Der ROI des Todes: 'Das 10. Opfer' Blu-ray Review


Das Medium Film schaut regelmäßig in die Zukunft der Medien – und malt sich dabei meist eine ziemlich düstere Zukunft aus. Menschen, die ausgesetzt werden und sich gegenseitig töten müssen; inklusive Liveübertragung wie beispielsweise in The Condemned oder eine Wiederbelebung der Gladiatorenkämpfe wie in Schwarzeneggers The Running Man. Man könnte ein gutes Dutzend weitere mediale Dystopien aufzählen, die so hoffentlich nie eintreten, auch wenn es wohl keinen verwundern dürfte, sollte eines Tages doch so weit kommen. Im 21. Jahrhundert schockiert es uns jedenfalls nicht mehr allzu sehr, wenn Regisseure uns unsere eigene Mediengeilheit vor Augen führen und damit zeigen, dass wir uns in vielerlei Hinsicht nach hinten statt nach vorne entwickeln. Elio Petris italienisch-französische Produktion Das 10. Opfer (La decima vittima) zeichnete diese düstere Zukunft schon 1965. Im Rahmen der 'Großen Jagd' veranstaltet die ganze Welt ein Turnier, in der ein 'Jäger' auf ein 'Opfer' losgelassen wird – ist einer der beiden tot, wird er zum Jäger respektive Opfer bis er zehn Runden überstanden hat. Dann winkt final das große Geld und der Ruhm.

Es wird nicht genannt, wann Petris Film angesiedelt ist, ob im Italien der Gegenwart oder in einer nahen Zukunft. Lediglich die Requisiten (z.B. futuristisch anmutende Telefone) lassen vermuten, dass es sich um eine nicht allzu ferne Zukunft handelt. Seiner Zeit aber wohl am weitesten voraus in Das 10. Opfer ist die Marketingmaschinerie. Überall lauern Marketer, die es kaum erwarten können, das nächste Todesopfer für ihre Zwecke zu inszenieren – und sei es nur für so etwas trivial Anmutendes wie Tee. Alles soll für das Fernsehen perfekt inszeniert werden und den Absatz in die Höhe treiben – ganz egal, was es kostet oder wie makaber es anmutet. Das 10. Opfer ist allerdings nicht immer so deutlich in seiner Sprache wie hier, sondern deutet einen Großteil seiner Dystopie lediglich an. Die 'Große Jagd' soll eigentlich dem Frieden dienen, denn außer bei den Teilnehmern herrscht im Volk kein Drang zur Gewalt mehr. Jäger und Opfer bekriegen sich daher auch auf offener Straße, ohne dass jemand den Kopf verdreht oder einschreitet.

Für alte Menschen ist in dieser Welt kein Platz mehr, sie werden vom Staat 'geholt'. Besonders in Italien, wo die Familie eine außerordentlich große Rolle spielt, führt dies zu Konflikten, wie man bei Marcello (Marcello Mastroianni) und dessen Eltern, die er heimlich bei seiner Ex-Frau versteckt, sieht. Der Tot ist omnipräsent und gerade deshalb wohl kein großes Thema mehr, vor dem man sich fürchtet oder mit dem man sich großartig beschäftigt. So bleiben auch die beiden Protagonisten stets locker lässig, denn es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie die Jagd für sie ausgehen kann: Sie sterben und der andere macht mit ihrem Tod das Geschäft seines Lebens und vice versa. Schaut 2012 rückblickend auf den Film, dann wird schnell deutlich, dass er seiner Zeit weit voraus ist. Knapp 50 Jahre später ist dieses Szenario zwar Gottseidank immer noch nicht eingetroffen, aber der Tod lässt sich mittlerweile hervorragend vermarkten.

Bei all diesen subtilen und kritischen Tönen, die der Film anschlägt, ist sein größtes Manko allerdings, dass er ein klein wenig zu selbstverliebt ist. So wälzt er sich immer und immer wieder in den gleichen Abläufen, so dass auch der letzte Zuschauer noch mitbekommt, dass der Film etwas Wichtiges zu sagen hat. Auch der äußerst monotone Soundtrack, der über das nervige Hauptthema nicht hinauskommt, ist der Atmosphäre eher unzuträglich. Auch das Ende kann sich nicht so richtig entscheiden, wann es nun tatsächlich seinen Höhepunkt erreicht hat. Und dennoch kann Das 10. Opfer immer wieder mit diesen skurrilen, ja fast schon surreal-anmutenden Momenten beeindrucken, die sich durch den Film ziehen (so z.B. der Jäger beim Pferderennen, der in Wehrmachtsuniform auftritt). Außerdem ist Marcello Mastroianni eine coole Sau und Ursula Andress einmal mehr wunderhübsch anzuschauen. (7/10)

Die Blu-ray von Bildstörung ist seit dem 30. März im Handel erhältlich (Amazon-Partnerlink) und wieder mal eine äußerst gelungene Veröffentlichung. Die knallbunten Technicolor-Farben springen einem förmlich ins Gesicht, auch wenn man dafür sehr viel Bildrauschen in Kauf nehmen muss. Nichtsdestotrotz ist das Bild insgesamt sehr gut geworden. Beim Monoton in Dolby Digital 2.0 darf man natürlich nicht allzu viel erwarten, er tut aber sein Dienst. An Extras gibt es – neben der wieder mal sehr hübsch gewordenen Verpackung – den deutschen und italienischen Trailer, die alternative deutsche Anfangssequenz und den Dokumentarfilm Marcello: A Sweet Life mit einer Laufzeit von 98 Minuten. Abgerundet wird das Ganze durch das ausführliche Essay von Filmspezi Oliver Nöding im sehr ansehnlichen Booklet.


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