The WASP Woman: 'The Blind Side'


In einem amerikanischen Podcast wurde eine alte Dame zitiert, die an der Kinokasse stand und zum Kassierer meinte: "This movie is going to change our country." Die Rede ist von The Blind Side, jener Film, der Sandra Bullock den Oscar einbrachte und damit zumindest schon einmal ihr Leben veränderte. Bullock, die neben dem Oscar auch die Goldene Himbeere für die schlechteste Darstellerin (jedoch in einer anderen Rolle) gewann, zeigt eine gewisse Authentizität, war sie doch eine der wenigen, die auch diesen 'Schandpreis' persönlich abholten und sich dafür bedankten. Authentizität ist ohnehin etwas, das besonders Hollywood zu lieben scheint. Beschränkt sich der Hinweis, dass ein Film auf wahren Begebenheiten basiert meist auf Thriller und period pieces, so sind es hin und wieder auch die Biopics, die sich mit dieser Tatsache rühmen, auch wenn natürlich medienrelevante Aspekte wie die Dramaturgie bisweilen angepasst oder gar geändert werden müssen. Auch The Blind Side ist in gewisser Hinsicht ein Biopic, nicht nur eines einzelnen Menschen (hier eines Sportlers), sondern einer Frau und ihrer Familie. Und dennoch verzichtet der Film auf die anfängliche Texttafel, dass es sich bei dem nun gezeigten um wahre Begebenheiten handelt.

Dies markiert der Film nämlich, in dem er asynchron beginnt und Archivaufnahmen von Michael-Oher-Spielen zeigt, die das Ende des Filmes bereits vorwegnehmen und deutlich machen, welche Kraft vom Film und seiner Geschichte ausgehen soll. The Blind Side erzählt eine typisch amerikanische Geschichte, wie sie Hollywood immer wieder gern erzählt, wenn auch meist ohne realhistorischen Zusammenhang. Es ist einmal mehr die Geschichte eines Menschen, für den der American Dream wahr zu werden scheint: Michael Oher (Quinton Aaron), der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, wird eines Tages an einer christlich-konservativen Highschool vorgestellt, in der er aus Nächstenliebe einen Platz bekommt, denn seine intellektuellen Fähigkeiten sind seinen sportlichen deutlich hinterher. Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock) entdeckt den Jungen eines Nachts in der Kälte und offeriert ihm einen Schlafplatz im Haus ihrer Familie. Langsam bemerkt sie, wie sich nicht nur das Leben des Jungen ändert, sondern auch ihr eigenes. Natürlich klingt diese Prämisse reichlich kitschig, zumal Bullocks Figur den letzten Satz auch so von sich gibt, denn auf die Bemerkung einer Freundin, dass sie doch das ganze Leben dieses Jungen verändere meint sie nur: "No, he's changing mine." Dennoch ist The Blind Side selten kitschig, vielmehr bedient er sich stark bei Mechanismen des emotionalen Erzählens.

Die offensichtlichste Strategie ist hierbei sicherlich die Geschichte an sich. Nach gewissen Szenerien tendiert man durchaus dazu, sich zu fragen, warum man hier eigentlich so dich aufträgt. Spätestens nach dem gesamten Film wird aber deutlich, dass man es eigentlich kaum glauben könnte, würde es sich nicht um Tatsachen handeln. Diese Authentizität läuft dem Kitsch dann auch etwas entgegen, so dass man doch ständig gewillt ist, sich einmal mehr ins Gewissen zu rufen, dass das alles ja schließlich tatsächlich (mal mehr, wie man der Trivia entnehmen kann, mal weniger) so passiert ist. Dies ändert jedoch nichts daran, dass der Film viele Aspekte weiter verstärkt. So regnet es beispielsweise stark, als Leigh Anne Michael das erste Mal begegnet, eine beliebte Strategie, um die emotionale Wirkung zu verstärken. Es sind vor allem aber die Dialoge, die ihre volle Wirkung hier offenbaren, denn immer wieder wird mit familiären Themen gespielt, immer wieder beruft sich Leigh Anne darauf, dass Michael auf seine Familie aufpassen müsse (und hiermit ist nicht nur Familie Tuohy gemeint, sondern alle Mitglieder der christlich-konservativen Community), wie auch diese auf ihn aufpasse. Bullock kann hier aber auch besonders durch ihr zugegeben wirklich eindingliches Spiel überzeugen, denn man nimmt ihr diese durchgestylte WASP-Frau, die auch vor größeren Hindernissen nicht zurückschreckt, doch ab.

John Lee Hancock macht zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus, dass es sich bei The Blind Side um einen kalkulierten Film voller Pathos handelt. Im Gegenteil, manchmal wirkt es fast schon etwas selbstreflexiv, wenn beispielsweise Kathy Bates' Nachhilfelehrerin der Familie offenbart, dass sie aber Demokratin sei. An einer anderen Stelle im Film will sich Leigh Anne beschweren, da sie in einer Behörde so lange warten muss. Auf die Frage, wer den Laden hier zu verantworten hätte, schwenkt die Kamera auf ein großes Porträt von George W. Bush – ein deutliches, fast schon wie ein comic relief anmutendes, Statement. Ebenfalls offensichtlich wird dies in Leigh Annes Mittagsrunde, die aus Frauen mittleren Alters besteht, deren optisches Erscheinungsbild klischeehafter kaum besetzt sein könnte. Hier fällt Leigh Anne spätestens nach Aufnahme Michaels etwas aus der Reihe, denn auch wenn sie sich optisch weiterhin nahtlos einfügt, so ist es doch ihr Verhalten, in dem sie sich unterscheidet, und welches sie auch vor ihren Freundinnen nicht weiter rechtfertigt. Es sind diese kleinen Momente, in denen man The Blind Side sogar für eine subtile Satire halten könnte, würde das Pathos nicht so stark dominieren und vor allem wirken.

Es ist also nicht schwer, die Mechanismen zu durchschauen, mit denen Hancock arbeitet. Er versteht es hervorragend, solch ein emotionales Gefühlskino zu inszenieren, das am Ende eigentlich nur Freudentränen zulässt. Auch wenn es paradox klingen mag, so wirkt all das geballte Pathos, alle Affekterzeugung, mit dem The Blind Side nahezu auf den Zuschauer einschlägt, am Ende, auch wenn das Konstrukt leicht zu durchschauen ist. Entgegen läuft all diesem Kino der großen Gefühle eigentlich nur die Ideologie (die mit dem Pathos meist Hand in Hand geht), die in Ansätzen dann doch äußerst fragwürdig erscheint. Selbst wenn man das christlich-konservativ-republikanische Milieu außen vorlässt, so kommt The Blind Side doch etwas verlogen daher. Michael Oher wird nicht nur wegen seines Talents integriert, ja assimiliert, sondern auch, weil er Schwarz ist und somit in der Community nahezu einzigartig ist. Seine Brüder und Freunde, ja all die anderen Schwarzen in der Stadt, werden als talentlose Gangster und Schläger gezeichnet, ohne Perspektive, ohne etwas, das ihnen das gleiche Schicksal zuteil werden ließe wie Michael. Der Film versucht diese Tatsache auszuklammern, begibt sich nur einige wenige Male in dieses Viertel der Stadt. Es mag bisweilen fast schon an eine gewisse Kolonialmentalität erinnern, wenn hier suggeriert wird, dass man sich nicht selbst helfen könne, sondern auf die Hilfe des Weißen Mannes angewiesen sei.

Doch auch hier weiß sich der Film zu helfen, denn auch der Familie Tuohy wirft er kurz vor, das alles nur wegen des damit verbundenen Erfolges getan zu haben. Dieser kritische Moment wird aber schnell wieder zugunsten weiteren Pathos aufgegeben, stellt somit also vielmehr ein kurzes kritisches Moment vor dem Finale dar. Das entkräftet das Pathos kurzzeitig, so dass es seine Wirkung am Ende nur weiter verstärken kann. The Blind Side lässt den Zuschauer mit dem Abspann dann auch nicht etwa mit dessen Tränen allein, sondern illustriert diesen mit Originalfotos der Familie Tuohy, die vor allem die schönen Seiten des Erfolges von Michael Oher zeigen. Untermalt wird das alles schließlich von Five For Fighting mit ihrem Song 'Chances'. Und jeder, der von der Band schon einmal gehört hat, weiß, dass diese meist mit patriotischen Songs auf Truppen-CDs vertreten ist (der Song 'Brothers in Arms' des Frontmanns John Ondrasik war zuletzt Titelsong für die Irakdoku Brothers at War). Es ist nicht nur die Tatsache, dass sich der Text des Songs hervorragend auf den Film übertragen lässt, sondern er zeigt auch, dass Hancock wirklich nichts dem Zufall (chance) überlässt. Allein deshalb ist The Blind Side ein ganz außergewöhnlicher Film. (8/10)


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8 Kommentare zu “The WASP Woman: 'The Blind Side'”

  1. März 23rd, 2010 | 19:29

    Bist du mal wieder im Real-Satire-Modus unterwegs oder hat die dunkle Seite endgültig von dir Macht ergriffen?

  2. März 23rd, 2010 | 19:36

    Hehe, nein, ich meine das wirklich ernst, solltest mich doch langsam kennen. Aber sag' mal selbst: bist Du wieder im Autopiloten-Diss-Modus oder sagst Du mir auch ausnahmsweise mal, was genau Dir nicht gefällt (gut, hier ist es nicht schwer, ich nehme an alles, lese Dein Review gleich …). ^^

  3. März 23rd, 2010 | 19:45

    OK, habe Deine Kritik gelesen, der ich auch weitestgehend zustimmen würde. Dennoch gehst Du den deutlich einfacheren Weg, den es ist so leicht, den Film lediglich zu bashen. Natürlich hat er rassistische Tendenzen, die sind nicht ganz so subtil versteckt wie bspw. in Avatar, aber ihr "Hündchen" ist Michael ja dann doch nicht. Der Moment, der etwas Reflektion verspricht kommt deutlich zu kurz, ja, aber mein Gott, gerade Dich sollte so was doch auch (weiter) erwärmen, oder (wenn Michael statt schwarz schwul gewesen wäre, dann auf jeden Fall :p)? Zumindest etwas. ;-)

  4. März 23rd, 2010 | 19:49

    Wenn er schwul gewesen wäre, müsste sich der Film eben dne Vorwurf der Homophobie, statt des Rassismus gefallen lassen.

    Im Übrigen schön, wie du schwarz und schwul mal wieder in einem Rutsch nennst, als stünden sie in deinem persönlichen Kuriositätenmuseum direkt nebeneinander.

  5. März 23rd, 2010 | 20:26

    Nein, also komm', das war nur einmal mehr mein Humor, den Du doch langsam kennen solltest (und "mal wieder"? Wann habe ich das denn schon mal gebracht?). Also, falls es doch ein ernster Vorwurf von Dir war (was ich nicht denke, denn auch ich keine Deinen Humor), dann entschuldige ich mich.

    Der Vorwurf trifft auf den Film zu, ja, aber viel interessanter (um hier mal auf Filmebene zu bleiben) ist dch bspw., dass er und Avatar sich doch ähnlicher sind, als man denkt (fällt mir gerade ein). Der Weiße Mann, der noch immer die Fantasie ausleben will, den Schwarzen Mann zivilisieren und dominieren zu können, siehe auch diesen Artikel dazu.

  6. März 23rd, 2010 | 20:51

    Joa, mag sein, dass man AVATAR auch die Ideologiekeule überziehen kann, macht BLIND SIDE aber immer noch nicht besser oder weniger rassistisch.

    Interessant, dass der am gleichen Tag hier anläuft wie PRECIOUS, einem Film, der sich nicht scheut, wirkliche Einblicke in das Leben schwarzer Ghettos zu liefern.

  7. Flo Lieb (912)
    März 23rd, 2010 | 23:38

    PRECIOUS, einem Film, der sich nicht scheut, wirkliche Einblicke in das Leben schwarzer Ghettos zu liefern.

    Genau. Den nur SO sieht es in schwarzen Ghettos aus. Wobei ein BLIND-SIDE-Verfechter dann sagen könnte: deswegen brauchen sie ne weiße Familie. Sonst enden die ja alle wie "wirkliche" Schwarze, mit den Inzest-Kindern ihrer eigenen Eltern auf dem Arm und keiner Zukunft. Da lässt dich echt von der Schauspieleri von Sidibe und Mo'Nique blenden, Rajko.

  8. März 24th, 2010 | 22:10

    Ich bin seit je her ein Fan von Sandra Bullock und deshalb kann ich diesen Film nicht wirklich schlecht finden…, Aber dieser ultra-mainstreamige Tear Jerker ist wirklich hart an der Grenze meiner persönlichen Schmerz-Schwelle und die Hair Stylistin von Bullock gehört gesteinigt.
    Mein Tipp: Auftrag Rache mit Mel Gibson ansehen, als Gegengift.

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