Rocker in den Wechseljahren … 'Anvil! The Story of Anvil'


Man hat es als Künstler noch nie leicht gehabt, zu großem kommerziellem Erfolg zu kommen. Doch was ist wichtiger? Kommerziellen, sprich ökonomischen Erfolg zu haben oder eine richtige Fanbase, die hinter einem steht, für die man gerne auch mal einiges auf sich nimmt, um ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern? Das Mittelmaß ist es hier wohl, das sich viele wünschen. So auch die Metal-Band Anvil, die bereits in den 1980er Jahren mit den Größten der Größten spielte: mit den Scorpions, Bon Jovi, Metallica und Megadeath. Richtig, Letztere kennt man allesamt, wohingegen Anvil der große Durchbruch verwehrt blieb. Anvil, das sind Robb Reiner und Steve 'Lips' Kudlow, zwei gestandenen Männer, die sich bereits mit 14 schworen, dass ihr Leben vom Metal geprägt sein würde. Nun, 25 Jahre später, fristen sie aber kein Leben ins Saus und Braus, sondern ein Otto-Normal-Vebraucher-Leben in Toronto. "Maybe people weren't so much into this Canadian stuff?", witzeln die großen Namen von Metallica und Konsorten, die zu Beginn interviewt werden.

Sie hätten den Metal geprägt und man war sich eigentlich sicher, dass etwas aus den Jungs um Anvil würde, haben sie doch schließlich auch mit Dildos auf der Bühne gespielt und jede Menge andere skurrile Einlagen gebracht. Ja, so richtig kennt den Grund keiner. Im Verlaufe von Anvil! The Story of Anvil mutmaßt man immer wieder, einmal lag es am schlechten Management, ein andermal an den Konzertveranstaltern, sicher ist nur, dass Lips und Robb es nicht verdient haben – erst recht nicht nach 12 Alben. Sie sind nun Anfang 50, haben es satt Essen an Schulen auszuliefern oder als ewiger Bajazzo der Familie zu gelten. Eine große Tour steht also an, quer durch Europa. In Schweden angekommen wird das große Projekt jedoch schnell durchkreuzt, denn man verpasst nicht nur den Zug zum nächsten Auftritt, sondern wird in Rumänien um seine Gage geprellt. Dieses Unglückssträhne soll sich durch die restliche Tour der Band ziehen, und man ist nicht selten Zeuge, wie Lips den Leuten vor Wut an den Kragen geht.

Diese scheint jedoch nur allzu verständlich, denn auch wenn die Jungs es lieben, vor ihren (wenigen) Fans abzurocken, so ist der finanzielle Aspekt doch ein nicht gerade unerheblicher. Zudem verspricht man ihnen volle Hallen, doch von angekündigten Tausenden kommen letztendlich nur ein paar Dutzend, um den harten Klängen Anvils zu lauschen. Was nach ziemlich viel Mitleid und Pathos klingt, ist dies bisweilen auch, denn die beiden Jungs sind so sympathisch, auch weil einfach und bodenständig, dass man nicht anders kann als ihrem Charme zu verfallen. Irgendwie schauen sie ja schon etwas lustig aus, mit ihren Haarmähnen, immer noch auf dem Stand von vor 20, 30 Jahren, so dass man ihnen jedoch auch vorhalten muss, dass sie den Absprung in Richtung Moderne nie wirklich geschafft haben. Dies spiegelt sich vor allem auch in ihrer Musik wieder, wie sie der EMI-Chef Kanadas aufmerksam macht. Kein Wunder muss er ihr Gesuch nach einem Plattenvertrag ablehnen. Ein weiterer, herber Rückschlag für den 'Amboss'.

So bleibt letzten Ende nur der Weg der Selbstvermarktung. 1.000 CDs ihres 13. Albums haben sie pressen lassen, in der Hoffnung, dass sich diese durch das Internet gut verkaufen lassen und sie zumindest die Produktionskosten – mit dem Geld von Lips Schwester finanziert – wieder reinholen. Sowieso spielt die Familie im Leben der sonst so harten Männer eine große Rolle. Hier kommen sie zur Ruhe, finden halt und werden bisweilen auch emotional. Lips, der in jedem Satz mindestens ein "Fuck" unterbringt, meint schließlich: "Family is so fuckin' important, right!?" und es klingt ehrlicher als aus jedem anderen Mund. Anvil! The Story of Anvil ist nicht nur ein Porträt über die Band, sondern ein Film, der sich weniger um die Musik der beiden dreht, sondern vielmehr um das Älterwerden, alte Zeiten und Freundschaft. "You're the closest friend I got!" meint Lips unter Tränen nach einem seiner Wutausbrüche zu Robb, und es scheint nicht einmal ansatzweise exploitativ zu sein, denn man kann es absolut nachvollziehen, was hier gerade geschieht. Somit ist dann auch die Musik austauschbar, sie stellt lediglich eine Art Mittel zum Zweck dar.

Anvil! The Story of Anvil mag Dokumentation sein – und nicht Mockumentary, wie viele glauben mögen -, ist aber deutlich emotionaler, ehrlicher und aufrüttelnder als viele Spielfilme es jemals zu sein vermögen. Man geht mit den beiden Protagonisten auf eine Achterbahnfahrt, eine, die von harten Gitarrengriffen geprägt ist und die Mal zum Lachen, mal zum Feiern, mal zum Weinen ist. Zum Nachdenken ist sie dabei permanent, denn auch wenn diese beiden älteren Herren in der vorstädtischen Einöde Torontos mit ihren Matten und rauen Stimmen meilenweit entfernt scheinen, so sind wir ihnen und sie uns doch ähnlicher, als wir denken. Ihre Katharsis im fernen Japan und die mit dieser Dokumentation hoffentlich stattfindende Renaissance seien ihnen daher mehr als gegönnt. (8.5/10)

// Anvil! The Story of Anvil ist als britische Import-DVD u.a. hier verfügbar



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