Vereint im Tod: 'Und erlöse uns nicht von dem Bösen' DVD Review


Dass Mädchen irgendwann in ein Alter kommen, in dem sie gegen Lehrer, Eltern und jedwede sonstige Obrigkeit ankämpfen und rebellieren, ist völlig normal. Dass sie langsam Seiten an ihrem Körper entdecken, die ihnen davor noch nicht bekannt waren, ebenfalls. So ergeht es auch den beiden katholischen Inernatsschülerinnen Anne (Jeanne Goupil) und Lore (Catherine Wagener), die langsam aber sicher in dieses Alter kommen, die Pubertät. Nachts beobachten sie die Schwester, die sich hinter einem Vorhang entkleidet und bewundern ihre Silhouette, nur um kurz darauf, wenn diese aus dem Raum ist, in Büchern zu blättern, die nicht gerade für junge Mädchen gedacht sind. Heimlich, still und leise, unter der Bettdecke mit Taschenlampe. Schnell hüpft Lore noch zu Anne ins Bett, um das Erlebnis zu teilen. Noch klingt es danach, als würde es sich um das völlig normale Verhalten von Teenagern handeln. Noch. Denn die besten Freundinnen, die nichts und niemand trennen kann, beginnen schon bald, den Bogen zu überspannen.

Aus den anfänglichen Scherzen wird schnell bitterer Ernst. Zwar nicht für die beiden Mädchen, die aus gutem Hause kommen und sich eigentlich um nichts sorgen müssen, aber gerade deshalb herrscht in ihnen wohl diese Leere, die sie dazu bringt, dem Katholizismus im Rahmen einer satanische Zeremonie abzuschwören. Mit Religion verbinden die beiden ebenjene Langeweile, die ihr Leben bis dato prägte. Internat, Speisen mit den Eltern, dann der Kirchenbesuch. Und immer muss man darauf achten, sich richtig zu benehmen und Gott und den Eltern zu gefallen. Selbst zu Hause im Schloss – Anne ist die Tochter eines Grafen – ist die Kirche, sprich die leidige Schule, das Internat, omnipräsent. Eines Sonntags predigt der Pfarrer in der Kirche über die Fleischeslust und vermittelt eindringlich, dass man sich dieser nicht hingeben solle. Das weckt natürlich das Interesse bei den beiden jungen Damen, die gerade dabei sind, diese zu entdecken …

So sind sich die beiden auch nicht zu schade, sich gegenseitig Rollen zuzuweisen, die für die eine deutlich unangenehmer ist als für die andere. Lore ist dafür zuständig, die Männer um den Verstand zu bringen und sie mit ihrem Körper zu locken, während Anne die Fäden in der Hand hält und ihren teuflischen Plan weiter plant. Was man anfangs noch als pubertäre Späße abtun kann, entwickelt sich schnell zu einem sadistischen und zynischen Spiel um Macht (die beiden sind sich nämlich bewusst, dass ihnen ob ihrer Stellung eigentlich niemand etwas kann, zumal sie ihre eigenen Eltern um den Finger gewickelt haben), das alsbald die ersten Opfer mit sich bringt. Und auch der Zuschauer ist ob so viel Böswilligkeit, die in Und erlöse uns nicht von dem Bösen (Mais ne nous déliverez pas du mal) durchaus schockiert und wird nicht selten an die beiden Damen aus Tausendschönchen (Sedmikrásky) erinnert, die einen ähnlichen Plan verfolgten. Die Revolution findet einmal mehr im Kleinen statt.

Don't Deliver Us from Evil, so der internationale Titel, hatte bei Erscheinung vor 40 Jahren selbstverständlich für viel Aufsehen gesorgt. Sofort wurde der Film in seiner Heimat Frankreich verboten, was auch aus heutiger Sicht nicht weiter verwundert. Es ist nicht nur die Böswilligkeit und die Blasphemie, die die beiden Mädchen feiern, sondern vor allem auch die visuelle 'Kraft', die Regisseur Joël Séria seinem Film verleiht, in dem er auch nicht davor zurückschreckt, zwei Vergewaltigungen zu zeigen, die die beiden Mädchen absichtlich heraufbeschworen haben. Séria zeichnet einerseits ein dunkles, böses Bild der Gesellschaft – allen voran der Männer, die hier reine Lustmolche sind –, verzichtet andererseits aber auch nicht auf eine gehörige Portion schwarzen Humors. Spätestens wenn das Publikum bei der Theateraufführung im Internat laut klatscht, während das ganze Treiben von Anne und Lore seinen traurigen Höhepunkt findet, wird deutlich, dass Séria genau weiß, wie er sein (prüdes) Publikum ärgern kann.

Es sind auch jene Momente, wie der Kuss zwischen den Nonnen oder die etwas andere Verabschiedung eines Hausgastes, die nahelegen, dass Und erlöse uns nicht von dem Bösen ein Wegbereiter für die in den 70ern so populär gewordene Nunsploitation war. Hinzu kommt, dass man heute wohl auch eine etwas andere Wahrnehmung der Zustände im Internat hat, nach all dem, was in den letzten Jahren über katholische Internate zu Tage gefördert wurde … Sérias Film ist ein bedeutendes Stück Euro-Cult-Cinema, mit dessen deutscher Veröffentlichung Bildstörung wieder mal Pionierarbeit geleistet hat. (7.5/10)

Bildstörung hat Und erlöse uns nicht von dem Bösen nur auf DVD und nicht auf Blu-ray veröffentlicht (Amazon-Partnerlink), was wohl Sinn ergibt, schaut man sich die Qualität der Scheibe an. Sicherlich liegt es am Quellmaterial, aber das ist leider die qualitativ schlechteste Veröffentlichung von Bildstörung, die ich bis dato gesehen habe. Das Bild ist selbst für DVD-Verhältnisse eine mittelschere Katastrophe. Sogar die Untertitel sind extrem pixelig und trüben den Eindruck weiter. Der Ton hingegen ist in Ordnung, ebenso die Extras, die aus interessanten Interviews bestehen. Das gilt auch für das Booklet, das in gewohnter Qualität daherkommt. Nur das Cover, das bereits in Foren für kritische Stimmen sorgte, ist schlichtweg grausam. Hier hätte man sich besser am Cover der US-Scheibe orientiert. Allein des Filmes wegen aber eine bedeutende Veröffentlichung.


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