Tony Scott Retro: 'True Romance'


Es dauert ziemlich lange bis man ansatzweise erkennt, dass es sich bei True Romance um einen Film von Tony Scott handelt. Nur im Ansatz, weil zirka 80% des Filmes Tarantinos Sprache sprechen. Die restlichen 20% gehen auf Scotts Kappe (haha!), was man vor allem gegen Ende bemerkt. Erst hier gibt es schnelle hektische Schnitte (Shootout) und den einen oder anderen Dutch Angle (die lauschenden Cops, der angeschossene Clarence). Und die letzte Einstellung ist dann auch eine untergehende Sonne – da bedarf es dann auch keinen End Credits, die sagen, dass es sich um 'A Film by Tony Scott' handelt. Dass es weniger Scotts und vielmehr Tarantinos Film ist, ist gar nicht weiter schlimm, denn bereits The Last Boy Scout war mehr Black als Scott. Und auch für sein nächstes Werk, Crimson Tide, nahm Tarantino wieder die Feder in die Hand.

Es sind vor allem kleinere Details, die Scotts Handschrift tragen: Dennis Hopper hat einen Hund (Scott liebt Haustiere!) und während er sich sein legendäres Wortgefecht mit Christopher Walken liefert, läuft im Hintergrund 'Sous le dôme épais'. Scott führt mit True Romance quasi weiter, was er mit The Last Boy Scout angefangen hat, nämlich den harten Actionthriller mit viel comic relief, der nicht unbedingt seinen Stempel trägt, dessen Einfluss aber durchaus wahrnehmbar ist (Scott hat einige Änderungen an Tarantinos Drehbuch vorgenommen). True Romance hat keinerlei Alterserscheinungen und funktioniert auch fast 20 Jahre später noch perfekt – auch, weil ich mich bei Tom Sizemore immer noch regelmäßig wegschmeiße! Er ist und bleibt für mich (zusammen mit Chris Penn) das heimliche Highlight des Films.


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Home Sweet Home: 'Dream House' Blu-ray Review


Eine junge Familie zieht in ein Haus in Suburbia und kann ihr Glück kaum fassen. Bis sie recht schnell feststellen müssen, dass in ihrem neuen Zuhause ein Killer sein Unwesen getrieben hat und eine ganze Familie getötet hat. Klingt ziemlich generisch, ist es auch. Bis dahin ist Jim Sheridans Dream House eigentlich noch ganz ordentlich. Wir sehen Daniel Craig als erfolgreichen Publizisten und liebenden Familienvater (wann hat man Craig bitteschön mit zwei kleinen Mädchen auf dem Arm gesehen?), der mit einer wieder mal bildhübschen Rachel Weisz verheiratet ist und just seinen Job gekündigt hat, um an seinem Buch zu arbeiten. Der Score und die winterliche Kulisse lassen eine leichte Schwermut über die Bilder kommen, die durchaus zu gefallen weiß. Plötzlich gehen aber Dinge vor sich, die den Film schon bald ins Thriller- beziehungsweise Mysterygenre wechseln lassen. Craig und Weisz finden komische Zeichen an den Hauswänden und eine Gruppe Goths im Keller, die das fünfjährige Jubiläum der Morde zelebrieren. Von hier an ist die Richtung, die Dream House einschlagen wird, leider deutlich vorgegeben.

Das denkt man zumindest fürs Erste, denn Poster lässt schnell den Verdacht aufkommen, dass es sich um etwas Übernatürliches handelt, das im Haus sein Unwesen getrieben hat und es nun wieder aufs Neue treibt. Doch so viel sei vom Plot verraten, es handelt sich nicht etwa um etwas Übernatürliches, sondern um die alte Leier von Erinnerung, Schuld, Sühne und Identität. Sheridan war wohl der Ansicht, dass es reichen würde, Craig einfach etwas Pomade ins Haar zu geben, um ihn zu einem eigenen Alter Ego zu machen. Da fühlt man sich dann doch etwas verarscht, zumal die Auflösung des Ganzen ebenfalls generischer kaum sein könnte und so (oder so ähnlich) schon unzählige Male zu sehen war. Naomi Watts als Nachbarin von Craig und Weisz ist total verschenkt, mehr aber noch Bösewicht Elias Koteas (der immer mehr wie De Niro aussieht), dessen Screentime sich auf wenige Minuten beschränkt und für den sich der Film eigentlich so gut wie gar nicht interessiert. Dream House hat mit Craig eine sehr gute Wahl getroffen, denn er und sein intensives Spiel nicht wären, dann hätte man schon nach der Hälfte kapituliert.

Dream House riecht nach schnell runtergefilmter Studioproduktion, die größtenteils auch so aussieht. Sheridan gelingt der Spagat zwischen Thriller, Mystery und Drama nur partiell, dabei verschenkt er zudem unglaublich viel Potential, was seine Darsteller angeht. Sein Film lässt keine klare Linie erkennen und setzt auf laue set pieces und eine Auflösung, die keinen wirklich vom Hocker reißt. Die letzte Szene … geschenkt. Wenn man einen guten Tag hat, ist Dream House die pure Mediokrität, wenn nicht, dann ist es ein heißer Kandidat für die Flop 10 des Kinojahres 2012. (5/10)

Die Blu-ray von Universum Film ist seit dem 26. Oktober erhältlich (Amazon-Partnerlink) und bietet eine recht ordentliche Bild- und Tonqualität. Die Schneelandschaft gewinnt durch das HD-Bild zusätzlich, der Rest ist guter Durchschnitt. Die Dialoge hingegen sind meist etwas zu leise, so dass man deutlich aufdrehen muss, um auch in leisen Passagen alles zu verstehen. An Extras bietet die Blu-ray Interviews, Featurettes, eine Trailershow und natürlich ein Wendecover.


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Asymmetrische Prostata: 'Cosmopolis' Blu-ray Review


David Cronenbergs A Dangerous Method gehörte im letzten Jahr zu meinen heiß ersehntesten Filmen des Jahres. Das Ausgangsmaterial um die Freundschaft zwischen den beiden Psychoanalytikern Carl Jung und Sigmund Freud schien wie gemacht für den kanadischen Ausnahmeregisseur. Doch dann, nach der Sichtung, machte sich Enttäuschung breit. Nicht etwa, weil es kein richtiger Cronenberg-Film war, sondern weil es so schien, als hätte Cronenberg nicht wirklich viel Energie und Interesse in das Projekt gesteckt. Fast nichts von dem, was man aus seinen früheren Werken kennt, fand sich in diesem Film wieder. Hinzu kam das Spiel der von mir sonst sehr geschätzten Keira Knightley, das irgendwo zwischen genial und purem Overacting zu veranschlagen war. Die Hoffnung war also groß, dass Cronenberg mit seinem neuen Film Cosmopolis zu alter Form zurückkehren würde. Und das soll nicht etwa heißen, dass er bitteschön immer und immer wieder das gleiche machen soll, sondern erkennen lässt, dass der Film seine Handschrift trägt. Doch leider wurde dieser Wunsch einmal mehr nicht erfüllt. Viel mehr noch, er wurde regelrecht zerstört.

Cosmopolis, das ist ein Film, der so stark nach Papier riecht, dass es einem als Filmliebhaber nicht leicht fällt, das Ganze über die gesamte Dauer zu verfolgen. Zumindest aktiv. Der Film, der auf Don DeLillos gleichnamigem Roman basiert, funktioniert dementsprechend vielleicht als Buch oder als Theaterstück, aber nicht als Film. Es fehlt einfach die visuelle Komponente, die zwar vorhanden ist, in all den prätentiösen und selbstgefälligen Dialogen aber komplett untergeht. Und wenn mal etwas anderes als ein Dialog zwischen zwei äußerst starren Darstellern passiert, dann wurde es bereits im Trailer vorweggenommen. Stattdessen setzt Cronenberg auf Sex, wirre Dialoge und etwas Gewalt. Das klingt eigentlich nach genau den Zutaten, die einen Cronenberg ausmachen, nicht? Richtig, etwas erinnert Cosmopolis dann auch an Cronenbergs wohl verstörendsten Film Crash, mit dem Unterschied, dass Robert Pattinsons Limousine einen Totalcrash erleidet, der keinen Platz mehr für Interessantes lässt.

Vielleicht liegt das aber auch am Cronenberg-untypischen Cast, der mit Robert Pattinson bereits im Vornherein für viel Aufsehen sorgte. Während Pattinson zu Beginn noch eine unglaubliche schlechte und statische Leistung zeigt, macht er sich im Laufe des Filmes immerhin. Diesen Milliardenschweren Manager, der in seiner Limo durch Manhattan fährt, um sich einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen, verkörpert er mit der nötigen Arroganz und Selbstverliebtheit. Ganz im Gegensatz zu seinen Mit- und Gegenspielern wie Juliette Binoche, Mathieu Amalric und Paul Giamatti, deren Auftritte zum Teil ziemlich deplatziert und forciert wirken. Ihnen bleibt bei den schrecklichen Dialogen, irgendwo zwischen Finanzkrise, Dekadenz und Revolution, aber auch nicht viel Raum für eigene Ideen. Wenn man versteht, um was es überhaupt geht, dann wirkt das auf den Zuschauer so, als sähe man sich eine dreistündige schlechte Theater-Inszenierung an, die nur aus Dialogen besteht.

Bis man zusammen mit Pattinson bei Giamatti ankommt, hat man den Kampf schon längst aufgegeben und hofft nur noch, dass es bald zu Ende ist. Das Ende kommt dann auch endlich, abrupt und ohne wirkliche Auflösung. Natürlich war und ist das Kino des David Cronenberg stets sperrig, aber nicht auf diese künstliche Art und Weise. Cosmopolis hat nichts, was ihn auch nur irgendwie rehabilitieren würde. Er ist nichts weiter als eine 108-minütige Tour de Force im schlechtesten Sinne. Cronenberg hat damit entgegen der Erwartungen A Dangerous Method um Längen unterboten und ich hasse es zu sagen, aber auch einen der schlechtesten Filme des Jahres abgeliefert. (3.5/10)

Die Blu-ray von Ascot Elite erscheint am 29. Oktober (Amazon-Partnerlink) und ist bildttechnisch ebenfalls kein Highlight. Obwohl Cronenberg digital gedreht hat, sieht man davon auf der Blu-ray leider nicht viel. Das Bild ist durchschnittlich, ob der vielen dunklen Szenen – ein Großteil des Filmes spielt in der Nacht – gibt es keine wirklich Wow-Momente, denn auch der Schwarzwert könnte besser sein. Der Ton hingegen ist ordentlich, an den richtigen (aber quantitativ wenigen) Stellen bekommt auch der Subwoofer mal etwas zu tun. Bei den Extras kann die Blu-ray am stärksten punkten: Interviews, B-Roll, ein (wirr zusammengeschnittener) Berlinale-Clip von der Premiere und eine Trailershow runden die Scheibe ab.


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Hall of Famer: 'Henry: Portrait of a Serial Killer' DVD Review


Zu Beginn findet sich eine Texttafel, die erläutert, dass dieser Film nicht komplett auf wahren Begebenheiten basiert, sondern lediglich auf Geständnissen des Serienkillers Henry Lee Lucas, von denen er später viele widerrufen hat. Henry: Portrait of a Serial Killer sei also eine fiktionale Bearbeitung bestimmter realer Ereignisse. Das nimmt dem Ganzen nicht wirklich die Rohheit, denn das, was es nach der Texttafel zu sehen gibt, ist äußerst beunruhigend. In bester Lucio-Fulci-Manier hält die Kamera auf ein menschliches Auge drauf, das sich schon bald als jenes einer weiblichen Leiche entpuppt. Aus dem Off hören wir Stimmen, Gesprächsfetzen, die andeuten, wie es zu dieser Frauenleiche gekommen ist. Und es soll nicht das letzte Bild einer Leiche bleiben, denn gleich danach folgt der nächste Tatort – und der nächste. Schnitt, der eigentliche Plot beginnt und es wird schnell deutlich, wer diese Menschen getötet hat. Dabei wird Henry (Michael Rooker) als eigentlich sympathischer Kerl eingeführt. Er hat Manieren – ganz im Gegensatz zu seinem Freund Otis (Tom Towles), den er aus dem Knast kennt – und hat ein offenes Ohr für Otis' Schwester Becky (Tracy Arnold).

Doch diese Ruhe, die Henry ausstrahlt, scheint nur temporär zu sein. Er scheint oftmals entrückt zu sein, kann über den Mord an seiner Mutter, für den er saß, ganz unemotional reden, so, als sei er schon lange darüber hinweg. Dies ändert sich jedoch schlagartig, sobald Henry mit Otis seine killing spree beginnt. Bei Otis, diesem versoffenen, ungepflegten White Trash wundert es einen nicht weiter, aber bei Henry? Es gibt einen Moment im Film, da wirft man die wenige Sympathie, die man für ihn empfindet, komplett über Bord. Doch selbst nach Überquerung dieser Linie gibt es immer wieder einen Hoffnungsschimmer, auch, weil Henry sich der jungen Becky annimmt, die gerade in einer unangenehmen Lage ist und zusätzlich noch von ihrem Bruder getriezt wird. Das liegt zum einem an der recht einfach gestrickten, aber dennoch effektiven Geschichte, die Regisseur John McNaughton mit zu verantworten hat und zum anderen natürlich an Rookers Speil, das mit zu den besten des Genres gehört. Er ist kein typischer Serienkiller, wie wir ihn aus Serienkiller-Filmen kennen, mit komischen Manierismen, sondern ein einfacher Mann, für den das Töten alltäglich geworden ist.

Und wir als Zuschauer sind stets einziger Zeuge der Tat. Bei den Flashbacks zu Beginn können wir nur mutmaßen, aber sobald wir Henry etwas besser kennen gelernt haben, schließt sich dann auch wieder der Kreis. Dass sowohl Otis als auch Henry Monster sind, steht außer Frage, nach dem, was sie getan haben. Und dennoch bleibt bei Henry ein letztes Fünkchen Hoffnung, dass er der Gewalt abschwört und ein neues Leben beginnt. Mit dem letzten Bild, das für den Serienkiller-Film prägend war – man denke nur an Finchers Se7en –, ist dann aber auch dieses verflogen. Nein, nicht verflogen, sondern zerstört. Für diesen Mann ist das Töten wir für andere zur Arbeit gehen oder Zähneputzen. McNaughton macht dies jederzeit deutlich, so dass man sich spätestens am Schluss darüber bewusst ist, dass man ein Narr war, dies ernsthaft zu glauben. Das mag zu einem nicht ganz unerheblichen Teil auch an McNaughtons Erzählweise liegen, die vollkommen selbstreflexiv an das Genre herantritt. Henry und Otis filmen ihre Taten nicht nur, sondern schauen diese gemeinsam zu Hause an, um sie zynisch zu kommentieren und ihre (schönen) Erinnerungen aufzufrischen.

Es ist schon erstaunlich zu sehen, wie dieser genreprägende Film 1986 gedreht wurde, während in den amerikanischen Kinosälen noch das x-te Sequel diverser Slasher-Reihen zu sehen war ('He's not Freddy. He's not Jason. He's real.' war eine der Taglines). Und das mit einer Intensität und Rohheit, wie sie sonst kaum ein Splatter- oder Slasher-Film erreichte. Erst 1990 schaffte es Henry: Portrait of a Serial Killer in die US-Kinos, nachdem Errol Morris ihn 1989 entdeckte und auf ein Festival brachte. Ein Jahr zuvor hatte er sich mit seinem ebenfalls stilprägenden Meisterwerk The Thin Blue Line mit einer ähnlichen Thematik auseinander gesetzt. Der Rest, sowie die Zensurgeschichte des Filmes sind ein Kapitel für sich. McNaughton war nicht nur seiner Zeit, sondern auch dem Genre weit voraus, wie er mit Henry: Portrait of a Serial Killer eindrucksvoll beweist. (8.5/10)

Bildstörung veröffentlicht John McNaughtons Skandal-Film am 26. Oktober auf DVD und Blu-ray (Amazon-Partnerlink). Die Veröffentlichung selbst kommt dabei mal wieder einem Ritterschlag gleich, denn die Scheibe ist nicht nur voller interessanter Extras wie Interviews mit McNaughton und einem Portrait zu Henry Lee Lucas, sondern einem wundervollen Booklet. Dieses enthält neben einem Auszug aus Dr. Stefan Höltgens Schnittstellen: Serienmord im Film auch den Indizierungsbescheid und den (erfolgreichen) Antrag auf Listenstreichung im schön gestalteten Schreibmaschinen-Font. Bild- und Tonqualität können nicht unbedingt begeistern (der Film wurde auf 16mm gedreht), sind aber ordentlich. Ein weiterer Volltreffer in der 'Drop Out'-Reihe des kleinen Kölner Labels.


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Vereint im Tod: 'Und erlöse uns nicht von dem Bösen' DVD Review


Dass Mädchen irgendwann in ein Alter kommen, in dem sie gegen Lehrer, Eltern und jedwede sonstige Obrigkeit ankämpfen und rebellieren, ist völlig normal. Dass sie langsam Seiten an ihrem Körper entdecken, die ihnen davor noch nicht bekannt waren, ebenfalls. So ergeht es auch den beiden katholischen Inernatsschülerinnen Anne (Jeanne Goupil) und Lore (Catherine Wagener), die langsam aber sicher in dieses Alter kommen, die Pubertät. Nachts beobachten sie die Schwester, die sich hinter einem Vorhang entkleidet und bewundern ihre Silhouette, nur um kurz darauf, wenn diese aus dem Raum ist, in Büchern zu blättern, die nicht gerade für junge Mädchen gedacht sind. Heimlich, still und leise, unter der Bettdecke mit Taschenlampe. Schnell hüpft Lore noch zu Anne ins Bett, um das Erlebnis zu teilen. Noch klingt es danach, als würde es sich um das völlig normale Verhalten von Teenagern handeln. Noch. Denn die besten Freundinnen, die nichts und niemand trennen kann, beginnen schon bald, den Bogen zu überspannen.

Aus den anfänglichen Scherzen wird schnell bitterer Ernst. Zwar nicht für die beiden Mädchen, die aus gutem Hause kommen und sich eigentlich um nichts sorgen müssen, aber gerade deshalb herrscht in ihnen wohl diese Leere, die sie dazu bringt, dem Katholizismus im Rahmen einer satanische Zeremonie abzuschwören. Mit Religion verbinden die beiden ebenjene Langeweile, die ihr Leben bis dato prägte. Internat, Speisen mit den Eltern, dann der Kirchenbesuch. Und immer muss man darauf achten, sich richtig zu benehmen und Gott und den Eltern zu gefallen. Selbst zu Hause im Schloss – Anne ist die Tochter eines Grafen – ist die Kirche, sprich die leidige Schule, das Internat, omnipräsent. Eines Sonntags predigt der Pfarrer in der Kirche über die Fleischeslust und vermittelt eindringlich, dass man sich dieser nicht hingeben solle. Das weckt natürlich das Interesse bei den beiden jungen Damen, die gerade dabei sind, diese zu entdecken …

So sind sich die beiden auch nicht zu schade, sich gegenseitig Rollen zuzuweisen, die für die eine deutlich unangenehmer ist als für die andere. Lore ist dafür zuständig, die Männer um den Verstand zu bringen und sie mit ihrem Körper zu locken, während Anne die Fäden in der Hand hält und ihren teuflischen Plan weiter plant. Was man anfangs noch als pubertäre Späße abtun kann, entwickelt sich schnell zu einem sadistischen und zynischen Spiel um Macht (die beiden sind sich nämlich bewusst, dass ihnen ob ihrer Stellung eigentlich niemand etwas kann, zumal sie ihre eigenen Eltern um den Finger gewickelt haben), das alsbald die ersten Opfer mit sich bringt. Und auch der Zuschauer ist ob so viel Böswilligkeit, die in Und erlöse uns nicht von dem Bösen (Mais ne nous déliverez pas du mal) durchaus schockiert und wird nicht selten an die beiden Damen aus Tausendschönchen (Sedmikrásky) erinnert, die einen ähnlichen Plan verfolgten. Die Revolution findet einmal mehr im Kleinen statt.

Don't Deliver Us from Evil, so der internationale Titel, hatte bei Erscheinung vor 40 Jahren selbstverständlich für viel Aufsehen gesorgt. Sofort wurde der Film in seiner Heimat Frankreich verboten, was auch aus heutiger Sicht nicht weiter verwundert. Es ist nicht nur die Böswilligkeit und die Blasphemie, die die beiden Mädchen feiern, sondern vor allem auch die visuelle 'Kraft', die Regisseur Joël Séria seinem Film verleiht, in dem er auch nicht davor zurückschreckt, zwei Vergewaltigungen zu zeigen, die die beiden Mädchen absichtlich heraufbeschworen haben. Séria zeichnet einerseits ein dunkles, böses Bild der Gesellschaft – allen voran der Männer, die hier reine Lustmolche sind –, verzichtet andererseits aber auch nicht auf eine gehörige Portion schwarzen Humors. Spätestens wenn das Publikum bei der Theateraufführung im Internat laut klatscht, während das ganze Treiben von Anne und Lore seinen traurigen Höhepunkt findet, wird deutlich, dass Séria genau weiß, wie er sein (prüdes) Publikum ärgern kann.

Es sind auch jene Momente, wie der Kuss zwischen den Nonnen oder die etwas andere Verabschiedung eines Hausgastes, die nahelegen, dass Und erlöse uns nicht von dem Bösen ein Wegbereiter für die in den 70ern so populär gewordene Nunsploitation war. Hinzu kommt, dass man heute wohl auch eine etwas andere Wahrnehmung der Zustände im Internat hat, nach all dem, was in den letzten Jahren über katholische Internate zu Tage gefördert wurde … Sérias Film ist ein bedeutendes Stück Euro-Cult-Cinema, mit dessen deutscher Veröffentlichung Bildstörung wieder mal Pionierarbeit geleistet hat. (7.5/10)

Bildstörung hat Und erlöse uns nicht von dem Bösen nur auf DVD und nicht auf Blu-ray veröffentlicht (Amazon-Partnerlink), was wohl Sinn ergibt, schaut man sich die Qualität der Scheibe an. Sicherlich liegt es am Quellmaterial, aber das ist leider die qualitativ schlechteste Veröffentlichung von Bildstörung, die ich bis dato gesehen habe. Das Bild ist selbst für DVD-Verhältnisse eine mittelschere Katastrophe. Sogar die Untertitel sind extrem pixelig und trüben den Eindruck weiter. Der Ton hingegen ist in Ordnung, ebenso die Extras, die aus interessanten Interviews bestehen. Das gilt auch für das Booklet, das in gewohnter Qualität daherkommt. Nur das Cover, das bereits in Foren für kritische Stimmen sorgte, ist schlichtweg grausam. Hier hätte man sich besser am Cover der US-Scheibe orientiert. Allein des Filmes wegen aber eine bedeutende Veröffentlichung.


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Tony Scott Retro: 'The Last Boy Scout'


Das ist vor allem viel Shane Black und wenig Tony Scott. Nur selten scheinen Scotts Trademarks durch, am ehesten noch in den Actionszenen. The Last Boy Scout ist keinesfalls ein schlechter Film, im Gegenteil. Nur ist er eben nicht unbedingt als ein Film von Tony Scott wahrnehmbar; zudem steht Scott das 'Ernste' doch deutlich besser zu Gesicht als eine Buddy-Actioncomedy (was ja schon in Beverly Hills Cop II deutlich zu sehen war). Der Film fußt zu 75% auf Shane Blacks Drehbuch, für die restlichen 25% brauchte man dann noch einen Regisseur, der sein Handwerk versteht und der vor allem auch Ahnung von Action hat. Und da wundert es nicht, dass Scott der go-to-guy war. Neben Blacks Einfluss trägt das Ganze natürlich auch Joel Silvers Handschrift, mit dem Scott hier das erste Mal zusammenarbeitete. Ansonsten muss man sagen, dass The Last Boy Scout ziemlich gut gealtert ist, denn auch wenn er von Filmnerds bis heute zu Tode zitiert wurde, stimmen die action set pieces, sowie das Timing noch immer.


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Tony Scott Retro: 'Days of Thunder'


Es hat den Anschein, als käme Maverick auf seiner Harley (?) direkt von seiner (ehrenhaften) Entlassung aus der Navy. Er hat den Tod von Goose noch immer nicht verkraftet und sucht sich nun ein neues Adrenalin-haltiges Hobby. Er landet schließlich bei Robert Duvall und Randy Quaids Team, bei dem er fortan als NASCAR-Fahrer den Kick sucht und findet. Es ist genau dieser Shot mit Cruise auf dem Motorrad vor der untergehenden Sonne, die das Scope-Bild orangener nicht färben könnte, das zu dieser Annahme verleitet und uns so bekannt vorkommt.

Und natürlich die Tatsache, dass Days of Thunder ein Quasi-Remake von Top Gun ist – nur mit Rennautos statt Kampffliegern. Der Werdegang Cruises vom Hotshot zum Gewinner ist dabei fast noch etwas platter als in Top Gun, die Konflikte nicht wirklich interessant oder von Bedeutung. Das Mädchen in Form seiner späteren Frau Nicole Kidman bekommt er ja ohnehin – egal, wie oft er den Karren (buchstäblich) gegen die Wand fährt. Es liegt vielleicht auch zu einem nicht unerheblichen Teil daran, dass mich Autorennen nicht das Geringste interessieren, aber bei meiner Erstsichtung von Days of Thunder wollte der Funke einfach nicht überspringen.


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Tony Scott Retro: 'Revenge' (Director's Cut)


Was für eine Exposition! Kevin Costner brettert in der F-14 über die mexikanische Wüste, vorbei an der gerade untergehenden Sonne, die das gesamte Bild in ein knalliges Orangebraun taucht, das einen die Gefahr und die schwüle Hitze geradezu spüren lässt. Eine offensichtliche Reminiszenz an Top Gun, deren kurze Flugszene ebenfalls beeindruckt. Etwas gemächlicher geht es dann weiter und die 'gefährliche Affäre' (so der deutsche Zusatztitel) nimmt ihren Lauf. Dabei beweist Scott einmal mehr sein glückliches Händchen für das Casting, denn allein Anthony Quinn als Mobster lässt es einem schon kalt den Rücken herunterlaufen. Im Laufe des Filmes erscheinen immer mehr dieser teils (seelisch) vernarbten Kerle, denen sich Scott auch in seinen späteren Filmen vorzugsweise annimmt. Revenge ist im Prinzip nichts anderes als eine cheesy love story im Hartes-Männer-Kino-Gewand, die – und das konnte man schon in The Hunger beobachten – immer wieder von plötzlich hereinbrechenden (sexuellen) Gewaltmomenten durchdrungen wird.

Leider konterkariert Scott diese bedrückend-heiße Atmosphäre, in der man den Schweiß der Männer zu riechen glaubt, immer wieder durch kurze Momente, die nicht so ganz in das Gesamtbild passen wollen. Am deutlichsten wird das wohl mit dem Jungen, der gern ein Mädchen wäre und irgendwann gar nicht mehr aufgegriffen wird (vielleicht will er aber keine gescheiterte Existenz wie all die anderen Männer im Film werden und gibt sich deshalb als Mädchen aus …). Stilistisch fährt Scott seine Schiene konsequent fort: Vorhänge an offenen Fenstern wehen im Wind, weiße Tauben fliegen überall und in der entscheidenden (Sex-)Szene zwischen Costner und Stowe gibt es einen Dutch-Angle-Shot. Am Ende liegt die Frau, für die unzählige Männer in 100 Minuten draufgegangen sind, tot in Cochrans Armen. Und wieder hat es den Anschein, als hätte Scott damit den Weg für das Kino der 90er vorgegeben.


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Tony Scott Retro: 'Top Gun'


Es ist schon erstaunlich, welchen Richtungswechsel Scott mit seinem zweiten Spielfilm vollzieht. Vom Vampir-Horror-Thriller im avantgardistischen '80s-Look zum Action- beziehungsweise Sportabenteuer. Top Gun ist ein Kind des 80er-Jahre-Kinos, und das nicht nur wegen der Frisuren und der Musik, die in The Hunger noch deutlich weniger nach 80ern aussahen als vier Jahre später bei seinem 100-minütigen Musikvideo. Wenn Top Gun mit seiner slicken Optik überhaupt etwas ist, dann dieses überlange Musikvideo, das – und würde ich es nicht so lieben, wäre es fast schon ein Vorwurf – Harold Faltermeyers 'Memories' bis zum Erbrechen wiederholt (aber meine Güte, wenn Maverick den toten Goose in den Armen hält und Faltermeyers Pathos erklingt, dann habe ich Pipi in den Augen!) und bisweilen sogar an gänzlich unpassenden Stellen gespielt wird. Das so oft zitierte Werbevideo für die US Navy erkenne ich darin aber keinesfalls. Die Gefahren, die das alles mit sich bringt – die im Tod von Goose ihren Höhepunkt finden – werden oft genug drastisch veranschaulicht. Und selbst Draufgänger Maverick ist kein unbesiegbarer Mann ohne Gefühle.

Der homoerotische Subtext ist hingegen kaum zu verleugnen: Von den vielen Dialogfetzen, die aneinander gereiht ziemlich eindeutig sind, mal ganz abgesehen, verliert Maverick zwar das Mädchen, bekommt am Ende aber Iceman, mit dem ihn von Beginn an eine Hassliebe verbunden hat. Und ein guter Kamerad ist immer noch mehr wert als jede Frau, wie Top Gun ebenfalls deutlich macht (deswegen aber noch lange nicht als Werbespot durchgeht). Die enge Kooperation mit dem Pentagon geht Scott wohl vielmehr deshalb ein, weil es ihm atemberaubende Aufnahmen beschert, die ohne diese Kooperation definitiv nicht möglich gewesen wären. 10.000 Dollar kostete allein der Sprit für eine Stunde Flug mit der F-14 … Weniger bei den Flugszenen (die temporeich genug sind) als vielmehr bei den Helikopter- oder Motorrad-Szenen ist es auffällig, dass Scott in Top Gun keine seiner beliebten und bei The Hunger eingeführten Spielereien nutzt: keine Freeze Frames, kein Speed Ramping und vor allem keinen einzigen Dutch Angle. Dafür taucht er seinen Film in knallige Orangetöne und nutzt jeden Sonnenuntergang, den er kriegen kann. Michael Bay ist ihm dafür wohl bis heute dankbar.


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Die mit dem Hai tanzt: 'Dark Tide' Blu-ray Review


An einen Hai-Thriller geht man für gewöhnlich mit einer ganz bestimmten Erwartungshaltung heran. Dass man spannende Unterwasseraufnahmen und das eine oder andere Opfer erwartet liegt wohl auch damit zusammen, dass Steven Spielberg 1975 das Horror-Kino ein klein wenig revolutionierte. Es ist die pure Angst, die einem solch ein Hai-Film machen soll – so, dass man sich für lange Zeit nicht mehr ins Wasser traut. Die Filmgeschichte hat gezeigt, dass es nach Jaws nicht mehr vielen Filmen gelungen ist, den Hai als Bestie und absolute Tötungsmaschine effektiv zu inszenieren. Dabei sind aber viele Filme genau darauf aus. John Stockwells Dark Tide kann sich nicht ganz entscheiden, ob er nun dieser klassische Hai-Thriller mit Horrorelementen sein will oder doch lieber eine harmlose Naturdoku, die einige nette Aufnahmen des vermeintlichen Killers parat hält. Eine Geschichte weiß er schon gar nicht zu erzählen. Das wäre an und für sich auch nicht sehr schlimm, denn wieso soll Film immer zu eine Geschichte erzählen, statt dies auf visueller Ebene zu tun?

Das größte Problem von Stockwell ist es aber, dass auch der Rest nicht für etwas Interessantes oder gar Spannendes reicht. Dark Tide will nie so richtig in Schwung kommen, geschweige denn erzählen. Da ist Halle Berrys Figur, eine abenteuerlustige Meeresbiologin, die gerne mal mit Haien Seite an Seite schwimmt. Oder ihr Mann Olivier Martinez, der einen Franzosen gibt, dessen wahre Motive stets im Dunkel bleiben und bei dem man nicht weiß, ob Arschloch oder nicht. Der restliche Cast ist nicht der Rede wert, denn er bleibt so flach wie der Spannungsbogen des Ganzen. Es dauert geschlagene 85 Minuten, bis mal etwas passiert. Und das, was dann passiert, kann dann auch keinen mehr hinter dem Ofen vorlocken. Vielmehr hat man schon längst mit dem Film und seinen Charakteren abgeschlossen, so dass nur noch Gleichgültigkeit herrscht. Erst recht, wenn einem auch noch so etwas serviert wird wie die Angestellte von Halle Berrys Biologin, die es spürt (!), dass etwas nicht in Ordnung ist und daraufhin die Küstenwache verständigt.

Wer nach dem eigentlichen Plot fragt, wird ebenfalls enttäuscht, denn das, was Dark Tide versucht zu erzählen, ist nicht nur reichlich unspannend, sondern auch absolut generisch. Am Anfang ist alles heile Welt, dann passiert etwas Schreckliches und alle sind erstmal down. Da kommt ein reicher Geschäftsmann, der die finanzielle Notsituation ausnutzen will und schließlich geht man darauf ein. Klar, am Ende kommt dann, was kommen muss: Alles geht einmal mehr schief und jeder bekommt das, was er verdient. Das versteht sogar der 12-Jährige, der sich den Film schon anschauen darf, denn außer ein klein wenig rotes Wasser gibt es auch weiter nichts – wer also blutige Hai-Attacken erwartet hat, der wird bitter enttäuscht werden. Wenn es allerdings Haie zu sehen gibt, dann sind dies ziemlich schöne Bilder, was man Dark Tide als großen Pluspunkt anrechnen muss. Nur selten sieht man, dass es sich um FX handelt, die meiste Zeit über wird man aber Zeuge hervorragender Hai-Aufnahmen. Leider reicht das unterm Strich aber noch lange nicht für einen guten Film, denn das bekomme ich auch in jeder guten Tier-Doku. Und spannender ist die in den meisten Fällen auch noch. (3.5/10)

Die Blu-ray von Universum Film erscheint heute (Amazon-Partnerlink) und ist deutlich besser als der Film, ist das Bild doch schön scharf und detailreich – wenn man nicht gerade unter Wasser ist, wo natürlich viele Details ob der Dunkelheit verloren gehen. Der Ton ist gut, aber kein Highlight. An den entsprechenden Stellen könnte es noch etwas mehr rummsen, dafür sind die Dialoge aber hervorragend gemastert. Extras finden sich auf der Scheibe außer dem Trailer und einer Trailershow für andere Universum-Titel leider keine.


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