Die Hölle im Paradies: 'The Pacific'


Fast zehn Jahre ist es nun her, dass Tom Hanks und Steven Spielberg sich Band of Brothers, einer 10-teiligen Miniserie dem 2. Weltkrieg, angenommen haben. Die für HBO produzierte Serie setze neue Maßstäbe in Sachen Fernsehserie, nicht nur des Budgets wegen, das bei geschätzten 125 Millionen Dollar lag. Über einen Zeitraum von mehr als zehn Stunden folgte man jungen Soldaten, die für die Befreiung Europas kämpften, starben und sich gegenseitig Brüder waren. Keine Doku und kein Spielfilm konnten zuvor mit solchen Möglichkeiten den Krieg filmisch verarbeiten und veranschaulichen. Im Laufe der zehn Folgen begleitete man die Einheit junger GIs vom Kriegseintritt der USA, über die Landung in der Normandie, bis hin zur Entdeckung der Konzentrationslager. Nach diesem Zeitraum fanden sich dann nicht nur die Soldaten mit jeder Menge Unmenschlichkeit, viel Leid, aber auch schönen Momenten konfrontiert, sondern auch der Zuschauer. Es ist die Art und Weise, wie Spielberg und Hanks ihre Serie erzählen, damit sie auch beim Zuschauer eine Art Katharsis eintritt.

Band of Brothers basiert auf Büchern, Tagebucheinträgen und Interviews von Veteranen, die in Europa an vorderster Front gekämpft haben. Jeder der Protagonisten in der Serie basiert also auf einer Person, die wirklich dabei war und alles miterlebt hat. Die teilweise dokumentarisch anmutenden Sequenzen werden mit Interviewauszügen angereichert, die mal vor und mal nach der Episode zu sehen sind – ein stilistisches Mittel, das der Authentizität, aber auch der emotionalen Wirkung durchaus zuträglich ist. 2010, zum 65-jährigen Jubiläum des Kriegsendes, nehmen sich Hanks, Spielberg und Goetzman erneut dem 2. Weltkrieg an, nur um dieses Mal aber die andere Seite des Krieges zu zeigen – eine Seite, die weitaus weniger bekannt und medial verarbeitet ist als jene des Schauplatzes in Europa. The Pacific wirft nun einen Blick auf den Pazifikkrieg, genauer gesagt auf den Krieg zwischen dem japanischen Kaiserreich und den USA, der mit dem Angriff auf Pearl Harbor im Jahre 1942 begann. The Pacific nimmt sich dieses Ereignis als Startpunkt, auch wenn vom Angriff selbst nichts zu sehen ist. Im Dezember 1942 ist das ganze Land aber in Alarmbereitschaft, unzählige junge Erwachsene melden sich freiwillig, um den japanischen Erstschlag zu vergelten.

Von hier an folgen wir nun verschiedenen Einheiten und Protagonisten quer durch den Pazifik. Es geht von Guadalcanal nach Peleliu, Insel um Insel kämpfen sich die Marines tiefer in japanisches Territorium. Die Serie findet dabei stets eine ausgewogene Mischung zwischen Schlachtszenen, Handlungsszenen und ruhigeren Momenten. Wie bei Band of Brothers liegt auch hier ein Fokus auf der Beziehung zwischen den Männern, deren Gruppe heterogener kaum sein könnte – und dennoch ist es der gemeinsame Auftrag, der sie zusammenschweißt. Neu hingegen ist jedoch, dass The Pacific im Gegensatz zu seinem Vorgänger auch einen Schwerpunkt auf die Familie legt. Was macht der Krieg mit den Familien an der Heimatfront? Und vor allem: Was stellt er mit dem (meist sehr jungen) Individuum an? The Pacific veranschaulicht dies eindrucksvoll durch die Figur des Sergeant John Basilone (Jon Seda), der für seine Taten auf Guadalcanal mit der Medal of Honor ausgezeichnet wird und fortan eine Tour durch die Staaten startet, bei der er für Kriegsanleihen werben soll. Die ganze Sache wird ihm aber immer mehr zum Dorn im Auge, da er mit dem Druck ein Held und Star zu sein nicht fertig wird. Er kehrt schließlich zu seinen Kameraden zurück, um auf Iwo Jima zu kämpfen.

Es ist nur einer von vielen Nebenplots, die die Miniserie auszeichnen und deutlich machen, wie sehr die Produktion auch von seinen talentierten Jungdarstellern profitiert. Wie bereits Band of Brothers kann auch The Pacific keinerlei Stars nachweisen, was sich als Glücksgriff herausstellt. Es ist vor allem die Authentizität, die dadurch eine Erhöhung findet und uns einmal mehr zeigt, dass es gewöhnliche Männer waren, die hier gekämpft haben. So spricht die Serie – und das ist ganz besonders hervorzuheben – beispielsweise auch Themen wie das Posttraumatische-Belastungssyndrom an, das einen der Protagonisten nach seiner Heimkehr fest im Griff hat. Es ist einmal mehr die Familie, die hier gefragt ist, die ihren Beitrag leisten muss – auch nach offiziellem Kriegsende. Es ist ein Mann im besten Alter. Studieren möchte er, aber das Marine Corps hat ihm außer dem Töten keine weiteren Qualifikationen beigebracht, so bleibt dieses Vorhaben vorerst ein Traum. Sowieso braucht er eine Auszeit – wie lange? Das weiß wohl niemand, nicht einmal sein Vater, der Arzt ist. Auch jene Kameraden, die zuhause ihr Glück finden, sei es das berufliche oder das private, sie alle bleiben gezeichnet von dem, was sie im Pazifik erlebt und durchgemacht haben.

Dieses besteht in The Pacific primär aus kleinen Schlachten, die immer wieder durch lange Pausen, in denen man praktisch auf den Feind warten muss, unterbrochen werden. Es ist wohl gerade solch eine Erfahrung, die schwer auf die Seele und Moral der Truppe schlägt. Und wenn es dann mal zum Kampf kommt, dann ist dieser meist kurz, dafür aber äußerst blutig und verlustreich. The Pacific schönt vor allem in den Schlachtszenen nichts, im Gegenteil, manche Einstellung hat man so auch noch in keinem Kriegsfilm gesehen. Dabei sind es nicht unbedingt explizite Tötungsszenen, sondern vielmehr humane oder inhumane Momente, die den Zuschauer meist unerwartet und unvorbereitet treffen. Die Japaner sind zwar meist nur Kanonenfutter, aber wer mit der japanischen Kultur etwas vertraut ist, der versteht, warum sie gerade als solches auf den Zuschauer wirken. In anderen Momenten wird dieser andere, fremden Kultur aber auch fast schon eine leichte Bewunderung eingeräumt, beispielsweise dann, wenn sie einen Kampfgeist offenbaren, der selbst die US-Soldaten trotz ihres Hasses zum Staunen bringt. Aufgabe ist für den japanischen Soldaten undenkbar, auch wenn seine Taten gerade deshalb so barbarisch wirken (natürlich werden auch die Kamikaze angesprochen).

Trotz all der Gräueltaten, die die beiden Seiten gegenseitig aneinander begehen, gibt es auch in The Pacific immer wieder Momente, die von einer unglaublichen Humanität geprägt sind und manchmal sogar so etwas wie Verständnis für die Gegenseite offenbaren. Auch wenn es für die meisten ein Schlachten bleibt, viele Soldaten lernen auch zu differenzieren. Dies ist wohl auch dem wunderschönen Setting geschuldet, das die Soldaten stets zu schätzen wissen. War es in Band of Brothers noch das urbane und triste Europa mit all seinen Häuserkämpfen, das die Soldaten zu überstehen hatten, ist es hier nun die wundervolle Natur der Pazifikinseln. The Pacific wartet mit Bildern auf, die bisweilen fast schon zu schön sind, um wahr zu sein. Man will es oftmals selbst kaum glauben, dass in diesem Naturschauspiel die Hölle tobt. Irgendwo zwischen Paradies und Apokalypse bewegen sich die Bilder in The Pacific dann auch – Bilder, die man nicht nur ob ihrer Komposition so noch in keiner Produktion gesehen hat. Wenn es nicht die Landschaft ist, die begeistert, dann sind es die Schlachtszenen, die man so noch nicht gesehen hat und die neue Maßstäbe setzen. Man weiß nicht, wo man hinschauen soll, überall scheint ein neuer Krieg zu toben -. es ist fast schon paradox, aber selten war Krieg so schrecklich und schön zugleich.

Es ist wohl noch das buchstäblich natürlichste Pathos, dessen sich die Produzenten und Regisseure bedienen, denn auch dieses wird hier natürlich wieder groß geschrieben. Es ist die gleiche Ideologie wie bei Band of Brothers, die die Serie transportiert. Werte wie Kameradschaft, Ehre und Patriotismus werden groß geschrieben, auch wenn dies etwas differenzierter funktioniert als noch beim Quasi-Vorgänger. Hans Zimmer, Blake Neely und Geoff Zanelli liefern mit ihrer musikalischen Untermalung dabei ein Meisterwerk ab, das die melancholischen Bilder perfekt unterstreicht und das Pathos zusätzlich verstärkt. Spätestens wenn ihre Motive die Texttafeln begleiten, die uns über den weiteren Werdegang eines jeden Soldaten informieren, wird uns bewusst, dass dies ein ganz reales Pathos ist, denn: Ist es nicht ehrwürdig und beeindruckend, was diese jungen Männer geleistet haben, obwohl der Untertitel der Serie richtig anmerkt: 'Hell was an ocean away'? Es sind vor allem einmal mehr die Mannschaften, die, die den Krieg erlebt haben, denen die Serie ein Denkmal setzen will, das ist immer wieder zwischen den Zeilen zu lesen. Und genau das gelingt The Pacific auch – es ist nicht nur ein Mammutprojekt, sondern allen voran ein würdiges filmisches Denkmal für den Krieg im Pazifik.

Die Blu-ray, die seit 26. November im Handel erhältlich ist (Amazon-Partnerlink) und in einer schicken Tin-Box daherkommt (die leider etwas kleiner ist als jene zu Band of Brothers), wird der Qualität der Serie absolut gerecht. Mehr als das sogar, denn die apokalyptisch-schönen Bilder kommen erst mit der Blu-ray so richtig zur Geltung. Schärfe- und Detailgrad lassen keine Wünsche offen, vor allem bei Naturaufnahmen ist The Pacific absolutes Referenzmaterial. Lediglich in dunkleren Szenen und Nachtszenen könnte der Schwarzwert etwas besser sein. Der Ton der Scheiben steht der Bildqualität in nichts nach. Besondern in den Schlachtszenen ist auf jedem Kanal etwas los, und auch der Subwoofer ist so gut wie immer im Einsatz. Höhen und Tiefen sind dabei fein abgestimmt, Ungereimtheiten gibt es schlichtweg nicht. Dass solch ein Projekt natürlich genügend Extras produziert, versteht sich von selbst. Egal ob historische Landkarten, Bild-in-Bild-Einblendungen oder Interviews mit Historikern – die Extras sorgen für noch mehr Authentizität und zeigen, welche Arbeit und Recherche in dieser Miniserie steckt. The Pacific zählt somit sicherlich zu den Veröffentlichungen des Jahres. (10/10)


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5 Kommentare zu “Die Hölle im Paradies: 'The Pacific'”

  1. Dezember 1st, 2010 | 2:57

    Habe mir die Folgen der Kabel1 Ausstrahlung heruntergeladen*,
    bin aber noch nicht dazu gekommen da mal mit anzufangen.
    Könnte ich dann doch mal mit loslegen…

    *via OnlineTVrecorder.com, also nichts illegales. ;)

  2. Dezember 14th, 2010 | 15:49

    Dies ist wohl auch dem wunderschönen Setting geschuldet, das die Soldaten stets zu schätzen wissen.

    Das weiß vielleicht der Zuschauer der Serie zu schätzen. Dem Soldaten dürfte es egal sein, wo er verblutet.

    Es ist wohl noch das buchstäblich natürlichste Pathos, dessen sich die Produzenten und Regisseure bedienen, denn auch dieses wird hier natürlich wieder groß geschrieben.

    Dann hast du eine andere Serie gesehen als ich – oder sehen wollen. Von Pathos ist in "The Pacific" so gut wie nie eine Spur zu finden (am deutlichsten noch im Vorpsann, der aber dann durch das Narrativ gebrochen wird). Zwar behandelt die Serie die Soldaten mit Respekt und natürlich wird auch die Kameradschaft, etc. gezeigt, aber ansonsten ist "The Pacific" doch sehr bemüht jeglichen Pathos zu vermeiden: Kriegsverbrechen, sonstige Gräuel, psychische Zusammenbrüche. Und wenn ich dann deinen letzten Satz lesen muss, dass der Film dem Pazifikkrieg ein Denkmal setzt, brech ich fast zusammen. Drei Folgen behandeln die Schlacht von Schlacht um Peleliu. Ein mit unzähligen Opfern erkaufter Sieg, der militärisch in der Folge keine Rolle mehr gespielt hat. Tolles Denkmal. Nein, Nein. Diese Serie macht das schon ganz richtig: Setzt dem Pazifikkrieg kein Denkmal, bricht den Mythos vom Glorious War – und behandelt die dort kämpfenden Soldaten trotzdem mit Respekt. Damit ist die Serie weitaus reflektierter als deine Besprechung – nichts für ungut. ;-)

  3. Dezember 14th, 2010 | 16:03

    Sehe ich – wen wundert's – ganz anders. Natürlich muss da auch Kritik rein, die streckenweise immer wieder durchdringt, klar – Spielberg und Hanks würden so was sonst gar nicht mehr auf die Beine stellen können, wenn es immer nur heißt: USA! USA! USA!

    Ich meinte Pathos auch weniger im Sinne von Ideologie oder Patriotismus, sondern in Hinsicht auf die narrative Ebene, die – selbst kritische Töne – stets pathetisch erzählt – denk' doch nur mal an die Episode mit Basilone und seiner Frau (die Schlusseinstellung!) … Die kritischen Töne fand ich besonders schön, vor allem wie der Junge dann nach Hause kehrt und erst einmal nichts mit seinem Leben anzufangen weiß. Die Kumpanei mit den Jungs manifestiert sich immer wieder in den kleinen Momenten (Leckie, der nur 1x sagt, dass er eine tour hinter sich hat und schon den Uni-Abgänger aussticht …). Krieg kann man sich nicht schön reden oder malen, das ist klar, aber man kann dennoch versuchen das Ganze in ein "heldenhaftes" Licht zu stellen, und genau das tut The Pacific auch.

  4. Dezember 14th, 2010 | 16:09

    denk' doch nur mal an die Episode mit Basilone und seiner Frau (die Schlusseinstellung!) …

    Es dürfte dich wiederum nicht wundern, dass ich die Basilone-Storyline deswegen auch am schwächsten von den drei Haupterzählungen finde. ;-)

  5. Dezember 14th, 2010 | 16:22

    Siehste, ich fand die am stärksten! ;-)

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