Lippen, so rot wie Blut

Låt den rätte komma in
(Tomas Alfredson, Schweden 2008)
Kino

Eli (Lina Leandersson) ist gerade mal zwölf Jahre alt, verfügt aber bereits über eine Schambehaarung, welche die Kamera nur für den Bruchteil einer Sekunde einfängt. Sie ist gerade dabei im Begriff sich ein Kleid überzuziehen, da blickt der ebenfalls 12-Jährige Oskar (Kåre Hedebrant) durch den Türspalt und wirft einen Blick auf das, was ihm bisher noch nicht unter die Augen getreten ist. Das ist jedoch nicht die einzige Intimität, die dem eher unscheinbaren Oskar im Verlaufe des Filmes zuteil wird. Er teilt sich ein Bett mit einer nahezu völlig unbekleideten Eli, die ihm buchstäblich Wärme in einer kalten Winternacht schenkt. Wärme, etwas, das Oskar nicht kennt. Nicht nur, weil er in einem kleinen schwedischen Dorf wohnt, in dem es weit und breit nichts anderes als die Farbe Weiß zu sehen gibt. Zum anderen, weil er ein Scheidungskind ist, das mit seiner Mutter zusammen lebt und seinen Vater nur selten sieht. Gerade in seinem Alter braucht man Letzteren aber besonders, vor allem auch, weil Oskar in der Schule zum alltäglichen Opfer seiner Mitschüler und deren unstillbarem Folterverlangen wird.

Oskar ist kühl, kein Wunder. So hantiert er dann auch mit Dolch und übt die Rache an seinen Peinigern an einem Baum, der ein halbes Dutzend Mal als Surrogat für den menschlichen Torso herhalten muss. Seine Mutter ist zwar immer für Oskar da, aber schränkt sie ihn auch in seinem Bewegungsrahmen ein. Da kommt plötzlich Eli in sein Leben. Sie gibt ihm nicht nur Wärme, sondern stellt zugleich auch die nunmehr einzige Bezugsperson dar, an die er sich wenden kann. Sein Vater hat zwar Zeit für ihn, will diese aber auch seinem Lebenspartner nicht vorenthalten. Oskar hat also allerlei zu verdauen: Die Scheidung seiner Eltern, die Homosexualität seines Vaters – wir schreiben immerhin das Jahr 1982 -, die Probleme in der Schule und seine gerade erwachende Pubertät. Eli ist die Initiatorin für diese Entwicklung, die Oskar durchmacht. Sie leitet die story of initiation ein, zu der sich ein teilweise klassischer Vampirplot gesellt. Let the Right One In, so der internationale Titel des Filmes, setzt nämlich voraus, dass man sich mit den Topoi der sagenumwobenen Kreaturen ein wenig auskennt. So markiert schon der Einzug Elis und ihrer einzigen Bezugsperson (es wird nicht klar, ob es ihr Vater oder einfach nur ein 'Diener' ist), wenn diese alle Fenster zukleistert, dass hier etwas nicht ganz stimmen kann. Spätestens wenn Eli mit Leichtigkeit ein Klettergerüst hinunterschwebt, wird auch Oskar langsam klar, dass er es hier nicht mit einem gewöhnlichen pubertären Mädchen zu tun hat.

Doch ist es weniger Oskars Lebenserfahrung als seine Intelligenz und seine Effizienz – er liest sehr viel und klaut seiner Mutter auch schon mal die Tageszeitung -, die ihn langsam aber sicher erkennen lassen, mit wem er es hier eigentlich zu tun hat. Let the Right One In ist aber mehr als nur ein Vampir- oder Coming-of-Age-Film. Alfredsons Film ist vielmehr auch ein waschechter Liebesfilm, der zwei ausgegrenzte Seelen zusammenführt, die einiges zu überstehen haben, aber stets Seite an Seite stehen. Die einzige Frage dabei ist nur, ob das Alter dabei eine Rolle spielt. Können sich die beiden 12-Jährigen wirklich lieben oder ist Oskar einfach nur bereit, alles für einen 'Partner' zu tun? Es ist nicht nur Elis Mut und Courgage, die ihn beeindruckt, sondern vielmehr auch ihre Andersartigkeit, die ihm zwar fremd aber irgendwie doch wieder bekannt ist. Alfredson zeichnet diese Figurenkonstellation sehr fein, und was anfangs für Aufsehen sorgt, nämlich ebenjene Intimszenen zwischen den beiden, verwandelt sich spätestens dann in Wertschätzung, wenn die Figuren immer enger zusammenkommen und es schließlich deutlich wird, was Oskar an Eli findet und vor allem hat und vice versa.

Dass Alfredson aber keinen reinen Liebesfilm im Sinne hatte, zeigt sich in einer spektakulären Krankenhausszene, die man wohl so schnell nicht vergessen wird. Doch auch diese wiederum ein Liebesakt in sich. Letztere ist ein Beispiel dafür, wie der ruhige, sehr melancholische Film immer wieder von Akten der Gewalt durchdrungen wird, die ihre Klimax in einer nicht weniger intensiven Mise-en-scène findet, wie jene im Krankenhaus. Dieser Hybrid besticht jedoch nicht nur aus seiner zwar einfachen aber effektiven Zusammensetzung, sondern vielmehr lebt er auch von seinen beiden großartigen Protagonisten, an deren Chemie nicht einmal große Hollywoodpaare herankommen. Dass es wahre Liebe ist, für die Oskar auch seine sonst so große Rationalität fallen lässt, zeigt schließlich ein einfacher Morsekode des schwedischen Wortes 'Puss', das nichts anderes meint als einen kleinen Kuss. Von nun an aber ohne blutrote Lippen. (8.5/10)


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18 Kommentare zu “Lippen, so rot wie Blut”

  1. Dezember 21st, 2008 | 14:47

    Wirklich gigantisch geil der Film!!!

    werde mich bei Gelegenheit wohl mal das Buch anschaffen

  2. Dezember 21st, 2008 | 22:17

    nettes detail, das mit dem morsecode. hab ihn auf dem FFF gesehen und bin dankbar, dass ich nicht die synchro sehen musste.

  3. DexterWard (10)
    Dezember 22nd, 2008 | 0:20

    Ich dachte Eli wäre geschlechtlos und fand ihre Art Oskar an sich zu binden ziemlich clever. Aber ich finde auch Dracula total fies und unromantisch :cool:

  4. Peter von Frosta (13)
    Dezember 22nd, 2008 | 9:39

    Hmmm, 12-jährige, Schambehaarung zu sehen, Deutschland, böse?
    Würde mich nicht wundern wenn der hier zensiert erscheint :fall:

    Nuja im März kommt die US Blu-ray, bis dahin brauche ich nen Kotfree Player.

  5. Lukas (1)
    Dezember 24th, 2008 | 14:37

    Solche Filme können auch wieder nur aus Schweden kommen … tzz

  6. Dezember 24th, 2008 | 14:46

    Was soll das denn heißen?

  7. Dezember 24th, 2008 | 14:48

    Hmmm, 12-jährige, Schambehaarung zu sehen, Deutschland, böse?

    Ja, dachte ich mir auch, erst recht auch wegen der neuen Gesetzeslage. (aber es soll ja im Roman anscheinend eine Narbe sein …)

  8. DexterWard (10)
    Dezember 24th, 2008 | 23:09

    (aber es soll ja im Roman anscheinend eine Narbe sein )

    Im Roman stellt sich heraus, dass Eli für Elias steht. Er sagt Oscar ja auch, dass er kein Mädchen ist..

  9. Ich (1)
    Dezember 25th, 2008 | 0:41

    Das mit den Schamhaaren stimmt nicht ganz. Ich denke es soll die Narbe sein, die Eli dort hat (warum ist im Buch zu lesen).

  10. Dezember 25th, 2008 | 23:32

    Der Film übersetzt das Buch hervorragend, bzw. gewinnt der Story ganz neue Facetten ab. Während das Buch "schmutziger" und deprimierender ist, hat man beim Film teils ein richtig wohliges Gefühl von Zuneigung zu den beiden kleinen im Bauch. Dass die Geschlechtslosigkeit von Eli dabei untergeht, finde ich nicht weiter tragisch…

  11. Al (1)
    Januar 1st, 2009 | 4:31

    Hmm, blöde Kritik. Es ist so unwichtig, ob man in dem Film nun kurz die Schambehaarung sieht oder nicht, ts.
    Schade, dass der Rezensent so an der Oberfläche bleibt. Dieser Film hat so viele interessante Details und Möglichkeiten, die sich der Zuschauer selbst vorstellen kann, da hätte ich mehr von einem Filmkritiker erwartet.
    Nur noch so als Hinweis für die Leser und potentiellen Kinogänger: Diener oder Vater? Es gibt durchaus noch mehr denkbare (und genauso schlüssige) Lösungen. Als Zuschauer nicht schon vorher einschränken lassen ;-)

  12. Januar 1st, 2009 | 15:29

    Ich würde ja zu gerne einmal Ihre Kritik lesen, aber das wird wohl nichts, oder? Und wer hat behauptet, dass ich Filmkritiker sei?

  13. Januar 10th, 2009 | 23:16

    Ach Cleric, sei dankbar, dass der Meckerer ohne Schimpfworte oder "du bist ja sowas von ein idiot der keine ahnung hat und ich mecker einfach mal weil mir danach ist" auskam, das zählt in der heutigen Zeit viel mehr *find* :smile:

  14. Oleg (1)
    Januar 16th, 2009 | 1:33

    Der Vater ist nicht Homosexuell. Man betrachte einmal, wie lange er überlegt bevor er zum ersten Schluck ansetzt. Alkoholiker würde eher passen.

    Eindeutig eins der besten Filme diesen Jahres!
    Herrlich was Eli am Schluss veranstaltet :)

  15. Phineas (1)
    Mai 3rd, 2009 | 15:46

    Zu etwas anderem:
    Der "Diener oder Vater" war meiner Wahrnehmung nach schlicht der Vorgänger von Oskar. Da Eli schon eine ganze Weile 12 ist hat sie vermutlich vor ca. 55 Jahren schonmal nen netten gleichaltrigen kennengelernt, den sie jetzt, abgenutzt und nunfähig wie er ist, sitzen lässt. Ich finde man sieht wie der ältere Begleiter unter der Missachtung durch Eli leidet. Grandios, wischiwaschi Persönichkeiten sind ja auch lahm..

    Gruß
    Phineas

  16. Mai 6th, 2009 | 13:59

    Schambehaarung ist völlig falsch. Ich kannte das Buch zuvor nicht und habe bei dieser Minieinstellung direkt wahrgenommen, dass es eine Narbe / Verwachsung ist. Erst später durch Spoiler und Buchrezensionen wurde ich gewahr, dass Elias von seinem Erzeuger quasi kastriert wurde.

    Für den Film ist das nicht wichtig, kann man die Abwesenheit primärer Geschlechtsmerkmale auch dahingehend deuten, dass das bei Vampiren vllt. einfach so ist. Elis mehrfache Aussage, sie sei kein Mädchen kann man ebenfalls auch ohne das Buch dahingehend deuten, als dass sie eben weder Mann noch Frau, sondern Vampir ist. So gesehen wurde zwar Info aus dem Buch nicht übernommen, aber schadet der Geschichte kein bischen.

    Interessanterweise habe ich mir von Anfang an beim Film Gedanken gemacht, ob das nun wirklich ein Mädchen ist. Schlussendlich spielt das aber keine Rolle, weil es nicht um geschlechtliche Liebe geht, sondern eine davon nicht abhängige Form von Romantik, geboren aus der Sehnsucht.

    Interessant auch, dass noch keine der vielen Kritiken die ich las speziell auf diese Szene einging und auch nicht auf die kurzen Augenblicke, wo Eli ein altes graues Gesicht ohne Geschlecht hat. Einmal nachdem sie Oskars Blut aufgeleckt hat und ihn anschreit zu verschwinden und einmal wo sie auf ihm sitzt und ihn beschwört "Lieber Oskar, werde ein klein wenig mehr wie ich.".

    Wirklich ein sehr guter Film, der seit 23. April im Verleih ist und die DVD erscheint am 20. diesen Monats.

  17. Mai 6th, 2009 | 19:13

    Ich stimme Dir in den meisten Punkten zu, ja. Im Prinzip ist es egal, ob es Schamhaar oder eine Narbe ist, ich weiß nach einigen Kommentaren, die mich darauf hinwiesen nun auch, dass Letzteres zutrifft.

  18. DeaConFrosT (1)
    Oktober 19th, 2009 | 8:07

    Ein grandioser Film mit einer grandiosen Schauspielerin Lina Leandersson.

    Klar merkt man das skandinavische am Film aber die atmosphäre die sich entwickelt hat nicht jeder film und ein wenig Hollywood bringt ja die 12 jährige mit ihrem Talent mit.

    9/10 von mir.

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