Feministische Rebellinnen: 'Tausendschönchen' Blu-ray Review


Wir sehen Bilder der Zerstörung. Feuerbälle, Flugzeuge, Kreuzer, Explosionen. Es sind die Kriege des 20. Jahrhundert – Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg und aus Vietnam. Parallel dazu bewegt sich ein Teil einer Maschine, die nicht genau definierbar ist, in ihrem Bewegungsablauf aber an eine Ölförderanlage erinnert. Schnitt. Zwei junge Frauen sitzen in einem Freibad und ihre Bewegungen klingen mechanisch – als ob sie Maschinen wären. Die Farbpalette hat in den ersten paar Minuten bereits mehrere Male gewechselt, von schwarz-weiß über ein knalliges orange bis hin zu einem faden blaugrau. Schon bald kann man weder Zeitpunkt der Wechsel, noch die Farben selbst bestimmen, so plötzlich und farbenfroh kommen diese. Mal sieht das, was man zu sehen bekommt, aus wie ein Pop-Art-Gemälde, mal wie ein Märchen und ein anderes mal wie ein '80s-Musikvideo (Peter Gabriel und a-ha scheinen sich hier reichlich bedient zu haben). Ja, Tausendschönchen (Sedmikrásky) ist einerseits ein Kind seiner Zeit, andererseits seiner Zeit aber auch weit voraus.

'A Mad-Cap Feminist Farce' heißt es auf dem US-Poster, und in der Tat, die feministische Note kann man dem Film alles andere als absprechen. Marie I (Jitka Cerhová) und Marie II (Ivana Karbanová) haben genug vom kleinen Mädchendasein. Wenn die Welt schon verdorben ist – man erinnere sich an die Kriegsbilder zu Beginn –, warum sollten dann auch sie nicht verdorben sein? Gesagt, getan. Fortan spielen sie ihren Mitmenschen böse Streiche, machen das, was ihnen gerade in den Sinn kommt und schrecken sowieso vor nichts und niemandem zurück. Als erstes werden die wohlhabenden alten Männer wie Weihnachtsgänse ausgenommen; und so dominiert plötzlich die Frau den Mann und nicht umgekehrt. Die beiden machen sich ihr gutes Aussehen zunutze und helfen dem Ganzen mit ihrer Kleidung nach. Bedenkt man die Tatsache, dass Tausendschönchen ein tschechisch-slowakischer Film von 1966 ist, dann dürfte man sich schon ob der Freizügigkeit der beiden Damen kaum wundern, dass die heimischen Zensoren Vera Chytilovás Film schnell im Giftschrank verschwinden ließen.

Doch es ist nicht nur diese Freizügigkeit, die Tausendschönchen für die Zensoren so 'gefährlich' machte, denn was Marie I und Marie II hier 75 Minuten lang tun, ist nichts anderes als sich gegen die Obrigkeit, den Staat und seine Gesetze, aber auch die Gesellschaft und ihre Normen, aufzulehnen. Sie halten sich nur noch an ihre eigenen Gesetzte und sonst an rein gar nichts. Am Ende wird dem Ganzen sogar noch die Krone aufgesetzt, wenn eine Texttafel enthüllt, dass dieser Film all jenen gewidmet ist, die sich am meisten über das Haar in der Suppe aufregen. Und davon gibt es eine ganze Menge in der Tschechoslowakei. Besonders in der Mittel- und Oberschicht, denn die einfache Toilettenfrau ist den beiden Frauen gut gesinnt. Doch selbst die bestehlen sie und schieben es sich gegenseitig in die Schuhe. Es ist wahrhaftig ein einziges Chaos und später sogar eine Schneise der Zerstörung, die die beiden hinterlassen. Auch wenn ein wirklich Plot nicht existiert, gehen Handlung und Bilder eine perfekte Symbiose miteinander ein, so dass sie irgendwann untrennbar zu sein scheinen. Auch fast 50 Jahre später haben diese nichts von ihrer Wirkung verloren und lassen noch immer staunen, welche technischen Register hier alle gezogen wurden.

Tausendschönchen einzuordnen ist sehr schwer. Das feministische Manifest wirkt wie ein Wegbereiter und Vorfahre für heutige Gross-Out-Gesellschaftssatiren wie New Kids Turbo. Irgendwo zwischen avantgardistischer Bildsprache, Performance-Kunst, Surrealismus, Pop Art, Wagner-Klängen und Märchen findet diese kleine fast schon vergessene Rebellion zweier Frauen statt, die politisch und künstlerisch nachhaltig prägte. Es erfreut daher umso mehr, dass sich kleine Labels wie Bildstörung solcher Filmschätze annehmen und diese somit einem breiten Publikum zugänglich machen. (7.5/10)

Die Blu-ray (als SE oder LE mit Soundtrack) von Bildstörung ist am 27. Juli erschienen (Amazon-Partnerlink) und besticht durch einen hervorragenden HD-Transfer, der den Film noch mal um einiges intensiver werden lässt. Der Ton ist selbst für Mono-Verhältnisse sehr gut. Abgerundet wird die Vorzeige-Veröffentlichung durch ein Essay-Booklet, einen Audiokommentar und eine Doku zum Film. Bildstörung zeigt mit dieser grandiosen Veröffentlichung einmal mehr, dass es das beste Label auf dem deutschen Markt ist.


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