Mittendrin statt nur dabei: 'Gamer' Blu-ray Review


Dass Film eigentlich ein Endprodukt ist, eine Kombination aus verschiedenen Schichten, die in ihrer Summe das Medium ergeben, ist uns eigentlich nur selten bewusst. Natürlich fallen Darsteller, Musik oder Dialoge stets ins Gewicht, mal nehmen wir sie stärker wahr, mal weniger. Film ist vor allem ein visuelles Medium, das uns mit Bildern verzaubern soll, die wir konsumieren, hinter die wir aber nur selten bewusst blicken (können). Gamer ist so ein Film, der seinem Rezipienten wieder ins Bewusstsein ruft, welch enorme Arbeit eigentlich hinter einem Film steckt. Diese wilden Ego-Shooter-ähnlichen Szenen, die uns vorgesetzt werden, und in denen wir uns fast wie ein Spieler oder gar Teilnehmer fühlen. Sie sind es, von der die größte Faszination des Filmes ausgeht. Doch es ist nicht nur die Action allein, die einen mittendrin statt nur dabei sein lässt. Es ist die gesamte Zukunftsvision des Regieduos Neveldine/Taylor.

Nicht, dass sie unglaublich neu oder innovativ wäre, nein – andererseits ist es aber ebenjene Realitätsnähe, die einem fast schon Angst machen kann -, es sind ihre Details und noch vielmehr ihre Montage, die man in dieser Form schlichtweg noch nicht gesehen hat. Die Montage, eines der wichtigsten Mittel des Mediums. Die Zusammenführung der virtuosen Bilder von Gamer, hinter denen so viel technischer Aufwand steckt, dass man ihn eigentlich nicht oft genug würdigen kann. Neveldine/Taylor, die bereits mit den beiden Crank-Filmen zeigten (auch wenn der Zweite streng genommen nach Gamer gefilmt wurde), dass man eine Kamera nicht immer auf einem Stativ oder an einem Kran befestigen muss, führen diese Stilrichtung in Gamer konsequent fort. Statt mit teuren Filmkameras wurde komplett digital gedreht. Was bei ihren beiden Debütfilmen jedoch noch Hunderttausende von Dollar gekostet hat, wurde durch die Red One auf einen Bruchteil dessen reduziert – ohne jegliche qualitative Einbußen, im Gegenteil. In einem Extra auf der Blu-ray erzählen die beiden, wie sich die Arbeit mit der Kamera der Zukunft gestaltete, welche Probleme es anfangs gab und wie die Ingenieure von Red, mit denen das Filmteam eng zusammenarbeitete, die Hard- und Software anpassten.

Es ist einmal mehr nicht die Tatsache an sich, dass Gamer mit der Red One gedreht wurde, denn das tun ja mittlerweile genügend andere Filmemacher auch, es ist vielmehr das Wie. Da drücken Neveldine/Taylor ihren Kameraleuten beispielsweise die Red One in die Hand und versehen diese dann mit Rollerskates. Das Ergebnis sind ebenjene Bilder, die man so nur von Egoshootern oder echten Kriegsbildern gewöhnt ist. Dank digitaler Nachbearbeitung hat man auch keine qualitativen Einbußen gegenüber dem guten alten Film. Einmal mehr macht Gamer deutlich, dass das Autorenkino endgültig im 21. Jahrhundert angekommen ist, wie auch das Medium selbst, betrachtet man allein die drei Filme der beiden. Dabei geht es weniger um deren Inhalt, als vielmehr um deren technische Umsetzung, die bisweilen Maßstäbe setzt. Das ist nicht nur avantgardistisch, sondern konsequent, wirft man einen besonderen Blick auf das amerikanische Kino.

Auch wenn die beiden in ihren Shirts locker dasitzen und nebenher zum Energydrink greifen, so spricht ihre Arbeit doch eine deutliche Sprache, nämlich jene des Arbeitstieres und des Perfektionismus. Neveldine/Taylor überlassen auch in Gamer nichts dem Zufall, gekonnt spielen sie auf Popkultur und Gesellschaft an, liefern dabei mal subversive, mal ironische Kommentare ab. Sie mögen vielleicht keine Autoren im eigentlichen, sprich literarischen Sinne sein – denn natürlich sind ihre Geschichten eher trivialer Natur -, aber sie sind definitiv technische Autoren. So sehr viele der großen Regisseure, die auch heute noch aktiv sind, das Medium auch geprägt haben mögen (aber seit dem nur noch konventionelle Schritte gehen), so erwarte ich einen neuen Film der beiden doch deutlich sehnlicher als jene der etablierten Filmemacher. Die Zeit für diese jungen kreativen Köpfe ist gekommen, und Neveldine/Taylor gehören sicherlich zu den visionärsten Filmemachern der Gegenwart.

Die Blu-ray ist wie zu erwarten eine würdige Umsetzung der technischen Visionen der beiden Regisseure. Das Bild ist knackig scharf und unterstützt die HD-Optik des Filmes hervorragend. Wer Gamer bereits im Kino gesehen hat, der weiß, dass vom Ton fast noch mehr zu erwarten ist als vom Bild. Und auch hier kann die Scheibe auf ganzer Linie überzeugen. Zwar könnte der Raumeindruck noch etwas besser sein, aber dafür hat der Subwoofer jede Menge zu tun, und auch die Abmischung ist insgesamt auf hohem Niveau. Bei den Extras lohnen vor allem die Dokus, die nicht nur den Entstehungsprozess begleiten, sondern auch zeigen, welche Pionierarbeit Gamer hinsichtlich der Red One geleistet hat. Hätte man die deutsche Fassung nicht um eine Minute gekürzt, wäre Universum hier eine erstklassige Blu-ray gelungen. (8/10)

Gamer ist ab 04. Juni auf Blu-ray und DVD erhältlich.


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5 Kommentare zu “Mittendrin statt nur dabei: 'Gamer' Blu-ray Review”

  1. Juni 2nd, 2010 | 12:33

    "Diese wilden Ego-Shooter-ähnlichen Szenen, die uns vorgesetzt werden, und in denen wir uns fast wie ein Spieler oder gar Teilnehmer fühlen. Sie sind es, von der die größte Faszination des Filmes ausgeht."

    Lustig wie weit Wahrnehmungen auseinander gehen können. Ich empfinde die Actionsequenzen nämlich als dermaßen wirr inszeniert, dass sie eigentlich nur noch langweilig sind…ich hab' mich eher gefühlt, als würde ich jemanden beim Spielen eines Videogames zuschauen – und das ist nun mal bocklangweilig.

  2. Juni 3rd, 2010 | 13:34

    Ich fand Gamer höchsten durchschnittlich. Die Ego-Perspektiven-Dinger gabs schon bei Doom, die Schauspielerleistung ist auch eher bescheiden. Der Film wirkt auf mich viel zu hektisch und viel zu undruchdacht, hab da damals einfach mehr erwartet.

  3. Juni 5th, 2010 | 9:54

    In so hohen Tönen habe ich den zwar auch nicht gelobt, die Actionszenen haben mir allerdings so ziemlich genau aufgrund dessen, was du beschreibst, auch sehr gut gefallen. Nur das mit der Geschichte, die bei Neveldine/Taylor standesgemäß "eher trivialer Natur" ist, seh ich hier schon deutlich als Kritikpunkt, da Gamer doch gerade in Hälfte zwei zu "erzählen" und nicht mehr nur zu "zeigen" versucht. Und das klappt nicht besonders gut

  4. Juni 5th, 2010 | 18:18

    Dem würde ich widersprechen wollen. Zu keinem Zeitpunkt verzichtet der Film auf seine "Spielereien", auch nicht am Ende. Selbst wenn die holprigen Kamerafahrten gegen Ende weniger werden, so gibt es dennoch genügend Gimmicks, die das reine Erzählen versuchen zu übertünchen. Ich erinnere da nur an die Musicalnummer oder den Fight im Anschluss.

  5. Juni 7th, 2010 | 23:52

    Gamer war weitaus mehr als ich erwartet habe und hat mich wohl deswegen auch ein wenig überfordert. Das ganze Gesplatter und Gemetzel und die anderen extremen Szenen haben mich so'n bisschen unvorbereitet getroffen.
    Allerdings finde ich die Idee des Films einfach genial, auch wenn ich mir eine etwas andere Ausführung gewünscht hätte.
    Allerdings bleibt der Film im Gedächtnis, gerade weil er stellenweise so bizarr ist.

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