FFF: Junge Frauen bis ins Jenseits gequält

Martyrs
(Pascal Laugier, Frankreich/Kanada 2008)
Kino

Und sie will einfach nicht abbrechen. Die Rede ist natürlich von der Welle französischer Genrefilme, die derzeit den Horrormarkt überfluten und so schnell auch kein Ende zu nehmen scheinen. Der neueste Coup unserer Nachbarn: Martyrs, weniger ein Film als eine Grenzerfahrung, die einer Mutprobe gleichkommt. So sehen es zumindest etliche gorehounds, die den Film schon im Vorfeld abfeierten und dessen Veröffentlichungspolitik deren Rezeption nur weiter unterstreicht. Senator hat sich mit dem Kauf des Filmes wohl wahrlich keinen Gefallen getan, denn bereits Frontière(s) zeigte jüngst, dass die FSK beziehungsweise deren Juristen alles andere als begeistert sind von dieser gigantisch großen Welle. Doch alle potentiellen Käufer, die das Ganze auf dem FFF oder anderen Festivals verpasst haben, können aufatmen, denn Senator bringt den Film im Vertrieb über Österreich auf DVD, wie gerade erst bekannt wurde. Doch warum genießt die frankokanadische Koproduktion den Ruf einer Tour de Force, eines Filmes, an dem sich die Geister scheiden? Um es mit einer Metapher gleich vorwegzunehmen: Es wird heißer gekocht als gegessen, das macht Martyrs deutlich.

Laugiers Film macht sich aktuelle Ereignisse zu nutzen und beschreitet somit schon hier den Weg der Exploitation. Junge Mädchen werden in einem Keller festgehalten, wo sie jahrelang missbraucht und gefoltert wurden. Schließlich gelingt ihnen die Flucht, Zeit vergeht und es kommt natürlich der Tag, an dem sie blutige Rache nehmen. Rache, eines der wohl geläufigsten Motive des Exploitationkinos. Diese findet ihren vorläufigen Höhepunkt natürlich auch hier in einem äußerst blutigen Beginn, der keine Rücksicht auf Opfer nimmt und an Kaltschnäuzigkeit kaum zu überbieten ist. Alles ist schnell erledigt, man kann sich nach diesen ersten fünfzehn Minuten also zum ersten Mal zurücklehnen. Zeit für eventuelle Gewissensbisse der Protagonistin bleibt aber nicht, denn die nächste Welle des Terrors in Form eines weiteren, diesmal schmerzlich degenerierten Opfers, steht bevor. In bester Asiahorrortradition mach dieses 'Ding' dann erst einmal ordentlich Rabatz, sodass auch dem Letzten endlich klar wird, dass das anfängliche Familienidyll reine Charade war – gewisse Fälle aus Österreich lassen grüßen (und nicht vergessen: hier wird die DVD veröffentlicht …). Doch da man in letzter Zeit ja schließlich härteres gewohnt ist, ist hier noch lange nicht Schluss.

In seiner ersten Hälfte ist Martyrs feines Genrekino, das bisweilen sogar reflektiert und mit einigen Momenten aufwartet, die einen durchaus die Fingernägel anknabbern lassen. Seine Struktur der Geschichte ist dabei auch noch recht offensichtlich und der Verlauf des Ganzen scheint absehbar. Martyrs ist also ein weiteres Puzzleteil, perfekt ins ganze Bild passend, aber nichts Großes oder Besonderes neben seinen anderen Kollegen. Doch dann passiert plötzlich etwas, das ebenso wenig vorhersehbar war, wie der plötzliche Tod am Frühstückstisch einer vermeintlich normalen Durchschnittsfamilie. Martyrs beschreitet nicht nur astreine Exploitationgefilde, sondern 'verkommt' dabei sogar immer mehr zu einer Art Film, von der man dachte, sie heutzutage eigentlich nicht mehr zu sehen zu bekommen. Es waren Filme wie Hexen bis aufs Blut gequält und Konsorten. Filme, die damals schnell heruntergespult wurden, dem Zuschauer genau das gaben, was er wollte und dann schnell wieder vergessen werden sollten. Aus heutiger Sicht sind sie aber Perlen aus einer Zeit, die uns so herrlich naiv erscheint. Der Schockfaktor und die Bedenklichkeit sind zwar immer noch geblieben, aber irgendwie wollen wir den Machern doch verzeihen, nehmen wir ihre Werke doch nicht einmal im Ansatz ernst.

Genau diesen Weg geht auch Martyrs. Urplötzlich kommt der Bruch, der das bis dahin zwar gewalttätige, aber dennoch atmosphärische Coming-of-Age-Drama zu einem ebendieser Filme werden lässt, auch wenn die genannte Naivität bisweilen zu fehlen scheint. Und spätestens hier muss man die häufig genannten Superlative auch wiederholen, denn was Laugier hier in den letzten 30 Minuten vom Stapel lässt, stellt wirklich alles, ich wiederhole, alles, in den Schatten, was man aus dieser Ecke des Kinos in den letzten Jahrzehnten gesehen hat. Martyrs ist dabei aber buchstäblich mehr psychische als physische Folter. Den realen Hintergrund hat man jedoch längst verworfen beziehungsweise vergessen, denn dessen, was man hier Zeuge wird, kann gar kein Pendant in der Realität finden, niemals. Doch genug der Superlative, denn auch der Film lässt irgendwann von ihnen ab. Es kommen Elemente ins Spiel, der so over the top sind, dass sie – ja, trotz dieser Thematik – fast schon wieder als comic relief zu lesen sind. Und so wird man auch Zeuge ebenjener Naivität, die hier keinen jahrzehntelangen 'Reifeprozess' benötigt, sondern ob ihrer Darbietung sofort präsent ist.

Man will es dann irgendwann einfach nicht mehr glauben, was man da sieht. Einerseits wegen all dem Schmerz, dem man beiwohnt, andererseits wegen der Dreistigkeit, mit der Laugier sein Publikum fast schon vorführt. Man ist hin und her gerissen zwischen den Emotionen, und wäre es im Kinosaal nicht so ruhig wie auf einem Friedhof, man könnte zu Teilen sogar in lautstarkes Gelächter ausbrechen. Vielleicht ist dieses aber auch nur eine Reaktion auf das Geschehen auf der Leinwand, eine, die von einem Gros des Rezipienten als absolut unangebracht aufgenommen werden könnte. Vielleicht wollen aber gerade die aber nicht das sehen, was ihnen da gerade vorgesetzt wird. Das ist nämlich nichts anderes als unverschämt dreiste und reinrassige Exploitation, die nicht nur konsequenter als all jene Versuche eines Tarantino oder Rodriguez ist, sondern auch gar keinen großen Hehl darum macht. Ein flaues Gefühl im Magen bleibt ob des Gesehenen aber dennoch, keine Frage, denn dafür ist das Ganze viel zu ambivalent. Mit Martyrs haben die Franzosen ihre eigene Messlatte jedenfalls so hoch angesetzt, dass es nahezu unmöglich sein dürfte, an diese in naher Zukunft wieder heranzukommen. Ein Monster von einem Film – und das auf so vielen Ebenen! (8.5/10)

Erscheint bei X-Rated


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6 Kommentare zu “FFF: Junge Frauen bis ins Jenseits gequält”

  1. Oktober 12th, 2008 | 19:50

    Ich leck mir gerade die Finger. Danke für das tolle Review, jetzt freue ich mich noch mehr auf den Film :love:

    (Hoffentlich wirds kein Reinfall wie Inside :roll: )

  2. Oktober 12th, 2008 | 19:52

    kann gar kein Pendant in der Realität finden

    Ich glaube du unterschätzt die Realität :evil:

  3. Oktober 12th, 2008 | 20:00

    Ich glaube du unterschätzt die Realität :evil:

    Möglich, aber ich bin mir doch ziemlich sicher, dass es so etwas nicht geben wird (ja, ich habe noch Hoffnung in die Menschheit – wie Optimus Prime eben …).

    :fall:

  4. Daniela (6)
    Oktober 12th, 2008 | 23:38

    Danke für die tolle Review!
    Habe soeben erst nen Sondernewsletter erhalten um die DVD vorzubestellen aber hatte keinen Schimmer was das für ein Knaller sein sollte…werd ich wohl doch schon mal bestellen, dank dem wahnsinns Vorgeschmack von Dir :love: (hab ja auch hier erst den Hinweis zu "Haute Tension" erhalten von dem ich gigantomatisch begeistert bin, nicht zuletzt als "New Born" einsetzte und ich am zittern war…hihi)…aber März 2009… :cry:

  5. Oktober 13th, 2008 | 1:12

    Nee, Cleric, in der Realität gibt es sowieso keine schlimmen Dinge.

    Auch nicht auf Guantanamo, wo deine geliebten US-Militärs nicht ungestraft hübsche Folterspielchen treiben.

  6. Oktober 13th, 2008 | 14:06

    @Daniela

    Danke für die netten Worte.

    @Rajko

    Das ist richtig, das will ich nicht abstreiten – Guantanamo ist fast schon ein großer Fleck auf dem Sternenbanner …

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