The Final Destination: 'Accident' DVD Review


Es ist ein wenig ruhig geworden um den Hong-Kong-Thriller. Stand vor wenigen Jahren noch der großartige Infernal Affairs für den mehrfach Oscar-prämierten The Departed Modell, gab es in letzter Zeit zwar weiterhin gute, aber nur noch selten Beiträge, die aus der Masse herausstachen und eine wirkliche Chance hatten, auch im Westen bekannt zu werden. Wenn doch einmal ein Film auffällt, besteht eine nicht geringe Chance, dass der Name Johnny To mit ihm in Verbindung steht. To beweist mit seiner Produktionsfirma Milkyway immer wieder ein ausgezeichnetes Gespür für hervorragende Thriller, sei es nun als Regisseur (Running out of Time, Election, Exiled) oder, wie in diesem Fall, als Produzent.

Kwok-fai Ho (Louis Koo) ist der Kopf einer erfolgreichen Gruppe von Auftragskillern. Kopf im Sinne des Anführers, aber auch im Sinne des großen, detailversessenen Planers. Denn die Gruppe ist besonders deswegen erfolgreich, da die von ihnen ausgeübten Morde nicht als solche erkennbar sind. Stattdessen konstruiert Ho komplizierte Kettenreaktionen, die zu Unfällen führen, welche die Zielperson ohne direktes Zutun eines Killers zu Tode kommen lassen. Die Behörden schöpfen somit auch keinen Verdacht und kommen erst gar nicht auf die Idee, jemanden wegen des Mordes zu verfolgen. Bei einem dieser Einsätze verläuft das Geschehen alles andere als nach Plan.

Es kommt zu einem tragischen Unfall, der den Tod eines Team-Mitgliedes zur Folge hat. Ho, der selbst seine Frau bei einem Autounfall verloren hat, weiß, dass es sich tatsächlich nur um einen Unfall gehandelt haben könnte. Doch aufgrund seiner Tätigkeit weiß er ebenso, dass es auch durchaus eben kein unglücklicher Zufall gewesen sein könnte, der den Tod seines Kollegen verursacht hat, sondern ein gezieltes Attentat. Spätestens als er einen Einbruch in seine Wohnung am selben Tag feststellen muss, lässt ihn dieser Gedanke nicht los und er widmet fortan jede wache Minute der Aufklärung dieser möglichen Verschwörung.

Vor allem in Anbetracht der Tatsache dass asiatische Filmemacher gerne Thriller jenseits der zwei Stunden produzieren, ist Accident (Yi ngoi) mit 87 Minuten Laufzeit verhältnismäßig kurz geraten. Das ist in diesem Fall jedoch keinesfalls ein Nachteil. In seiner Kürze ist der Film dafür umso dichter gestaltet. Accident präsentiert sich mit einem hervorragend ausgearbeitetem Plot, der in der ersten Hälfte einen spannenden, urbanen Thriller darstellt, sich in der zweiten Hälfte aber in eine ganz andere Richtung entwickelt und fast schon zu einem Charakterstück mutiert. Dabei lockt er immer wieder auf falsche Fährten und entpuppt sich als deutlich vielschichtiger und weniger vorhersehbar, als es der erfahrene Zuschauer womöglich meint. Einzig einige wenige narrative Schwächen, Plausibilitätsprobleme und logische Unstimmigkeiten fallen negativ ins Gewicht. Spätestens jedoch mit dem Finale, das perfekter nicht hätte sein können, sind diese aber verzeihlich.

Besonders die zweite, sehr charakterbezogene Hälfte des Filmes verlangt einem Schauspieler viel ab. Louis Koo, einer der zurecht meistgefragtesten Darsteller Hong Kongs, liefert in seiner Darbietung des Kwok-fai Ho eine der besten, wenn nicht sogar die beste Leistung seiner bisherigen Karriere ab. Er beweist erneut seine gewaltige Vielseitigkeit und meistert den Spagat zwischen dem kalten, emotionslosen und analytisch vorgehenden Killer und einem zunehmend in Paranoia versinkenden Mann, mit dem der Zuschauer schließlich mitfühlen können sollte, ausgezeichnet. Für den Erfolg des Films ist das essenziell, denn letztlich ist Accident eine One-Man-Show. Louis Koo ist alleiniger Hauptdarsteller, der in nahezu jeder Szene zu sehen ist und so ist es, neben dem bis auf wenige Schwächen hervorragenden Skript, vor allem ihm zu verdanken, dass Accident dermaßen gut funktioniert.

Für Regisseur Soi Cheang (Love Battlefield, Dog Bite Dog) dürfte Accident der endgültige Durchbruch sein. Bereits die ausgezeichnete Eröffnungssequenz packt den Zuschauer und zieht in sogleich mitten in das Geschehen hinein. Die Detailversessenheit seiner Hauptfigur setzt Cheang auch in seiner Inszenierung um und überlässt nichts dem Zufall. Jedes Bild ist präzise gestaltet und glücklicherweise verzichtet er auf überstilisierte Hochglanz-Actionsequenzen, sondern inszeniert Accident mit zurückhaltendem Realismus.

Accident ist eine ausgewogene Mischung aus hervorragendem Thriller und tiefgründiger Charakterstudie und nach wenigen Höhepunkten des Hong-Kong-Thrillers der letzten Jahre ein dringend nötiger und zugleich erfrischender Beweis für die Leistungsfähigkeit des Filmstandorts. Hollywood darf sich hier ein Beispiel nehmen, denn Accident beweist, dass die guten, neuen Ideen noch lange nicht erschöpft sind. Accident ist in seiner nahezu perfekten Ausführung sicherlich kein Unfall, sondern ein seltener Glücksfall. (8.5/10)

Die DVD ist seit dem 21. Oktober im Handel (Amazon-Partnerlink) und kann hier technisch nicht beurteilt werden, da ein Presseexemplar vorlag.

- Kritik von Christoph Gumpert


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