»Of all the gin joints in all the towns in all the world …«


… she walks into mine!" Ein Satz, der bei mir Gänsehaut auslöst wie wohl kein zweiter. Natürlich, es ist Bogeys Monolog aus Casablanca. Warum ich das gerade jetzt, 67 Jahre nach dem Kinostart und mehr als eineinhalb Jahre nach der Wiederaufführung, sage? Vergangenen Montag durfte ich, wie es vielleicht der eine oder andere schon bei Twitter geselen hat, den besten (amerikanischen) Film zum ersten (und hoffentlich nicht letzten) Mal im Kino sehen. OV, mit ausgezeichnetem, dem Film ebenfalls hingegebenen, Publikum und in einem kleinen, äußerst netten Programmkino (man beachte auch das vorzügliche Klassikerprogramm der nächsten Monate).

Zwar stellte sich nach dem Abspann heraus, dass es sich nicht um eine 35mm-Kopie handelte, sondern um eine (digitale?) Projektion, aber das war angesichts der Gefühlsachterbahn zur reinen Nebensache verkommen. Richtig, eine Gefühlsachterbahn, anders ließe sich dieser Kinobesuch auch nicht beschreiben. Schon der Vorspann, das große Logo der Warner Bros., lässt mir alle Härchen senkrecht stehen. Ein Magic Moment reiht sich an den anderen, die Hände schwitzen trotz der Minusgrade vor der Türe und nahezu im Sekundentakt scheint sich mir ein neues, zuvor nicht wahrgenommenes Detail zu erschliessen.

Dann, der erste Auftritt Bogeys, es könnte sich Jennifer Garner neben mir ausziehen, meiner Konzentration würde dies keinen Abbruch tun. Wenig später das gleiche mit Ingrid Bergmans Figur Ilsa. Ihr erstes Zusammentreffen, ihre Aufforderung an Sam, es zu spielen – "Play it, Sam … for old time sakes!" -, die Rückblende nach Paris ("Here's looking at you, kid."). Ich könnte den ganzen Film Station für Station abklappern, jedes Moment mit meinen Lieblingszitaten ausführen und dennoch würde es nicht die tiefen Emotionen wiedergeben, die ich während des Filmes empfand. Casablanca muss jeder für sich erleben, und wenn er sich weigert dies in der unsynchronisierten und damit auch unzensierten Fassung zu tun, dann hat er sowieso schon verloren und wird nie verstehen können, was den Film so besonders macht.

Irgendwann hatte ich dann auch mit den Tränen zu kämpfen, doch ein Blick auf die Reihen vor mir bestätigte, dass ich weiß Gott nicht der Einzige war, dem so geschah. Sowieso, man konnte sogar das Rauschen der Klimaanlage hören, so muxmäuschenstill war es im Saal. Gelacht wurde natürlich auch, mehr sogar, als ich in Erinnerung hatte. Verwundert oder vielmehr überrascht hat mich auch, dass der Film das Thema Sexualität ziemlich explizit anspricht. Captain Renault, der zwiespältige Präfekt mit einem übergroßen Herz für das weibliche, meist sehr junge, Geschlecht (eigentlich aber auch wieder nicht weiter verwunderlich, denn der Noir thematisierte Sexualität schon Jahre zuvor ziemlich explizit).  Ebenfalls auch (erneut) erstaunt gewesen, wie der Film mit dem Thema Krieg und Nazideutschland umgeht ("Even Nazis can't kill that fast!").

Ich bin froh, dass ich zumindest einige 'nüchterne' Aspekte anführen konnte, denn eigentlich dachte ich ja, dass diese Zeilen zu reinem Pathos verkämen. Pathos, das selten angebrachter war und in dem ich mich selten wohler fühlte. Casablanca ist der Inbegriff von Kino, tangiert er doch das volle (emotionale) Spektrum des Mediums. "Im Kino gewesen. Geweint." (Franz Kafka)


Tags , , , , , , , , , , ,

2 Kommentare zu “»Of all the gin joints in all the towns in all the world …«”

  1. Februar 13th, 2009 | 12:42

    Das ist aber schon sehr strittig… das mit dem besten amerikanischen Film. ;)

  2. Tobias (60)
    Februar 20th, 2009 | 12:45

    Anfang Januar konnte ich "Casablanca" von 35mm sehen. Die Leinwand des Savoy in Hamburg macht auch mehr her als das Corso ;-).

    Aber vielen Dank für den Hinweis, die Reihe hätte ich aufgrund meiner Abneigung gegen das Corso fast verpasst. Da werde ich mal vorbeischauen. Am besten gleich nächsten Montag.

Kommentieren?