Hall of Famer: 'Henry: Portrait of a Serial Killer' DVD Review


Zu Beginn findet sich eine Texttafel, die erläutert, dass dieser Film nicht komplett auf wahren Begebenheiten basiert, sondern lediglich auf Geständnissen des Serienkillers Henry Lee Lucas, von denen er später viele widerrufen hat. Henry: Portrait of a Serial Killer sei also eine fiktionale Bearbeitung bestimmter realer Ereignisse. Das nimmt dem Ganzen nicht wirklich die Rohheit, denn das, was es nach der Texttafel zu sehen gibt, ist äußerst beunruhigend. In bester Lucio-Fulci-Manier hält die Kamera auf ein menschliches Auge drauf, das sich schon bald als jenes einer weiblichen Leiche entpuppt. Aus dem Off hören wir Stimmen, Gesprächsfetzen, die andeuten, wie es zu dieser Frauenleiche gekommen ist. Und es soll nicht das letzte Bild einer Leiche bleiben, denn gleich danach folgt der nächste Tatort – und der nächste. Schnitt, der eigentliche Plot beginnt und es wird schnell deutlich, wer diese Menschen getötet hat. Dabei wird Henry (Michael Rooker) als eigentlich sympathischer Kerl eingeführt. Er hat Manieren – ganz im Gegensatz zu seinem Freund Otis (Tom Towles), den er aus dem Knast kennt – und hat ein offenes Ohr für Otis' Schwester Becky (Tracy Arnold).

Doch diese Ruhe, die Henry ausstrahlt, scheint nur temporär zu sein. Er scheint oftmals entrückt zu sein, kann über den Mord an seiner Mutter, für den er saß, ganz unemotional reden, so, als sei er schon lange darüber hinweg. Dies ändert sich jedoch schlagartig, sobald Henry mit Otis seine killing spree beginnt. Bei Otis, diesem versoffenen, ungepflegten White Trash wundert es einen nicht weiter, aber bei Henry? Es gibt einen Moment im Film, da wirft man die wenige Sympathie, die man für ihn empfindet, komplett über Bord. Doch selbst nach Überquerung dieser Linie gibt es immer wieder einen Hoffnungsschimmer, auch, weil Henry sich der jungen Becky annimmt, die gerade in einer unangenehmen Lage ist und zusätzlich noch von ihrem Bruder getriezt wird. Das liegt zum einem an der recht einfach gestrickten, aber dennoch effektiven Geschichte, die Regisseur John McNaughton mit zu verantworten hat und zum anderen natürlich an Rookers Speil, das mit zu den besten des Genres gehört. Er ist kein typischer Serienkiller, wie wir ihn aus Serienkiller-Filmen kennen, mit komischen Manierismen, sondern ein einfacher Mann, für den das Töten alltäglich geworden ist.

Und wir als Zuschauer sind stets einziger Zeuge der Tat. Bei den Flashbacks zu Beginn können wir nur mutmaßen, aber sobald wir Henry etwas besser kennen gelernt haben, schließt sich dann auch wieder der Kreis. Dass sowohl Otis als auch Henry Monster sind, steht außer Frage, nach dem, was sie getan haben. Und dennoch bleibt bei Henry ein letztes Fünkchen Hoffnung, dass er der Gewalt abschwört und ein neues Leben beginnt. Mit dem letzten Bild, das für den Serienkiller-Film prägend war – man denke nur an Finchers Se7en –, ist dann aber auch dieses verflogen. Nein, nicht verflogen, sondern zerstört. Für diesen Mann ist das Töten wir für andere zur Arbeit gehen oder Zähneputzen. McNaughton macht dies jederzeit deutlich, so dass man sich spätestens am Schluss darüber bewusst ist, dass man ein Narr war, dies ernsthaft zu glauben. Das mag zu einem nicht ganz unerheblichen Teil auch an McNaughtons Erzählweise liegen, die vollkommen selbstreflexiv an das Genre herantritt. Henry und Otis filmen ihre Taten nicht nur, sondern schauen diese gemeinsam zu Hause an, um sie zynisch zu kommentieren und ihre (schönen) Erinnerungen aufzufrischen.

Es ist schon erstaunlich zu sehen, wie dieser genreprägende Film 1986 gedreht wurde, während in den amerikanischen Kinosälen noch das x-te Sequel diverser Slasher-Reihen zu sehen war ('He's not Freddy. He's not Jason. He's real.' war eine der Taglines). Und das mit einer Intensität und Rohheit, wie sie sonst kaum ein Splatter- oder Slasher-Film erreichte. Erst 1990 schaffte es Henry: Portrait of a Serial Killer in die US-Kinos, nachdem Errol Morris ihn 1989 entdeckte und auf ein Festival brachte. Ein Jahr zuvor hatte er sich mit seinem ebenfalls stilprägenden Meisterwerk The Thin Blue Line mit einer ähnlichen Thematik auseinander gesetzt. Der Rest, sowie die Zensurgeschichte des Filmes sind ein Kapitel für sich. McNaughton war nicht nur seiner Zeit, sondern auch dem Genre weit voraus, wie er mit Henry: Portrait of a Serial Killer eindrucksvoll beweist. (8.5/10)

Bildstörung veröffentlicht John McNaughtons Skandal-Film am 26. Oktober auf DVD und Blu-ray (Amazon-Partnerlink). Die Veröffentlichung selbst kommt dabei mal wieder einem Ritterschlag gleich, denn die Scheibe ist nicht nur voller interessanter Extras wie Interviews mit McNaughton und einem Portrait zu Henry Lee Lucas, sondern einem wundervollen Booklet. Dieses enthält neben einem Auszug aus Dr. Stefan Höltgens Schnittstellen: Serienmord im Film auch den Indizierungsbescheid und den (erfolgreichen) Antrag auf Listenstreichung im schön gestalteten Schreibmaschinen-Font. Bild- und Tonqualität können nicht unbedingt begeistern (der Film wurde auf 16mm gedreht), sind aber ordentlich. Ein weiterer Volltreffer in der 'Drop Out'-Reihe des kleinen Kölner Labels.


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