Blood, Sweat & Hardcore: 'New Kids Turbo' DVD Review


Es ist ein Phänomen, anders kann man es nicht sagen. Es ist vor allem ein Phänomen, das nicht nur die offensichtliche Zielgruppe anspricht, sondern auch vor Akademikern nicht Halt macht. Die Rede ist natürlich von den New Kids, die dank Comedy Central und YouTube quasi über Nacht zum Dauerbrenner geworden sind. Für all jene, die noch immer nicht wissen, von was hier eigentlich die Rede ist, ein kleiner Exkurs. 2007 erblickten die New Kids oder genauer gesagt New Kids on the Block, wie sie damals noch hießen, das Licht der Welt. Dabei handelt es sich um fünf niederländische Asis aus dem Provinzdorf Maaskantje, die nichts besseres zu tun haben als ihre Mitmenschen mit Hardcore-Techno, unflätigem Benehmen und sonstigen Aktionen zur Weißglut zu bringen. 35 Folgen der drei Minuten langen Clips gibt es bisher in Form von drei Staffeln, viele davon sind auf YouTube zu sehen. Diese sind natürlich alles andere als jugendfrei – die DVDs mit den Clips haben beispielsweise keine Jugendfreigabe -, denn es geht durchaus auch mal härter zur Sache. Außerdem wir nichts und niemand von den fünf Niederländern verschont – egal ob Ausländer, Behinderte oder Alte. Millionen von Klicks und Fans generieren die Clips damit.

Dass irgendwann der Sprung auf die große Leinwand erfolgen musste, versteht sich also fast von selbst. Doch wie bekommt man die Jungs, die normalerweise nur für drei Minuten zu sehen sind, in einen abendfüllenden Spielfilm? Ganz einfach, man schreibt ihnen ein großes Abenteuer auf den Leib, das unter der Loser-retten-die-Welt-Oberfläche ein herrlicher Kommentar zu sozialen Spannungen, zu Randgruppen und zur Finanzkrise ist. New Kids Turbo (und das 'Turbo' ist hier in der Tat angebracht) gibt sich als kleiner Mann aus, als niederländischer Otto-Normal-Verbraucher, der von all den sozialen Ungerechtigkeiten und der vielen Bürokratie die Schnauze voll hat. Erst recht von der Finanzkrise, die die Hilfsbedürftigen noch hilfsbedürftiger gemacht hat und die Leute, die einen Job hatten, um diesen gebracht hat. Einige von den Jungs hatten nämlich einen Job. Bis zu dem Tag, an dem ihnen eiskalt gekündigt wurde. Zu allem Überfluss wird ihnen nun auch noch die Sozialhilfe gekürzt, so dass sie nicht mehr genug Geld zum Rumhängen, den Chinamann und Bier haben. Da beschließen sie eben kurzerhand, dass sie von heute an nichts mehr bezahlen werden. Und so gibt es das Bier schließlich umsonst im Supermarkt – der Manta ist ja direkt vor der Türe geparkt, da muss man den Sicherheitsdienst nicht fürchten.

New Kids Turbo hat einen gewissen Hang zum Größenwahn, denn es wird stets übertrieben und überzeichnet. Und dennoch scheint es nachvollziehbar, warum die Jungs nicht nur von der niederländischen Regierung, sondern von der ganzen Welt angepisst sind. Ihnen, dem schwächsten Glied der Gesellschaft, wird übel mitgespielt. Alle denken, dass man es mit den fünf Asis ja machen könne – die haben außer fernsehglotzen, Bier saufen und rumpöbeln ja nichts Besseres zu tun. Doch was die fiesen Strippenzieher vergessen, ist die Tatsache, dass die Jungs eines ganz besonders schätzen, nämlich ihre Freundschaft und die damit verbundene Kameradschaft. Einer für alle, alle für einen quasi. Und so kommt es schließlich, dass es ebenjene vermeintliche Verlierer sind, die durch Kameradschaft und Zusammenhalt ihr Dorf retten und die restliche Gemeinde dazu bringen, ihnen zu folgen. Der große Showdown am Ende ist nichts anderes als ein großer Kampf gegen das Kapital und das Establishment. Vokuhilas und Schnauzer gegen Anzüge und Gelhaare. Und dazwischen sind sie dann immer wieder zu finden, diese gross-out-Momente, die nur zwei Reaktionen möglich machen: lautstarkes Lachen oder angewiderte Verachtung. Jeder bekommt am Schluss sein Fett (oder mehr) weg, auch der Alt-Nazi, der in seiner ganz eigenen Welt lebt, die mindestens so anachronistisch ist wie jene, die Robbie, Barrie, Rikkert, Richard und Gerrie gerade mit Waffengewalt beseitigt haben.

Jeder wächst hier über sich hinaus und alle liegen sie sich am Ende in den Armen – Xenophobie und Behindertenfeindlichkeit gehören der Vergangenheit an. Und zwischen all dem Chaos findet ein verlorener Sohn dann auch noch seinen Vater. Schließlich fickt keiner mit Maaskantje, so das Motto der Jungs. Ja, New Kids Turbo muss man schon gesehen haben, um es zu glauben. Comedy-Kino war schon lange nicht mehr so politisch und subversiv wie hier, Junge! Und genau hier zeigt der Film auch einmal mehr, wie vielseitig und intelligent er doch ist. Wer mit politischem Kino oder Subtext nichts am Hut hat und einfach nur Brachialhumor liebt, der kommt ebenso auf seine kosten, wie jene Akademiker, für die der Film eine ganze empirische Soziologie-Studie ersetzt. Das Sequel New Kids Nitro ist bereits abgedreht und kommt am 08. Dezember in die niederländischen Kinos. Bei uns soll es im Januar dann so weit sein, bis uns eine weitere Dröhnung der New Kids erreicht. Es scheint also so, als wäre das Phänomen New Kids erstmal nicht tot zu kriegen. "Gut gemacht, Junge!" (8/10)

Die DVD von Constantin Film (Amazon-Partnerlink), verfügt lediglich über die deutsche Synchronisation (und die ist geschnitten, wenn auch nur um einen Satz), was allerdings nur halb so wild ist, denn wie man es schon von den Clips gewöhnt ist, haben sich die fünf Jungs selbst synchronisiert. Und mal ganz ehrlich: Deutsch mit Rudi-Carell-Akzent ist doch immer noch hundert Mal schöner als Niederländisch mit deutschen Untertiteln, oder? Das Bild ist recht makellos, der Ton knallt in den richtigen Momenten – und davon gibt es einige – ordentlich (man kann auch dts-Ton auswählen). An Extras bietet die Scheibe ein Making-of, einen Making-of-Extraclip, einen Videoclip und natürlich Darstellerinfos. Sehr löblich, weil heutzutage leider eine Seltenheit: Die DVD hat ein Inlay mit Kapitelübersicht. So oder so: Die DVD hat man im Schrank zu haben. Am besten mit dem Soundtrack!


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3 Kommentare zu “Blood, Sweat & Hardcore: 'New Kids Turbo' DVD Review”

  1. NaitaOni (3)
    September 15th, 2011 | 17:53

    Hier der komplette Schnittbericht – hält sich aber noch in Grenzen:
    http://www.schnittberichte.com.....p?ID=58870

  2. September 15th, 2011 | 19:13

    Ja, alles nicht ganz sicher, ob da Constantin wirklich die Schuld trägt.

  3. Oktober 10th, 2011 | 22:50

    [...] schreiben. Über New Kids Turbo. Einem der lustigsten Filme der letzten Jahre. Da Stefan das auf seinem Blog aber schon ausserordentlich gut gemacht hat, Basti es auf seine Weise auch schon tat und nun auch [...]

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