'The Hurt Locker' und sein einsamer Besitzer


Es ist nichts Besonderes, dass politische Ereignisse, speziell Kriege, das Kino beeinflussen. Während seit 2003 der Krieg der Koalitionstruppen unter Führung der Amerikaner im Irak tobt, sprossen Filme über diese sowohl militärische, als auch kulturelle und religiöse Auseinandersetzung wie Pilze aus dem Boden. Meist waren es die jungen Soldaten, um die sich alles drehte, ihre Emotionen, Verluste und ihren Alltag. Ein Actionfilm wurde selten daraus, das Drama mit den obligatorischen Kriegsszenen dominierte und dominiert bis heute. Kathryn Bigelow nimmt sich das setting im Irak um einen Actionfilm zu drehen. Zumindest primär. Statt einer ganzen Kompanie zu folgen beschränkt sie sich auf gerade mal drei dramatis personae, die einem Bombenräumkommando angehören und für dessen Spezi Staff Sergeant James (Jeremy Renner) das alles nur ein einziges großes Machoabenteuer darstellt. Egal wie groß die Bombe, wie kurz der Timer, wie groß der Druck, er hat stets noch einen coolen Spruch auf den Lippen, der Tod kümmert ihn scheinbar kaum.

Bigelows The Hurt Locker ist im Kern vielleicht ein Actionfilm, insgesamt kann aber auch er sich den theatralischen, von Pathos durchtränkten, Sequenzen nicht ganz entziehen. Dies wird vor allem gegen Ende deutlich, wenn wir uns kurzzeitig nicht mehr im Irak, sondern in den Staaten befinden, wo das Leben James völlig überfordert. So männlich-machohaft und großspurig Bigelow Renners Charakter in den ersten 100 Minuten auch auslegen mag, so klein wirkt er doch in diesen Szenen. Da steht er vor dem Supermarktregal und soll für seine Familie Cornflakes kaufen. Nur welche? Im Irak hatte er eine geregelte Aufgabe: die Bombe zerstören, bevor sie ihn und zahlreiche Andere zerstört. Hier wird ihm die Masse, repräsentiert durch ein riesiges Regal voller Cerealien, aber erstmals bewusst, die Übermacht, der er gegenübersteht. Alles scheint irgendwie vertauscht worden zu sein, schnell merkt er, dass das zivile Leben nichts für ihn ist, da es ihn schlichtweg überfordert.

Seine Profession ist das Bombenentschärfen. Nichts anderes. Er ist vielleicht sogar auch ein schlechter Familienvater, lässt er seine Frau (Evangeline Lilly) und sein Kind doch irgendwie auch im Stich. Und doch nicht. Genau hier wird The Hurt Locker nämlich politisch, auch wenn es ihm fast zwei Stunden lang gelang, dies zu umgehen beziehungsweise zu vermeiden. Natürlich ließe sich darüber streiten, ob die einseitige Darstellung der Iraker und der Terroristen nicht doch auch politisch ist, aber irgendwie wohnt sie dem amerikanischen Kriegsfilm auch inne, oder (man braucht ja auch schließlich ein klar definiertes Feindbild, das hier aber in Ansätzen relativiert wird)? Sergeant James erkennt schließlich, dass es ihm hier in den Staaten, bei seiner Familie, zwar blenden geht, er aber nicht nur Probleme mit diesem Leben hat, sondern auch anderen ein solches Leben ermöglichen möchte, was sich wiederum in den beiden Kindern zeigt – seinem eigenen und dem irakischen, zu dem er eine Verbindung aufbaut, die ihn zusätzliche Kraft kostet. Vielleicht aber auch nicht, ist es gerade das Fußballspielen mit dem Jungen, das Sergeant James vom Alltag (etwas) ablenkt.

Dennoch bleibt der Eindruck eines altruistischen Motivs, das Bigelow natürlich sehr gerne präsentiert, zeigt es doch einmal mehr den (einsamen) guten Amerikaner, der sein letztes Hemd für die Anderen opfert. Und dennoch wird das wohl den wenigsten, die von der Welle von thematisch gleichen Irakkriegsfilmen erschlagen sind, sauer aufstoßen, ist es doch fast schon wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch, weil Bigelow durchaus auch kritische Töne anzuschlagen weiß. So macht ihr Film auch etwas Anderes ganz deutlich – nämlich die Tatsache, dass der Krieg und der damit verbundene Tod keine Dienstgrade oder soziale Schichten kennt, angedeutet in einer der emotionalsten Szenen des ganzen Filmes. Auch sind es die großen Namen des Casts, die hier mehr ein Cameo als eine echte Rolle haben. Das mag ökonomische Gründe haben, spielt aber angesichts der tollen Leistung eines Jeremy Renner, neben dem alle anderen, größeren Namen sowieso nur als blasse Schachfiguren auftreten, keine Rolle.

The Hurt Locker ist politisch – er ist aber auch hochspannend und bereichert das 'Subgenre' um einen weiteren, äußerst interessanten Aspekt. Es ist die ewige Geschichte des einsamen loners, der nichts als seine Berufung kennt (man beachte hierbei auch das massive Rauchen im Film), transportiert ins 21. Jahrhundert; in eine Zeit, die alles andere als berauschend ist, aber gerade deshalb solche Menschen wie Staff Sergeant James braucht – ein Westernheld im wilden Osten. (8/10)


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12 Kommentare zu “'The Hurt Locker' und sein einsamer Besitzer”

  1. August 10th, 2009 | 16:18

    Mal abgesehen davon, dass ich die Sätze die du zu den Szenen geschrieben hast, die James zurück in den USA zeigen, anders sehe (Zur Erklärung ein langer Einschub: Ich glaube da geht es Bigelow weniger darum einen altruistischen Soldaten zu zeichnen, der die Lage im Irak verbessern möchte, sondern viel eher um die Skizzierung der abhängig machenden Droge Krieg, die dazu führt, dass der Soldat im heimatlichen Alltag nicht mehr zu Recht kommt (Zumal die Frau von "seinem" Krieg nichts wissen soll. Das James unbedingt zurück in die USA will, zeigt eine schleichende Zerstörung des Menschen. Wäre "Hurt Locker" wirklich politisch veranlagt, dann hätte sich Bigelow an die Frage herangetraut, ob der Staat solche Soldaten, die vielleicht sogar an posttraumatischen Folgen des Einsatz leiden, und deshalb unbedingt wieder zurückwollen, überhaupt wieder dahinschicken sollte. Denn wer ohne Krieg nicht leben kann, hat meiner Meinung nach nen Knacks weg), geht dein Schlußsatz ja mal gar nicht:

    ein Westernheld im wilden Osten.

    Mit dieser Aussage tust du Bigelows Film, der immerhin wunderbar auf der Ebene alltäglicher Erfahrungswelten von Soldaten im Einsatz funktioniert, verdammt unrecht. "Der wilde Osten" ist eine westlich geprägte Phrase, die nur so von Vorurteilen und Stigmatisierungen trieft, und somit nicht mehr ist, als ein Zeichen westlich-überlegener Arroganz – Gerade wenn man sie auf den heutigen Irak bezieht!

  2. August 10th, 2009 | 16:22

    "Zumal die Frau von "seinem" Krieg nichts wissen soll"

    Edit: Das soll natürlich heißen: …nichts wissen WILL!

  3. August 10th, 2009 | 16:41

    Zuerstmal hast Du mit Deiner Lesart der Szenen auch m.M. nach nicht Unrecht, ich kann das nachvollziehen, denn ja, der Krieg ist für ihn definitiv eine Droge. Und ich sehe die Szene doch auch in mancherlei Hinsicht ähnlich – die Übermacht des Regals macht ihm zu schaffen, weil er damit nicht (mehr) zurecht kommt, keine Frage.

    Und was den Schlusssatz betrifft: natürlich ist der provokativ (auch wenn ich es weniger dramatisch sehe), aber das sage doch nicht direkt ich, sondern der Film (zumindest so, wie ich ihn lese/sehe). Klar ist das arrogant, aber ich sagte ja bereits im Text, dass es wieder mal der Amerikaner/Westen ist, der "sein letztes Hemd opfert", sprich dem Osten den Westen aufdrängen will (zudem war mit "wild" auch nur der Zustand (sprich: Krieg) dort gemeint, nicht das Volk oder dergleichen, keine Angst).

    Interessant ist auch, dass Bigelows Film, der ja – wie Du richtig sagst – den Alltag der Soldaten darstellt, völlig an der Realität vorbeigeht, die er versucht darzustellen, wie soilworker in seinem Review schön ausführt.

  4. August 10th, 2009 | 16:53

    völlig an der Realität vorbeigeht, die er versucht darzustellen, wie soilworker in seinem Review schön ausführt.

    Ja, ok. Aber er spricht in seinem Text ja auch zu 90 Prozent von Technika (Sprengen statt entschärfen) und der Befehlskette. Das meinte ich mit "Ebene alltäglicher Erfahrungswelten von Soldaten im Einsatz" aber weniger, sondern die Tatsache das sich der GI (oder ein anderer Soldat/irakischer Polizist) im Irak (oder Afghanistan) auf Patrouille einer ständigen Anspannung wegen einer permanenten latenten Bedrohung ausgesetzt sehen muss. Und dieses Gefühl der steten Bedrohung vermittelt der Film imho ausgezeichnet. Von daher würde ich auch weniger sagen, dass die Iraker einseitig im politischen Sinne von Bigelow gezeichent worden sind. Natürlich erscheinen sie fast zu Hundert Prozent einseitig (Bis auf vielleicht 1,2 Personen), aber Bigelow muss das so drehen, weil sie den Film ja aus den Augen dreier Mannschafter drehen will. Und diese Soldaten können im Alltag eben nicht auf dem ersten Blick erkennen, ob der 15jährige Junge der die Straße hinunterläuft wirklich nur eine Zeitung im Arm hat, oder ob sich darunter nicht noch eine Bombe verbirgt, und der Junge ein Suicider ist.

  5. August 10th, 2009 | 17:00

    Richtig, da widersprechen wir uns doch auch nicht weiter, oder? Diese Gefahr, die permanent in der Luft liegt wurde hervorragend eingefangen! Und wie ich sagte, durch David Morses Charakter relativiert sie das sogar wieder etwas, diese "schwarz-weiß-Malerei" (wir wissen ja, was er tut).

  6. August 10th, 2009 | 17:05

    Richtig, da widersprechen wir uns doch auch nicht weiter, oder?

    Ne, richtig. Mit der Bemerkung hab ich sozusagen indirekt soilworker widersprochen. Ich selbst sehe den Film, wie du, ebenfalls ziemlich stark. wirklich gestört hat mich da nur dein letzter Satz. ;-)

  7. Peter von Frosta (31)
    August 10th, 2009 | 21:29

    Ich denke jeder der dem Film Realismus abspricht scheint irgendwie übersehen zu haben, dass der Film in erster Linie unterhalten will und spannend sein soll.
    Und das ist er.

  8. August 11th, 2009 | 10:34

    Spannend? Und ich dachte, das wäre eine Komödie gewesen. :-P
    Also so spannend fand ich den nicht und einen Plot hatte er auch nicht wirklich.

  9. August 13th, 2009 | 17:58

    So, jetzt kann ich auch endlich was zu The Hurt Locker schreiben, da mein Review endlich online ist. Der Film ist einfach nur schwach. Worum ging es noch mal?

  10. August 13th, 2009 | 18:34

    So, jetzt kann ich auch endlich was zu The Hurt Locker schreiben, da mein Review endlich online ist. Der Film ist einfach nur schwach. Worum ging es noch mal?

    Hab's auch gelesen – welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen!? Du siehst den ja ähnlich wie Flo. Da dürftet Ihr alle mal konform gehen, denn Rajko – da bin ich mir sicher – wir den genau so sehen. Ich kann's dennoch nicht ganz verstehen, denn das Politische, das ohne Frage vorhanden ist, hält sich deutlich im Hintergrund. :p

    edit: Hast das Review von Flo ja schon kommentiert. ^^

  11. August 13th, 2009 | 19:17

    Ich finde der Film scheitert aber auch so an seinen Ansprüchen, ich habe diese Sucht nach Kriegsaction höchstens angedeutet bekommen. Nein eigentlich war sie doch überhaupt nicht zu spüren. Nur weil James in Extremsituationen gelassen bleibt und am Ende wieder ab ins Krisengebiet will? Ich weiß echt nicht. Achja, da gibt es noch diesen Dialog zwischen ihm und Sanborn, damit hätte wir ja der Texttafel, die großes ankündigt ihren Dienst erwiesen. Nee, das war nichts.

  12. August 19th, 2009 | 20:03

    [...] Equilibrium: 8/10 [...]

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