Der gigantische Flop, der keiner ist: 'John Carter' Blu-ray Review


Disney ist eigentlich ein Garant für Kassenerfolge. Zumindest wenn es um Animationsfilme geht. Aber auch ansonsten macht Disney nur selten Schlagzeilen mit schlechten Zahlen. Miramax, Marvel, Disney kauft sich sogar groß bei der Konkurrenz ein. Da schmerzt es natürlich umso mehr, wenn ein Blockbuster, von dem man sich ganz Großes erhofft hatte, an den Kinokassen floppt. Das tut es einem Studio immer, aber Disney wohl noch ein wenig mehr. Stolze 200 Millionen US-Dollar soll Disney an John Carter verloren haben. Viele Diskussionen und Vermutungen gab es bei der Fehleranalyse, am Marketing soll es letztlich wohl gelegen haben (man hätte den Film beispielsweise doch John Carter of Mars nennen sollen, sagen einige). Was auch immer der tatsächliche Grund für das Scheitern des Abenteuers aus der Feder von Edgar Rice Burroughs war, John Carter hat dieses Brandmark nicht verdient, nein, wirklich nicht.

Die Geschichte, die Andrew Stantons Film erzählt, ist vielleicht keine allzu genuine, aber sie entführt uns in eine Welt, die voller Magie ist und an der man sich nicht satt sehen kann. Beginnt die Rahmenerzählung noch im jungen Amerika, das gerade den Civil War hinter sich gebracht hat, werden wir wie John Carter (Taylor Kitsch) auch schon in die geheimnisvolle Welt entführt, die – so stellt sich schnell heraus – der Welt, aus der Carter stammt, doch recht ähnlich ist. Es herrscht ein Krieg zwischen zwei Völkern, angeheizt durch göttliche Wesen (u.a. Mark Strong), die die Fäden in der Hand zu halten scheinen. Carter muss sich in dieser Welt, in der er einige besondere Fähigkeiten besitzt, erst zurecht finden. Dabei stellt sich schnell heraus, dass er physisch zwar überlegen sein mag, kulturell aber erst Fuß fassen und die Zusammenhänge dieser Welt, die sich Mars nennt, erschließen muss. Der Zuschauer ist ihm dabei nicht unbedingt voraus, was ihn emotional an Carter stärker bindet.

Wir lernen Wesen (u.a. Willem Dafoe & Thomas Hayden Church) kennen, von denen man nicht weiß, wie sie mit diesem Fremden umgehen werden. Immer tiefer involviert uns John Carter, präsentiert neue Gesichter, mal Freund, mal Feind, die vor allem aber alle funktionieren. Sicherlich, Mark Strong gibt einmal mehr den Bösewicht auf Autopilot, aber er steht sowieso nicht im Fokus der Geschichte. Die fremden Zivilisationen sind aus vielen anderen Geschichten und Filmen entlehnt, passen aber so gut in diese Welt, dass man sich für sie und ihren Background interessiert. Auch das Setting weiß zu gefallen, das irgendwo zwischen Wüste und gigantischem Gebirge angesiedelt ist. Man sieht es den Bildern von Daniel Mindel an, dass er schon für viele Spionagethriller gearbeitet hat, denn auch hieraus generiert John Carter viel seiner Spannung und Magie. Zum Beispiel die Luftkampf-Szenen, die in einem Actionfilm nicht besser hätten aussehen können.

Keine Frage, John Carter verfügt über große Schauwerte, man sieht dem Film seine 250 Millionen Dollar an, die er gekostet hat. Die FX sind beispielsweise state of the art, zur Qualität der 3D-Effekte kann ich leider nichts sagen, da ich nur die 2D-Version gesehen habe (die aber erahnen lässt, an welchen Stellen 3D Sinn gemacht hätte). Doch nicht nur von technischer Seite weiß die Produktion zu gefallen. Vielleicht liegt es gerade daran, dass John Carter im Prinzip ein Best-Of aus Star Wars, Stargate, Aladdin und vielen anderen ist, was ihn so interessant macht. All die Sachen, die schon in den entsprechenden Filmen gefallen haben, wie z.B. der Arena-Kampf, den ich schon in Attack of the Clones geliebt habe und der auch hier ein sehr schönes action set piece markiert. Und nicht nur hier macht der Film keine Gefangenen, denn er ist keinesfalls der kleine, niedliche Disney-Film, der sich an Kinder richtet, sondern zeigt Gewalt und ihre Auswirkungen.

Das ist nicht nur ehrlicher, sondern auch konsequenter als man es von verwandten Welten aus The Chronicles of Narnia oder The Golden Compass kennt. Interessanter als diese ist John Carter ohnehin, auch wenn es nicht unbedingt weiterer Sequels bedarf. Das erste wurde bereits angekündigt und ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. So magisch und entführend wie dieser ökonomische Flop ist Disney-Kino schon lange nicht mehr gewesen. (8/10)

Die Blu-ray von Disney erscheint am 19. Juli (Amazon-Partnerlink) und kann auf ganzer Linie überzeugen. Die Bildqualität wird den tollen Bildern von Daniel Mindel absolut gerecht und besticht durch einen guten Schwarzwert und knackige Schärfe. Der DTS-HD 7.1 Ton bekommt genug zu tun, so dass auch Subwoofer und Rears permanent beschäftigt sind. Auch mit Extras geizt Disney nicht, und so befinden sich neben zusätzlichen Szenen auch ein Making Of und ein Audiokommentar mit auf der Disc. Eine technisch hervorragende Veröffentlichung.

Bild: © 2012 Walt Disney Company


Tags , , , , , , , , , , , , , , , , ,

8 Kommentare zu “Der gigantische Flop, der keiner ist: 'John Carter' Blu-ray Review”

  1. René (1)
    Juli 18th, 2012 | 23:03

    Narnia und Kompass sind wirklich absoluter Murks. Schön, dass man zumindest von einem Kompass-Sequel nichts mehr gehört hat.

    8/10 für John sind überraschend. Aber manchmal machen solche Mörderflops ja tatsächlich mehr Spaß als man denkt. Siehe "Pluto Nash". :-)

  2. Juli 19th, 2012 | 9:43

    Ich denke schon das der Film einige Probleme hat, und darunter sind Probleme die du hier als positiv herausstellst.

    Das erste Problem des Film ist, das er keinen richtigen Anfang hat. Der Prolog? Der Anfang, der eigentlich im letzten Drittel des Films spielt? Die Rückblenden zu seiner Frau? Die Szene in der Bar?
    Nur einer ist hier der richtige Anfang. IMO ist das der in der Bar. Hier hätte der Film beginnen müssen. Und es ist auch ziemlich offensichtlich, das die Rückblenden eigentlich in die Szenen gehören, in denen John KO geschlagen wird. Die Schwarzblenden bieten sich ja geradezu an. Jedenfalls kann das Konstrukt wie es jetzt ist doch nicht so gewollt sein?

    Der Film besteht letztlich aus einer riesigen Anhäufung von billigen Emotionen. Kennt man von Disney vielleicht auch nicht anders, aber angeblich wollte man hier doch den Pixar Weg gehen?
    Wir erfahre Informationen, die ein Gefühl auslösen sollen meist zwei Minuten, bevor sie relevant werden. Größtes Beispiel ist hier z.B. die Vater/Tochter Geschichte (um nicht zu viel zu spoilern). Und das zieht sich durch den ganzen Film!

    Und dann das Problem, das wir Johns Hintergrundgeschichte erst im letzten Drittel des Film erfahren. John ist aber der Bezugspunkt der Zuschauers. Wir sollen ihm bei seinem Abenteuer begleiten. Aber will das der Zuschauer überhaupt? John ist ein absolutes Arschloch, und wir erfahren den Grund dafür erst kurz bevor er sich Dejah Thoris endgültig anschließt. Siehe wieder billige Emotionen!
    Wenn der Zuschauer mit John fühlt, dann folgt er ihm überall hin, auch auf den Mars, da brauche ich keinen Prolog der die Geschichte erzählt, das ist nicht mehr relevant, das kann von den anderen Protagonisten während der Reise erzählt werden (was sie auch tun, der Prolog ist völlig redundant!), und das Ergebnis wäre eine schöne, klassisch erzählte Abenteuergeschichte geworden, was auch viel mehr zum Roman gepasst hätte.

    Jetzt könnte man meinen, vielleicht funktioniert der Film besser, wenn man ihn ein zweites Mal schaut. Das tut er tatsächlich, zumindest in Bezug auf John. Wenn man seine Geschichte kennt, dann fällt es einem wirklich leichter auf Johns Seite zu stehen, ihm zu folgen. Leider hilft das immer noch nicht, die ganzen billigen Emotionsmomente bleiben leider erhalten.

    Und das ist schade. Denn die Geschichte ist gar nicht so schlecht, vor allem wenn man bedenkt das sie ja inzwischen so oft als Vorlage für andere Filme/Geschichten verwendet wurde. Die SFX sind grandios, die Szenerie großartig eingefangen, und die Action bombastisch. Und die Charaktere bieten sooo viel Potential.
    Und dann scheitert es leider an der Umsetzung. Oder vielleicht am Schnitt?
    Ich denke der Film hat großes Potential, durch einen Neuschnitt aufgewertet zu werden. Dann müsste sich aber jemand daran setzen, der etwas mehr Distanz zum Film hat, denn Andrew Stanton hat die Probleme des Films offensichtlich nicht bemerkt.

    Was bemerkenswert ist, das Andrew Stanton ebenfalls verantwortlich ist für den Pixar Film Findet Nemo. Und dort genau das richtig gemacht hat, was er bei John Carter falsch gemacht hat.
    In Findet Nemo erzählt er am Anfang Marlins Hintergrundgeschichte erzählt. Und danach ist absolut klar warum er sich als Vater so verhält wie er es tut. Und der Zuschauer ist bei ihm, versteht ihn, findet ihn trotzdem sympatisch! Genau das, was John Carter auch sein müsste!

    Das ist einfach nur schade, weswegen ich dem Film leider nur eine 6/10 geben kann. Er verschenkt einfach zu viel Potential.

  3. Juli 19th, 2012 | 9:48

    Das positive ist, das ich jetzt (mit etwas Umschreibung) auch endlich meinen eigenen Blogeintrag fertig habe :D

  4. Juli 19th, 2012 | 11:36

    @René

    Ich bin keiner, der 10/10 nur seinen Lieblingsfilmen gibt, daher ganz einfach die 8/10, die – schaut man mal bei den Kollegen – recht viel sind, ja. ;)

    @Daniel

    Ich gebe Dir bei vielem recht, Carter ist nicht gerade ein liebenswürdiger Charakter, aber ich habe ein Faible für Leute, die jeder für Arschlöcher hält. Den Prolog fand ich auch etwas verwirrend, weil lange nicht klar wird, was das eigentlich alles soll – das ist ein Teil am Film, der kritikwürdig ist.

    Dass Disney-Filme emotional immer gleich funktionieren und manchmal sogar manipulieren, ist ja ein offenes Geheimnis. Vielleicht hat es mir aber auch einfach viel gebracht, dass ich vor der Sichtung keinen einzigen Trailer gesehen habe – ich kannte einige Bilder, aber das war's dann auch schon. Meine Erwartungshaltung war eigentlich fast 0. Hinzu kam, dass ich von vielen Kollegen im "Flop Storm" Positives gehört hatte.

    Und ich sagte ja – für einen Disney-Film wirklich ziemlich gut. ;)

  5. Juli 19th, 2012 | 12:38

    Ich würde es einem Disney Film vielleicht auch nicht so hoch ankreiden, aber Andrew Stanton ist ein Pixar-Guy der darauf bestanden hat, alles "The Pixar Way" machen zu wollen, und am Ende doch wieder nur Disney bei heraus kam.

  6. Juli 19th, 2012 | 13:28

    Fair enough.

  7. Juli 21st, 2012 | 15:05

    Einer der besten des Jahres. Hatte null Probleme mit dem Prolog und mit Carters Motivation. Dass das hier mehr Pixar als Disney ist, macht sich auch bemerkbar. Haters gonna hate

  8. papene (1)
    Juli 23rd, 2012 | 15:57

    Bei aller Argumentation auf der dramaturgischen Ebene kann man leider nicht übersehen, warum das Ding eben doch ein Flop ist und eine Dokumentation des möglicherweise kollektiven Versagens aller Verantwortlichen.
    Weil er mich nicht ins Kino gekriegt hat.

    Nicht falsch verstehen. Aber wenn ich 250 Millionen verbraten habe, mich daher dem aktuellen Standardmodell der Blockbuster-Filmwirtschaft unterwerfen muss und dringend viel viel Kohle heimbringen sollte, dann MUSS man Leute wie mich ins Kino schaffen.

    Nicht nur die Geeks und Nerds, die Allesfresser, die Zeittotschläger, Gewohnheitstäter und Heimatlosen, also die Basispopulation eines Kinosaals, sondern solche doch recht verbreiteten Nasen wie eben ich eine bin.

    Ein interessierter, gutwilliger, medienkompetenter, allerdings ökonomisch urteilender Mäßigseher, der unter idealen Umständen gern auch schwertschwingenden Zottelbärten und Mattenträgern (LotR) , sprechenden Fischen und Barbiepuppen (Finding Nemo, Toy Story), Gumminasen und Spandexträgern (TDK, Avengers) und sogar traumatisierten Zauberlehrlingen (HP) eine Chance gibt.

    Wenn – ja wenn – das GESAMTbild des Werkes halbwegs stimmt, und zwar von Anfang an.
    Beginnt mit einem einigermaßen passenden und interessanten Titel, mit appetitanregendem Art Work und endet beim keinesfalls zu unterschätzenden word of mouth.
    Und ganz ehrlich: Da hat sich 'John Carter' zu keinem Zeitpunkt mit Ruhm bekleckert.

    "Warten auf die DVD" hieß es bei mir ganz schnell, aber nicht mal daran glaub' ich mehr, angesichts der durch die Trailer vermittelten visuellen Ödnis.
    Es KANN ja sein, dass das alles ganz anders aussieht, über den ganzen Film gesehen und mit viel gutem Willen.
    Aber für dieses Risiko ist er mir zu lang und pop-mythologisch zu unbedeutend.

    Klar kann man mir vorwerfen, auf einem ziemlich hohen Ross zu sitzen. Aber hey! Ich bin's, der Kunde.
    Mit meiner Zeit und meinem Geld soll ich mit Millionen anderen Helferlein ganz viele schöne Talerchen in Disneys Geldspeicher schaufeln helfen.
    Immer wieder gern, aber sehr ungern für heiße Luft – sorry: heißen Sand. Denn ich geh' ins Kino, um hinterher zu schwärmen, nicht um zu meckern.

    Positives aktuelles Beispiel ist übrigens der kommende 'Man of Steel'.
    Guter alternativer Titel statt des ausgelutschten verbrannten Originals, überraschendes Trailermaterial; okay, die Musik ist aus LotR geklaut und die paar Bilder sehen bis jetzt aus wie die Schnittreste von Terence Malik.

    Trotzdem: Das und der Name des Directors, der mit Chuzpe und Unverfrorenheit zwar auch eine Menge Stuss verzapft hat, aber immer visuell hungrig und handwerklich sehr stark ist und der unter der mutmaßlich stählernen(!) Fuchtel eines erfolgreichen größenwahnsinnigen maniacs steht.

    Das also könnte mich zum ersten Mal überhaupt in einen Film mit dem im Grunde langweiligsten und modisch albernsten 'Super'helden locken.
    Und der sollte das schaffen, denn unter 200 Mio wird auch dieses Werk nicht zu haben sein.
    Aber keine Panik, Supi. Wir sind Legion, aber wir wollen schon gebeten werden ;)

Kommentieren?