Zur Katharsis durch die Katharsis

The Wrestler
(Darren Aronofsky, USA/Frankreich 2008)
Kino

Wrestling, oder wie es bei uns damals hieß, Catchen, ist ein abgekartetes Spiel. Man einigt sich bereits im Vornherein auf einen Sieger, bespricht die jeweiligen Würfe, Schläge und Effekte, sodass keiner der beiden Kontrahenten ernsthaften Schaden nimmt, dem Publikum aber dennoch die perfekte Illusion präsentiert wird. Warum man sich so etwas anschaut? Etwas, das außer heißer Luft im Prinzip nichts ist? Warum gibt man sich immer wieder aufs Neue der Illusion zweier hart kämpfender, schwitzender Männer hin, die meist aussehen als seien sie zu lange im Fitnessstudio und im Solarium gewesen? Von ihren eingeölten und teils deformierten Körpern ganz zu schweigen.

Es ist eine Faszination, hinter deren Bühne ich auch noch nicht gestiegen bin. Man fiebert ja doch immer wieder mit, lässt sich vom eleos und phobos gefangen halten – denn streng genommen ist es ja auch nichts anderes als Theater. Und was für eines. Den Protagonisten wird eine Bühne geboten, eine, auf der sie sich austoben dürfen; so wird es uns zumindest weiß gemacht, denn auch dieses Theater folgt einem strengen dramatischen Ablauf. Und auch eine Katharsis fehlt hier nicht. Eine Katharsis, die hier gleich in jeglicher Form auftritt. Sie betrifft weniger den Zuschauer als vielmehr den Protagonisten. Mickey Rourke erfährt diese nicht nur im Film als Randy 'The Ram' Robinson, sondern vielmehr auch als Mickey Rourke. Der Mann, dessen Schicksal besiegelt schien, meldet sich eindrucksvoll zurück und reinigt sich von nahezu all seinen vorherigen Sünden.

Es ist schon fast erschrecken, wenn man sieht, wie maßgeschneidert Aronofsky die Rolle für Rourke hat. Da steckt ein Mann in einer seiner tiefsten Krisen und ist auch physisch nur noch ein Abziehbild seiner selbst. Es ist erschreckend wie Rourke in The Wrestler aussieht, wenngleich er auch paradoxerweise nicht besser schlecht für diese Figur des alternden Wrestlingstars aussehen könnte. Das Erfreuliche dabei: Rourke spielt auch mindestens so vielschichtig und gezeichnet wie sein von Botox, Drogen und Alkohol gezeichnetes Gesicht. Er geht in der Rolle auf, weil er nicht das tun muss, was ein Schauspieler für gewöhnlich tut, nämlich etwas perfekt vorzugeben, das er nicht ist, sondern weil er er selbst ist, sich selbst spielt. Spielen, ein Motiv, das den Film durchzieht wie kein zweites. Jeder im Film spielt eine Rolle, eine Rolle die ihnen im Verlaufe des Filmes zum Verhängnis wird. Nur Randy hat das Spielen satt und muss einen hohen Preis dafür bezahlen.

Er erleidet einen Schlaganfall, soll sich für immer aus dem Wrestlinggeschäft zurückziehen. Seine Blütezeit ist sowieso schon lange vorbei (einmal mehr muss man eigentlich nicht zwischen Charakter Randy und Rourke unterscheiden, denn alles scheint sie beide zu tangieren), doch damit will er sich nicht abfinden. Schließlich ist er für einen Mann doch im besten Alter – und zumindest optisch strahlt er noch eine Physis aus, die an seine besten Tage erinnert. Doch wie alles in Randys Leben ist es nur eine Illusion, denn er kommt nicht einmal mit so einfachen Dingen wie dem Alltag klar. Tief verschuldet schwelgt er in alten Zeiten und vertreibt sich seine viele Freizeit mit Videospielen, in denen er seinen eigenen Charakter jeden Tag aufs Neue zum Sieg führen kann – wenn er nicht gerade Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) besucht, die ebenfalls nicht mit ihren Identitäten klarkommt.

So wundert es dann auch nicht, dass er in ihre neben sexueller Zuneigung auch eine Seelenverwandte findet, der diese Rolle aber alles andere als gefällt. Vielleicht erkennt sie – im Gegensatz zu Randy -, dass sie sich mehr gleichen als ihnen lieb ist. Beide tragen sie eine Maske, eine Maske, die nicht nur aus Makeup und Selbstbräuner besteht. Der einzige Unterschied: während der eine wieder in ebendiese Rolle schlüpfen will, wie die andere endlich raus aus dieser Verkleidung. Auch der Nachwuchs verbindet sie beide. Während Randys Tochter schon lange mit ihm gebrochen hat, da dieser nie Zeit für sie hatte, ist es bei Cassidy zwar noch nicht ganz so weit, aber berufsbedingt kommt auch ihr kleiner Sohn zu kurz. Dass Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) ebenfalls Ausflucht sucht – in die Homosexualität – ist dabei nur allzu verständlich.

Aronofsky nimmt sich viel Zeit für jeden einzelnen dieser Charaktere, verleiht ihnen eine Tiefe und Verletzlichkeit, die er schon in seinem letzten Film so meisterlich dazustellen wusste. Wie in Letzterem ist es auch hier nur vermeintliches Pathos, das diese Emotionalität in, zischen und für die Charaktere schafft. Vielmehr ist es aber eine feine Charakterzeichnung, die durch kurze Szenen meist mehr über diese aussagt als es ein Monolog oder ellenlange Dialoge im Stand wären zu tun. So steht Randy irgendwann hinter der Theke einer Supermarktmetzgerei, lässt sich von den Kunden anpöbeln und herumschupsen. Doch das ist er nicht gewöhnt, das ist nicht er. Randy ist ein Kämpfer, und auch wenn diese im Wrestling weniger geeignet sind als Schauspieler, so macht gerade dies sein Erfolgsrezept aus. Randy geht immer einen Schritt weiter. Für das Publikum und sich selbst.

Irgendwann beantwortet Aronofsky dann auch die Frage nach dem Zielpublikum dieser Wrestlingshows. Es sind Fanboys, Menschen für die diese Wrestler ewige Vorbilder bleiben werden – ein Mann erkennt Randy dann auch noch hinter der Theke und in Schutzkleidung – und sich dieser Illusion völlig hingeben. "Use his leg, use his leg, use his leg, …!", brüllt der Mob dann auch beim Kampf – es ist das künstliche Bein eines Teenagers, der zufällig mitten in den Kampf der beiden Kontrahenten gerät. Es ist ihnen egal, ob sich ihr Idol vorher mit illegalen Präparaten voll pumpt; Hauptsache der Kampf hält das, was er verspricht. Eine kleine Milieustudie, die pointierter kaum sein könnte ("USA! USA! USA!"). Dieser Haufen verpickelter und wütender Teens und infantilen Erwachsenen ist es dann schließlich auch, der Randy als einziger die Treue hält.

Randy macht das, was er zu tun hat. Er bedankt sich bei seinen Fans, geht zu den Menschen, die ihm über all die Jahre treu geblieben sind. In guten wie auch in schlechten Zeiten. Letztere musste Randy lange genug durchmachen. Ohne Rücksicht auf Verluste sucht er das Comeback, seine Erlösung. Er weiß, dass es nur noch die Flucht nach vorn gibt und er bekommt seine Katharsis. Mickey Rourke bekommt sie. Der Zuschauer bekommt sie. (10/10)


Tags , , , , , , ,

12 Kommentare zu “Zur Katharsis durch die Katharsis”

  1. Februar 18th, 2009 | 0:35

    Er erleidet einen Schlaganfall

    Aber nur, wenn man sein Gehirn in der Brust mit sich herumträgt.

    Während Randys Tochter schon lange mit ihm gebrochen hat, da dieser nie Zeit für sie hatte, (…) [sucht] Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) ebenfalls Ausflucht (..) – in die Homosexualität

    Elterliche Vernachlässigung = Homosexualität. Hoffentlich liest die von der Leyen das.

  2. Februar 18th, 2009 | 0:39
    Aber nur, wenn man sein Gehirn in der Brust mit sich herumträgt.

    Anfall, was genau, ist doch unwichtig.

    Elterliche Vernachlässigung = Homosexualität. Hoffentlich liest die von der Leyen das.

    Hoffe ich auch.

    So, mal Deines lesen und auch Haare spalten … :p

  3. Februar 18th, 2009 | 7:33

    Das mit der Flucht in die Homosexualität konnt ich im Film jetzt nicht sehen. Aber sonst gibt es zustimmung. 10/10 passt, schon alleine wegen der grossartigen Charakterstudien.

    Und da ixh mich auch zu "diese(m) Haufen verpickelter und wütender Teens und infantilen Erwachsenen" zähle nehm ich dir diese verallgemeinerung mal nicht übel.

    Und warum man sich das immer wieder anschaut? Ist doch klar, Wrestling ist Soap Opera für Männer (und vernunftbegabte Frauen). Also Soap ohne Liebe und Schmacht, dafür mit Gewalt und oftmals Brutalität. Perfekt also. ;-)

  4. Februar 18th, 2009 | 10:00

    [...] Equilibrium eingetragen von [...]

  5. Februar 18th, 2009 | 13:35

    Der Homo-Spruch ist wieder Stilblüte Deluxe. :D

  6. Februar 18th, 2009 | 18:22
    Das mit der Flucht in die Homosexualität konnt ich im Film jetzt nicht sehen.

    Der Homo-Spruch ist wieder Stilblüte Deluxe. :D

    Ich empfand es als Flucht vor ihrem Vater, ihrem Leben, das sie an ihn ereinnert. Bei ihrer Mitbewohnerin findet sie die Geborgenheit, die ihr Randy nicht geben konnte (ist es eigentlich eindeutig, dass die lsebisch ist, denn wenn ich mich rech entsinne, gibt es ja keinen Kuss o.ä. zwischen den beiden, oder?).

  7. Februar 18th, 2009 | 18:24

    Immer mehr Kinder vernachlässigt. Es drohen Drogensucht, Jugendkriminalität und Homosexualität. Deshalb Herdprämie, und zwar jetzt! Ich kann nicht mehr, echt nicht.^^

  8. Februar 18th, 2009 | 18:27

    Selber ausgedacht oder woher? Von mir ist das nicht … :fall:

  9. Februar 18th, 2009 | 18:40

    Na komm schon. Das ist wirklich ein blöder Satz.

  10. Februar 18th, 2009 | 22:11

    Aber nicht so blöd wie der mit der Muschi aus dem LET THE RIGHT ONE IN-Text.

    *g*

  11. Februar 18th, 2009 | 22:18

    Also der war doch ein instant classic, oder etwa nicht!? :p

  12. Februar 23rd, 2009 | 11:24

    [...] Equilibrium: 10/10 [...]

Kommentieren?