Der Berg ruft! 'A Lonely Place to Die' Blu-ray Review


Die schottischen Highlands sind nicht nur für Bergsteiger ein beliebtes Ausflugsziel. Eine Landschaft, die atemberaubend schön ist, und das mitten auf der britischen Insel. Ihre Schönheit kann sich aber auch blitzschnell in blanken Horror wandeln, denn wenn der Berg ruft, ist immer auch die Gefahr mit an Bord. Das macht auch A Lonely Place to Die ziemlich schnell deutlich. Die vielen Totalen, mit denen Julian Gilbey seinen Thriller eröffnet, haben jene faszinierende Schönheit inne, die sich aber auch blitzschnell ins Gegenteil wandeln kann. Doch bevor der Berghorror beginnt, der eigentlich gar keiner ist – zumindest nicht konsequent -, spendiert uns Gilbey einige durchaus atemberaubende Aufnahmen der Highlands, die ohne billige Effekte auskommen und Stuntwork auf höchstem Niveau bieten. Wer noch nie ein Freund des gefährlichen Sports war, der wird es auch nach diesem Film nicht werden. Ein Verdienst, das man dem Film schon hoch anrechnen möchte, wäre da nicht der plötzliche Locationwechsel ins langweilige Tal.

Ab da beginnt A Lonely Place to Die nämlich nur noch vor sich hin zu plätschern und auch dem Plot gegenüber nimmt man eine gleichgültige Stellung ein. Das liegt zum einen daran, dass das Anfangsszenario mit einer 08/15-Geschichte weitergeführt wird und zum anderen, dass sich alles viel zu schnell und trivial auflöst. Dabei hätte es doch so viele interessante Ansätze gegeben, die der Film auch durchaus anspricht. Da ist von Kriegsverbrechen auf dem Balkan die Rede, zwei Veteranen, die dort gekämpft haben, sind involviert und Karel Roden als Darko ist auch schön ambivalent. Stattdessen setzt man aber aufs falsche Pferd, indem man den Figuren keinerlei Raum gibt, sich zu entwickeln und auf inhaltsleere Schauwerte setzt (den Karneval im Dorf). Da kann dann auch Melissa George, die ihr Bestes gibt und sowieso immer noch viel zu kurz in der Filmwelt kommt, nicht mehr viel retten. Dabei hatte doch alles so gut begonnen. Man könnte fast meinen, dass es sich um zwei verschiedene Filme handele. Am Ende herrscht dann einfach die indifferente Mediokrität. (5/10)

Die Blu-ray von Ascot Elite (Amazon-Partnerlink) kann schon deutlich mehr Eindruck schinden als der darauf befindliche Film. Das Bild kommt besonders bei den vielen Naturaufnahmen richtig gut zur Geltung. Auch der Ton wird den Effekten des Films gerecht, auch wenn er insgesamt etwas druckvoller sein könnte. Bei den Extras hat man allerdings ordentlich gespart. Neben dem Originaltrailer ist noch eine Trailershow auf der Scheibe zu finden, das war es dann auch schon. Gerade mehr Infos zu den tollen Stunts wären hier angebracht gewesen.


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I'm Giving You a Night Call: 'Drive'


Nicolas Winding Refns Drive ist das passiert, was schon sehr vielen Filmen vor ihm widerfahren ist: Sie wurden im Vorfeld ins Unermessliche gehyped und können somit nur enttäuschen – wenn auch auf hohem Niveau. Vor allem bei den Fanboys und Nerds, die denken, dass sie Ahnung vom Medium hätten, war Drive das Must-See des vergangenen Jahres (meist schön aus dem Netzt gezogen, denn hierzulande startet er ja erst jetzt). Wenn man sie dann nach einer Begründung fragt, bekommt man meist nur die üblichen Adjektive und Phrasen entgegen geworfen, die im Prinzip nichts anderes als leere Worthülsen sind und eigentlich jeden zweiten Film beschreiben könnten. Ultracool, stylish, brutal, lässig, coole Dialoge, etc. pp. – Tarantino lässt grüßen. Nun würden an dieser Stelle viele sagen, dass er gerne ein Tarantino wäre. Da ich selbst aber kein allzu großer Fan des 'Meisters' bin, würde ich einen generellen Vergleich mit selbigem auch nicht unbedingt als Kompliment verstehen. Zumal das Tarantino-eske mittlerweile nur noch redundant und nervig daherkommt. Doch Drive befindet sich tatsächlich im Fahrwasser vieler Thriller, die man in den letzten Jahren so ähnlich bereits gesehen hat. Viel wirklich Neues gibt es nicht.

Dabei ist Drive aber bei Weitem kein schlechter Film. Nein, ganz bestimmt nicht. Sein Soundtrack ist in der Tat über allem erhaben, da muss man einfach in den Hype-Tenor mit einstimmen und ihn am besten gleich in der Dauerrotation hören. Durch ihn wird dem Film erst eine Atmosphäre zuteil, die ihn dann doch irgendwie aus der Masse heraushebt. Und doch trägt Refn leider viel dazu bei, dass sein Film letztlich über kurzweilige Unterhaltung kaum hinaus kommt. Dabei fängt alles so gut an. Die Exposition ist grandios atmosphärisch und spätestens wenn die Credits in pinken Retro-Lettern über die Leinwand flimmern, denkt man für einen kurzen Moment, dass man sich gerade in den 80ern befindet. Doch irgendwann kommt dann Carey Mulligan samt Balg ins Spiel und macht all ihre vorangegangenen Performances auf einen Schlag vergessen. Ihre Figur bleibt blass und gleichgültig; was Goslings Stuntman an ihr findet, bleibt ein einziges großes Geheimnis. Wenn er dann auch noch alles für sie riskiert, obwohl er sie gerade mal einige wenige Tage kennt, geht es mit dem Film schnell bergab.

Nicht so richtig bergab, aber er verschenkt so verdammt viel Potential, dass man sich einfach aufregen will. Da helfen dann auch die derben Gewalteinlagen, die quasi aus dem Nichts kommen und im Prinzip nur selbstzweckhaft sind, nichts mehr groß. Der Cast – allen voran natürlich Gosling – ist toll (bis auf Mulligan eben, aber das liegt auch zum Großteil am Drehbuch), aber auch hier wird wieder viel zu viel Potential verspielt, beispielsweise wenn 'Mad-Woman' Christina Hendricks nur wenige Minuten Screentime hat und Ron Perlman auf Autopilot agiert. Nach 100 Minuten ist dann auch alles vorbei und man fragt sich schließlich: really!? Das soll der Überfilm gewesen sein, für den Nicolas Winding Refn in Cannes prämiert wurde und der sich auf jeder Jahresbestenliste der US-Kritik befand? In einigen Jahren wird Drive wohl so ein Geheimtipp werden, der eigentlich gar keiner ist, den aber jeder Semi-Cineast jedem seiner Freunde empfiehlt, der mal was Cooles abseits des Mainstreams sehen will. Klappe zu, Affe tot. (7/10)


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Der mächtigste, aber schwächste Mann Amerikas: 'J. Edgar'


Wenn es um die Verfilmung des Lebens eines bedeutenden Amerikaners geht, dann hat Hollywood oft einen starken Hang zu Pathos und Kitsch. Viele werden aber auch außerhalb des bewegten Bildes immer wieder in höchsten Tönen gelobt, obwohl ihr Leben alles andere als honorabel war, auch wenn sie große Taten vollbracht haben. So halte ich Benjamin Franklins Autobiographie beispielsweise bis heute für eine einzige Enttäuschung, die sich weniger auf Franklins signifikante Taten fokussiert, als vielmehr auf seine trivialen Begegnungen mit Hinz und Kunz. Wenn man im Vorfeld nun hörte, dass ausgerechnet Clint Eastwood, jener bekennende Republikaner (wenn auch äußerst gemäßigt), der für sein pathetisches Kino bekannt ist, das Leben des FBI-Gründers J. Edgar Hoover verfilmen sollte, dann war der eine oder andere Zweifel ob der Neutralität des Ganzen wohl durchaus angebracht. Und natürlich ist auch J. Edgar phasenweise voll von Pathos – nur der Blick auf Hoover selbst ist sehr differenziert ausgefallen. Eastwood zeigt J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) als eine ziemlich ambivalente Figur der jüngeren US-Geschichte, der die Vereinigten Staaten viel zu verdanken haben, die gleichzeitig aber auch viel Schaden angerichtet hat.

Wir begleiten Hoover im Film in der Gegenwart, den 70ern (also kurz vor seinem Tod), von wo aus er zwei jungen FBI-Agenten seine Lebensgeschichte diktiert, die – und hier wird schon viel über Hoover verraten – geschönter kaum sein könnte. Alles will er quasi im Alleingang geschafft haben: Sei es nun die Gründung des heutigen FBI, die Tötung John Dillingers oder sonstige Meilensteine der Kriminalgeschichte. Und in der Tat, das macht J. Edgar ziemlich deutlich: Hoover war lange Zeit der mächtigste Mann Amerikas. Darf man dem Film auch nur ansatzweise Glauben schenken, dann haben sich selbst Präsidenten – und Hoover hat immerhin unter acht von ihnen gedient – vor diesem Mann gefürchtet. Insbesondere Richard Nixon, den auch Regisseur Eastwood einmal mehr als totalen Versager und Idioten darstellt, was in einer wundervollen Szene zum Ausdruck kommt. Hoover war ein sehr guter Rhetoriker, selbstlos und kannte nur eines: Loyalität. Mit der nahm er es zwar nie so genau, aber welcher Mitarbeiter nicht zu einhundert Prozent hinter ihm stand, dessen Karriere beim FBI war so schnell zu Ende, wie sie begonnen hatte.

Dass diese Selbstlosigkeit und das geradlinige Verfolgen der eigenen Agenda/Ideologie aber auch persönliche Opfer fordert, dürfte dabei nicht überraschen. Hoover lebt ewig bei seiner Mutter, obwohl sie nicht auf ihn angewiesen ist. Er ist aber auf sie angewiesen, denn sie scheint die einzige zu sein, die ihm je nahestand. Nach einem gescheiterten Date mit seiner Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts) traut er sich nie wieder an das weibliche Geschlecht – vielmehr wird er zum emotionalen Krüppel, der selbst in intimsten Momenten mit seinem 'Freund' Clyde Tolson (Armie Hammer) nicht zu ihm steht und ihn damit immer weiter verletzt. Zumindest ist Hoover um sein Bild in der Öffentlichkeit besorgter als um seine Beziehung zu Tolson. Erst als es zu spät ist, erkennt er, wie wichtig ihm sein loyalster aller Mitarbeiter doch ist. Es sind Momente wie diese, in denen Eastwood dann natürlich die Emotionsklaviatur spielt und die Geschichte (im doppelten Sinne) dramatisiert. Es sind aber auch gerade diese Momente, die einen Eastwood zu einem Eastwood machen. Hoover ist hier keine abstrakte Geschichts-Figur aus einer Schuldoku, sondern ein greifbarer Mensch aus Fleisch und Blut.

Ohnehin versteht es Eastwood nahezu perfekt, seinen Film nicht nur ein emotionales Biopic und klassisches Erzählkino sein zu lassen; vielmehr ist J. Edgar auch ein spannender Streifzug durch fünf Jahrzehnte US-amerikanische Geschichte. Die erste Weltwirtschaftskrise, die Gründung des FBI, die Weltkriege, die kommunistische Gefahr, die schwarze Bürgerbewegung, die Ermordung Kennedys – das alles spricht Clint Eastwood an, ohne dabei geschwätzig oder gar selbstzweckaft zu werden. Natürlich merkt man dem Film die eine oder andere Länge an, aber allein für DiCaprio und noch mehr für Armie Hammer sollte man sein Sitzfleisch trainieren. Nicht nur ihr Makeup ist Oscar-verdächtig, sondern vor allem Armie Hammers Performance, die für Gänsehaut sorgt. J. Edgar ist Eastwood-Kino, wie man es kennt und liebt. Sein Film ist keine Abrechnung mit J. Edgar Hoover, aber auch keine Verehrung. J. Edgar, in kühle, manchmal gar triste Töne getaucht, ist ein nüchternes filmisches Denkmal für einen Mann, der in seiner ganz eigene Welt lebte. Eine Welt, in der wohl nur ganz wenige hätten Leben wollen. (8.5/10)


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Männer, die Frauen hassen: 'The Girl with the Dragon Tattoo'


Zum generellen Remake-Trend kann man stehen, wie man will, aber wenn ein gerade mal zwei Jahre alter Film bereits ein Hollywood-Remake erfährt, dann muss man sich schon fragen, welche Existenzberechtigung eine solche Version hat. Wenn jedoch ein Regisseur wie David Fincher dahinter steckt, dann muss man sich schon deutlich weniger Sorgen machen, dass das, was da in neue Kleider gehüllt wird, Hand und Fuß hat und einen ganz eigenen Anstrich spendiert bekommt. Leider ist das im Falle von The Girl with the Dragon Tattoo aber nur die halbe Wahrheit, denn Fincher gelingt es so gut wie nie, dem Ganzen mit seinem eigenen filmischen Duktus zu begegnen. Seine Version des Erfolgsromans von Stieg Larsson ist zwar kein Shot-by-Shot-Remake, aber die Änderungen, die er vornimmt, sind nicht immer zum Vorteil der Geschichte. Vor allem beim Ende zieht Finchers Version gegenüber Män som hatar kvinnor, der schwedisch-dänisch-norwegisch-deutschen Verfilmung, den Kürzeren, ist es doch viel zu offensichtlich an ein Hollywood-Publikum angepasst und sowieso viel zu geschwätzig.

Im Prinzip wurde die 2009er Version durch den Fincher-Filter gejagt, was heißen soll: wundervoll kühle Red-One-Bilder, die selbst auf dem verschneiten Land noch mondän wirken und der Optik des Originals, dem man durchaus ansieht, dass es sich ursprünglich um eine TV-Verfilmung handelte, bei weitem überlegen sind. Ansonsten gibt es bis zum finalen Akt keine signifikant wahrnehmbaren Unterschiede, was nicht weiter schlimm ist, denn die eigentliche Geschichte konnte schon vor zwei Jahren überzeugen. Stattdessen setzt Fincher vielmehr auf eine Besetzung, die über jeden Zweifel erhaben ist (besonders Stellan Skarsgård überzeugt), auch wenn Rooney Mara trotz großem Körpereinsatz die übergroßen Fußstapfen von Noomi Raupach bereits im Vornherein nicht ausfüllen konnte. Dass ihre Lisbeth Salander der Lisbeth aus dem Original unterlegen ist – in manchen Aspekten gar entgegen wirkt -, ist dabei aber nicht etwa ihrer Performance zuzuschreiben, sondern Drehbuchautor Steven Zaillian (der sich wiederum aber nur an den Roman gehalten haben soll).

Maras Lisbeth ist bei weitem nicht so selbstbestimmt und kick-ass wie Rapaces Mädchen mit dem Drachentattoo. Das wird sowohl am Ende evident, als auch in ihrer Beziehung zu Daniel Craigs Mikael Blomkvist. Außer Acht lassen darf man dabei aber auch nicht, dass vieles davon wohl der Tatsache geschuldet ist, dass es hierzu keine Fortsetzung geben wird. Bisher hat sich nämlich weder ein Produzent, noch ein Regisseur gefunden. David Fincher ist jedenfalls nicht mehr mit an Bord. Was von Finchers The Girl with the Dragon Tattoo letztlich in Erinnerung bleibt, ist die visuelle Kraft, eine großartige Credits-Sequenz und ein herrlich atmosphärischer Score von Trent Reznor und Atticus Ross (inklusive NIN-Anspielung im Film). Finchers Film ist nicht besser als Niels Arden Oplevs, aber auch nicht schlechter. Aus diesem Grund bin ich doch ein klein wenig enttäuscht. (8/10)


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Asi-Apokalypse in Friesland: 'New Kids Nitro'


Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass New Kids Turbo in den deutschen Kinos startete, im Laufe des Jahres knapp eine halbe Million Menschen in die Kinos lockte und damit den erfolgreichsten Start eines niederländischen Films in Deutschland markierte. Vor allem der zeitliche Abstand weist jedes Hollywood-Sequel in die Schranken, denn die lassen sich meist zwei, wenn nicht sogar mehr Jahre Zeit. So viel Zeit hätten sich Steffen Haars und Flip Van der Kuil aber auch gar nicht lassen dürfen, denn das wäre den Fans gehörig gegen den Strich gegangen. Die wollen nämlich so viel New Kids wie nur irgendwie möglich. Und so gibt es nun gleich zu Beginn des Jahres die volle Asi-Dröhnung in den deutschen Kinos. Die Richtung ist schon vorgegeben, da ist die Leinwand noch schwarz. 'Dreams' von 2 Brothers on the 4th Floor ertönt, während die Produktionslogos eingeblendet werden und sich zwei Prolls im Kinosaal niederlassen. Sie wirken und benehmen sich, als kämen sie selbst direkt aus dem New Kids-Universum, darauf weist nicht nur Optik, sondern vor allem ihr Sprachduktus hin. Richtig, dieses Mal durchbrechen die New Kids noch vor Beginn des eigentlichen Filmes die vierte Wand und zeigen sich auch im Laufe des Films selbstreflexiver denn je.

Nach diesem kleinen Prolog begibt sich New Kids Nitro schließlich in die erzählende Welt, wo es eine Art Prolog eines Fans gibt, der Barry, Gerrie und Co. erzählt, wie langweilig sie mittlerweile doch geworden seien. Gleich würde einer von ihnen überfahren werden und sowieso war in den ersten Staffeln und auf dem anderen Sender alles viel besser. Die New Kids und ausgelutscht? Der Junge wird recht schnell zum Schweigen gebracht, natürlich auf eine äußerst derbe Art und Weise – New Kids-Style eben. Nun kann der Film auch beginnen, denn die Jungs haben mal wieder keinen Bock die Straße in ihren orangenen Westen zu kehren. Nein, dieses Mal wird wahrlich kein Halt gemacht. Vor Nichts und Niemandem. Es dauert nicht sehr lange, da müssen die ersten Kinder in einem Schwimmbecken dran glauben. Und der geneigte Fan kommt auch hier wieder kaum aus dem Lachen heraus. Und dennoch hatte der Junge in der Exposition nicht ganz unrecht, denn wie kann man dem Ganzen noch eines draufsetzen, wie die Jungs erneut in eine Geschichte verstricken, die länger als nur zwei, drei Minuten ist?

Na, ganz einfach, man lässt die Jungs das machen, was sie am besten können. Getoppt werden kann New Kids Turbo ohnehin nicht, denn dafür ist die Materie einfach zu redundant, das muss auch jeder Fan eingestehen. Dennoch bedienen sich Haars und Van der Kuil einiger durchaus effektiven Mittel, beispielsweise in dem sie neue Randgruppen einführen, wie eine Gruppe von jungen Einwanderern, die nicht etwa Manta fahren und Techno hören, sondern Golf und Hip Hop. Sie kommen immer dann, wenn die Luft raus ist und man einen neuen Gag braucht, da der alte gerade verbraucht wurde. Sowieso ist New Kids Nitro noch weniger vom Plot abhängig als noch New Kids Turbo. Stattdessen gibt es wie in den Sketch-Vorlagen viele kleine Einschübe, die meist hervorragend funktionieren. Da ist beispielsweise ein Typ, der ständig ein High-Five will, es aber nicht bekommt, oder der bekannte Mongo, der sich dieses Mal als Beifahrer bei wilden Autorennen betätigt. Zwar suggeriert der Trailer anderes, aber der Fokus liegt nicht etwa auf den friesischen Zombies, sondern auf dem Maaskantje-Schijndel-Clinch mit besagten Autorennen.

Dass es auch im Nachbarort jede Menge Asis gibt – Nordbrabant eben -, ist eine äußerst erfreuliche Tatsache, denn angesichts den Jungs um Dave (Guido Pollemans) weiß man manchmal nicht mehr, wer hier eigentlich asiger ist. Gerade hier fährt New Kids Nitro dann auch die volle Xenophobie-Schiene, die sich erst auf die Feindschaft mit Schijndel beschränkt, später dann aber auf die friesischen Zombies ausweitet. Friesland scheint ohnehin nicht so recht zu den Niederlanden zu gehören; zumindest weiß keiner der Jungs, was das da oben überhaupt ist. Es kommt, was kommen muss, denn all die asozialen Taten der New Kids müssen ja auch irgendwann in einer moralischen Botschaft enden. Das tut es auch dieses Mal wieder, denn die beiden verfeindeten Dörfer tun sich irgendwann zusammen, um gegen einen noch größeren Feind – die ’ausländischen’ Zombies – zu kämpfen. Dabei geht es dann auch teils ziemlich blutig zur Sache und zum ohnehin schon asozialen und subversiven Grundtenor gesellt sich noch etwas Splatter. Warum das Sequel dabei eine 16er-Freigabe erhielt und der erste Film eine kJ, weiß dabei wohl nur die FSK allein. Vielleicht haben aber mittlerweile auch die Jugendschützer eingesehen, dass das alles bei weitem nicht so gefährlich ist, wie es einige gerne verstanden wüssten.

Einmal will einem das Lachen dann aber doch im Halse stecken bleiben, denn die Lösung des Zombie-Konflikts mündet in dem wohl bösesten Gag der New Kids-Geschichte, der für einige dann doch die Grenze um einige Kilometer überschritten haben dürfte. Dabei ist er angesichts der Xenophobie-Schiene, die der Film fährt, nur konsequent – und ohnehin dürften ihn nur die Wenigsten wirklich realisieren. Andererseits zeigt das aber einmal mehr, dass auch New Kids Nitro wieder beide Lager bedient: Jene, die die New Kids als subversives, politisch-angehauchtes Sozialkino verstehen und jene, die sich einfach nur leichte, asige Unterhaltung wünschen. New Kids Nitro ist nicht besser als New Kids Turbo, ihm aber absolut ebenbürtig. (8/10)


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Der komplette Machtverlust: 'The Ides of March'


Dass Politik nicht immer ein ganz sauberes Geschäft ist, weiß jeder, der die Tageszeitung liest oder im Fernsehprogramm auch mal zu den Nachrichten zappt. Weder Staaten noch Parteien schenken sich etwas, geht es um Intrigen, Korruption oder die Verbindung zwischen Politik und Wirtschaft. Die Welt ist schlecht und ungerecht, die Politik trägt dabei einen nicht gerade kleinen Teil dazu bei. Davon scheint zumindest George Clooney überzeugt zu sein, der sich immer wieder äußerst politisch gibt. Sei es nun in seiner Rolle als Darsteller oder wie in Good Night, and Good Luck. auch als Regisseur. Seinen neuen Film hätte er zeitlich nicht besser timen können, denn The Ides of March kommt zu einer Zeit, in der der amerikanische Vorwahlkampf auf Hochtouren läuft, auch wenn es dieses Mal nur die Republikaner sind, die einen geeigneten Kandidaten für das Amt des Präsidenten suchen. Das spielt für Clooneys Film aber ohnehin nur eine untergeordnete Rolle, bezieht sein Film doch erstaunlicherweise nicht eindeutig Stellung. In seinem Szenario schenken sich die beiden großen Parteien der Vereinigten Staaten nicht viel, auf beiden Seiten tobt sie Schlammschlacht. Und dann passiert es doch: In einem bedeutenden Moment des Filmes ist Clooneys Governor Morris der Meinung, dass die Demokraten endlich von den Republikanern lernen müssten. Unlautere Methoden meint er damit natürlich.

Clooney, der alte Demokrat, macht nicht einfach nur Zugeständnisse, sondern zeichnet ein äußerst dunkles Bild der politischen Landschaft, das weder schwarz und weiß, noch Gewinner und Verlierer kennt. Auch die Gewinner sind hier eigentlich nur Verlierer, denn sie haben nicht nur ihre eigenen Prinzipien verraten – das Fatalste, was ein Politiker tun kann -, sondern auch ihre Mitarbeiter, Freunde und Wähler verraten. Es ist durchaus ansehnlich wie es Clooney gelingt, sich selbst erst als Heiland mit stahlend-weißem Lächeln zu inszenieren (inklusive abgekupfertem Obama-Hope-Poster), nur um ihn später in eine äußerst ambivalente Figur zu verwandeln. Es verhält sich dabei wie in der echten Politik: Man lässt sich durch das Äußere und die Rhetorik täuschen, die berechnender kaum sein könnte und meist nicht einmal im Ansatz ernst gemeint ist. Man gibt dem (potentiellen) Wähler einfach das, was er hören möchte und lässt sich bei jedem von ihnen mal blicken. Die, die dennoch gegen ihn sind, bekommt er einfach, in dem er seine Positionen – oder besser gesagt seine Formulierungen – anpasst. Dieser Governor Mike Morris glaubt nicht an Gott, Allah oder gar einen anderen Gott – er glaubt an Amerika. Eine Aussage, die ihm gelinde gesagt gemischte Reaktionen einbringt.

Clooneys fiktiver Wahlkampf, der parallel zum echten Wahlkampf läuft, ist gerade am Anfang von vielen Analogien und Parallelen gezeichnet, die genau die richtige Richtung vorgeben, die der Film später aber nicht wirklich einschlägt. Es wird schnelles, verschachteltes Polit-Sprech gesprochen, das es des Öfteren erst einmal zu entziffern gilt, das gleichzeitig aber auch diese Authentizität aufbaut, die man dem Film so hoch anrechnet. Clooney ist zumindest anfangs nicht sehr darum bemüht, dem Zuschauer das alles verständlich und goutierbar zu machen, sondern er will ihn absichtlich herausfordern. Politik erfordert einen langen Atem, erst recht von jenem, der bei all den Rauchbomben, die von Politikern geworfen werden, dennoch durchblicken möchte. Man weiß lange nicht, wer nun eigentlich Freund und Feind ist, geschweige denn wen man selbst wählen würde. Es stellt sich dann aber recht schnell heraus, dass man sie alle nicht wählen wollte – und erst recht nicht für sie arbeiten. Stepehn Meyers (Ryan Gosling) tut es dennoch, wenn auch nicht ohne Hintergedanken. Während er lange Zeit die einzige Figur ist, mit der man sich zumindest ansatzweise identifizieren könnte, soll auch sein Fall kommen; auch wenn bei ihm die Fallhöhe bei weitem nicht so groß ist wie bei seinem 'Präsidenten' Morris.

The Ides of March macht lange Zeit vieles richtig, und man ist nicht nur ob des tollen Schauspielkinos angetan – bis das dunkle Geheimnis Morris' ans Licht kommt und Clooneys Film leider in gewöhnliche Bahnen abdriftet. Diese Richtung, die der Film dann einschlägt verschenkt zu viel von dem Potential, das er anfangs aufgebaut hat und kommt mit Wendungen um die Ecke, die weder spannend, noch überraschend sind. Den Anspruch, den Clooney für sich selbst erhebt, kann er leider nicht aufrecht erhalten. Das Politthrillerdrama, das nicht selten an ein Stück von Shakespeare erinnert (das ihm ja indirekt auch den Titel gegeben hat), bekommt nun eine Dramaturgie, die nur noch durchexerziert wird und nun nicht mehr an Shakespeare, sondern vielmehr an einen ZDF-Sonntagsfilm erinnert. Das ist angesichts dessen, was uns The Ides of March anfangs präsentiert natürlich umso bitterer. Dennoch bleibt ein hervorragend gespielter, politisch hochaktueller Film übrig, der bei den Oscars sicher nicht unbeachtet bleiben dürfte. (7/10)


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Marcus Stiglegger (Hg.): 'David Cronenberg'


David Cronenberg. Ein Name, der im Mainstream noch immer nicht ganz angekommen zu sein scheint. Gott sei Dank. In den letzten Jahren mag sich das etwas geändert haben, hat Cronenberg doch die Pfade des body horrors verlassen und sich Filmen zugewandt, die für viele Zuschauer 'offener' sein dürften. Viele seiner Fans nahmen ihm Filme wie Eastern Promises oder A Dangerous Method (der in der Tat eine herbe Enttäuschung ist) übel, sind sie doch bei weitem nicht so verstörend und verschlüsselt wie seine früheren Werke Videodrome oder Crash, die ich bis heute für seine interessantesten Filme halte. Letzterer wurde 1996 in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury geehrt, stößt ob seiner Sexualmoral bei vielen aber bis heute noch auf Unverständnis. Das bemerkt zumindest Cristina Nord in David Cronenberg, dem umfangreichen Sammelband zum kanadischen Regisseur, die zwar lange auf sich hat warten lassen, nun aber in ihrer vollen Pracht erhältlich ist. Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger hat das 320 Seiten starke Buch herausgegeben und bietet darin eine nicht nur umfangreiche, sondern vor allem aufschlussreiche Übersicht zu den Filmen Cronenbergs. Nach einem Vorwort, in dem Manfred Geier ganz persönliche Parallelen zu seinem und Cronenbergs durchaus erlebnisreichen Leben zieht, führt uns Marcus Stiglegger in den Cronenberg'schen Kosmos ein.

Im ersten Drittel des Werkes fokussieren sich die Essays auf Cronenbergs Filme im Gesamtkontext. So klärt uns Stefan Höltgen, ein ausgewiesener Cronenberg-Kenner, beispielsweise über filmische Räume in Cronenbergs Werk auf, während Bettina Papenburg über eines der bedeutendsten Motive Cronenbergs schreibt: den (offenen) Leib. Der Rest des Buches konzentriert sich schließlich auf die einzelnen Filme und lässt dabei keines seiner Werke aus (selbst seine Kurzfilme werden hinreichend geehrt). Natürlich dient der Sammelband weniger der ausführlichen Interpretation der einzelnen Werke, als vielmehr der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Film unter einem bestimmten Aspekt. Im Essay zu Videodrome betrachten Hermann Kappelhoff und Daniel Illger auf sechs Seiten die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung. Etwas später – die Filme sind chronologisch geordnet – untersucht Cristina Nord Crash dann auf seine Körperflüssigkeiten und seine Symbiose aus Fleisch und Metall, und kommt zu dem Schluss: "Ein Bild fickt das andere." Letztere finden sich auch im Buch zuhauf; dienen aber weniger der Illustration, als vielmehr der Beweisführung. Auch sind sie nicht seitenfüllend und kunterbunt (und laufen damit Gefahr, den Leser vom Wesentlichen abzulenken), sondern passend platziert und in schlichtem schwarz-weiß gehalten.

Die Texte selbst benötigen aber auch die gesamte Aufmerksamkeit des Lesers, denn sie lassen sich nicht mal eben so überfliegen, sondern gehen stets film-, kultur- und medienwissenschaftlich an ihr Sujet heran. Wer also ein einfaches Nachschlagewerk zu David Cronenberg sucht, der ist hier an der falschen Adresse. Der Leser muss hier nämlich gewillt sein, sich nicht nur mit akademischer Sprache auseinander zu setzen – auch relevante wissenschaftliche Ansätze werden vorausgesetzt. Dafür dringt die Aufsatzsammlung dann aber auch ins Innerste des Gesamtwerks vor, das in seinen Motiven und Intentionen schier unerschöpflich ist. Mit den Autoren, die von Georg Seeßlen über Fritz Göttler, bis hin zu Filmemachern wie Dominik Graf reichen, hat man die Crème de la Crème der deutschen Filmpublizistik vereint (gewidmet ist das Buch übrigens dem in diesem Jahr Verstorbenen Michael Althen). Formal ist das Paperback ebenfalls auf höchstem Niveau angesiedelt, können sowohl das hochwertige Papier, als auch die schönen Screenhots voll und ganz überzeugen. Für Filmfreunde, für die ein Film nicht einfach nur unterhalten soll, ist David Cronenberg ein Pflichtkauf.

David Cronenberg – film: 16 ist im November im Bertz + Fischer Verlag erschienen und ist für 19,90 EUR entweder direkt über den Verlag (versandkostenfrei) oder alternativ über Amazon (Partnerlink) beziehbar.


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New York, New York: 'New Year's Eve'


Was ergeben zahlreiche Hollywood- Schauspieler gepaart mit einer Prise Liebe, Humor und Stadtleben? Genau – New Year's Eve (der hierzulande den tollen Titel Happy New Year bekommen hat). Der Film passend zum Jahresende, handelt von der ganz großen Liebe in der genau so großen Silvesternacht.

Neben Hillary Swank, Michelle Pfeiffer und Robert de Niro (und unzähligen weiteren Stars), verzaubert auch Teenie-Schwarm Zac Efron das jüngere und vor allem weibliche Publikum. Und auch der deutsche Schauspieler Til Schweiger ist als werdender Vater mit von der Partie und gibt sich mit der Hochschwangeren Jessica Biel ein Entbindungsrennen zum Totlachen.

Die Story ist dabei eigentlich ganz einfach: Ein Mann, eine Frau und die ganz große Liebe am Silvesterabend. Doch wie gesagt, eigentlich. Denn auch beim 'Nachfolger' des Kinoerfolgs Valentine's Day, spielt der Film in mehreren Episoden. Also sind es viele Frauen und viele Männer, die versuchen ihr Jahr Revue passieren zu lassen und am Jahreswechsel nochmal alles zu geben, um happy ins neue Jahr zu starten.

Dieser Film hat neben vielen Emotionen auch jede Menge Humor in petto. Dazu die wunderschöne Silvester-Metropole New York und fertig ist das Rezept für einen Kinoabend, in der so manche Frau ins Schwärmen kommt und sogar mancher Mann etwas zum schmunzeln hat. (7.5/10)

- Kritik von Julia Rybkowski


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Die wahre Berufung eines Rockstars: 'Blood Into Wine'


Die Geschichte des Weins ist eine Geschichte voller Missverständnisse. So könnte man zumindest meinen, wenn man das Weingut von Eric Glomski und Tool-Frontmann Maynard James Keenan in der Doku Blood Into Wine begutachtet. Die beiden bauen ihre Trauben nämlich nicht etwa im sonnigen Kalifornien an, sondern in der Einöde Arizonas. Wein aus Arizona, fragt man sich nun, so etwas gibt es? Ja, so etwas gibt es, und Maynard James Keenan hat ihn maßgeblich dort hin gebracht. Er und Eric Glomski machen diesen Wein aber nicht etwa um Ansehen und Kritikerpreise einzusacken, sondern um Pionierarbeit zu leisten und das zu machen, zu dem sie sich berufen fühlen. Der Wein soll in erster Linie ihnen selbst schmecken – und dafür legen die beiden auch selbst Hand an, buddeln Löcher in den trockenen Boden und schneiden die Rebstöcke zurecht. Wein ist nämlich – und das macht der Film sehr deutlich – etwas äußerst persönliches. Einen der Weine, die die beiden in Arizona produzieren, wurde beispielsweise nach Keenans verstorbener Mutter benannt. Für sie ist der edle Tropfen nicht nur ein Begleiter zu Kerzenschein und feinem Essen; er ist vielmehr Ausdruck harter Arbeit in Zusammenarbeit mit der Natur, die selbst im trockenen Arizona Geschenke macht.

Es ist schön zu sehen, dass sich Blood Into Wine weniger auf den außergewöhnlichen Nebenberuf eines Rockstars fokussiert, sondern auf das Weinmachen selbst, das für Keenan mittlerweile zum Hauptberuf geworden ist – Gigs mit seinen Band sind für ihn zum Hobby geworden, das ihm hilft vom Weinbetrieb abzuschalten. Es ist dem Film ein großes Anliegen, dabei aber auch einen groben Überblick über das Thema Wein selbst zu geben. Wie wird er hergestellt, was zeichnet ihn aus und wie definiert man einen guten Wein. Dabei hält sich die Doku in ihrer Unbeschwertheit aber auch nicht zurück, und so wird einfach drauf losgefragt, statt mit Expertenwissen zu kokettieren. Man sieht Kritiker, die Weine testen und mit dem üblichen Vokabular um sich werfen, man hört Weinblogger, die Bewertungen am liebsten abschaffen würden und am Ende ist es doch der subjektive Eindruck, der zählt. Wie viele hätten schon einen 100-Punkte-Wein gekauft und ihn gehasst, meint ein Experte trocken. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes reine Geschmackssache, welchen Wein man bevorzugt (auch wenn sich im Film alles nur um Rotwein dreht).

Es ist diese Semi-Professionalität, mit der die Regisseure Ryan Page und Christopher Pomerenke an die Sache herangehen, die das Ganze so sympathisch und ehrlich macht. Ihre talking heads werden nicht etwa vor neutralem Hintergrund und auf Stühle gebettet befragt, sondern bei dem, was sie machen. Es wird in den Interviews auch kaum geschnitten, sondern einfach draufgehalten, denn irgendwie ist das alles von Bedeutung, was die Beteiligten hier zu sagen haben (u.a. auch ein Schamane und ein Stadt-Historiker). Und dennoch können sie sich ein gewisses Fanboy-Gehabe leider nicht verkneifen. So gibt es immer wieder humoristische Einlagen, die nicht nur deutlich gestellt sind, sondern auch mit drei Flaschen Cabernet intus nicht lustiger würden. Maynard bis aufs Klo zu folgen und ihm selbst dort Fragen zu stellen, ist dabei nur einer der vielen traurigen Höhepunkte. Diese Einstellung, doch irgendwie hipp zu sein – schließlich ist das hier nicht ein gewöhnlicher Winzer, sondern Maynard James Keenan -, zieht sich durch die gesamte Doku. Und so gibt es dann auch Gespräche mit Milla Jovovich und Patton Oswalt, bei denen man nicht genau weiß, ob sie nun Teil des Drehbuchs oder tatsächlich Spontanbesuche sind. In jedem Fall sind sie aber deutlich uninteressanter als der finale Auftritt eines absoluten Weinexperten, der den beiden Weinmachern seine ehrliche Meinung zu ihren Produkten gibt.

Blood Into Wine ist ein Film über Erde, Trauben und Menschen, die ihre Berufung in der Weinproduktion sehen. Dass einer von ihnen zufällig ein bekannter Rockstar ist (was man gar nicht glauben mag, wenn man ihn in diesem Setting sieht), gerät dabei zur Nebensache. Wer auch nur etwas für den Traubensaft übrig hat und an dessen Produktion interessiert ist, der hat mit Blood Into Wine eine interessante Doku gefunden, auch wenn sie nicht frei von Fehlern ist. Prost! (7/10)


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Mormonen, Sex-Spielchen und der Boulevard: 'Tabloid'


Dass Schönheitsköniginnen und Missionare im Dienste der Mormonen nicht unbedingt eine gute Paarung sind, dürfte jedem bewusst sein, der einmal mit einem der beiden Typen Mensch in Kontakt gekommen ist. Der einen geht es um den Erfolg und ihr Äußeres, dem anderen um das Leben nach dem Tod, wenn er schließlich zur Gottheit werden soll. Gegensätze ziehen sich bekanntermaßen ja aber auch an. Manchmal zumindest. So auch im Falle von Ex-Miss Wyoming Joyce McKinney und dem jungen mormonischen Missionar Kirk Anderson. Angeblich war es Liebe auf den ersten Blick, so stellt es zumindest Joyce McKinney dar, der sich Errol Morris' jüngste Doku Tabloid annimmt. Doch es ist nicht nur McKinneys Sicht der Dinge, der Morris Platz einräumt, es sind auch die 'Mitverschwörer' und englische Journalisten, die zu Wort kommen und ihre Version der Geschichte erzählen. Letztere sind für den Skandal, der eigentlich keiner ist, darf man McKinney glauben, maßgeblich verantwortlich, lieferten sich Daily Mirror und Daily Express doch eine erbitterte Schlacht um den vermeintlichen Mormonen-Sex-Skandal, der alles beinhaltete, was der Boulevard so liebt: Eine hübsche junge Frau, eine Entführung, Vergewaltigung und diverse Sexspielchen. Während sich die Regenbogenpresse mit Schlagzeilen versucht gegenseitig zu übertrumpfen, ist der Leidtragende wie immer das Objekt der Begierde (hier sogar buchstäblich).

Morris' Film beginnt mit der Version Joyce McKinneys, die ausführlich zu Wort kommen darf und der man ob ihrer Emotionalität sofort jedes Wort glauben mag. Sie habe natürlich gewusst, dass sein Glaube ein Hindernis sei, aber es sei doch schließlich Liebe gewesen. Liebe, die Kirk erwiderte – bis er nach England als Missionar abberufen wurde und dort laut McKinney einer Art Gehirnwäsche unterzogen wurde. Da beschloss sie kurzerhand nach England zu fliegen und ihn mit einigen Gehilfen zu entführen (inklusive einer Fake-Pistole) – beziehungsweise zu befreien. Danach gaben sie sich auf einem Landsitz einige Tage der Lust hin. Und von dort an gab es natürlich kein Zurück mehr für den jungen Mormonen. Schon bald sollte auch der Boulevard davon Wind bekommen, denn schließlich wurde McKinney mit Haftbefehl gesucht und letztlich auch geschnappt. Bis hierhin sind die Geschichten aller Parteien auch nahezu deckungsgleich. Doch als wäre diese Geschichte noch nicht verrückt genug, sollte der ganze Skandal noch deutlich skurrilere Züge annehmen, in dessen Verlauf es dann nur noch Verlierer gibt – vielleicht nicht ökonomisch, aber definitiv emotional.

McKinney gesteht im Laufe des Interviews mit Morris, der hier explizit nachfragt und mit Begrifflichkeiten weiterhilft, dass sie alles andere als ein Unschuldslamm ist. Und dennoch war die Motivation hinter allem, was sie getan hat, doch einfach nur unbändige Liebe. Sie ist gezeichnet, nicht nur physisch durch mehrere Hundeangriffe und Boulevard-Journalisten, sondern auch durch die Geschichte selbst, die ihr noch immer äußerst nahe geht, ja sie sogar bis kurz vor den Suizid trieb. Und dennoch ist diese Frau nicht unterzukriegen, denn etwas Stolz schimmert in ihren Worten immer auch mit. Bei vielen Details kann sie sogar herzhaft lachen, feiert sie ein Stück weit doch auch ihre Intelligenz und Durchtriebenheit, aus der sie zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis macht. Tabloid ist ihr weniger Projektionsfläche, als vielmehr eine Art Katharsis, die ihr dabei hilft, dieses Lebenskapitel ein für allemal abzuschließen. Weniger damit abgeschlossen zu haben, scheinen die Journalisten, die noch immer davon erzählen, als wäre es erst gestern und nicht in den Siebzigern passiert. Noch immer brüskieren sie sich damit, wie effektiv und besser ihr jeweiliges Medium gearbeitet habe. Und genau hierin liegt auch die Kraft von Tabloid, rollt der Film doch nicht nur einfach eine alte Boulevard-Geschichte wieder auf, sondern zeigt er damit deutlich, wie der Boulevard auch heute noch funktioniert.

Es ist egal, welchen Wahrheitsgehalt eine Geschichte hat, so lange sie sich gut verkaufen lässt und das 'Opfer' immer wieder nachlegt (freiwillig oder unfreiwillig). Dabei bleibt sich Morris auch selbst treu, ist er doch immer auch an verschiedenen POVs interessiert, die sich nicht immer zu einem kohärenten Ganzen zusammensetzen lassen. Dass er seinen talking heads dabei das entlocken kann, was er ihnen entlockt, ist beeindruckend und professionell zugleich. Tabloid ist ein wahres Wechselbad der Gefühle: Einmal fühlt man Mitleid, dann wieder Verachtung und wieder ein anderes Mal will man sie einfach alle nur dazu bringen, dass sie ihren Mund halten und die Geschichte endlich ruhen lassen. Dass nach der Geschichte aber oft vor der Geschichte ist, zeigt Tabloid schließlich, wenn er dem Ganzen noch eines draufsetzt und einen kurzen Exkurs über geklonte Hunde macht, die McKinney bis heute Partnerersatz sind. Und dann noch dieser südkoreanische Arzt, der die undurchsichtigste aller Interviewpartner ist – mit Tabloid beweist Errol Morris einmal mehr, warum er solch eine Institution im Genre ist. (8.5/10)


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