Nur noch 72 Stunden: 'The Next Three Days'


Es ist das gesellschaftliche Ideal, das John Brennan (Russell Crowe) sein Leben nennt: er hat eine hübsche Frau, einen Sohn und führt eine glückliche Ehe. Dieses Idyll wird eines abends jedoch im Bruchteil einer Sekunde zerstört, wenn Polizisten das Haus der Brennans stürmen und Johns Frau (Elizabeth Banks) festnehmen. Es ist nicht nur die Tatsache, dass sein häusliches Idyll unterminiert wird, sondern damit auch sein ganzes gut-bürgerliches Leben. Dem Hochschullehrer wird mit seiner Frau, die des Mordes verdächtig ist, nicht nur diese, sondern auch sein eigenes Leben genommen. Ängste und Motive, die Regisseur Paul Haggis vertraut scheinen, finden sie doch in nahezu allen seinen Filmen Verwendung. Haggis ist auch in The Next Three Days stets an der Dekonstruktion des Otto-Normal-Bürgers interessiert, der meist durch unglückliche Umstände buchstäblich aus seinem Alltag gerissen wird. Dies war auch schon in seinem letzten Film, In the Valley of Elah, deutlich zu vernehmen. Haggis setzt bei dieser Dekonstruktion stets auf die Kraft des Pathos, beispielsweise wenn wir Crowes Figur in unzähligen Großaufnahmen sehen, wie er an der Situation zu zerbrechen scheint oder die finale Sequenz, die den Zuschauer endgültig auf die 'richtige' Seite führen soll.

Was in seinen vorherigen Filmen allerdings noch funktionierte, allen voran in Crash, ist in The Next Three Days nichts weiter als plumpe Melodramatik, die zu keinem Zeitpunkt wirklich funktioniert. Das liegt zum einen daran, dass Russell Crowe den Film nicht alleine tragen kann, was Haggis ihm jedoch auferlegt. Er versucht den sorgsamen Familienvater zwar so gut wie möglich zu geben, kommt aber über seinen üblichen Hundeblick nicht hinaus. Erst recht nimmt man ihm deshalb auch nicht den eiskalten Schuft ab, der seine Frau im Alleingang aus dem Gefängnis holen will und sich dabei sogar mit Gangbangern anlegt. Sowieso ist sein John Brennan eine Figur, die voller Widersprüche steckt. Stets will der Film zwar betonen, dass er dies alles ja schließlich nur aus Liebe zu seiner Frau und zu seinem Sohn macht, dennoch wird gerade hier deutlich, dass Brennan eben kein John Doe der amerikanischen Gesellschaft ist. Zu so etwas wären wohl die wenigsten bereit, so stark ihre Liebe zum Partner auch ist. Brennans Frau hingegen – immerhin ganz akzeptabel gespielt von Elizabeth Banks, die dennoch lieber auf Komödien setzen sollte – macht ihm immer wieder deutlich, dass Liebe für sie heißt, dass er all das, was er tut oder im Begriff ist zu tun, sein lassen soll.

Haggis versucht also einen moralischen Konflikt an den nächsten zu stellen, ohne dass er sich dabei um den jeweils vorherigen kümmert. Da bringt der Film einen Liam Neeson ins Spiel, der den wohl unnötigsten Auftritt des Jahres hat oder Olivia Wild, von der man zu keinem Zeitpunkt wirklich weiß, was der Film mit ihrer Figur eigentlich bezwecken will. Ist sie nun love interest für Crowe, der statt den großen Coup zu planen sich lieber eine neue Frau suchen sollte, oder ist sie nur eine weiter moralische Hürde, die Haggis als Mahnung an den Zuschauer sieht? The Next Three Days ist leider nicht nur formal ein unausgegorenes Ganzes, bei dem nichts wirklich funktionieren möchte; Haggis versteht sein eigenes Handwerkszeug noch nicht einmal, denn wer sich Pathos bedient, der will auch eine gewisse Ideologie transportieren, die im Falle von The Next Three Days entweder nicht vorhanden ist oder so verschachtelt, dass auch Haggis sie nicht mehr wahrnehmen kann. Leider ist sein Film auch zu keinem Zeitpunkt spannend, was bei all den Thrillerelementen ja durchaus einen gewissen Schauwert hätte. Das Problem ist nämlich: man weiß recht schnell, wie das Ganze ausgehen wird. Zudem scheint Haggis Action auch nicht sonderlich gut inszenieren zu können, denn über genretypische Thrillerelemente kommt der Film nicht hinaus.

Danny Elfmans Musik bleibt das Einzige, das The Next Three Days aus der totalen Versenkung rettet, denn seine hoch emotionalen Stücke lassen das Pathos hin und wieder doch erfolgreich durchdringen und vermitteln so etwas wie Sympathie für die Figuren (wenn auch nur in geringem Maß). Man möchte fast schon hoffen, dass es sich bei diesem Film um den einzigen Fehltritt Haggis' handelt, denn gerade bei einem erfahrenen Regisseur und Drehbuchautor wie ihm fällt so etwas besonders schwer ins Gewicht. (5/10)


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2 Kommentare zu “Nur noch 72 Stunden: 'The Next Three Days'”

  1. Januar 20th, 2011 | 4:22

    "Durchdringendes Pathos" ist ein Positivkriterium für dich, oder wie? Werd mal erwachsen, Cleric. :)

    Ist bisher Haggis' bester Film. Heißt aber nicht viel.

  2. Januar 20th, 2011 | 12:41

    Ach, Du wieder! Das ist sein bisher schlechtester! :p

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