Dokument des Schreckens: 'Armadillo'


Dokus über die Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Janus Metz Pedersens Film Armadillo fällt aber schon deshalb etwas aus der Reihe dieser Dokus, weil er nicht etwa ein amerikanischer, sondern ein dänischer Film ist. Er begleitet keine Truppe von GIs, sondern einen Trupp dänischer Soldaten, die im Rahmen der ISAF in Afghanistan operieren. Dieser Unterschied ist aber letztlich keiner, wie Armadillo recht schnell klar macht: Es spielt keine Rolle welche Streitkräfte man begleitet, sie alle weisen gleiche Verhaltens- und Operationsmuster auf. Darüberhinaus: Sie alle verlangen den meist jungen Soldaten alles ab. Hier konnte bereits im letzten Jahr Sebastian Jungers und Tim Hetheringtons Film Restrepo eindrucksvoll zeigen, welchen physischen und vor allem psychischen Strapazen die jungen Männer ausgeliefert sind. Armadillo wird wohl auch deshalb immer wieder mit der amerikanischen Doku vergleichen, weil beide in der afghanischen Provinz Helmand angesiedelt sind, die nach wie vor als eine der gefährlichsten gilt. Ansonsten weisen die beiden Filme aber auch signifikante Unterschiede auf, denn im Gegensatz zum Amerikaner lässt Armadillo die Soldaten nach ihrem Einsatz nicht noch einmal zu Wort kommen, sondern dokumentiert tatsächlich nur das, was vor Ort, sprich im konkreten Einsatz, vor sich geht.

Dabei wird auch deutlich, wie viel mehr Zugang die dänischen Filmemacher um Regisseur Pedersen im Gegensatz zu den Amerikanern hatten. Ihr Film braucht keine nachträgliche Rekapitulation der Einsätze, denn hier ist die Kamera in der Tat mittendrin statt nur dabei – und zeigt den Krieg in all einen Facetten, mit all seinen hässlichen Gesichtern. Zu Beginn des Filmes, der bisweilen einem Hollywood-Script zu folgen scheint (dies aber schon optisch negiert, sieht man dem Videomaterial seinen Ursprung doch deutlich an), begleiten wir einen jungen Soldaten, der sich gerade freiwillig für den Einsatz in Afghanistan gemeldet hat. Er sitzt mit seiner Familie am Essenstisch und genießt den letzten Abend vor seiner Abreise nach Afghanistan. Etwas später wird dann noch mit Freunden gefeiert, inklusive Alkohol und Stripperin – wie man es aus all den Spielfilmen, die sich mit jungen Soldaten im Krieg beschäftigen, ja zu kennen scheint. Sie genießen die Zeit, die sie zusammen auf heimischem Boden, im Frieden, verbringen. Eine Einstellung später verabschieden sich dieselben Männer am Flughafen von ihren Familien und Freunden. Viele der Freunde und Verwandten wünschten sich, dass ihr Sohn/Freund/Ehemann nicht ginge. Doch sie sehen es als ihre Pflicht an, auch stets dem Kameraden verbunden zu sein. Bereits ohne afghanischen Boden gesehen zu haben, ist dies der erste intensive Höhepunkt des Filmes, kann sich der Zuschauer doch vortrefflich in die Lage derjenigen versetzen, die ihre Geliebten verabschieden müssen – mit dem kleinen Unterschied, dass es hier nicht in einen normalen Urlaub geht …

Sechs Monate dauert der Einsatz der jungen Männer, deren Geschichte wir bereits nach der kurzen Exposition durchaus zu kennen scheinen. Es gibt hier alles: den notorischen Draufgänger, Schwiegermutters Liebling und den Einfühlsamen, bei dem durchaus Zweifel aufkommen. Doch die Kameradschaft, ein wichtige Konstante im Film, sorgt nicht nur für den reibungslosen Ablauf der Operationen, sondern auch für den nötigen gemeinsamen Nenner. Denn schon bald zeigt Armadillo – der Name das dänichen Camps – sein wahres, intensivstes Gesicht, und das hässlichste des Krieges. Pedersen begleitet die Truppe nämlich bei einem Einsatz, bei dem die Männer in ein Feuergefecht mit Taliban geraten. Alles scheint in ein einziges Chaos (militärisch: clusterfuck) zu entarten, auch wenn die Männer stets wissen, was zu tun ist. Im Verlaufe des Gefechts werden wir Zeuge, wie der Kommandeur der Truppe folgenschwer verletzt wird, so dass er nach Dänemark ausgeflogen werden muss – was die Truppe zudem in ihrer Moral schwer zurückwirft. Der wirkliche Schrecken liegt aber in der unverblümten Art, mit der die Männer an die Sache herangehen. Nach erfolgreichem Ausgang des Gefechts sind mehrere Taliban tot, was die Männer einerseits erfreut, andererseits aber auch mitnimmt, schildert der Film doch deutlich, dass einige von ihnen nicht etwa festgenommen wurden, sondern gezielt getötet worden sind. Und dies dokumentiert Armadillo in allen Einzelheiten, ist die Kamera doch auch bei der anschließenden Einsatzbesprechung mit dabei.

Einer der Männer, der maßgeblich an der Tötung beteiligt war, meint, dass man das alles gar nicht verstehen könne, wenn man es nicht selbst mitgemacht habe. Es ist schließlich Krieg und der Feind ist hinterhältiger als je zuvor. Armadillo erreicht hiermit sicherlich seinen Höhepunkt. Dabei sind das Schlimmste aber noch nicht einmal die Bilder der getöteten Taliban, die in einer kleinen Wassergrube übereinander liegen – so etwas hat man in Restrepo beispielsweise nicht zu sehen bekommen -, sondern vielmehr die Beschreibungen der Soldaten, die den ganzen Hergang so detailreich beschreiben, dass einem durchaus mulmig wird. Es ist aber auch gerade diese Intensität und Unverblümtheit, die Armadillo fast schon eine einzigartige Stellung einnehmen lässt, macht der Film doch gerade damit unmissverständlich klar, dass es sich hier um die Realität und nicht etwa einen klischeebeladenen Spielfilm handelt. Es verwundert angesichts dieser Bilder und Berichte auch, welche Freiheiten die dänischen Streitkräfte den Filmemachern einräumten – und wie weichgespült eine amerikanische Produktion wie Restrepo dagegen wirkt (auch wenn es sich um einen ebenso guten und intensiven Film handelt). Am Ende des Filmes und des sechsmonatigen Einsatzes wird ein Blick auf den weiteren Fortlauf der Männer gegeben: Alle von ihnen sind wieder nach Afghanistan gegangen oder planen es zumindest. Mehr als Armadillo kann eine Dokumentation nicht leisten. (9/10)


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Ein Kommentar zu “Dokument des Schreckens: 'Armadillo'”

  1. Christian (1)
    Mai 3rd, 2011 | 0:54

    Welch ein Zufall, hab mir auch am heutigen Abend die Reportage angesehen und bin selbst auch ziemlich baff. Betroffen, teils schockiert, andererseits aber auch verständnisvoller und informierter über die Zustände dort unten… was da vor sich geht, wie der Alltag abläuft, was die Jungs durchmachen müssen… man versteht warum sie so reagieren und ich würde in einigen Situationen wahrscheinlich genauso handeln wie die Jungs.

    Ein wirklich bemerkenswerter Streifen, eindrucksvolle Kriegsreportage… teilweise mit wirklich harten Szenen, nicht nur visuell sondern gleichzeitig auch im Kopf.

    Wirklich sehr sehr sehenswert und eine schönes Review hast du geschrieben. Vielen Dank… trifft meine Meinung zu fast 100 prozent.

    Gruß
    Christian

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