Der Sturm nach dem Sturm: 'When Borat Came to Town'


Mit seinen vielen Aliasen ist Sacha Baron Cohen schon seit Jahren im Gespräch. Zuletzt war er mit Brüno im Kino zu sehen, der gegenüber dem Vorgänger Borat doch deutlich weniger Anklang fand, zumal er im Gegensatz zu Borat größtenteils inszeniert war. Für den Zuschauer ist dieses Wissen nahezu tödlich, für die Beteiligten und im Film Porträtierten wohl weniger. Dass Borat sein Humorpotential aus dem Nachteil anderer schöpfte, scheint auf den ersten Blick weniger dreist als durchdacht gewesen zu sein. Satire eben, indem man auf einen Misstand mit Humor aufmerksam macht, prangert man ihn ja gleichzeitig auch an. Doch wie weit darf das alles gehen? When Borat Came to Town geht der Zeit nach den Filmdrehs im rumänischen Dorf Glod und dem Erfolg des Filmes auf den Grund, zeigt, welchen Hass, aber auch Neid und welches Misstrauen Sacha Baron Cohen im Zigeunerdorf hinterlassen hat. Auch das Team der Dokumentation selbst hat es nicht leicht, denn sobald die Bewohner eine Kamera sehen, wollen sie auch Geld sehen – oder zumindest einen Drink gezahlt bekommen.

Es ist eine der ärmsten Gegenden Europas, Carmen lebt mitten in diesem trostlosen Dorf. Ihr Großvater wurde im Film als 'abortionist' porträtiert, ist in Wirklichkeit aber weit entfernt davon, Arzt oder auch nur etwas Ähnliches zu sein. Er und alle anderen wollen nun Geld sehen, weniger ihren Ruf wiederhergestellt. Carmens Vater ist zudem eine Art Dorfvater, er kümmert sich um die Kommune, will endlich fließendes Wasser ins Dorf bringen. Von den beiden Anwälten, die eines Tages nach Glod kommen und den drei das Blaue vom Himmel versprechen (geschickt argumentiert der Anwalt, dass sie doch alle Minderheiten seien und eine gemeinsame Geschichte hätten: er Jude, sein Kollege Deutscher und seine Klienten Zigeuner – welch eine Konstellation das doch sei). Nach Hollywood will er die drei Männer, die im Film am schlimmsten porträtiert wurden, bringen, zu den Oscars, mitten vor Cohens Visage. Es wundert nicht, wenn man einige Minuten später erfährt, dass die beiden Juristen keine Visa für ihre Klienten bekommen konnten …

Bereits hier wird man den beiden gegenüber misstrauisch. Schließlich geht es nach London, ins 20th Century Fox HQ, wo man die drei jedoch ohne einen Dolmetscher hineinschickt, lediglich mit einem Zettel bewaffnet, von dem unklar ist, was er erreichen soll. Kurze Zeit später hört man nichts mehr vom Amerikaner und seinem bayerischen Kollegen. Im amerikanischen TV und dem ZDF noch enthusiastisch in Nachrichtenberichte formuliert, wird schnell klar, dass die Bewohner einmal mehr an der Nase herumgeführt und ausgenutzt wurden. Bei der Ankunft der Drei in Rumänien warten dutzende Reporter auf die Männer, den Großvater fragt man schließlich, was er denn vom geplanten Borat 2 halte: "So lange ich mein Geld bekomme!", antwortet er. Haben sie überhaupt eine Entschuldigung oder mehr als die drei Euro (!), die man ihnen für die Dreharbeiten bezahlte, verdient, wenn sie solche Antworten geben? When Borat Came to Town liefert keine Antwort, lässt die Bewohner frei aussprechen, was sie denken und fühlen, kommt dabei bisweilen aber auch leicht exploitativ daher.

Carmens Vater leidet unter gesundheitlichen Problemen, da seine Reise erfolglos war, versprach er den Dorfbewohnern doch fließendes Wasser und jede Menge Luxus. Carmen hat sich während seiner Zeit, die er nicht im Dorf war, von ihrem Freund hintergehen lassen, der ihr nicht nur kurz vor der Hochzeit die Jungfräulichkeit nahm, sondern auch den Laden ihrer Familie erleichterte (und man kann sich denken, dass das in diesem Falle fatal sein kann). Es ist ein Kreislauf des Hintergehens und des Ausnutzens, der so schnell nicht aufzuhören scheint. Parallelen zu Danny Boyles jüngerem Slumdog Millionaire drängen sich auf, dem Ähnliches vorgeworfen wurde. Doch welche Verpflichtungen haben die Filmemacher, was sollten ihre Hinterlassenschaften sein oder am Drehort verändern (wenn überhaupt)? Keine allzu leicht zu beantwortende Frage. Dennoch scheint es zumindest im Falle Glods deutlich zu werden, dass Hollywood hier einen großen Haufen hinterlassen hat, ohne sich um die Entsorgung zu kümmern – wie auch immer diese hätte ausgesehen.

Bei alledem ist When Borat Came to Town aber auch eine schöne Coming-of-Age-Geschichte um Carmen, die im Laufe des Filmes von Vaters kleiner Tochter zur verheirateten Frau und Mutter wird. Es scheint doch noch Hoffnung und Glückseligkeit im Dorf zu geben, denn wahrer Reichtum muss ja nicht immer gleichbedeutend mit ökonomischem Reichtum sein. Nur einige Dorfbewohner scheinen dies noch immer nicht ganz begriffen zu haben, auch wenn man es ihnen streng genommen kaum übel nehmen kann. Sie misstrauen Carmens Vater noch immer, denn sie denken, dass er das Geld für sich behalten hat, das ihm die beiden Anwälte beschafft haben. Da hilft es auch nichts, immer und immer wieder zu beteuern, dass es keines gab. Eine fast schon depressive Dokumentation, die nur selten Platz für Humor oder Lichtblicke bietet. Carmen, die stets aus dem Off kommentiert, ist ebenfalls von einer Tristheit durchzogen, die die Sympathien in eine klare Richtung lenkt. Mit einem minimalen, diesen Grundtenor untermalenden, Score versehen, spricht Carmen Meets Borat (Titel der Kinoauswertung) etwas an, das Hollywood so wohl äußerst ungern sehen dürfte. (8/10)

// Die Dokumentation ist u.a. hier als australische DVD zu bestellen oder auf YouTube komplett anzusehen.



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Ein Kommentar zu “Der Sturm nach dem Sturm: 'When Borat Came to Town'”

  1. November 23rd, 2009 | 21:16

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