To Live and Let Die: 'The English Surgeon'


Es ist trist im ukrainischen Krankenhaus, irgendwo in einer ländlichen Gegend, 400km nördlich von Kiew. Kalt ist es zudem auch noch, äußerst kalt. Mantel und Schal sind Pflicht. Es ist ein Tag wie jeder andere für Dr. Igor Kurilets: die Patienten in seinem Krankenhaus stehen Schlange, sollen sich selbst darauf einigen, wer als nächster dran kommt. Es gibt Schokolade um vor dem Untersuchungszimmer Ruhe zu haben. Dr. Kurilets hat heute wieder Marian als Patienten, ein Freund von ihm, der einen Hirntumor hat, der ihn schon bald umbringen wird, entfernt man ihn nicht. Um Marian zu Helfen bittet er seinen Freund Dr. Henry Marsh, einen englischen Neurochirurgen um Hilfe, den er nunmehr schon seit 15 Jahren kennt und mit dem ihm eine enge Freundschaft verbindet. Beide haben sie sich darauf geeinigt, dass sie Marian kostenlos operieren werden. Nur das Krankenhauspersonal muss er bezahlen – dabei hilft ihm die örtliche Kirche, die für ihn Spenden sammelt.

Es ist kein allzu erfreuliches Szenario, das Geoffrey Smiths Doku The English Surgeon präsentiert. Das ukrainische Gesundheitssystem ist noch immer in desolatem Zustand, so, wie es die Sowjets und der KGB hinterlassen haben. Für viele ist die Diagnose alles, was sie sich leisten können, denn meist kommt es erst gar nicht zu einer Operation. Entweder fehlt das Geld oder die Diagnose kommt zu spät, so dass auch der beste Chirurg – und Dr. Marsh ist einer von diesen – nichts mehr machen kann. Smith ist in ebenjenen Momenten mit der Kamera dabei, kommentarlos beobachtet er das Patientengespräch, meist endet es mit der Todesnachricht für den Patienten. Schuld ist das Gesundheitssystem, das kaum über Mittel verfügt und somit kommen lebensrettende Diagnosen meist zu spät. Schnell will man nach einem Glas Wasser greifen, um den vor Schreck vertrocknenden Rachen zu erlösen. Eine junge hübsche Frau, gerade einmal 23 Jahre jung, Dr. Marsh diagnostiziert, dass bei ihrem Tumor jede Hilfe zu spät kommt. In spätestens zwei Jahren wird sie erblinden, in fünf tot sein. Dr. Kurilets soll übersetzen und ihr die Nachricht übermitteln, bittet die junge Frau stattdessen aber darum, ihre Mutter aus Moskau zu holen, um ihr beizustehen.

Die Wahrheit enthält er ihr erst einmal vor, es hat sich nämlich herausgestellt, dass in solchen Fällen familiärer Beistand besser ist. Dr. Marsh sitzt gelähmt da, schaut ihr in die Augen, behält aber die Fassung, denn er könnte nicht einmal mehr in Großbritannien etwas für sie tun. Das ist der Lauf des Lebens, man versucht zu tun, was man kann, manchmal gelingt es einem, manchmal versagt man. Er ist kein Gott, dessen ist er sich bewusst, auch wenn er gut in seiner Profession ist. Einer anderen Frau ergeht es nicht anders, sie nimmt die Nachricht gefasst, aber mit Tränen in den Augen auf, bedankt sich bei den beiden Ärzten und entschuldigt sich dafür, dass sie ihnen ihre wertvolle Zeit gestohlen hat. Es sind die Momente, die einen fassungslos in Schockstarre versetzen lassen. Nicht nur, weil diese Menschen ihr Schicksal schnell akzeptieren, sondern auch, weil ihnen eigentlich hätte geholfen werden können, ja, wären nur mehr Geld und gut ausgebildete Ärzte da.

Er müsse stets abwägen, ob ein Eingriff mehr Vorteile habe als ein Nicht-Eingriff, meint Dr. Marsh bei einem Glas Rotwein in seinem Haus in London. Wenn ja, dann wage er es einfach, es könne ja nur helfen. Bevor es ihn in jedoch zum wiederholten Male in die Ukraine verschlägt, wo er bei Marians OP assistiert, packt er noch etwas Werkzeug zusammen, das seinem Freund Igor und dessen Patienten von Nutzen sein könnte. Dort angekommen kaufen die beiden erst mal Aufsätze für den Bosch-Bohrer, der bei der Operation zum Einsatz kommen wird. Was bei Dr. Marsh in Großbritannien nur ein Mal zum Einsatz kommen darf und dann weggeschmissen wird (Kostenpunkt 80 Pfund), hält bei Dr. Kurilets bereits seit einigen Jahren … Die Chemie zwischen den beiden ist einzigartig, Sprachbarrieren gibt es kaum, denn Dr. Kurilets Englisch ist mittlerweile sehr gut. Die beiden wirken fast schon wie ein altes Ehepaar, das sich seit Jahrzehnten kennt und deshalb ein eingespieltes Team ist. Dennoch haben sie großen Respekt voreinander und wissen um des Anderen und dessen Probleme bescheid.

Igors Frau kocht für die beiden, jeden Abend müssen sich die beiden nur noch an den Tisch setzen, ihr Bier trinken und entspannen – so weit dies zumindest möglich ist. Jeder hat seine Rolle, die Zeit ist kostbar, beide wollen sie nutzen. The English Surgeon ist keine leichte Kost, das wird schnell klar. Marsh philosophiert über die Welt, seinen Beruf und sich selbst. Kurilets hingegen scheint eher der Pragmatiker zu sein, der sich mit den Umständen arrangiert hat, denn etwas anderes bleibt ihm auch nicht übrig. Er plant ein eigenes Krankenhaus aufzubauen, doch dafür fehlt ihm nicht nur das Geld, sondern auch die Regierung sieht das Ganze eher skeptisch. Das alles ist irgendwo zwischen Buddymovie, gefühlvollem Drama und Kunstfilm anzusiedeln. Man glaubt es kaum, dass es kein Spielfilm ist, dem man hier folgt. Auch die Operation an Marians Tumor selbst ist spannender und fesselnder als viele Thriller. Den meisten dürfte dabei aber nicht nur ob der Intensität des Ganzen das Blut in den Adern gefrieren, denn auch an Einblicken spart Smiths Film nicht.

Da wird am offenen Schädel und Hirn operiert, während Marian bei vollem Bewusstsein ist. Plötzlich bekommt er einen spastischen Anfall, der Atem stock, schnell muss Übersetzungsarbeit geleistet werden, damit Marsh weiß, was er tun muss. Es ist kaum in Worte zu fassen, auf welche Gefühlsachterbahn man hier mitgenommen wird, denn hier kommt alles zusammen: die Bosch-Bohrmaschine als Zeichen der Armut, mit der Dr. Kurilets hier zu kämpfen hat, die expliziten Bilder, die man so sonst nicht sieht, das freudige, aber unsichere Gesicht Marians, der den Tumor schon bald erfolgreich los sein wird und die klinische Sterilität, mit der hier alles von statten geht und mit der die Kamera das alles einfängt. Doch es gibt auch warme, fast schon konträre Bilder in The English Surgeon, Bilder, die die wunderschöne Landschaft einfangen (gedreht wurde in HD), Marsh beim Radfahren zeigen oder die Dorfbewohner beim Kirchengang zeigen.

Untermalt wird das alles von einem mal schaurig-schönen, mal spannenden, mal melancholischem Score von Nick Cave und Warren Ellis, die hier fantastische Arbeit leisten und einen nicht unwesentlichen Teil für die irgendwie undefinierbare Atmosphäre des Filmes beitragen. The English Surgeon zeigt nicht nur, dass die unfassbarsten Geschichten immer noch das Leben selbst schreibt, sondern auch, dass es Menschen gibt, die ihr Leben dem Wohle anderer gewidmet haben. Es ist ein kurzer Abschied, ein nüchterner, aber dennoch warmer, wenn Igor Henry zum Flughafen bringt. Sie werden sich nicht das letzte Mal gesehen haben. Henry wird ihn auch weiterhin mit medizinischen Utensilien und Tipps unterstützen. Und man selbst möchte das alles sofort am liebsten noch mal sehen – oder auch nicht. Ich kann mit den lobenden Worten einfach nicht aufhören: The English Surgeon ist nicht nur die beste Doku, die ich bisher gesehen habe, sondern auch einer der besten Filme des Jahres. (10/10)


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