Ein Abiball inklusive vermeintlicher Polizeigewalt


Ich erinnere mich noch genau daran. Daran, dass ich im Verlauf meines Grundstudiums mindestens zwei Mal gefragt wurde, ob das Goldberg-Gymnasium Sindelfingen nicht dieses Elitegymnasium sei. Nein, erwiderte ich stets, auch wenn ich sofort die Vorzüge der Schule nannte (u.a. Kunstprofil und die Gesprächsreihe 'Gespräche am Goldberg' bzw. 'Goldberg Aktuell'). Fünf Jahre ist es nun her, dass ich mit der Schule fertig bin, auch wenn mich seit meinem Abitur im Jahre 2005 noch immer viel mit dem GGS verbindet. Man ist stolz auf diese Schule, besonders als Abgänger, und das nicht nur im Kreis Böblingen. Dies könnte sich für zukünftige Abgänger jedoch ändern, denn der Jahrgang 2010 ist nicht gerade der Beste, wurde er Samstag doch signifikant in Mitleidenschaft gezogen. Nicht, dass der ganze Jahrgang aus Raufbolden bestünde, nein, aber die Rückflussmechanismen kann keiner aufhalten, die nun auf die Schule, den Jahrgang und besonders einige Abiturienten einwirken.

Was ist passiert? Vergangenen Samstag feierte der '10er-Jahrgang des GGS den Abiball in der Sindelfinger Stadthalle. Gegen drei Uhr morgens, also lange nach dem Ende des offiziellen Programms, wurde die Polizei von Anwohner gerufen, die sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlten. Nichts Besonderes, kommt vor, auch wenn es angesichts der Lage der Stadthalle doch ziemlich laut gewesen sein muss, dass sich Anwohner belästigt fühlten. Die herbeigerufenen beiden Polizeibeamten trafen ein und ab hier gibt es nun zwei verschiedene Darstellungen. Während die Abiturientenseite von Polizeigewalt spricht, beharrt die Böblinger Polizei auf einen Übergriff durch die jungen Erwachsenen. Was ist in jener Nacht wirklich geschehen? Das ist nun das Ziel nicht nur der Presse, sondern auch der Polizei und des frisch gegründeten AK 11. Juli. Hohe Wellen in der regionalen Presselandschaft haben die Ereignisse bereits geschlagen (siehe Linksammlung unten), es wird fleißig diskutiert, leider nicht immer im Sinne der Dialektik und des guten Geschmacks.

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch überregionale Medien auf das Thema aufmerksam werden dürften, zumal die Thematik ja gerade hochaktuell ist. Ob dies der ganzen Sache hilft, ist jedoch eine andere Frage, denn die Leitmedien dürften sich es kaum leisten können eigene Redakteure darauf anzusetzen, und so wird man sich wohl auf die wenigen lokalen Berichterstatter konzentrieren, die ihre Nachforschungen hoffentlich objektiv anstellen dürften. Gerad hier sehe ich aber auch eine Chance für den Lokaljournalismus, denn statt Theateraufführungen oder neu eröffneten Busbahnhöfen hinterherzurennen, gibt es nun die Chance quasi investigativen Journalismus zu betreiben, sprich Anwohner, Behörden und sonstige Zeugen zu befragen und einen Blick über den Tellerand zu wagen. Das mag vielleicht etwas zäh sein, aber der Leser – und natürlich auch die beiden Streitparteien – wird es begrüßen. Ganz zu schweigen vom GGS, dessen Schulleiter sich fair zeigte und die Ermittlungen abwarten will, bevor er Konsequenzen (welche auch immer, schließlich sind die Beteiligten keine Schüler des GGS mehr) ziehen will.

Ich für meinen Teil kann zur Aufklärung nicht viel beitragen, denn ich war an besagter Nacht nicht anwesend, kenne aber einige der Beteiligten. Natürlich könnte auch ich jetzt mutmaßen, was tatsächlich geschehen ist, aber das wäre nur ein weiterer Tropfen auf den ohnehin zu heißen Stein, und zudem ziemlich anmaßend. Sicher ist hingegen nur, dass die Geschichten beider Seiten offensichtliche Ungereimtheiten offenbaren. Wie kommt es beispielsweise dazu, dass besagte Gruppe zufällig (!) das Lied 'Bullenschweine' anstimmt – mit äußerst bedenklichen Lyrics – als die Polizei eintrifft (und sie wissen müssen, dass sie bereits wegen Ruhestörung Ärger bekommen werden)? Und warum kann sich einer der jungen Erwachsenen nicht ausweisen oder will es sogar gar nicht? Aber auch die Polizei scheint Fehler begangen zu haben, denn mit Pfefferspray und Schlagstöcken gegen Abiturienten vorzugehen, die zwar in Überzahl sind und zudem teilweise betrunken, ist nicht nur überzogen, sondern dürfte auch auf keiner Polizeischule dieses Landes gelehrt werden.

Einige Kommentatoren in den Onlineauftritten der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten bemerkten die de-facto-Konsequenzen des ganzen Vorfalls hingegen richtig: es hat nicht nur der Ruf des Goldberg-Gymnasiums gelitten, sondern auch der Ruf eines ganzen Abiturjahrganges, denn zukünftige Arbeitgeber würden sich den Abiturjahrgang '10 aus Sindelfingen ganz genau ansehen. Das ist natürlich insofern traurig, als es auch all jene betrifft, die mit dem Vorfall nichts zu tun haben, allen voran die Gruppe betroffener Abiturienten, die nach wie vor als unschuldig anzusehen ist. Unschuldsvermutung, anyone? Eine Wiederholung des Falles Kachelmann wünscht sich ja schließlich keiner, oder? Schließlich geht es bei den jungen Menschen nicht etwa um einen Ruf oder ein Business wie bei Kachelmann, sondern es geht hier schlichtweg um ihre Zukunft, die noch komplett vor ihnen liegt. Ferner geht es auch um den Ruf der Polizei, nicht nur im Kreis, sondern in ganz Deutschland, der – mal zurecht, mal weniger zurecht – gerade ohnehin stark angeschlagen ist. Ungünstiger hätte dieser Vorfall nicht kommen können, und das für alle Beteiligten.

Links zur Berichterstattung:

'Polizisten bei Abi-Feier verletzt'
'SWR3 Nachrichten'
'Das traurige Ende eines Abi-Balls'
'Festnahmen, Schlagstöcke und Pfefferspray auf Abschlussfeier'
'Schwere Vorwürfe gegen die Polizei nach Abi-Ball in Sindelfingen'
'Zwei Polizisten bei Abi-Feier verletzt'
'Tumulte bei der Abifeier'
'Abiturienten kritisieren Angriff der Polizei'
'Offizieller Polizeibericht'


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10 Kommentare zu “Ein Abiball inklusive vermeintlicher Polizeigewalt”

  1. Der Schubladenstecker (3)
    Juli 13th, 2010 | 21:49

    Das Goldberg-Gymnasium in Sindelfingen ist, wenn ich mich recht erinnere, die erste Adolf-Hitler-Schule Deutschlands gewesen. Da erklärt sich gern zur "Elite" (Herrenvolk, anyone?), was – siehe Abivorfall – keine ist.

  2. Juli 14th, 2010 | 0:47

    kleine anmerkung: Abiturienten kritisieren Angriff der Polizei, Stuttgarter Nachrichten vom 13.07. das hast du hier auch selbst verlinkt, da wird auch nochmal deutlich, das niemand behauptet, dass das lied einfach nur zufällig angestimmt wurde.
    desweiteren gilt dazu anzumerken, dass lediglich die zeile "wir wollen keine bullenschweine" gesungen wurde – aus dem einfachen grund, dass der restliche text den musizierenden gar nicht bekannt war. das ist eben nochmal ein meilenweiter unterschied.

  3. Juli 14th, 2010 | 2:17

    Schon irgendwie interessant, wie verstärkt die "Opfer" von Polizeieinsätzen neuerdings fast schon reflexartig die Polizeigewaltschiene fahren. Erinnert mich irgendwie an den Jungen, der immer "Hilfe, Wölfe" rief..

    ..der Tonfall der Pressemeldung des AK 11. Juli ist auch schon wieder so tendenziös.. ..und dann nennen die sich auch noch "Blog zur Aufklärung polizeilicher Übergriffe". Soviel zur Vorverurteilung. Unabhängig und aufklärerisch ist an der Seite nix, fürchte ich..

  4. Goldbergler (2)
    Juli 14th, 2010 | 7:23

    @ Der Schublandestecker: dein Name sagt schon alles … von 2 randalierenden auf die komplette Schule schließen…

    @Stefan Rybowski: Hab gelesen wie du noch via FB an eine Karte kommen wolltest… Wäre ganz gut mal eine vertrauenswürdige Variante zu hören. "Leider" bin ich schon früher gegangen, nachdem sehr viele feierwütige Sindelfinger kamen, die nix mit dem Ball zu tun hatten. Schon um 1 Uhr wurde es vor der Halle lauter. Besonders die schweren Vorwürfe der Polizei machen mich neugierig.

    Und Herr Kees Aussage, er werde Konsequenzen ziehen, macht mich wütend. Die jetzigen 12er werden soviele Auflagen bei Abiparties und dem Ball erhalten…

  5. Juli 14th, 2010 | 10:14

    Ich denke, dass dieser Vorfall einige Goldberg-Absolventen eher stolz macht, sehen sie sich doch in ihrem Revoluzzertum bestätigt. Und solange ich die Sachlage nicht kenne, stehe ich uneingeschränkt auf Seite der Schüler!

  6. Toba (28)
    Juli 14th, 2010 | 12:38

    Krasser Shit … ich hab die ganzen Links gelesen und bin immer noch nicht klüger als zuvor. Aber mich interessiert, wie das ausgeht. Würd mich freuen, wenn du da dran bleiben würdest.

  7. Juli 14th, 2010 | 21:43

    @ak11juli

    Dass nur eine Zeile gesungen wurde, macht es nicht besser, denn es geht um den Song an sich und seinen gesamten Inhalt (der Polizisten sicherlich bekannt sein dürfte, sowie auch einigen von Euch). Touché wegen dem "zufällig", aber besser macht es das alles nicht, im Gegenteil.

    @Ben

    Das schiebe ich auch etwas auf ihr Alter, sprich ihre "Unreife".

    @Goldbergler

    Nein, ich war leider doch nicht auf dem Ball, aber selbst wenn, ich glaube kaum, dass ich so lange geblieben wäre. Der Artikel von mir sollte lediglich die Ereignisse zusammenfassen und einen kleinen Ausblick geben. Und ja, die kommenden Abiturienten werden definitiv die Konsequenzen spüren (wohl auch von der Stadt, wenn sie ihnen die Stadthalle nicht mehr zur Verfügung stellt?)… leider.

    @Moritz

    Meinste?

    @Toba

    Klar bleibe ich dran.

  8. Goldbergler (2)
    Juli 14th, 2010 | 22:18

    Nene, wir 12. haben glücklicherweise schon nen Vertrag :) Wenn, dann die 11er und 10er im Doppeljahrgang… Egal, hoffe du schaffst es zum nächsten Abiball ^^

  9. Jakob Lehners (1)
    Juli 15th, 2010 | 12:32

    Es ist doch mehr als traurig, dass einige, die nicht einmal anwesend waren, öffentlich, also z.B. in Form dieses Forums, ihre wohl mehr als unbegründete Meinung kundzutun. Leben wir gerade wohl in einer Zeit, in der jeder via Twitter, Facebook… jeder meint seine Meinung zu verbreiten. Doch so ist es oft auch im Interesse der Bürger und vor allem der Betroffenen sich mit öffentlichen Urteilen und natürlich auch mit Spekulationen zurückzuhalten. Ich war anwesend und nicht beteiligt. Dennoch wurde ich durch das gewalttätige Auftreten der Polizei involviert. Es haben keine Übergriffe auf die Polizisten stattgefunden. Schlichtversuche im Vorhinein wurden von den Polizisten ignoriert und der Ruhestörung rechtfertigt wohl kaum einen Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken. Der Übergriff von Abiturienten auf Polizisten ist nur der Vorwand um das Fehlverhalten der Polizisten zu rechtfertigen. Doch eines ist noch wichtig: Annahmen, dass dieses Verhalten mit dem historischem Hintergrund der Schule zu tun hat, sind genauso abwägig wie die Annahme, dass die berufliche Zukunft der Schüler gefährdet sei.

  10. Juli 15th, 2010 | 14:08

    @Jakob

    Zu allererst handelt es sich hierbei nicht um ein Forum, sondern um ein Weblog, das eben gerade dazu dient, seine eigenen Gedanken zu sammmeln. Ferner habe ich meine Meinung nur begrenzt wiedergegeben, denn wie ich bereits anmerkte, handelt es sich beim Artikel um eine Zusammenfassung und einen kleinen Blick über den Tellerrand. Deiner Argumentation zufolge könnte sich dann ja auch die Presse jedwedes Aufgreifen des Vorfalles sparen, denn sie weiß ja schließlich nicht, wie es wirklich war, nicht? Du gibst auch nur die eine Seite wieder, was Dich nicht besser macht als jeder andere, der eine Meinung hat (auch wenn Du anwesend warst). So abwegig viele Kommentare und Meinungen auch sein mögen (ich meine damit nicht etwa polemische Kommentare auf den Onlineseiten der StZ oder den StN, sondern Artikel und "Zeugenaussagen"), so helfen sie möglicherweise doch bei der Wahrheitsfindung. Es ist nicht etwa von mir anmaßend, sondern von Dir, denn allein der Beginn Deines Kommentars ist von einer nicht gerade geringen Arroganz geprägt. Und diese hilft in diesem Falle niemandem.

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