Terror aber gerade erst den Weg auf den Index finden musste. (4.5/10)


Tags , , , , , , , , ,

18 Kommentare zu “»What the fuck have you done lately?«”

  1. September 20th, 2008 | 13:57

    Ach du scheiße, die Prüderie hat ihn für sich eingenommen. :fall:

    Ich meine: Klar kann man den reaktionär finden. Wirkt bei dir aber scheinheilig, weil das sonst kein Kriterium darstellt und du Sachen wie 300 abgefeiert hast.

    Aber bei WANTED ist wohl alles anders: Ich, der Ideologiekritiker, hatte meinen Spaß, du, der Amerika-Propagandist, fand den propagandistisch. LOL

  2. September 20th, 2008 | 14:10

    :mrgreen:

    Ich fand den einfach schrecklich kaltschnäuzig und gewaltverherrlichend. Das schlimme ist ja, dass das quasi eine schön verpackte Bombe ist – MISSING IN ACTION & Co. sind nur Bomben ohne schöne, jugendgerechte Verpackung.

    Wundere mich ja aber immer noch, dass Du den (für Deine Verhältnisse) so gut fandest …

    :fall:

  3. September 20th, 2008 | 14:51

    Gewaltverherrlichend? Im Vergleich zum Comic ist der Film ja geradezu harmlos :-)
    Das mit Planet Terror verstehe ich irgendwie nicht. Der lief doch im Kino und den gibt es auch auf DVD, wieso wird der so lange danach auf den Index gesetzt?

  4. September 20th, 2008 | 15:05

    Ja, die Gewalt wird hier (wie auch in MATRIX) so dermaßen stilisiert, dass sie verharmlost bzw. verherrlicht wird (und Comic ist ja ein ganz anderes Medium). Und das mit PT liegt daran, dass er für die GRINDHOUSE VÖ neu geprüft werden musst und eben nicht durchkam – obwohl ja inhaltsgleich eigentlich (und er für die DVD ja auch schon JK bekam). Ich meine, versuchst Du wirklich noch, die FSK zu verstehen? (wobei ich auch dachte, dass wenn ein Film einmal eine FSK-Freigabe bekommt, kann die SPIO ihn nicht mehr 'belangen' …)

    :wink:

  5. September 20th, 2008 | 15:34

    Hirn abschalten und Spass haben :fall:
    ich find man kann Comic Verfilmungen nicht immer so ganz ganz ernst nehmen. Das ist doch wie mit der Cartoon Gewalt in Tom & Jerry

  6. September 20th, 2008 | 16:31

    Natürlich inszeniert man das Ganze in Slow-Motion

    Die haben den ganzen Film in Slo-Mo gedreht, deswegen hat man das Gefühl dieser Murks will gar kein Ende nehmen :fall:

  7. September 20th, 2008 | 16:35

    Das verstehe wer will. Den "Roten Baron" als "Sportsmann" und als "deutschen Helden" abfeiern und "Wanted" dann als politsche Propaganda" abstrafen. :fall:

    Da gehe ich lieber einem Film wie "Wanted" auf den Leim, der nicht mehr ist, als stringente durchgestylte Action, als einen Blender wie der "Rote Baron" für Gut zu befinden, der unter seiner Fassade von ernstgemeinten Kino, nicht mehr ist als dümmlicher Schrott. ;-)

  8. September 20th, 2008 | 16:49

    Du nimmst WANTED viel zu ernst. Aber Sachen wie TRANSFORMERS findest du geil. :fall:

  9. September 20th, 2008 | 17:00

    Das ist ja alles schön und gut, aber kommt doch bitte nicht mit "Hirn abschalten" und "zu ernst", das ist keine richtige Filmrezeption.

    :wink:

  10. September 20th, 2008 | 17:10

    aber kommt doch bitte nicht mit "Hirn abschalten" und "zu ernst", das ist keine richtige Filmrezeption.

    ^^

    muss man sich heutzutage immer noch dafür schämen, dass man auch mal von einem No-Brain-Actioner total angetan ist?

    Es ist ja das Zusammenspiel, das aus Ton, Bild, Aktion und diversen anderen filmischen Spielereien.

    (Cleric zu TRANSFORMERS)

    :fall:

  11. September 20th, 2008 | 17:13

    Treffer, Versenkt… :razz:

  12. September 20th, 2008 | 17:27

    Eines muss man Rudi schon lassen, er macht sich Arbeit und belegt Sachen meist schön – so dass ich jetzt auch nichts anderes sagen kann als: ja, das ist richtig. Nur entwickelt man sich ja glücklicherweise weiter (im Gegensatz zu vielen anderen :razz: ). (auch wenn ich mein zweites Zitat in diesem Zsh. nicht verstehe)

  13. September 20th, 2008 | 17:38

    (auch wenn ich mein zweites Zitat in diesem Zsh. nicht verstehe)

    Das 2. Zitat bezieht sich ja auf den Style over Substance bei TRANSFORMERS. Ton und Bild ergeben ein audio-visuelles Erlebnis, sodass dank der Action das Nicht-Erzählen einer Geschichte bei Bay für dich irrelevant ist. Diese audio-visuelle Komponente kann man aber WANTED ja nicht absprechen, zumindest nicht weniger als TRANSFORMERS.

    Nur entwickelt man sich ja glücklicherweise weiter

    Ach echt? Gut, dann wünsche ich mir eine neue Sichtung von TRANSFORMERS und bin auf die "neue" Wertung des Filmes gespannt :razz:

  14. September 20th, 2008 | 17:48

    Das verstehe wer will. Den "Roten Baron" als "Sportsmann" und als "deutschen Helden" abfeiern und "Wanted" dann als politsche Propaganda" abstrafen. :fall:

    Da gehe ich lieber einem Film wie "Wanted" auf den Leim, der nicht mehr ist, als stringente durchgestylte Action, als einen Blender wie der "Rote Baron" für Gut zu befinden, der unter seiner Fassade von ernstgemeinten Kino, nicht mehr ist als dümmlicher Schrott. ;-)

    Der Mann weiß bescheid.

  15. September 20th, 2008 | 17:49

    Das 2. Zitat bezieht sich ja auf den Style over Substance bei TRANSFORMERS. Ton und Bild ergeben ein audio-visuelles Erlebnis, sodass dank der Action das Nicht-Erzählen einer Geschichte bei Bay für dich irrelevant ist. Diese audio-visuelle Komponente kann man aber WANTED ja nicht absprechen, zumindest nicht weniger als TRANSFORMERS.

    Ja, das ist richtig. Ich habe da auch nicht gewertet – ich stellte nur fest, dass es hier greift. (des Weiteren habe ich das ja WANTED auch nicht primär vorgeworfen, sondern genügend andere Dinge)

    Ach echt? Gut, dann wünsche ich mir eine neue Sichtung von TRANSFORMERS und bin auf die "neue" Wertung des Filmes gespannt :razz:

    Da ich Dich ja kenne, nehme ich das jetzt mal nicht ernst, da Du es wohl auch kaum ernst nehmen kannst. Wenn doch, dann solltest Du wohl nochmal überlegen, was ich damit aussagte.

  16. September 20th, 2008 | 17:51

    Der Mann weiß bescheid.

    Ja, ich kann den Vorwurf auch durchaus nachvollziehen, denn er ist alles andere als falsch. Dennoch würde ich WANTED nicht als nicht-Blender bezeichnen wollen …

  17. September 22nd, 2008 | 17:41

    ja, das ganze hat keinerlei seele und ist sicherlich gewaltverherrlichend. aber so what? ich hatte meinen spaß. allein die alte idee mit den webstühlen. das kann man doch gar nicht ernst nehmen. und angelina war wieder so streng *grr*

  18. Twickers (1)
    November 3rd, 2008 | 21:16

    Den direkten Vergleich zu "Matrix" finde ich doch eher unpassend. Abgesehen davon, dass der Film einen neuen Look für Action gesetzt hat, die nicht erst in "Wanted" wieder auftaucht, ist das Thema eines Auserwählten auch schon viel älter. Und das ist immer am besten, wenn der Typ erstmal ein unscheinbarer/unzufriedener Außenseiter ist. Das war sogar John Connor in T2 schon. Und das Hinwenden zu Gewalt in Filmen darf man nicht auf die Goldwaage legen, sonst macht man schon den ersten Schritt zu der unsinnigen Theorie, dass Gewalt in Filmen (wie auch in Videospielen etc) zu realer Gewalt führt, wobei dummerweise der Rezipient und sein tatsächliches Umfeld immer so großartig ausgeklammert werden.

    Der Film ist ab 18. Und in diesem Fall sehe ich den Grund weniger in der Blutmenge, sondern tatsächlich auch in der gezeigten "Moral". Die ist nicht ganz sauber, aber keinesfalls würde ich dem Film das Wort "gewaltverherrlichend" andrehen. Bei Gewaltverherrlichung bleiben Konsequenzen aus und die Täter werden hochgejubelt. Aber was Wesley abzieht hat seinen Ursprung ja nicht in unbegründetem Hass oder einem Schwung von "weil ich es kann". Die Bruderschaft setzt Gewalt ein, um die Menschheit als Ganze zu schützen. Ein sehr zweifelhaftes System, aber vielleicht hat es sogar funktioniert, bis Sloan es ausnutzte. Dieses nun korrumpierte System wird aber schließlich auch beseitigt. Ja, mit Gewalt, aber eine andere Sprache zieht hier nun mal nicht.
    Hätte John McLane die Terroristen im Hochhaus zu einer Debatte auffordern sollen? Hätte Aragorn den Orks mit Hautpflegetipps entgegen kommen sollen? Innerhalb ihrer Filmwelten funktioniert die Gewalt und sie ist Teil der Unterhaltung. Politische Propaganda? Da wird dem Film mMn zu viel beigemessen. Genauso, wie ich noch immer den Kopf schüttel über die überflüssige "300 ist pro Irak Krieg" Diskussion.

    Die Demaskierung der Behörden… naja, vielleicht hat die FSK besonders etwas gegen
    [Planet Terror Spoiler]
    *********
    ein Kind, das sich die Rübe mit einer Waffe wegschießt, die Mutti ihm grade gegeben hat. Sehe ich natürlich als geniale Kritik am laschen Umgang mit Waffen in den US. Aber hier besitzen ja sowieso alle Gewehre und Pistolen – was hätten sie damit gemacht, wenn keine "Zombies" rumgelaufen wären.
    *********
    [/Planet Terror Spoiler]

    Ich halte das Indizieren von Filmen allgemein für Blödsinn, eine FSK18 sollte dafür sorgen, dass die Bürger einen Film sehen dürfen, wie er gedacht war. Aber um Zensur soll es hier ja nicht gehen.

    Was ich dem Film eher vorwerfen würde, als die Ausschlachtung der Gewalt zu Unterhaltungszwecken, wäre die direkte Beleidigung an den Zuschauer, die nichts vergleichbares in ihrem Leben leisten.
    Aber den Spruch darf man sicherlich nicht darauf beziehen, dass Wesley einige Menschen umgebracht hat, das wäre zu platt. Gefordert sehe ich eher die Hinterfragung dessen, was wir alles so hinnehmen. Aber das in einen so plumpen Spruch zu verpacken halte ich für misslungen.

    Gewalt zur Unterhaltung? Ist der Film, versteckt er nicht.
    Verherrlichung der Gewalt im Sinne einer subversiven Botschaft? Nein.

    Inhaltlich noch fragwürdiger und damit gehaltvoller wäre eine Umsetzung des Superschurkenmotivs aus den Comics gewesen. Aber die ist ja auch nicht vollkommen unreflektiert.

Kommentieren?