Problemlösung wie bei Muttern: 'Mother's Day'


So weit ist es mit dem Horror-Remake-Wahn also schon gekommen: Hollywood dreht Remakes von Troma-Klassikern. Das klingt in der Tat fast schon nach Realsatire, denn dass beim Remake eines Filmes aus der Charly-Kaufman-Schmiede ein auf Hochglanz polierter Film bei rauskommt war ja eigentlich abzusehen. Das Remake sieht dann auch aus wie nahezu jedes andere Horror-Remake der letzten Jahre: Es beinhaltet Menschen aus dem Katalog, ist in Videoclipästhetik gefilmt und hat bis auf einige Eckpunkte nicht mehr allzu viel mit dem Original gemein. Nun ist Darren Lynn Bousman aber kein Regisseur, für den das Horrorgenre Neuland wäre. Und genau das merkt man dem Film auch an, denn so routiniert die Neuauflage von Mother's Day auch ist, so viele Überraschungen bietet sie doch. Denkt man den Verlauf des Filmes ob seiner Exposition – die zugegebenermaßen reichlich uninspiriert wirkt – noch vorhersagen zu können, überrascht Bousman immer wieder mit einigen Einfällen, die das Rad zwar nicht neu erfinden, aber vor allem in ihrer Härte durchaus überraschen. Da wäre als Erstes sicherlich Rebecca De Mornay zu nennen, die vollkommen in ihrer Rolle aufgeht und die fiese sadistische Mutter eindrucksvoll mimt. Einerseits ist sie die durchaus attraktive, sorgsame Mutter mit guten Manierismen, andererseits ist sie aber auch ein diabolisches Wesen, das seine Kinder mit keinem anderen teilen möchte. Die Interaktion zwischen Mutter und ihren Kindern ist Bousman ohnehin recht interessant gelungen, denn auf Mutter hören die Brüder und Schwestern nicht etwa nur, weil sie stets einen Plan zu haben scheint, nein. Sie hören primär auf sie, das sie die Kinder ihre ganze Erziehung lang ausgenutzt und für ihre Zwecke missbraucht hat.

Dies wird am deutlichsten bei Lydia (Deborah Ann Woll), die nie so etwas wie Zuneigung oder Liebe erfahren hat, da sie von ihrer Mutter stets an der kurzen Leine gehalten wurde, was Jungs oder Hautzeigen angeht. Es sind alles kaputte Seelen, die wohl nie so geworden wären, hätten sie nicht diese furchtbare Mutter gehabt, die sie heute noch verehren. Zugegeben, Mother's Day will hier vielschichtiger und psychologischer sein, als er letztlich ist. Und dennoch will der Film immer wieder, dass man sich auf ebenjene Ebene bewegt und über die Konstellation Mutter-Kinder nachdenkt. Dies mag wohl auch ein Grund sein, weshalb die Gewalteinlagen nicht immer selbstzweckhaft wirken. Natürlich sind einige von ihnen nur um ihrer Selbstwillen vorhanden, viele Ideen, die Bousman hat, gehen aber auch auf. So schafft er beispielsweise zusätzliche Spannung, wenn er zwei harmlose Passantinnen dazu bringt, sich mit einem Messer gegenseitig zu töten – wer von den beiden überlebt, kommt frei … Diese Einlagen kommen so plötzlich und überraschend, dass sie nicht nur der Brutalität wegen unangenehm sind. Bisweilen mischt sich sogar etwas Humor unter die Gewalt, der ebenso gut funktioniert, weil ähnlich unerwartet. Das Setting trägt dazu wesentlich bei, denn bei einer großen Gruppe von potentiellen Opfern wie in Mother's Day, kann man nicht nur davon ausgehen, dass es viele von ihnen erwischen wird, sondern auch, dass es dabei recht abwechslungsreich von statten gehen muss. Und dabei bedient sich Bousman nicht etwa Saw-Mechanismen – was natürlich nahe liegen würde –, sondern spielt gekonnt mit der Erwartungshaltung des Zuschauer. Einige von ihnen werden verschont, andere erwischt es erst kurz vor Schluss.

Das Einzige, was man Mother's Day vorwerfen kann, ist die Tatsache, dass auch sein Ende so seelenlos daherkommt wie die Exposition. Das mag zu einem guten Teil natürlich der Sequel-Politik geschuldet sein, zum anderen ist es aber etwas, was wir in unzähligen anderen Horrorfilmen jüngeren Datums gesehen haben – und damit etwas, bei dem Bousman doch wieder in alte Muster zurück fällt. Andererseits ist die Laufzeit von fast zwei Stunden – und da fällt er verglichen mit vielen Remakes wieder aus der Reihe – ein weiteres Indiz dafür, dass Bousman eine wirklich positive Überraschung gelungen ist, denn größere Durststrecken hat Mother's Day keine. Und auch die Spannung hält sich auf konstant hohem Level. Mother's Day ist daher sicherlich zu den besseren Horror-Remakes der letzten Zeit zu zählen. Bousmans Film ist nicht nur kurzweilig, sondern auch schön fies. Und Rebecca De Mornay in der Rolle der Mutter wird noch lange nachwirken.

Erscheint in X-Rated


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Ein Kommentar zu “Problemlösung wie bei Muttern: 'Mother's Day'”

  1. April 20th, 2011 | 19:56

    Sehr schön. Da bin ich ja mal gespannt. Mother's Day war damals zweifelsohne einer der verstörenderen 80er-Filme; gerade auch wegen der durchgeknallten Charaktere. Daher zweifle ich noch ein wenig ob dies mit den "Menschen aus dem Katalog" auch funktioniert, aber ich lasse mich gerne überraschen – und Deine Kritik verspricht jedenfalls ne Menge "Spaß".

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