Whiskey und Country, unser täglich Brot: 'Crazy Heart'

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Es kommt wie jedes Jahr pünktlich zur Award-Season, das typische Oscarmaterial. Im letzten Jahr war es David Finchers Obergurke The Curious Case of Benjamin Button, 2010 gibt es gleich eine ganze Reihe von diesen Filmen, denen man zu jeder Sekunde ansieht, dass sie für die Augen der Oscarjury gemacht wurden. Natürlich wäre hier The Blind Side (Besprechung folgt) zu nennen, konservativ-reaktionäres Kino der selbstgefälligsten Sorte. Nicht minder kalkuliert scheint aber auch Crazy Heart, eine Art diesjähriger The Wrestler, nur geht es eben statt um einen Wrestler um einen Countrysänger. Jeff Bridges darf hier einen ebenso erfolglosen alten Hasen wie Mickey Rourke mimen und wird damit nicht minder über den Klee gelobt wie im letzten Jahr Rourke. Crazy Heart verfügt dabei über die üblichen Muster und Sequenzen, die solch eine Art Oscardrama benötigt.

Bad Blake (Jeff Bridges) spielt sich mit seinen alten Countrysongs die Seele aus dem Leib, den Rest erledigt der Alkohol, dem er noch deutlich mehr zugewandt ist als seiner Karriere, die ihn seit Jahren ohnehin nur noch in die schäbigsten Bars des Landes führt. Dabei ist es aber durchaus erstaunlich, wie gut Bridges den abhalfterten Musiker gibt, allen voran auch deshalb, weil seine Stimme sicherlich nicht gerade die schlechteste ist, im Gegenteil.

Keine Frage, Bridges war schon immer ein toller Schauspieler, das hat er unter anderem in Arlington Road bewiesen, einer seiner besten Rollen. Es ist vielmehr das 'was', das Bridges hier spielen muss. Es wirkt dabei schon fast so, als hätte man eine Merkliste abzuarbeiten, denn wenn Bridges mal gerade nicht am Frauen anbaggern ist, dann trinkt er sich bis in den Schlaf. Alles ist seinem Bad Blake egal, erst recht sein Manager, den er immer wieder wüst beschimpft. Natürlich gibt es einen Grund für all diesen Zorn, den er mal mehr, mal weniger in sich hineinfrisst: Tommy Sweet (Colin Farrell), ein deutlich jüngerer Countrysänger, der Blake nicht mehr allzu viel Ruhm in der Branche übrig lässt. Ja, das Alter eben. So muss sich Blake dann auch jeden Tag aufs Neue aufraffen, erst recht mit all dem Alkohol im Blut. Eines Tages findet er in Jungjournalistin Jean (Maggie Gyllenhaal), die ebenfalls deutlich jünger ist als er, eine neue, wenn auch ungleiche, Liebe. Besitzt dieser Mensch, der ein Schatten seiner selbst ist, wirklich so viel Charme und Charisma, dass er Frauen, die seine Tochter sein könnten, rumkriegt? Hollywood as Hollywood can.

Doch damit ist die Merkliste jedoch noch lange nicht abgehakt, denn diese Harmonie muss naturgemäß aus dem Gleichgewicht gebracht werden, nur um am Ende wieder ins Gleichgewicht zu kommen, zumindest grob. So sieht Blake erst deutlich zu spät ein, welch große Probleme er eigentlich hat, zu spät, denn er hat bereits einen fatalen Fehler begangen, der das Idyll erst einmal zerstört. Maggie Gyllenhaal ist bei alledem zwar gut und wie immer äußerst nett anzuschauen, nur ist auch hier das Problem, dass ihre Figur über ihren Schablonencharakter nicht hinauskommt. Sie hat die Schnauze voll von den Männern, wurde zu oft enttäuscht, sie ist allein erziehend und will natürlich nur das Beste für ihren kleinen Sohn, dennoch geht sie die Amour fou ein. Sie kann nur enttäuscht werden, das weiß sie und das weiß auch der Zuschauer. Es folgt das große Klimax, es kommt das, was nach all den Merklisten und Drehbuch-101-Kursen nur konsequent erscheint. Und schließlich durfte Bridges bis zu diesem Zeitpunkt auch oft genug zur Flasche greifen und auch dem Unaufmerksamsten deutlich gemacht haben, dass er ob seiner Karriere frustriert ist und deshalb das Heil im Whiskey sucht.

Natürlich ist die Geschichte an sich eine rührende, das war auch Finchers Film im letzten Jahr schon. Es sind einfach diese gewissen Tasten – allen voran die Mischung aus Kitsch und Pathos -, die man drücken muss, um den Zuschauer vereinnahmen zu können. Das ist mal mehr sichtbar, mal weniger. Nur, wer will schon offen gelegt bekommen, dass er gerade manipuliert wird? Da kann Maggie Gyllenhaal noch so oft die Augen schmerzhaft aufreißen oder Jeff Bridges noch so oft aus dem Bett plumpsen wie ein nasser Sack Kartoffeln, das Drehbuch kann dies einfach nicht ordentlich stemmen (wirft man einen Blick auf die Drehbuchentwürfe, dann wird einem noch übler ob einiger Sequenzen, die bei Verwirklichung dieser Entwürfe nahezu absurd gewirkt hätten). Was bleibt sind zwei tolle Protagonisten, die den Kampf gegen ein käsiges Drehbuch leider recht schnell verlieren. (6/10)


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Zwischen den Zeilen: 'The Ghost Writer'


Reichlich Geplänkel im Vorfeld eines Film bringt vor allem immer eines: Publicity. Dabei spielt es meist eine untergeordnete Rolle, ob diese positiv oder negativ ausfällt. Im Falle von Roman Polanski trifft irgendwie beides zu. Die einen echauffierten sich über das Verhalten der Schweiz und der USA, die ihn vor einigen Monaten festnehmen ließen, andere sahen es nur allzu gerne, dass Polanski für seinen Fehler in den 70ern endlich zur Rechenschaft gezogen wurde (und irgendwie ja wieder doch nicht). Seinem neuen Film The Ghost Writer, der vor einigen Tagen auf der Berlinale seine Premiere feierte – gedreht wurde zu einem guten Teil immerhin in Berlin und Umgebung -, kann der Trubel um seine Person eigentlich nur von Nutzen sein. Er ist in aller Munde, sein Film wird auf der Berlinale gespielt, was will er mehr? Da wirkt es wie die ganze Geschichte um ihn selbst nicht verwunderlich, dass es sich um einen Verschwörungsthriller handelt, einen mit durchaus aktuellen Bezügen, brandaktuellen sogar. Während Tony Blair erst vor einigen Tagen Rede und Antwort in einem Ausschuss stehen musste, der sich mit der Irak-Invasion im Jahre 2003 beschäftigt, droht das gleiche auch dem ehemaligen britischen Ministerpräsidenten (Pierce Brosnan) in The Ghost Writer.

Dieser soll für Kriegsverbrechen, namentlich Folter und Waterboarding, verantwortlich zeichnen. Doch auch Adam Lang ist nicht dumm, hat er sich doch frühzeitig in die USA abgesetzt, als deren Marionette er ohnehin gilt. Im Film munkelt die Presse, dass er stets den Willen des Verbündeten USA durchgesetzt haben soll, deshalb auch alle Minister entlassen habe, die dem US-Präsidenten ein Dorn im Auge waren. Nun droht im der Prozess, da lässt sich die Außenministerin – natürlich schwarz und ihrem realen Pendant wie aus dem Gesicht geschnitten – mit ihm im TV blicken, man muss dem Verbündeten ja beistehen. Dies ist nur ein Beispiel für Polanskis Parallelen zum aktuellen politischen Geschehen und ist anfangs sogar noch relativ interessant. Je weiter sich The Ghost Writer aber in seinem Plot verliert, desto klischeehafter kommt er aber auch daher. Da verbündet sich der Ghost Writer der Lang-Memoiren (Ewan McGregor) mit dessen ehemaligem Verteidigungsminister, eine Rüstungsfirma sponsert Langs Luxusleben und die CIA rekrutiert anscheinend britische Intellektuelle, wenn sie nicht gerade unbequeme Ghostwriter ins Jenseits befördert. Was reichlich abstrus klingt, ist es die meiste Zeit auch, sorgt aber auch dafür, dass das Ganze sein Spannungsborgen nicht verliert. Polanski gelingt es immer wieder den Spannungsbogen auf einem Niveau zu halten, dass man das Interesse nicht verliert, auch wenn die Parallelen zur Realität durch ebenjene Verhandlungsläufe schnell wieder relativiert werden.

Zumindest zu einem gewissen Grad ist dies aber auch der Besetzung zuzuschreiben, denn vor allem bei Kim Cattrall fragt man sich ziemlich schnell, was die Gute hier eigentlich zu suchen hat. Auch Pierce Brosnans britischer Ex-Premier wirkt in erster Linie vielmehr wie ein dauergrinsendes Model für Anzüge, weniger wie ein führender Staatsmann. Genau diese Eigenschaft macht ihn dabei jedoch zur perfekten Marionette, die außer der Schale nichts Eigenes zu bieten hat und deshalb von anderen gesteuert wird – allen voran seiner Frau (Olivia Williams). Das Problem ist aber auch hier, dass dies den durchaus ernsten Ton des Filmes, den er ja bereits mit seinem Setting festigen will, in die genau andere Richtung kehrt, so dass die politische Inszenierung, die der Film zur Schau stellt, wiederum auch stets als filmische Inszenierung wahrgenommen wird. Da spielt es dann auch keine Rolle, wie authentisch die Nachrichtenberichte mit den originalen Senderlogos gehalten sind. So ist man ab einem bestimmten Punkt kein Zuschauer dieses ganzen 'Politkabaretts' mehr, der über etwas mehr Einblick in die Situation verfügt als der Zuschauer, der das Ganze von zu Hause aus am Bildschirm verfasst, sondern begibt sich zusammen mit dem 'Ghost' auf Entdeckungsreise. Quasi die politische Version von The Da Vinci Code. Und auch hier kann das im besten Falle höchstens Hardcore-Verschwörungstheoretiker hinter dem Vorhang herlocken.

Mit The Ghost Writer ist Polanski, der vor fünf Jahren seinen letzten Film drehte, aber dennoch ein mehr als solider Thriller gelungen, der dank seiner Atmosphäre viel Boden gewinnen kann und dafür sorgt, dass man das Interesse so gut wie nie verliert. Ohnehin ist The Ghost Writer oftmals mehr Komödie als Thriller, das wird schon zu Beginn deutlich, wenn James Belushi den grimmigen Verleger mimt, der in diesem snobistischen London wie ein Fremdkörper wirkt. Gleiches gilt für den britischen Akzent, der jeden im Film sofort outet, und somit fast schon zum Running Gag mutiert (dito Ewan McGregor, der sich mehr als einmal über die schottische Herkunft der Langs lustig macht …). Doch auch dieser ist spätestens nach dem dritten Mal nicht mehr allzu lustig. Da sorgt dann schon eher Eli Wallach für ein breites Grinsen, der einen alten Inseleinwohner spielt, der als erster zwischen den Zeilen liest. Exakt dies hätte sich Polanski sowieso stärker zu Herzen nehmen sollen: den Zuschauer mehr zwischen den Zeilen lesen zu lassen. (7/10)


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Learning by Doing: 'An Education'


Die vorstädtische Tristesse durchzieht das Leben des britischen Teenagers Jenny (Carey Mulligan). Mit ihren 17 Jahren soll es für sie nichts Wichtigeres geben als die Schule, das Lernen und die Zukunftsvorbereitungen, denn ihre Eltern sehen sie schon in Oxford. Doch Jenny will aus diesem Alltagsgrau ausbrechen, sie ist eine Querdenkerin, die für ihr Alter untypischerweise auf französische Musik, Literatur und überhaupt das Dolce Vita des Festlandeuropas steht. Bildung als das höchste Gut, das Jennys Familie ihr mitgeben kann: entweder dies oder sie findet einen reichen Mann, der sie ohne Probleme versorgen kann. Was in den 60ern in Großbritannien galt, das hat sich bis heute nicht verändert. In einer Leistungsgesellschaft gibt es eigentlich nichts Wichtigeres als die Bildung, die für eine gute Profession sorgen soll, die wiederum Geld bringen soll, der Katalysator der Leistungsgesellschaft. Jenny als Mitglied der Bohème, wovon sie in der Gesellschaft aber auch nicht (über-)leben kann. Man ist gefangen zwischen zwei Welten, die man nur schwer bis gar nicht miteinander vereinbaren kann – erst recht nicht im strengen London der 1960er Jahre.

Da kommt Jennys Traumprinz David (Peter Sarsgaard) wie gerufen, wenn er sie eines regnerischen Abends zu sich ins Auto einlädt, angeblich um ihr Cello nicht dem Wetter auszusetzen. Er führt sie in die upper class ein, die vielmehr aus Vergnügen als auf Leistung setzt. Doch auch hier steht am Anfang eigentlich Leistung, wenn auch nicht bei David uns seiner Entourage. Jenny beginnt nicht nur sich in dieses Leben, das ihr David bietet, zu verlieben, sondern auch in David selbst. Was eigentlich einer Dichotomie gleichkommt, versteht Jenny erst langsam, und so zieht sich die Titelgebende Bildung aber auch Erziehung immer und immer wieder als zentrales Motiv durch An Education. Während David als Kulturführer agiert, sind es Jennys Eltern (ein großartiger Alfred Molina), die für die Erziehung sorgen oder es zumindest probieren. Ihr Bestes geben sie dabei aber in jedem Falle, auch wenn dies für Jenny nicht immer gleich ersichtlich ist. Es ist zu einem guten Stück natürlich auch ihrer jugendlichen Naivität geschuldet, dass sie so wenig über sich und ihren Stand in der Gesellschaft reflektiert. Und dennoch hat sie mit ihren Aussagen selten Unrecht, denn wer in der Gesellschaft hat nicht zumindest hin und wieder das Verlangen auszubrechen und das alles hinter sich zu lassen. Das weiß auch Jennys Lehrerin Miss Stubbs (Olivia Williams), die dem jedoch ihre Erfahrung und Reife entgegensetzen kann.

Was Lone Scherfig als klassische story of initiation beginnt, wird immer mehr auch zu einer Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und ihren (An-)Forderungen an sich. Nicht nur Jenny ist zwischen beiden Welten gefangen, sondern auch David, der seinen Stand in der Gesellschaft mit Jenny im konservativen Sinne festigen möchte, im Prinzip aber nur ein Parasit ist, der sich in der Oberschicht breit gemacht hat. Auch wenn Peter Sarsgaard gerade hier oft etwas zu steif wirkt, so ist es doch sein großer Charme (und der nahezu perfekt klingende Akzent), der zumindest ein leichtes Verständnis dafür schafft, warum sich Jenny gerade in diesen Mann verguckt. Vice versa gibt es ohnehin kaum Verständnisprobleme, denn Carey Mulligan ist nicht nur eine äußerst attraktive Frau, sondern liefert auch eine solch großartige Leistung ab, dass man durchaus gewillt ist sie als eine der besten Nachwuchsschauspielerinnen zu bezeichnen. Ihre Oscarnominierung ist jedenfalls nur konsequent. Man will diesem armen Mädchen einfach helfen, ihr die Intelligenz, die sie dabei ist aus dem Fenster zu werfen, aufzeigen, um sie vor dem nächsten Fehlschritt zu bewahren. Doch diesen muss sie bisweilen gehen, denn auch wie bei kleinen Kindern gilt es die Erfahrung einfach zu machen, nur um etwas später zu erkennen, dass man getrost auf diese hätte verzichten können. Eine etwas härtere Form des learning by doing quasi.

Lernen ist ohnehin das Schlüsselwort des Filmes, denn es geht nicht nur ums Lernen fürs Leben, Oxford und alles damit verbundene, sondern auch um das oftmals forcierte Lernen der Wahrheit, der eigenen Umstände und des Unglücks, in das man sich selbst hineingeritten hat. Das gilt für alle Beteiligten, egal ob Jennys Eltern, die es bei aller Strenge letzten Endes doch zu gut mit ihrer Tochter gemeint haben oder Davids Freund Danny (Dominic Cooper), der zu spät erkennt, was sein 'Freund' wirklich im Schilde führt. Das Erlernen geht mit dem Erkennen Hand in Hand, das macht An Education deutlich. Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, welchen Weg er gehen will. An Education geht genau den richtigen. (8.5/10)


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At the Front Lines: 'Brothers at War'


There have been a lot of non-fiction films about the war in Iraq during the last couple of years. Most of them tried to uncover ugly stories about the engagement of U.S. and coalition troops like Taxi to the Dark Side or the probably most popular example Standard Operating Procedure by Errol Morris. It is not the fact that it is not necessary to dig deeper into the dark side of the war in Iraq, but is it not also important to know why people risk their lives in foreign territories they can hardly even pronounce? Jake Rademacher has two brothers serving in Iraq. But why are they doing it, why are they fighting on the front lines instead of watching their daughter growing up or spending time with their fiancé? Jake, the oldest brother, wanted to know why and decided to go to Iraq. This time it is personal. At least in this documentary. Jake Rademacher and executive producer Gary Sinise frequently mentioned that this movie was not political and they are right. Brothers at War has neither an ideology nor a political message.

It is rather a portrait of just two brothers representing 1.5 million people who served in Iraq and Afghanistan. The movie shows what it means to be a soldier, to serve in Iraq and to leave everything behind, especially their families. Brothers at War therefore is an ambiguous title for the movie, because it is not only about the two brothers Joe and Isaac but about their fellow soldiers, their brothers. It does not matter which soldier Jake Rademacher asks, every single one tells him that these guys are the closest friends they have ever got. War is not the big adventure as often portrayed in movies, it is an often ugly truth that asks the soldiers to watch out for each other and to care about your brothers. That does not mean that everyone being portrayed is an altruistic human being. We also get acquainted with a moody Marine that seems to hate training Iraqi forces. But as soon as they get in a firefight he likes being with them, caring about them and afterwards complementing them on their professional behavior.

Another soldier complains about the people back home on the other hand complaining about food that is not fresh enough or people that get mad only because they have to wait too long for whatever. However, he would not like to swap with them and confesses that it is them he is fighting for. "I would give my life for America any day, wouldn't think twice", another soldier states. They are not reciting cheap Hollywood movies but show their deepest convictions. Radmacher finds the perfect balance of focus, because he does not only focus on his two brothers, he focuses on all the people who are involved in Iraq and sacrifice something. "I've lost a brother, too", an Iraqi interpreter tells Rademacher. But more important Rademacher also wants to experience something about himself in taking on his brothers. Where does his family, his father and his mother, his sisters and his third brother stand? What about Joe's fiancé and Isaac's wife and daughter? It is remarkable how honest and emotional the women are, especially in front of the camera.

"He's the one to make the world a safer place for her [his daughter] to grow up in", Isaac's wife tells Jake. They are all fully convinced of what they are saying, and you can see and feel that in every single interview, in every single minute of the movie. It is these people who keep them grounded. In the beginning of Brothers at War Jake says that he would consider his family as "all-American" — and it is not only often confirmed in the course of the movie but it is also the reason why Rademacher's portrait is representative for all American families that are confronted with this issue. Brothers at War shows a broad variety, because it is plain material which was captured by Rademacher and his crew. And although Rademacher is no professional filmmaker he achieves to capture the beauty of the country, the beauty of friendship and the beauty of the people in sometimes magnificent pictures that could easily descend from a Hollywood fiction film. His movie impressively shows the strength of documentary filmmaking, and that a documentary can sometimes be more suspenseful than a piece of fiction-film.

Brothers at War is the movie all service members and their families deserve. Rademacher's material is sometimes more intense than the embedded journalism material we see on TV. The movie varies from humor to suspense, from emotion to excitement, and is always spot-on. It is the most honest and closest look at the people who really sacrifice their lives. Every day. Every moment. When the end credits roll and John Ondrasik's fantastic song 'Brothers in Arms' plays you know that you just witnessed something special. The DVD is out today and features deleted scenes, audience reactions (which understandably seemed to love the movie: "I think that every American should see this movie!"), and a feature in which Jake Rademacher comments on the making of the film. (9/10)


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James Camerons 'Avatar' – 3D Kino 2.0


Im Gegensatz zur Literatur hat das Medium Film einen großen Vorteil: es verfügt über weitere Ebenen, allen voran die audiovisuelle Ebene. Die schlechteste Geschichte kann so dennoch von hervorragenden Bildern getragen werden, technisch total vereinnahmen. Exakt so verhält es sich beim vermeintlichen Film des Jahres, Camerons Avatar, der bereits im Vorfeld für eine Revolution des Mediums sorgen sollte – zumindest laut Cameron selbst und vielen Technikfreaks, die in der Stereoskopie ohnehin die Zukunft des Kinos und seiner Theater sehen. Und in der Tat, die neue alte Technik kann bisweilen von großem Vorteil für das Medium sein, würde es nicht immer und immer wieder ins Gimmickhafte verfallen. 2009 starteten so viele 3D-Filme wie noch in keinem Jahr zuvor. Es ist wie mit allem im Leben, entweder man mag die Technik und verfällt ihr voll und ganz oder man reduziert sie auf reine Effekthascherei, die dem Film an sich keinen Mehrwert verleiht.

Sicherlich gilt es auch hier zu differenzieren, denn es gab durchaus Filme, die die Technik geschickt für sich nutzten, allen voran Coraline, der unglaublich fantasievolle Welten schaffte, die den Rezipienten emotional dadurch deutlich mehr einbinden als beispielsweise in 2D (es sei hier nur auf den wundervoll gestalteten Tunnel verwiesen, der den Effekt hervorragend für sich nutzt). Fantasievolle Welten sind wohl auch die richtigen Schlüsselwörter für Avatar. Der Planet Pandora ist nicht nur unglaublich liebevoll gestaltet in all seinem Produktionsdesign, sondern erhält durch die Plastizität zudem eine Tiefe, die ihn nur allzu real erscheinen lässt. Alle Wesen, die hier wüten, scheinen einem irgendwie bekannt vorzukommen, das eine erinnert an einen Dinosaurier, wohingegen ein anderes einem Glühwürmchen gleichkommt. Das Creature-Design Camerons ist eine der größten Stärken des Filmes, denn auch in 2D würden die Schöpfungen alles in den Boden stampfen, was man hier bisher gesehen hat, allen voran jene Wesen aus George Lucas' Feder.

Cameron lässt sich bisweilen viel Zeit für seine Kreaturen, was natürlich nicht immer von Vorteil ist, bedenkt man die große Laufzeit des Filmes. Anfangs wird man noch in Bann gezogen von alledem, was da auf der Leinwand vor sich geht, aber auch dies lässt relativ schnell nach. Es ist die Geschichte, die uns Cameron erzählen will. Irgendwo zwischen amerikanischen Urweinwohnen versus weißer Mann, Vietnamkrieg und den Kriegen in Afghanistan und im Irak anzusiedeln, macht sie deutlich, dass Pfeil und Bogen und die Verbindung zur Umgebung und zum Land – und hier sind natürlich Erde und Dreck gemeint, nicht die politische Form Land – noch immer die stärksten Waffen sind. Da muss dann auch die mächtigste Militärmaschinerie kapitulieren, denn gegen Mutter Natur kommt man nicht an, erst recht nicht, wenn sie über ganz eigene Kräfte verfügt wie die Naturgöttin Eywa. Das klingt reichlich plump und nach einer der beliebtesten Allegorien auf die vermeintlich machthungrige und imperialistische USA.

So wundert es dann auch keinen, dass das Militär und kapitalistische Unternehmer die wahren Schurken auf dieser Welt sind, das macht Avatar auch in seiner Rhetorik nur allzu deutlich ("We will answer terror with terror!"). Sogar an 9/11 erinnert uns Cameron, an das Einstürzen des Herzens einer ganzen Nation. Er verschiebt die Opfer- und Täterrollen einfach, und schon sollen wir uns Gedanken darüber machen, wie falsch das alles doch ist. Dieses Pathos ist eigentlich ebenjenen Filmen inhärent, die ebenfalls in schwarz und weiß denken, lediglich mit einer anderen Ideologie. Nicht aber bei Cameron, denn hier triefen Pathos und Kitsch nur so von der Leinwand. Avatar verbindet dieses nicht nur mit einer flachen Ökologiekritik – Al Gore wird diesen Film lieben -, sondern gibt auch der Esoterik Einzug ins Geschehen. Unterstützt wird das Ganze schließlich von einem Score, der das Ethnogehabe lautstark untermalt (und erinnert dabei stark an Brüder im Geiste wie Black Hawk Down oder Tears of the Sun), auch wenn James Horner hier eine wirklich gute Filmmusik gelungen ist. Irgendwann gestaltet sich diese Mischung aber nicht nur unglaublich zäh, sondern fängt langsam aber sicher ob ihrer Plumpheit an zu nerven.

Auf der anderen Seite hingegen steht aber das Technische, die Effektschau, die Cameron in jeder Sekunde zelebriert und die in der Tat das derzeit technisch Mögliche verkörpert. Was am heimischen PC noch nach einem Videospiel aussah, ist hier vollkommen ausgereift und begeistert schlichtweg. Bei einem geschätzten Budget von 700 Millionen US-Dollar aber auch kaum verwunderlich. Avatar ist durchaus ein Blender, denn die formale Perfektion, die von Cameron auch zu erwarten war, muss leider sukzessive der inhaltlichen Ebene weichen, die gegen Ende hin lediglich in der großen Schlacht, auf die man jedoch deutlich zu lange warten muss, noch einen kleinen Höhepunkt findet. Am Ende bleibt eine technische Machtdemonstration, die leider viel zu viel Potential auf anderen Ebenen verspielt. Auch wenn Cameron viele Karten verspielt hat, so hat er sich doch eindrucksvoll zurückgemeldet und drängt sich einmal mehr als technischer Meister des Mediums auf. Mit Avatar ist 3D im Medium Film und damit auch beim Massenpublikum endgültig angekommen, allein dafür muss man Cameron Tribut zollen. (7.5/10)


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Der Sturm nach dem Sturm: 'When Borat Came to Town'


Mit seinen vielen Aliasen ist Sacha Baron Cohen schon seit Jahren im Gespräch. Zuletzt war er mit Brüno im Kino zu sehen, der gegenüber dem Vorgänger Borat doch deutlich weniger Anklang fand, zumal er im Gegensatz zu Borat größtenteils inszeniert war. Für den Zuschauer ist dieses Wissen nahezu tödlich, für die Beteiligten und im Film Porträtierten wohl weniger. Dass Borat sein Humorpotential aus dem Nachteil anderer schöpfte, scheint auf den ersten Blick weniger dreist als durchdacht gewesen zu sein. Satire eben, indem man auf einen Misstand mit Humor aufmerksam macht, prangert man ihn ja gleichzeitig auch an. Doch wie weit darf das alles gehen? When Borat Came to Town geht der Zeit nach den Filmdrehs im rumänischen Dorf Glod und dem Erfolg des Filmes auf den Grund, zeigt, welchen Hass, aber auch Neid und welches Misstrauen Sacha Baron Cohen im Zigeunerdorf hinterlassen hat. Auch das Team der Dokumentation selbst hat es nicht leicht, denn sobald die Bewohner eine Kamera sehen, wollen sie auch Geld sehen – oder zumindest einen Drink gezahlt bekommen.

Es ist eine der ärmsten Gegenden Europas, Carmen lebt mitten in diesem trostlosen Dorf. Ihr Großvater wurde im Film als 'abortionist' porträtiert, ist in Wirklichkeit aber weit entfernt davon, Arzt oder auch nur etwas Ähnliches zu sein. Er und alle anderen wollen nun Geld sehen, weniger ihren Ruf wiederhergestellt. Carmens Vater ist zudem eine Art Dorfvater, er kümmert sich um die Kommune, will endlich fließendes Wasser ins Dorf bringen. Von den beiden Anwälten, die eines Tages nach Glod kommen und den drei das Blaue vom Himmel versprechen (geschickt argumentiert der Anwalt, dass sie doch alle Minderheiten seien und eine gemeinsame Geschichte hätten: er Jude, sein Kollege Deutscher und seine Klienten Zigeuner – welch eine Konstellation das doch sei). Nach Hollywood will er die drei Männer, die im Film am schlimmsten porträtiert wurden, bringen, zu den Oscars, mitten vor Cohens Visage. Es wundert nicht, wenn man einige Minuten später erfährt, dass die beiden Juristen keine Visa für ihre Klienten bekommen konnten …

Bereits hier wird man den beiden gegenüber misstrauisch. Schließlich geht es nach London, ins 20th Century Fox HQ, wo man die drei jedoch ohne einen Dolmetscher hineinschickt, lediglich mit einem Zettel bewaffnet, von dem unklar ist, was er erreichen soll. Kurze Zeit später hört man nichts mehr vom Amerikaner und seinem bayerischen Kollegen. Im amerikanischen TV und dem ZDF noch enthusiastisch in Nachrichtenberichte formuliert, wird schnell klar, dass die Bewohner einmal mehr an der Nase herumgeführt und ausgenutzt wurden. Bei der Ankunft der Drei in Rumänien warten dutzende Reporter auf die Männer, den Großvater fragt man schließlich, was er denn vom geplanten Borat 2 halte: "So lange ich mein Geld bekomme!", antwortet er. Haben sie überhaupt eine Entschuldigung oder mehr als die drei Euro (!), die man ihnen für die Dreharbeiten bezahlte, verdient, wenn sie solche Antworten geben? When Borat Came to Town liefert keine Antwort, lässt die Bewohner frei aussprechen, was sie denken und fühlen, kommt dabei bisweilen aber auch leicht exploitativ daher.

Carmens Vater leidet unter gesundheitlichen Problemen, da seine Reise erfolglos war, versprach er den Dorfbewohnern doch fließendes Wasser und jede Menge Luxus. Carmen hat sich während seiner Zeit, die er nicht im Dorf war, von ihrem Freund hintergehen lassen, der ihr nicht nur kurz vor der Hochzeit die Jungfräulichkeit nahm, sondern auch den Laden ihrer Familie erleichterte (und man kann sich denken, dass das in diesem Falle fatal sein kann). Es ist ein Kreislauf des Hintergehens und des Ausnutzens, der so schnell nicht aufzuhören scheint. Parallelen zu Danny Boyles jüngerem Slumdog Millionaire drängen sich auf, dem Ähnliches vorgeworfen wurde. Doch welche Verpflichtungen haben die Filmemacher, was sollten ihre Hinterlassenschaften sein oder am Drehort verändern (wenn überhaupt)? Keine allzu leicht zu beantwortende Frage. Dennoch scheint es zumindest im Falle Glods deutlich zu werden, dass Hollywood hier einen großen Haufen hinterlassen hat, ohne sich um die Entsorgung zu kümmern – wie auch immer diese hätte ausgesehen.

Bei alledem ist When Borat Came to Town aber auch eine schöne Coming-of-Age-Geschichte um Carmen, die im Laufe des Filmes von Vaters kleiner Tochter zur verheirateten Frau und Mutter wird. Es scheint doch noch Hoffnung und Glückseligkeit im Dorf zu geben, denn wahrer Reichtum muss ja nicht immer gleichbedeutend mit ökonomischem Reichtum sein. Nur einige Dorfbewohner scheinen dies noch immer nicht ganz begriffen zu haben, auch wenn man es ihnen streng genommen kaum übel nehmen kann. Sie misstrauen Carmens Vater noch immer, denn sie denken, dass er das Geld für sich behalten hat, das ihm die beiden Anwälte beschafft haben. Da hilft es auch nichts, immer und immer wieder zu beteuern, dass es keines gab. Eine fast schon depressive Dokumentation, die nur selten Platz für Humor oder Lichtblicke bietet. Carmen, die stets aus dem Off kommentiert, ist ebenfalls von einer Tristheit durchzogen, die die Sympathien in eine klare Richtung lenkt. Mit einem minimalen, diesen Grundtenor untermalenden, Score versehen, spricht Carmen Meets Borat (Titel der Kinoauswertung) etwas an, das Hollywood so wohl äußerst ungern sehen dürfte. (8/10)

// Die Dokumentation ist u.a. hier als australische DVD zu bestellen oder auf YouTube komplett anzusehen.



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Film in Perfektion


- "If I had to go to court … are there still judges like you?"
- "You won't go to court. Justice doesn't deal with the innocent."

"Perhaps you're the woman I never met."

Diese absolut perfekte Mis-en-scène, Irène Jacob, die zusammen mit Ingrid Bergman die ewige Leinwandgöttin bleibt, Zbigniew Preisners Motiv aus Dekalog – in der Tat, Film in Perfektion. Es war bitter nötig, diese Erfahrung wieder aufzufrischen. Mein ewiger Liebling.


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Rocker in den Wechseljahren … 'Anvil! The Story of Anvil'


Man hat es als Künstler noch nie leicht gehabt, zu großem kommerziellem Erfolg zu kommen. Doch was ist wichtiger? Kommerziellen, sprich ökonomischen Erfolg zu haben oder eine richtige Fanbase, die hinter einem steht, für die man gerne auch mal einiges auf sich nimmt, um ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern? Das Mittelmaß ist es hier wohl, das sich viele wünschen. So auch die Metal-Band Anvil, die bereits in den 1980er Jahren mit den Größten der Größten spielte: mit den Scorpions, Bon Jovi, Metallica und Megadeath. Richtig, Letztere kennt man allesamt, wohingegen Anvil der große Durchbruch verwehrt blieb. Anvil, das sind Robb Reiner und Steve 'Lips' Kudlow, zwei gestandenen Männer, die sich bereits mit 14 schworen, dass ihr Leben vom Metal geprägt sein würde. Nun, 25 Jahre später, fristen sie aber kein Leben ins Saus und Braus, sondern ein Otto-Normal-Vebraucher-Leben in Toronto. "Maybe people weren't so much into this Canadian stuff?", witzeln die großen Namen von Metallica und Konsorten, die zu Beginn interviewt werden.

Sie hätten den Metal geprägt und man war sich eigentlich sicher, dass etwas aus den Jungs um Anvil würde, haben sie doch schließlich auch mit Dildos auf der Bühne gespielt und jede Menge andere skurrile Einlagen gebracht. Ja, so richtig kennt den Grund keiner. Im Verlaufe von Anvil! The Story of Anvil mutmaßt man immer wieder, einmal lag es am schlechten Management, ein andermal an den Konzertveranstaltern, sicher ist nur, dass Lips und Robb es nicht verdient haben – erst recht nicht nach 12 Alben. Sie sind nun Anfang 50, haben es satt Essen an Schulen auszuliefern oder als ewiger Bajazzo der Familie zu gelten. Eine große Tour steht also an, quer durch Europa. In Schweden angekommen wird das große Projekt jedoch schnell durchkreuzt, denn man verpasst nicht nur den Zug zum nächsten Auftritt, sondern wird in Rumänien um seine Gage geprellt. Dieses Unglückssträhne soll sich durch die restliche Tour der Band ziehen, und man ist nicht selten Zeuge, wie Lips den Leuten vor Wut an den Kragen geht.

Diese scheint jedoch nur allzu verständlich, denn auch wenn die Jungs es lieben, vor ihren (wenigen) Fans abzurocken, so ist der finanzielle Aspekt doch ein nicht gerade unerheblicher. Zudem verspricht man ihnen volle Hallen, doch von angekündigten Tausenden kommen letztendlich nur ein paar Dutzend, um den harten Klängen Anvils zu lauschen. Was nach ziemlich viel Mitleid und Pathos klingt, ist dies bisweilen auch, denn die beiden Jungs sind so sympathisch, auch weil einfach und bodenständig, dass man nicht anders kann als ihrem Charme zu verfallen. Irgendwie schauen sie ja schon etwas lustig aus, mit ihren Haarmähnen, immer noch auf dem Stand von vor 20, 30 Jahren, so dass man ihnen jedoch auch vorhalten muss, dass sie den Absprung in Richtung Moderne nie wirklich geschafft haben. Dies spiegelt sich vor allem auch in ihrer Musik wieder, wie sie der EMI-Chef Kanadas aufmerksam macht. Kein Wunder muss er ihr Gesuch nach einem Plattenvertrag ablehnen. Ein weiterer, herber Rückschlag für den 'Amboss'.

So bleibt letzten Ende nur der Weg der Selbstvermarktung. 1.000 CDs ihres 13. Albums haben sie pressen lassen, in der Hoffnung, dass sich diese durch das Internet gut verkaufen lassen und sie zumindest die Produktionskosten – mit dem Geld von Lips Schwester finanziert – wieder reinholen. Sowieso spielt die Familie im Leben der sonst so harten Männer eine große Rolle. Hier kommen sie zur Ruhe, finden halt und werden bisweilen auch emotional. Lips, der in jedem Satz mindestens ein "Fuck" unterbringt, meint schließlich: "Family is so fuckin' important, right!?" und es klingt ehrlicher als aus jedem anderen Mund. Anvil! The Story of Anvil ist nicht nur ein Porträt über die Band, sondern ein Film, der sich weniger um die Musik der beiden dreht, sondern vielmehr um das Älterwerden, alte Zeiten und Freundschaft. "You're the closest friend I got!" meint Lips unter Tränen nach einem seiner Wutausbrüche zu Robb, und es scheint nicht einmal ansatzweise exploitativ zu sein, denn man kann es absolut nachvollziehen, was hier gerade geschieht. Somit ist dann auch die Musik austauschbar, sie stellt lediglich eine Art Mittel zum Zweck dar.

Anvil! The Story of Anvil mag Dokumentation sein – und nicht Mockumentary, wie viele glauben mögen -, ist aber deutlich emotionaler, ehrlicher und aufrüttelnder als viele Spielfilme es jemals zu sein vermögen. Man geht mit den beiden Protagonisten auf eine Achterbahnfahrt, eine, die von harten Gitarrengriffen geprägt ist und die Mal zum Lachen, mal zum Feiern, mal zum Weinen ist. Zum Nachdenken ist sie dabei permanent, denn auch wenn diese beiden älteren Herren in der vorstädtischen Einöde Torontos mit ihren Matten und rauen Stimmen meilenweit entfernt scheinen, so sind wir ihnen und sie uns doch ähnlicher, als wir denken. Ihre Katharsis im fernen Japan und die mit dieser Dokumentation hoffentlich stattfindende Renaissance seien ihnen daher mehr als gegönnt. (8.5/10)

// Anvil! The Story of Anvil ist als britische Import-DVD u.a. hier verfügbar



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'RTL Samstag Nacht': Das Beste aus Staffel 4 DVD Review


Ich kann mich noch genau erinnern, ich war gerade im Teenie-Alter, da begann mich langsam aber sicher jeden Samstagabend etwas für sich zu gewinnen, RTL Samstag Nacht. Natürlich war das Ganze nicht gerade für mein Alter geeignet, vieles verstand ich auch schlichtweg noch nicht, aber in Erinnerung blieb vor allem ein gewisser Karl Ranseier, eine Fastfoodkette namens Kentucky Schreit Ficken und zwei Stühle, die nur selten eine Meinung teilen. Ja, es waren gute Zeiten, die 90er, die Samstagnächte schlug man sich noch nicht mit Clubbesuchen um die Ohren, sondern man verbrachte sie gemütlich auf der Couch – am besten natürlich, wenn die Eltern aus waren und man das ganze Wohnzimmer samt Fernseher für sich hatte. Es waren Zeiten, in denen die deutsche Comedy noch die beste der Welt war (schließlich gab es ja auch noch keine Möglichkeit dank Internet oder YouTube SNL oder Konsorten zu konsumieren), weil noch keine ewig nervenden Comedians das immer und immer wieder Gleiche von sich gaben.

Ganze fünf Jahre lang bereicherten Stefan Jürgens, Esther Schweins, Olli Dittrich und Co. das deutsche Fernsehprogramm, sie revolutionierten es, zeigten, was wirklich gute Comedy ausmacht. Auch in der Schule war die letzte Sendung natürlich gleich in der Woche drauf das Wochengespräch: "Wollen Sie eine Pacht im Nuff gewinnen?", hieß es ständig in den Pausen oder auch mal im Unterricht. Das wohl wichtigste Stück Popkultur für uns. "Wusstest Du schon, dass Karl Ranseier tot ist?""Wer!?", erhielt man daraufhin als Antwort von Unwissenden. Machte nichts, dann empfahl man es ihnen eben. Wenn ich heute an die deutsche Comedy denke, dann bekomme ich das pure Grauen, denn es gibt nur noch ganz wenige, die mir ein Lachen abringen können, was eigentlich ein Armutszeugnis ist. Das ist wohl auch der Grund, warum ich, angesprochen auf irgendeinen x-beliebeigen Comedian, immer zu antworte, dass die deutsche Comedy für mich nach Die Wochenshow (aber nur in den Anfangsjahren) und RTL Samstag Nacht gestorben sei.

Gott sei Dank gibt es aber auch immer mehr Serien auf DVD, und so fand auch RTL Samstag Nacht bereits seinen Weg auf DVD. Turbine Medien veröffentlichte bisher die ersten drei Staffeln der Kultcomedy, die nun mit der vierten Staffel fortgesetzt wurde. Äußerst löblich das, denn all die angesprochenen Momente (und noch viel mehr) braucht man jetzt nicht mehr im Mäusekino YouTube zu sehen, sondern kann bequem die nostalgischen Samstagabende vor dem Fernseher wieder beleben und in den guten alten Zeiten schwelgen. Staffel 4 wird auf 6 DVDs präsentiert, die in einem schönen Prägeschuber stecken, dessen spine zusammen mit den anderen Staffeln einen wirklichen Blickfang im Regal darstellt. Ganze 20 Stunden Material gilt es durchzuschauen, was wohl für einige Samstagabende reichen dürfte. Unvergessen natürlich die Gaststars dieser Staffel wie u.a. Moritz Bleibtreu, Ingo Appelt, Rüdiger Hoffmann oder DJ Bobo – ja, man sieht schon, die wenigsten von ihnen haben sich bis heute gehalten …

Auch auf Bonusfeatures muss man nicht verzichten, auch wenn diese mit Wigald Bonings Warm-up für die Show recht dürftig ausgefallen sind. Das tut dem Ganzen jedoch absolut keinen Abbruch, denn wer diese Veröffentlichung, die zudem mit einer anständigen Bildqualität daherkommt, nicht begrüßt, der sollte eigentlich lebenslanges Lachverbot bekommen, denn solch eine Format wird es im deutschen TV wohl leider nie wieder geben, da bin ich mir sicher. 32 Folgen RTL Samstag Nacht gilt es also zu genießen, aber Vorsicht, der Genuss geschieht auf eigene Gefahr. Bleibt zu hoffen, dass Turbine Medien auch noch den Rest veröffentlichen. Die DVD ist seit dem 18. September erhältlich.

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To Live and Let Die: 'The English Surgeon'


Es ist trist im ukrainischen Krankenhaus, irgendwo in einer ländlichen Gegend, 400km nördlich von Kiew. Kalt ist es zudem auch noch, äußerst kalt. Mantel und Schal sind Pflicht. Es ist ein Tag wie jeder andere für Dr. Igor Kurilets: die Patienten in seinem Krankenhaus stehen Schlange, sollen sich selbst darauf einigen, wer als nächster dran kommt. Es gibt Schokolade um vor dem Untersuchungszimmer Ruhe zu haben. Dr. Kurilets hat heute wieder Marian als Patienten, ein Freund von ihm, der einen Hirntumor hat, der ihn schon bald umbringen wird, entfernt man ihn nicht. Um Marian zu Helfen bittet er seinen Freund Dr. Henry Marsh, einen englischen Neurochirurgen um Hilfe, den er nunmehr schon seit 15 Jahren kennt und mit dem ihm eine enge Freundschaft verbindet. Beide haben sie sich darauf geeinigt, dass sie Marian kostenlos operieren werden. Nur das Krankenhauspersonal muss er bezahlen – dabei hilft ihm die örtliche Kirche, die für ihn Spenden sammelt.

Es ist kein allzu erfreuliches Szenario, das Geoffrey Smiths Doku The English Surgeon präsentiert. Das ukrainische Gesundheitssystem ist noch immer in desolatem Zustand, so, wie es die Sowjets und der KGB hinterlassen haben. Für viele ist die Diagnose alles, was sie sich leisten können, denn meist kommt es erst gar nicht zu einer Operation. Entweder fehlt das Geld oder die Diagnose kommt zu spät, so dass auch der beste Chirurg – und Dr. Marsh ist einer von diesen – nichts mehr machen kann. Smith ist in ebenjenen Momenten mit der Kamera dabei, kommentarlos beobachtet er das Patientengespräch, meist endet es mit der Todesnachricht für den Patienten. Schuld ist das Gesundheitssystem, das kaum über Mittel verfügt und somit kommen lebensrettende Diagnosen meist zu spät. Schnell will man nach einem Glas Wasser greifen, um den vor Schreck vertrocknenden Rachen zu erlösen. Eine junge hübsche Frau, gerade einmal 23 Jahre jung, Dr. Marsh diagnostiziert, dass bei ihrem Tumor jede Hilfe zu spät kommt. In spätestens zwei Jahren wird sie erblinden, in fünf tot sein. Dr. Kurilets soll übersetzen und ihr die Nachricht übermitteln, bittet die junge Frau stattdessen aber darum, ihre Mutter aus Moskau zu holen, um ihr beizustehen.

Die Wahrheit enthält er ihr erst einmal vor, es hat sich nämlich herausgestellt, dass in solchen Fällen familiärer Beistand besser ist. Dr. Marsh sitzt gelähmt da, schaut ihr in die Augen, behält aber die Fassung, denn er könnte nicht einmal mehr in Großbritannien etwas für sie tun. Das ist der Lauf des Lebens, man versucht zu tun, was man kann, manchmal gelingt es einem, manchmal versagt man. Er ist kein Gott, dessen ist er sich bewusst, auch wenn er gut in seiner Profession ist. Einer anderen Frau ergeht es nicht anders, sie nimmt die Nachricht gefasst, aber mit Tränen in den Augen auf, bedankt sich bei den beiden Ärzten und entschuldigt sich dafür, dass sie ihnen ihre wertvolle Zeit gestohlen hat. Es sind die Momente, die einen fassungslos in Schockstarre versetzen lassen. Nicht nur, weil diese Menschen ihr Schicksal schnell akzeptieren, sondern auch, weil ihnen eigentlich hätte geholfen werden können, ja, wären nur mehr Geld und gut ausgebildete Ärzte da.

Er müsse stets abwägen, ob ein Eingriff mehr Vorteile habe als ein Nicht-Eingriff, meint Dr. Marsh bei einem Glas Rotwein in seinem Haus in London. Wenn ja, dann wage er es einfach, es könne ja nur helfen. Bevor es ihn in jedoch zum wiederholten Male in die Ukraine verschlägt, wo er bei Marians OP assistiert, packt er noch etwas Werkzeug zusammen, das seinem Freund Igor und dessen Patienten von Nutzen sein könnte. Dort angekommen kaufen die beiden erst mal Aufsätze für den Bosch-Bohrer, der bei der Operation zum Einsatz kommen wird. Was bei Dr. Marsh in Großbritannien nur ein Mal zum Einsatz kommen darf und dann weggeschmissen wird (Kostenpunkt 80 Pfund), hält bei Dr. Kurilets bereits seit einigen Jahren … Die Chemie zwischen den beiden ist einzigartig, Sprachbarrieren gibt es kaum, denn Dr. Kurilets Englisch ist mittlerweile sehr gut. Die beiden wirken fast schon wie ein altes Ehepaar, das sich seit Jahrzehnten kennt und deshalb ein eingespieltes Team ist. Dennoch haben sie großen Respekt voreinander und wissen um des Anderen und dessen Probleme bescheid.

Igors Frau kocht für die beiden, jeden Abend müssen sich die beiden nur noch an den Tisch setzen, ihr Bier trinken und entspannen – so weit dies zumindest möglich ist. Jeder hat seine Rolle, die Zeit ist kostbar, beide wollen sie nutzen. The English Surgeon ist keine leichte Kost, das wird schnell klar. Marsh philosophiert über die Welt, seinen Beruf und sich selbst. Kurilets hingegen scheint eher der Pragmatiker zu sein, der sich mit den Umständen arrangiert hat, denn etwas anderes bleibt ihm auch nicht übrig. Er plant ein eigenes Krankenhaus aufzubauen, doch dafür fehlt ihm nicht nur das Geld, sondern auch die Regierung sieht das Ganze eher skeptisch. Das alles ist irgendwo zwischen Buddymovie, gefühlvollem Drama und Kunstfilm anzusiedeln. Man glaubt es kaum, dass es kein Spielfilm ist, dem man hier folgt. Auch die Operation an Marians Tumor selbst ist spannender und fesselnder als viele Thriller. Den meisten dürfte dabei aber nicht nur ob der Intensität des Ganzen das Blut in den Adern gefrieren, denn auch an Einblicken spart Smiths Film nicht.

Da wird am offenen Schädel und Hirn operiert, während Marian bei vollem Bewusstsein ist. Plötzlich bekommt er einen spastischen Anfall, der Atem stock, schnell muss Übersetzungsarbeit geleistet werden, damit Marsh weiß, was er tun muss. Es ist kaum in Worte zu fassen, auf welche Gefühlsachterbahn man hier mitgenommen wird, denn hier kommt alles zusammen: die Bosch-Bohrmaschine als Zeichen der Armut, mit der Dr. Kurilets hier zu kämpfen hat, die expliziten Bilder, die man so sonst nicht sieht, das freudige, aber unsichere Gesicht Marians, der den Tumor schon bald erfolgreich los sein wird und die klinische Sterilität, mit der hier alles von statten geht und mit der die Kamera das alles einfängt. Doch es gibt auch warme, fast schon konträre Bilder in The English Surgeon, Bilder, die die wunderschöne Landschaft einfangen (gedreht wurde in HD), Marsh beim Radfahren zeigen oder die Dorfbewohner beim Kirchengang zeigen.

Untermalt wird das alles von einem mal schaurig-schönen, mal spannenden, mal melancholischem Score von Nick Cave und Warren Ellis, die hier fantastische Arbeit leisten und einen nicht unwesentlichen Teil für die irgendwie undefinierbare Atmosphäre des Filmes beitragen. The English Surgeon zeigt nicht nur, dass die unfassbarsten Geschichten immer noch das Leben selbst schreibt, sondern auch, dass es Menschen gibt, die ihr Leben dem Wohle anderer gewidmet haben. Es ist ein kurzer Abschied, ein nüchterner, aber dennoch warmer, wenn Igor Henry zum Flughafen bringt. Sie werden sich nicht das letzte Mal gesehen haben. Henry wird ihn auch weiterhin mit medizinischen Utensilien und Tipps unterstützen. Und man selbst möchte das alles sofort am liebsten noch mal sehen – oder auch nicht. Ich kann mit den lobenden Worten einfach nicht aufhören: The English Surgeon ist nicht nur die beste Doku, die ich bisher gesehen habe, sondern auch einer der besten Filme des Jahres. (10/10)


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