Wikingerabenteur in 3D: 'Wickie auf großer Fahrt'


Im Jahr 2009 lockte die erste Verfilmung der TV-Kultserie aus den 70ern Wickie und die starken Männer unter der Regie von Michael 'Bully' Herbig im deutschsprachigen Raum rund 6 Millionen Zuschauer in die Kinos. Dass bei so einem Erfolg eine Fortsetzung kommen muss, ist keine Frage. Da 'Bully' aufgrund anderer (schauspielerischer) Verpflichtungen keine Zeit für eine weitere aufwendige Regiearbeit hatte, zeichnet sich nun der kinderfilmerprobte Christian Ditter (Vorstadtkrokodile 1+2) für Wickie auf großer Fahrt verantwortlich. Dem aktuellen Trend folgend drehte er das neue Wickie-Abenteuer, für das er auch das Drehbuch geschrieben hat, als ersten deutschen Realfilm in echtem 3D.

In seinem zweiten Kinoabenteuer hat Wickie plötzlich große Schuhe zu füllen. Denn als sein Vater und Häuptling von Flake vom Schrecklichen Sven entführt wird, muss Wickie als neuer Häuptling schnell lernen, mit der großen Verantwortung, die seine neue Aufgabe mit sich bringt, fertig zu werden. Natürlich stechen Wickie und die starken Männer sogleich in See um Halvar zu befreien. Auf ihrer abenteuerlichen Reise gelangen sie an allerlei exotische, teils gefährliche Orte und machen sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Schatz der Götter. Hinter dem ist ganz zufällig auch der Schreckliche Sven her.

Auch wenn Regisseur und Produzenten gerne betonen, trotz der aufwendigen 3D-Bilder stehe immer die Geschichte im Mittelpunkt, muss man doch feststellen, dass die Handlung recht flach geraten ist. Charakterentwicklung sucht man größtenteils vergeblich, einzig Wickie darf sich in seiner Rolle, angetrieben von einer angedeuteten Romanze, etwas erwachsener geben. Der Rest des Abenteuerstreifens verläuft leider ohne grosse Überraschungen sehr linear und größtenteils vorhersehbar. Sogar Enthüllungen über gewisse neue Charaktere kann selbst ein Durchschnittskinobesucher schon frühzeitig durchschauen. Ein Abenteuerfilm ganz nach Schema F: die Suche nach einem mystischen Artefakt erinnert nicht zuletzt am Ende stark an altbekannte Indiana-Jones-Abenteuer. Auch sonst wird von allen Seiten munter zusammengeklaut und besonders als verraten wird, was denn der Schatz der Götter nun tatsächlich ist, hat man nicht gerade das Gefühl, Ditter wäre bei Drehbuchschreiben besonders kreativ gewesen, sondern hätte sich wohl eher bei zu der Zeit aktuellen Kinoblockbustern bedient.

Eine derart vorhersehbare Handlung wäre wohl noch verzeihlich gewesen, hätte man sie wenigstens mit so viel Witz ausgestattet, dass der Zuschauer trotzdem gut unterhalten wird. Doch leider zündet hier kaum ein Witz, auch wenn man zu Gute halten muss, dass einige Szenen eingebaut wurden, die der treue Fan bereits aus der Serie kennt. Während Ditter glücklicherweise auf Fäkalhumor verzichtet, entpuppt sich die oft versuchte 'Situationskomik' als echter Rohrkrepierer und ist allerhöchstens unfreiwillig komisch. Das mag zum Teil auch an den Darstellern liegen, die allesamt noch genauso laienhaft wirken wie in Teil 1. Die wenigen Lacher, die Wickie auf großer Fahrt zu bieten hat gehen dann entweder aufs Konto der Tiere oder das vom Schrecklichen Sven. Dieser wird von Günther Kaufmann mit großer Spielfreude zum Leben erweckt und sticht so als einziger aus den sonst unbedeutenden Leistungen heraus. Ein kleines Highlight, das ausreicht eine Sichtung zu rechtfertigen. Weitere Lichtblicke wie der gnadenlose Overactor Christoph Maria Herbst und Christian Ulmen kommen indes viel zu kurz und sind kaum erwähnenswert.

Was dem Film neben Günther Kaufmann dann doch seine Daseinsberechtigung gibt sind seine optischen Schauwerte. Ambitioniert ging man ans Werk um den ersten deutschen 3D-Realfilm auf die Leinwand zu bringen, dafür wurde sogar eigene Technik entwickelt. Bereits zu Beginn macht das 3D einen guten Eindruck und bleibt über die meiste Zeit unaufdringlich, bietet aber natürlich auch die von manchen Zuschauern so geliebten, effekthascherischen 'es-kommt-direkt-auf-uns-zu'-Momente. Doch auch in 2D wird viel fürs Auge geboten, da macht der Film seinem Titel alle Ehre. Denn immerhin bekommt man mehr Hochsee-Action zu sehen als noch im letzten Pirates of the Caribbean-Abenteuer! Die Actionsequenzen zu Wasser und zu Land können sich mehr als sehen lassen, insbesondere wenn sich an beeindruckenden digitalen Schauplätzen wie Odins Schlucht und einem Eispalast stattfinden. Schauwerte, die Wickie auf großer Fahrt immerhin zu einem guten Werbefilm für deutsche Film- und Effekttechnik machen.

Somit ist Wickie auf großer Fahrt nur mittelprächtige Unterhaltung, die zwar mit optischen Schauwerten punkten kann, darüber hinaus aber nicht viel zu bieten hat. Leider wird viel Potenzial verschenkt, mit einem besseren Drehbuch wäre da deutlich mehr dringewesen. Die Zielgruppe wird sich von der seichten Handlung aber wenig stören lassen und wem der erste Wickie gefallen hat, wird sich auch vom zweiten gut unterhalten fühlen. Denn besser als sein Vorgänger ist Wickie auf großer Fahrt allemal. (5/10)

- Kritik von Christoph Gumpert


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