Für ein strahlend weißes Lächeln: 'Fright Night'


Das Wichtigste gleich vorweg: An das Original aus dem Jahre 1985 kommt Craig Gillespies Fright Night natürlich nicht einmal ansatzweise heran. Kann er auch gar nicht, denn in gewisser Weise ist das 85er Original schon ziemlich dated, was dem Vergnügen auch heute allerdings keinen Abbruch tut. Statt das alles eins zu eins zu kopieren, aktualisiert Gillespie sein Remake konsequent – sprich es gibt auch jede Menge Anspielungen auf die Popkultur – und macht aus Peter Vincent beispielsweise einen modernen Magier Marke Criss Angel, der sich in Las Vegas verdingt und mindestens so viel Probleme hat wie der alte Peter Vincent. Auch die Homoerotik, die das Original nur so durchzog, wurde hier deutlich zurückgefahren und ist nur noch marginal vorhanden (auch wenn der neue Peter Vincent vor Lack und Leder nur so strotzt). Es sind aber auch ebenjene Momente, die den Charme des Originals erst ausmachten, die hier fehlen. So findet sich zwar die Clubszene auch hier wieder, aber im Gegensatz zum Original, ist sie hier nur Mittel zum Zweck. Gleich geblieben ist dagegen der Gewaltgrad, der mich im Original doch sehr, sehr überrascht hat. Auch im 2011er Fright Night spritzt das Blut und Gliedmaßen fliegen durch die Gegend. Der Fokus liegt ebenfalls auf den Horrorelementen und nicht etwa auf humoristischen Einlagen, auch wenn diese zweifelsohne vorhanden sind.

Am Remake, das man als durchaus gelungen bezeichnen darf, stören eigentlich nur die typisch Hollywood'schen Blockbusterelemente. Natürlich muss es ein Happy End geben (und das nicht nur für die Protagonisten) und natürlich muss so ein Film im Jahr 2011 in 3D daherkommen. Zu Letzterem kann man dann auch nur sagen, dass es selten zuvor so wenig Verwendung fand und die Technik im Falle von Fright Night eigentlich fast schon kontraproduktiv ist. Da ein Großteil des Films in der Dunkelheit respektive Dämmerung spielt, muss man des Öfteren erraten, was da gerade eigentlich vor sich geht – denn eines weiß mittlerweile jeder: Helligkeit und 3D sind zwei Dinge, die nicht miteinander vereinbar sind. Sei's drum. Der Cast hält das ganze Ding schließlich am laufen, denn Colin Farrell gibt nicht nur einen tollen Obervampir ab, sondern harmoniert mit dem restlichen Cast perfekt. Anton Yelchin beweist einmal mehr, dass er ein ganz Großer werden kann und bekommt mit Imogen Poots (was ein Name!) eine sehr attraktive und vor allem dauerwellenfreie Dame an die Seite gestellt. Auch McLovin alias Christopher Mintz-Plasse gefällt in der Rolle des … Nerds, der der Versuchung nicht widerstehen kann. Am Schluss ist dann wieder alles wie im Original: Charley hat die Nachbarschaft gerettet und darf endlich mit seiner Freundin schlafen. (7/10)


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Mondaufgang über dem Meer: 'Melancholia'


Wer vollkommen unberührt an den Film herangehen will, der sollte hier nicht weiterlesen, denn auch wenn der folgende Text keine expliziten Spoiler enthält, könnten einige interpretatorische Ansätze doch etwas zu viel vom Film vorweg nehmen.

Lars von Trier. Das enfant terrible des europäischen Autorenkinos. Das hat er vor einigen Monaten auch in Cannes wieder deutlich gemacht, wo sein Film Melancholia Premiere feierte. Am verwunderlichsten ist dabei ja eigentlich die Tatsache, dass es noch immer Medienvertreter gibt, die das alles wirklich bierernst nehmen, was der Gute von Trier da so von sich gibt. Der Rest weiß jedoch, dass das eine Mischung aus eiskaltem Kalkül und Kokettierens ist. Und nach Antichrist brauchte er für Melancholia vielleicht eine gewisse mediale Aufmerksamkeit, denn sein neuer Film kann weder mit perverser Gewalt, noch mit Hardcore-Sex-Szenen von sich reden machen. Im Gegenteil. So viele Gemeinsamkeiten Melancholia mit seinem Vorgänger Antichrist auch hat, so viele Unterschiede gibt es auch. Von Triers neues Werk setzt weniger auf Provokation, als vielmehr auf ruhige, aber dennoch deutlich wahrnehmbare Töne. Bei alledem scheint Melancholia schon viel mehr der Film zu sein, in denen von Trier seine angeblichen Depressionen verarbeitet als Antichrist. Dieses Mal ist es nicht der Untergang eines Ehepaares, das seinen Sohn verloren hat, sondern der Untergang der gesamten Menschheit, das Jüngste Gericht sozusagen.

Am Anfang sehen wir die beiden Schwestern Justine (Kirsten Dunst) und Claire (Charlotte Gainsbourg) in jener extremen Zeitlupe, die von Trier schon in Antichrist bis zum Exzess einsetzte. Sie scheinen vor etwas zu flüchten, doch wir wissen nicht was. Dazu hören wir Wagnersche Klänge aus dem Vorspiel von Tristan & Isolde. Nun weiß man, dass man im Arthousekino sitzt. Nach dieser Exposition Marke Antichrist beginnt dann auch eine normal anmutende Geschichte über ein frisch vermähltes Ehepaar, das sich auf dem Weg zu seiner Hochzeitsgesellschaft befindet. Die Limousine, in der sie sich befinden, ist zu lang, der Fahrer schafft es nicht um die Kurve, ohne den Wagen ins Abseits zu setzten. Da nimmt kurzerhand die Braut das Steuer in die Hand und manövriert die drei sicher zum abgelegenen Landhotel, in dem die Gäste schon warten. Es ist eine kurze Episode, die wie aus einer typischen Hollywood RomCom anmutet. Es geht dann auch eine gewisse Zeit lang so weiter: Vater (John Hurt) und Mutter (Charlotte Rampling) der Braut sind geschieden und giften sich an, die Schwester und ihr Mann (Kiefer Sutherland) sind mit Organisatorischem beschäftigt und jeder hofft, dass das alles so gut wie möglich über die Bühne geht. Nur der Wedding Planner (Udo Kier) hat schon resigniert.

Die Melancholie des Ganzen kommt dann aber recht schnell auf den Zuschauer zu, denn dass mit Justine irgendetwas nicht stimmt, wird spätestens dann deutlich, wenn sie am Tag ihrer Hochzeit fremdgeht. Melancholia ist dabei über lange Zeit fast schon ein Kammerspiel, das seine Figuren nicht aus dem Speisesaal respektive dem Landhotel entlässt. Zwar wechseln die Räumlichkeiten immer wieder, aber irgendwie sieht auch ein Raum aus wie der andere. Auch Justine sieht innerlich immer gleich aus, auch wenn sie sich äußerlich immer wieder perfekt verstellen kann und es perfekt schafft, die Maske aufrecht zu erhalten. Doch nur sie selbst ist es, die eines ganz sicher weiß: Das morgen schon die Welt untergehen wird. Sie hat schlimme Depressionen, ja, das wissen auch ihre Angehörigen und ihr Mann. Was sie aber nicht wissen, ist, dass Justine bereits am Tage ihrer Hochzeit vor dem Leben resigniert hat. Melancholia wird auf die Erde zurasen und alles zerstören, was man heute noch feiert. Das ist auch der Grund, weshalb Justine im Prinzip alles und jeder egal ist, und sie nur noch das macht, nach dem ihr ist. Sie sucht die Verbindung zur Natur (ja, wir sehen Dunst tatsächlich komplett nackt), die ihr aber auch keine positive Antwort geben kann. Der Untergang naht also, egal was Fachleute wie John (Sutherland) sagen.

Von Trier versucht sich mit Melancholia einmal mehr an religiösen Themenkomplexen. Und auch hier ist es wieder die Frau, die als eine Art Auslöser des Ganzen fungiert. Es ist bezeichnend, dass von Trier keine kirchliche Hochzeit, sondern nur den mondänen Teil, nämlich die Feier, zeigt, die im Grunde nur als Projektionsfläche für alle Beteiligten dient. Man merkt es seinem Film dabei stets an, wie bemüht von Trier doch ist, hier etwas noch Größeres, nahezu hermeneutisch Verschlossenes zu kreieren als Antichrist. Das größte Problem dabei ist aber genau diese Intention, die der Film verfolgt. Viele der Szenen wirken unglaublich redundant und ins Nichts führend, von ihrer teilweise unsäglichen Länge ganz zu schweigen. Der Cast macht dabei noch die beste Figur, allen voran natürlich Gainsbourg und Dunst. Und auch Sutherland, der eine größere Rolle spielt, als man anfangs meinen könnte, war selten so gut wie hier. Von Trier gelingt es dabei auch noch stärker seine Protagonistin zu einer Art Hassfigur zu machen – für die man dennoch auch Mitleid empfindet – als noch in Antichrist, denn Dunsts Figur nervt ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nur noch mit ihrer 'mir-alles-scheißegal-Attitüde'. Und auch der Film selbst verliert sich irgendwann in seinem eigenen Wahn, wenn Wagners Vorspiel zum achten Mal erklingt und uns nochmal eine prätentiöse Slow-Motion-Einstellung im Wald vor den Latz geknallt wird.

Es steht außer Frage, dass von Trier hier wieder ein äußerst interessantes Mammutprojekt auf die Beine gestellt hat, über das man noch lange reden wird und das sich auf sämtlichen Jahresbestenlisten finden wird. Die Klasse eines Antichrist erreicht Melancholia dann aber nicht wirklich, denn dafür schafft von Trier nicht wirklich etwas Neues, sondern ruht sich auf seinen alten Errungenschaften aus, die er einfach etwas weiterspinnt. Wenn der Film tatsächlich wegen etwas in Erinnerung bleiben und gelobt werden sollte, dann für Dunst und Sutherlands Leistungen, die wirklich großartig sind. Der Rest ist handwerklich perfektes, aber leider auch typisch prätentiös-schweres Autorenkino, das sich der breiten Masse verschließt, Kritikern aber nur zu gerne in die Hände spielt. Melancholia lohnt schließlich aber allein deshalb schon, weil man von Triers kreativen Output nur zu gerne verfolgt. Auch wenn der nicht immer nach Meisterwerk schreit. (7.5/10)


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'Leben und Tod einer Pornobande' Blu-ray Review


Dass es Künstler nicht immer ganz einfach haben, ist hinlänglich bekannt. Goethe, Thomas Mann und viele andere (Künstler) setzten sich in ihren Werken immer wieder mit der Künstlerfigur auseinander, die sich im wahren, ökonomisch-getriebenen Leben nur selten behaupten kann, beziehungsweise ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen selten ausleben kann. So ergeht es auch Marko (Mihajlo Jovanovic), einem jungen Absolventen, der gerade sein Regie-Studium in Belgrad abgeschlossen hat und nun voller Tatendrang seine Wunschprojekte erfüllen will. Doch er merkt schnell, dass ohne Moos nix los ist, weshalb er sich mit kleinen Werbespots über Wasser halten muss. Geld von seinem wohlhabenden Vater möchte er nicht, dafür ist er zu stolz – und ohnehin hält sein Vater nicht sehr viel von Markos künstlerischen Ambitionen. Es kommt wie es kommen muss, Marko gerät recht schnell auf die schiefe Bahn und dreht fortan Pornos für einen schleimigen und undurchsichtigen Pornoproduzenten. Das bringt Marko zwar etwas Geld, aber wann immer er versucht seine künstlerischen Ambitionen in die Pornos einfließen zu lassen, ist der Produzent so gar nicht gut auf ihn zu sprechen. Er ist gefangen zwischen Kunst und Kommerz, wie einst Goethes Wilhelm Meister. Irgendwann muss man sich dann für eine Seite entscheiden. Doch Marko wählt einen Mittelweg, den es nur für sehr wenige Menschen gibt …

Es ist zumindest für mich persönlich durchaus erstaunlich, wie Serbien im Moment von sich reden macht. Nein, nicht etwa politisch – da macht es ja eigentlich permanent von sich reden -, sondern filmtechnisch. Serbien, nicht gerade ein Land, das für seine Filmindustrie bekannt ist, hat in den letzten zwei Jahren allerdings für mächtig Aufsehen auf dem internationalen Markt gesorgt, denn mit Leben und Tod einer Pornobande (Zivot I smrt porno bande) und aktuell A Serbian Film (Srpski film) ist es dem Balkan-Staat gelungen, von sich und seinem äußerst politischen Kino Reden zu machen. Natürlich zwingt sich auch ein Vergleich zwischen den beiden thematisch doch sehr ähnlichen Filmen auf, denn so gleich sie inhaltlich auch sind, so unterschiedlich sind sie in der Ausführung – und das trotz des gleichen Kameramanns. Während A Serbian Film viel mehr auf Schock und Affekt ausgelegt ist und dabei auf eine geleckte Hochglanzoptik setzt, spielt Leben und Tod einer Pornobande eher mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und fordert ihn letztlich um einiges mehr heraus. Das soll keinesfalls heißen, dass A Serbian Film ein schlechter Film ist. Er ist nur viel eher auf ein modernes Horror- und Exploitationpublikum zugeschnitten, das es kaum erwarten kann endlich den Film zu sehen, der meterhohe Wellen geschlagen hat und es durch kaum eine Zensurinstanz geschafft hat.

Angesichts dieser Tatsache ist es nicht mehr allzu verblüffend, dass Leben und Tod einer Pornobande in seiner ungeschnittenen Fassung ein kJ-Siegel bekam und somit im freien Handel verkauft werden darf. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch, wie sich die Rezeption solcher Filme entwickelt hat. Von der Realität meilenweit entfernte, auf Hochglanz polierte und an Exploitationfilme angelehnte Pseudo-Schocker wie A Serbian Film werden als jugendgefährdend eingestuft und schaffen es (uncut) erst gar nicht nach Deutschland. Dass man gerade damit aber den 'Blutsaugern' in die Hände spielt, versteht sich von selbst. Leben und Tod einer Pornobande hingegen setzt auf dreckigen, aber äußerst real-anmutenden Video-Look, der zudem im Doku-Stil daherkommt. So wirken die Snuff-Szenen im Film beispielsweise nicht vom Film abgesetzt, sondern vielmehr wie ein fester Teil des Filmes. Hier sind nicht nur die Kriegsaufnahmen hart und dreckig, sondern Markos ganze Doku ist es. Ferner hält die Kamera auch nicht immer voll drauf, sondern überlässt auch einige Dinge der Imagination des Rezipienten. Leben und Tod einer Pornobande ist auch deshalb ein tieferer Schlag in die Magengrube, weil sein Setting ein vollkommen anderes ist. Marko ist ein talentierter, fleißiger junger Mann und nicht etwa ein abgehalfterter Ex-Pornostar. Er ist unverbraucht, ihm nimmt man seine Ziele noch ab, ja fiebert sogar fast schon mit ihm.

Seine Fallhöhe ist damit auch viel größer als jene von Milos in A Serbian Film. Somit kann er sich natürlich auch zu einem viel größeren Monster entwickeln, für das man ganz am Ende fast schon wieder Mitleid empfindet – wie in einer klassischen Tragödie, die vom Aufstieg und Fall eines Helden berichtet, der durch unglückliche Umstände in sein Verderben rennt. Natürlich könnte Marko ganz einfach Schluss machen. Doch er hat nicht nur einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, sondern hat auch das Überleben der ganzen Gruppe zu verantworten, ist er doch deren Anführer und Vordenker. Es ist ein Teufelskreis, in den die Pornobande gerät, man empfindet aber nicht für jeden Mitleid, denn einige von ihnen waren im Gegensatz zu Marko und dessen Freundin von Beginn an 'kaputt'. So wie vieles andere in diesem Land, von dem wir kurz nach dem Krieg nur die ländliche Idylle zu sehen bekommen. Die letzten Tage des Krieges und den Sturz Milosevics hat Marko ja schließlich verschlafen. Die Kunst also als Abwehrmechanismus gegen Tod und Verderben? Nicht in Markos 'Filmen'. Keiner kann in diesem Land dem Krieg und seinen Folgen entkommen, nicht einmal die Landbevölkerung, die fernab der Zivilisation – so scheint es zumindest – ein eigenes Regime führt.

Es ist wahrlich kein schönes Bild des Nachkriegs-Serbiens, das Mladen Djordjevic mit Leben und Tod einer Pornobande zeichnet. Er, Jahrgang 1978, kennt sich aus, hat er doch einige Dokumentarfilme zum Krieg gedreht, die das Grauen noch deutlicher zeigen als sein fiktiver Film, der auf einigen wahren Begebenheiten beruht (denn die Pornobande und den Scharfschützen gab es wirklich). Leben und Tod einer Pornobande ist in seinem Nihilismus und seiner Subversion ein äußerst hartes, aber auch aufklärerisches Stück Polit-Kino, das nicht nur für Djordjevic eine Katharsis darstellen dürfte. Man ruft es sich immer wieder aufs Neue ins Gewissen: Dieser Krieg ist noch gar nicht so lange her und fand mitten in Europa statt. Eine Tatsache, die den Film nicht leichter zu ertragen macht, im Gegenteil, aber dennoch dabei hilft, zu verstehen, um was es Djordjevic eigentlich geht. "Und Thanatos gewinnt immer gegen Eros …" Am Ende schillert dann doch so etwas wie Hoffnung durch. Doch dafür bedarf es nicht nur neuer Künstler, sondern auch einer neuen Generation. (8/10)

Die Blu-ray des kleinen Labels Bildstörung (Amazon-Partnerlink), das sich auf Filme abseits des Mainstreams spezialisiert hat, ist natürlich nicht wirklich eine Blu-ray. Erstens handelt es sich lediglich um einen Upscale und zweitens wäre ein superscharfes Bild bei diesem Film auch äußerst kontraproduktiv. Ton (nur OmU) und Bild sind aber dennoch auf einem ordentlichen Niveau. Eigentliches Highlight der optisch schon sehr ansprechenden Blu-ray (Amaray im schönen Schuber) sind aber das Booklet und ihre Extras. So wünscht man sich eigentlich alle Veröffentlichungen solcher Filme, denn das 28-seitige Booklet ist randvoll mit Informationen und bietet u.a. schöne Essays von Jochen Werner und Steven Shaviro. Die Extras ergänzen den Film perfekt, finden sich hier doch Dokumente des Schreckens, nämlich Auszüge aus den Dokus Warriors und Ali Hamad's Story, die einmal mehr für Gänsehaut sorgen. Eine nahezu perfekte Veröffentlichung.


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Wikingerabenteur in 3D: 'Wickie auf großer Fahrt'


Im Jahr 2009 lockte die erste Verfilmung der TV-Kultserie aus den 70ern Wickie und die starken Männer unter der Regie von Michael 'Bully' Herbig im deutschsprachigen Raum rund 6 Millionen Zuschauer in die Kinos. Dass bei so einem Erfolg eine Fortsetzung kommen muss, ist keine Frage. Da 'Bully' aufgrund anderer (schauspielerischer) Verpflichtungen keine Zeit für eine weitere aufwendige Regiearbeit hatte, zeichnet sich nun der kinderfilmerprobte Christian Ditter (Vorstadtkrokodile 1+2) für Wickie auf großer Fahrt verantwortlich. Dem aktuellen Trend folgend drehte er das neue Wickie-Abenteuer, für das er auch das Drehbuch geschrieben hat, als ersten deutschen Realfilm in echtem 3D.

In seinem zweiten Kinoabenteuer hat Wickie plötzlich große Schuhe zu füllen. Denn als sein Vater und Häuptling von Flake vom Schrecklichen Sven entführt wird, muss Wickie als neuer Häuptling schnell lernen, mit der großen Verantwortung, die seine neue Aufgabe mit sich bringt, fertig zu werden. Natürlich stechen Wickie und die starken Männer sogleich in See um Halvar zu befreien. Auf ihrer abenteuerlichen Reise gelangen sie an allerlei exotische, teils gefährliche Orte und machen sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Schatz der Götter. Hinter dem ist ganz zufällig auch der Schreckliche Sven her.

Auch wenn Regisseur und Produzenten gerne betonen, trotz der aufwendigen 3D-Bilder stehe immer die Geschichte im Mittelpunkt, muss man doch feststellen, dass die Handlung recht flach geraten ist. Charakterentwicklung sucht man größtenteils vergeblich, einzig Wickie darf sich in seiner Rolle, angetrieben von einer angedeuteten Romanze, etwas erwachsener geben. Der Rest des Abenteuerstreifens verläuft leider ohne grosse Überraschungen sehr linear und größtenteils vorhersehbar. Sogar Enthüllungen über gewisse neue Charaktere kann selbst ein Durchschnittskinobesucher schon frühzeitig durchschauen. Ein Abenteuerfilm ganz nach Schema F: die Suche nach einem mystischen Artefakt erinnert nicht zuletzt am Ende stark an altbekannte Indiana-Jones-Abenteuer. Auch sonst wird von allen Seiten munter zusammengeklaut und besonders als verraten wird, was denn der Schatz der Götter nun tatsächlich ist, hat man nicht gerade das Gefühl, Ditter wäre bei Drehbuchschreiben besonders kreativ gewesen, sondern hätte sich wohl eher bei zu der Zeit aktuellen Kinoblockbustern bedient.

Eine derart vorhersehbare Handlung wäre wohl noch verzeihlich gewesen, hätte man sie wenigstens mit so viel Witz ausgestattet, dass der Zuschauer trotzdem gut unterhalten wird. Doch leider zündet hier kaum ein Witz, auch wenn man zu Gute halten muss, dass einige Szenen eingebaut wurden, die der treue Fan bereits aus der Serie kennt. Während Ditter glücklicherweise auf Fäkalhumor verzichtet, entpuppt sich die oft versuchte 'Situationskomik' als echter Rohrkrepierer und ist allerhöchstens unfreiwillig komisch. Das mag zum Teil auch an den Darstellern liegen, die allesamt noch genauso laienhaft wirken wie in Teil 1. Die wenigen Lacher, die Wickie auf großer Fahrt zu bieten hat gehen dann entweder aufs Konto der Tiere oder das vom Schrecklichen Sven. Dieser wird von Günther Kaufmann mit großer Spielfreude zum Leben erweckt und sticht so als einziger aus den sonst unbedeutenden Leistungen heraus. Ein kleines Highlight, das ausreicht eine Sichtung zu rechtfertigen. Weitere Lichtblicke wie der gnadenlose Overactor Christoph Maria Herbst und Christian Ulmen kommen indes viel zu kurz und sind kaum erwähnenswert.

Was dem Film neben Günther Kaufmann dann doch seine Daseinsberechtigung gibt sind seine optischen Schauwerte. Ambitioniert ging man ans Werk um den ersten deutschen 3D-Realfilm auf die Leinwand zu bringen, dafür wurde sogar eigene Technik entwickelt. Bereits zu Beginn macht das 3D einen guten Eindruck und bleibt über die meiste Zeit unaufdringlich, bietet aber natürlich auch die von manchen Zuschauern so geliebten, effekthascherischen 'es-kommt-direkt-auf-uns-zu'-Momente. Doch auch in 2D wird viel fürs Auge geboten, da macht der Film seinem Titel alle Ehre. Denn immerhin bekommt man mehr Hochsee-Action zu sehen als noch im letzten Pirates of the Caribbean-Abenteuer! Die Actionsequenzen zu Wasser und zu Land können sich mehr als sehen lassen, insbesondere wenn sich an beeindruckenden digitalen Schauplätzen wie Odins Schlucht und einem Eispalast stattfinden. Schauwerte, die Wickie auf großer Fahrt immerhin zu einem guten Werbefilm für deutsche Film- und Effekttechnik machen.

Somit ist Wickie auf großer Fahrt nur mittelprächtige Unterhaltung, die zwar mit optischen Schauwerten punkten kann, darüber hinaus aber nicht viel zu bieten hat. Leider wird viel Potenzial verschenkt, mit einem besseren Drehbuch wäre da deutlich mehr dringewesen. Die Zielgruppe wird sich von der seichten Handlung aber wenig stören lassen und wem der erste Wickie gefallen hat, wird sich auch vom zweiten gut unterhalten fühlen. Denn besser als sein Vorgänger ist Wickie auf großer Fahrt allemal. (5/10)

- Kritik von Christoph Gumpert


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Fair Play. Not. 'Bigger Stronger Faster*' Blu-ray Review


Chris Bell könnte es in der Beschreibung seines Dokumentarfilmes nicht treffender auf den Punkt bringen: Die Amerikaner definieren sich durch Superlative. Sie sind immer größer, stärker und schneller als ihre Konkurrenten. Zumindest laut Selbstverständnis. Doch das gilt nicht nur in internationalen Sportwettkämpfen, sondern auch in den nationalen Sportligen. "Steroids are as American as apple pie!", meint der Mann mit dem größten Bizeps der Welt und gesteht gleichzeitig ein, dass er aussieht wie von einem anderen Planeten. Doch warum pumpen sich unzählige Sportler und Bodybuilder mit Steroiden voll? Und was sind überhaupt Steroide? Warum ist es so leicht an sie heranzukommen, obwohl die Politik sie verdammt? Dieser und vielen weitern Fragen geht Bell in seiner Doku Bigger Stronger Faster* auf den Grund. Dabei beginnt er seinen Film mit den persönlichen Helden seiner Kindheit und Jugend. Hulk Hogan, Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone, sie alle repräsentier(t)en ein Amerika, das nur ein Motto kennt: größer, schneller, weiter. Das Fernsehen und das Kino formen dieses Bild weitestgehend, wie er anhand vieler Clips aus Arnie- und Sly-Filmen und Auszügen aus Wrestling-Matches zeigt. Und genau in diesen Momenten erinnert Bigger Stronger Faster* an Michael Moores Filme. Zum Glück aber nur in diesen, äußerst unterhaltsamen Momenten.

Obwohl auch hinter Bells Film die gleichen Produzenten stecken, ist seine Dokumentation alles andere als einseitig geraten. Die Film-Clips und Interview-Auszüge, die Nachrichten-Berichte und Sportübertragungen dienen hier nicht etwa nur dem reinen Selbstzweck oder gar der Unterhaltung, sondern sie untermauern Bells Prämisse, dass Steroide in den USA ein zweischneidiges Schwert sind. Auch in den Interviews geht Bell, der im Prinzip überhaupt kein Filmemacher ist, ganz anders an die Sache heran als beispielsweise Moore oder Morgan Spurlock. Er überfällt nicht etwa Politiker und Passanten auf der Straße, sondern holt sich kompetente Gesprächspartner an Bord, die offen und ehrlich an die Sache herantreten. Egal ob Mediziner, Politiker oder Sportler, einen Konsens zum Thema Steroide finden sie alle nicht. Einer der führenden Ärzte auf dem Gebiet gesteht beispielsweise ein, dass es einfach noch immer viel zu wenig Empirie gäbe. Man könne nicht mit Sicherheit sagen, dass der Konsum von Steroiden für Herzinfarkte, Lungenversagen oder gar Krebs verantwortlich sei. Ein HIV-Infizierter bestätigt sogar, dass ihm Steroide bei seiner Krankheit geholfen haben. Sie haben ihn nicht geheilt, aber ihm viel Kraft gegeben. Und einmal mehr fällt es uns schwer das zu glauben, meinen wir doch zu wissen, dass Steroide definitiv schädlich sind.

Doch was sind Steroide überhaupt? Bell begibt sich hier erneut auf Michael-Moore-Territorium, indem er eine Animation nutzt, um ein medizinisches 101 zu Steroiden zu geben. Doch er driftet wieder nicht in Gefilde, die sich bei Moore ausdehnen und irgendwann nur noch nerven. Vielmehr sorgt er mit Fakten dafür, dass unser Bild von Steroiden erneut eine Wendung erfährt. Anti-Baby-Pillen sind streng genommen Steroide. Gleiches gilt für Testosteron. Die Nebenwirkungen, die sie zumindest beim Mann – der größten Konsumentengruppe – verursachen, sind allesamt eben nicht irreparabel. Sobald man die Steroide wieder absetzt, werden die Hoden wieder größer, die Akne geht weg und der Haarwuchs nimmt wieder ab. Doch sollten sie deswegen legal und im Sport erlaubt sein? Bigger Stronger Faster* will keine Antworten liefern, auf keine Seite lenken, sondern Fakten liefern. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass im Sport Methoden erlaubt sind, die den exakt gleichen Effekt wie Steroide haben? Bell listet vier Methoden auf, um sein Blut zu 'dopen': Zwei davon sind erlaubt, zwei davon sind verboten. Letztere haben natürlich mit Steroiden zu tun. Doch warum gehen Sportler immer wieder das Risiko ein, obwohl sie es doch ob ihrer erwischten Kollegen besser wissen sollten?

Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich ganz einfach, so dass Bell nicht wirklich den Fokus seines Filmes darauf legt: Alle tun es, aus dem ganz einfachen Grund, weil es anders einfach nicht geht. All das Gelaber von Hulk Hogan, Rocky oder Arnie, dass man es allein mit gesunder Ernährung, Willenskraft und Gottestreue schaffen könne, ist eine einzige Illusion. Eine Seifenblase, die im Film so schmerzhaft zerplatzt, wie selten zuvor. Für welchen Jungen waren Wrestler, Schauspieler oder Sportler kein Idol? Und sie alle sollen ihre legendären Rekorde nur mit Hilfe von Steroiden aufgestellt haben? Piloten der U.S. Air Force sind die einzigen Piloten auf der Welt, die Steroide nehmen müssen (weil sie eben besser und effektiver sein müssen als alle anderen)? Schwarzenegger, Hogan und Stallone wurden sogar angeklagt wegen Steroiden? Und US-Präsident George W. Bush wusste sogar, dass sein Baseball-Team beim Trainieren illegal nachhilft? Es scheint so, als gäbe es in den Vereinigten Staaten keine wirklichen Vorbilder und Helden, die es von alleine geschafft haben. Sie alle haben ein kleines, schmutziges Geheimnis. Und obwohl vor allem den gemeinen Europäer das alles nicht überraschen dürfte, blutet einem dennoch etwas das Herz, wenn man es wie hier so völlig nüchtern und pointiert präsentiert bekommt.

Am meisten schmerzt aber diese unverhüllte Heuchelei und Doppelmoral. Ständig bekommt man von Interviewpartner, die Steroide nehmen, zu hören, dass doch jeder eine Leiche im Keller habe und sowieso keiner fair kämpfe. Und wer bist du überhaupt, dass du es dir erlauben kannst, über mich zu urteilen? Es ist wohl eine Art natürliche Abwehrreaktion, die hier zum Vorschein kommt. Doch es gibt auch Momente in Bigger Stronger Faster*, die fast dazu führen, dass man diejenigen unterstützt, die Steroide nehmen. Chris Bells Brüder beispielsweise, die gescheiterte Existenzen waren und durch Steroide zumindest kurzzeitig zu Ruhm kamen (einer seiner Brüder war kurzzeitig bei der WWE unter Vertrag). Es ist rührend, wie man ihnen eigentlich einen Stempel aufdrücken möchte, dann aber sieht, dass sie ein glückliches Familienleben führen – wenn auch mit mehr Tiefen – und ihre 'Kraft' einer guten Sache verschreiben. Bells Doku ist eine Art filmische Familientherapie, in der er alle zu Wort kommen lässt und mit Familiengeheimnissen aufräumt. Dabei wahrt er aber stets eine gewisse Distanz, sodass es nie auch nur ansatzweise zur Exploitation oder zu einer Freakshow wird. Und genau das macht seinen Film nur noch sympathischer und ehrlicher.

Am Ende scheint es so, als würde nur Bigger Stronger Faster* fair spielen. Es ist beeindruckend, was für einen Film Bell auf die Beine gestellt hat (auch wenn es offensichtlich genügend Doku-Profis im Hintergrund gab). Damit beweist er, der selbst einige zeit lang auf Steroiden war, dass Talent und harte Arbeit eben doch für den Erfolg maßgeblich sind. Sein Film ist dabei ein Musterbeispiel für einen modernen Dokumentarfilm – und gehört zu dem besten, was ich in diesem Jahr gesehen habe. (8.5/10)

Die Blu-ray von Ascot Elite (Amazon-Partnerlink) macht schon im Menü Spaß, das mit einem tollen Genesis-Cover unterlegt ist und bereits die Richtung vorgibt. Der Ton ist stets sehr gut verständlich, auch wenn es ob der vielen Dialoge natürlich keine wirklichen Highlights gibt. Das Bild ist ebenfalls sehr gelungen, obwohl hier natürlich das Archivmaterial größtenteils dominiert – die vielen Filmausschnitte sehen jedenfalls toll aus in HD. An Extras gibt es leider nur den deutschen und den Originaltrailer. Und eben die obligatorische Programmvorschau von Ascot Elite. Dennoch ein Pflichtkauf für alle Freunde guter Dokus.


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Meine Straße, mein Zuhause, mein Block: 'Attack the Block'


Kaum hat sich die Lage wieder beruhigt, wird es erneut knallen. Dieses Mal aber nicht etwa auf den tatsächlichen Straßen Londons samt all seiner Vororte, sondern auf der Leinwand. Der Verleiher hat wohl mehr als nur einmal tief durchgeatmet, dass auf Englands Straßen wieder Ruhe eingekehrt ist, denn ein Starttermin, der mit Gewaltausschreitungen zusammenfällt, ist nicht gerade die feine englische Art – auch wenn die Briten schwarzem Humor ja nicht abgeneigt sind. Diese Kritik wird wohl nicht die einzige sein, die die Krawalle in London anführt und Parallelen zum Film zieht. Wäre in London in den letzten Monaten nie etwas vorgefallen, dann wäre Attack the Block auch keinesfalls ein schlechterer Film als er es jetzt, nach den Krawallen, ist. In Großbritannien hatte der Film seinen Kinostart ohnehin schon längst hinter sich. Doch wenn sich aktuelle Ereignisse mit Filmstarts überschneiden, dass übt das immer einen gewissen Reiz auf den Film selbst und dessen Rezeption aus. Er ist plötzlich seiner Zeit voraus, eine Art Prophet. 'Life imitating art' quasi. Oder doch 'art imitating life'? Davon aber einmal ganz abgesehen, ist Attack the Block das ziemlich gelungenes Spielfilmdebüt von Joe Cornish, das auch als Anti-These zu Daniel Barbers Harry Brown.

Attack the Block beginnt ähnlich trist und grau wie Daniel Barbers Film. Ein Blick auf die Straßen Londons zeigt, wie jugendliche Gangs die Stadt im Griff haben und ehrliche, unbescholtene Bürger sich kaum noch aus dem Haus trauen. Die Gangs – natürlich zu einem Großteil aus Migranten bestehend – finden dann auch recht schnell ihr erstes Opfer, nämlich eine junge Frau (Jodie Whittaker), die eigentlich nur noch Hause möchte. Doch sie kann dem Mob nicht entkommen, wird ausgeraubt und von Jugendlichen erniedrigt, die ihre kleinen Brüder sein könnten. Natürlich kommen sie alle aus dem Plattenbau, auch die junge Frau, die als einzige in der Straße, so scheint es, einen Job hat. Sie ist verärgert, genau so wie es auch Michael Caine in Harry Brown war. Ärger, der sich schnell in Wut und Rachegedanken wandelt. Während Harry Brown allerdings einen militärischen Hintergrund hat und schon einmal gekämpft hat, ist Sam eine zierliche Frau, die der Gewalt nicht zugewandt ist. Doch ihre Rachegedanken muss sie schon bald unterdrücken, denn der Feind ist plötzlich nicht mehr der eigene Nachbar, nicht einmal mehr der Mitbürger, sondern ein Feind von außerhalb. Er ist noch gefährlicher und blutrünstiger als der Mob auf der Straße – und so wird der Feind meines Feindes plötzlich zum Freund.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Einstellungen in Attack the Block und Harry Brown nahezu identisch sind. Die langen, leblosen Einstellungen von Plattenbauten, die dreckigen, nur von den Laternen beleuchteten Straßen, sowie die jungen Erwachsenen, die sich durch Mutproben und schließlich Gewalttaten beweisen müssen. Während Harry Brown, der sich immer wieder mit dem Faschismus-Vorwurf auseinandersetzen musste, für dieses Problem eine einfache, aber effektive Lösung präsentiert, schlägt Attack the Block einen völlig anderen Weg ein. Hier werden die eigentlichen Anti-Helden plötzlich zu Helden, die ihr Stadtviertel nicht etwa gefährlicher, sondern sicherer machen. Die Aliens, die ausgerechnet in Südlondon landen müssen, sind eine Bedrohung – nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Gang selbst, die ja schließlich die gefährlichste im Block sein möchte. Man könnte sogar so weit gehen und diese Invasion der Aliens als Gentrifizierung verstehen (ich bin gespannt, wann Kritiken erscheinen, die hier sogar Parallelen zu den Schwaben in Berlin ziehen). Plötzlich ist da nämlich ein Wir-Gefühl da, das sich vorher nicht mal wirklich durch die Gangs zog. Nun ist sogar Sam ein Teil der Gang geworden. So wie viele andere.

Insofern ist Attack the Block also eine Art Anti-These zu Harry Brown. Die Intelligenz, der Mut und der Zusammenhalt der Bewohner des Blocks wird hier gefeiert. Somit zieht Cornishs Film ein völlig anderes Fazit als Barbers Film. Natürlich geschieht dies erst in letzter Instant, aber dennoch: Wenn es hart auf hart kommt, zeigen die Möchtegern-Gangster Eier und kämpfen für- und miteinander. Gerade der, der die größte Fresse von allen hat, zeigt, dass hinter der großen Klappe auch etwas steckt. Mit einer heroisch passenden Inszenierung untermauert Cornish seine Sichtweise, die im Gegensatz zu Barbers Herangehensweise fast schon humanistisch erscheint. Eines haben sie aber dann doch noch gemeinsam, nämlich die Hilflosigkeit der Staatsmacht. Die Polizei kommt ihren Verpflichtungen kaum nach, kann nicht wirklich für den Schutz des Blocks sorgen. Ob sie es nicht kann oder einfach nur nicht will, wird dabei nicht klar. Und schon wieder ist man in der Gegenwart angekommen, denn auch in London war die Polizei (zumindest anfangs) einer Übermacht an Krawallmachern (und nichts anderes sind die Aliens) ausgesetzt. Umso mehr stellt der Film somit seine Protagonisten und ihre Taten in den Vordergrund. Es mutet fast schon obligatorisch an, die beiden Filme im Doppelpack zu sehen. Die Reihenfolge ist dabei eigentlich egal, denn so verschieden sie sind, so gleich sind sie dann doch auch wieder.

Vom tagesaktuellen Geschehen aber einmal abgesehen ist Attack the Block ein formal gesehen durchaus gelungenes Debüt, das dem großen Hype allerdings nicht immer ganz gerecht wird. Ja, das creature design ist große Klasse, ja, die Darsteller sind allesamt talentiert. Nur basiert der Großteil des Humors auf der Sprachebene, die durch die Synchronisation komplett verloren gehen dürfte. Trotz vieler Spannungsmomente gibt es aber auch genügend Durchhänger und Rohrkrepierer, die doch etwas ins Gewicht fallen. Da kann der Film mit seinen kleinen Gewaltspitzen, die es immer wieder gibt, schon eher punkten. Attack the Block ist letztlich ein klarer Fall von 'es-wird-heißer-gekocht-als-gegessen'. Und dennoch handelt es sich um eine leckere Mahlzeit. (7/10)


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Blood, Sweat & Hardcore: 'New Kids Turbo' DVD Review


Es ist ein Phänomen, anders kann man es nicht sagen. Es ist vor allem ein Phänomen, das nicht nur die offensichtliche Zielgruppe anspricht, sondern auch vor Akademikern nicht Halt macht. Die Rede ist natürlich von den New Kids, die dank Comedy Central und YouTube quasi über Nacht zum Dauerbrenner geworden sind. Für all jene, die noch immer nicht wissen, von was hier eigentlich die Rede ist, ein kleiner Exkurs. 2007 erblickten die New Kids oder genauer gesagt New Kids on the Block, wie sie damals noch hießen, das Licht der Welt. Dabei handelt es sich um fünf niederländische Asis aus dem Provinzdorf Maaskantje, die nichts besseres zu tun haben als ihre Mitmenschen mit Hardcore-Techno, unflätigem Benehmen und sonstigen Aktionen zur Weißglut zu bringen. 35 Folgen der drei Minuten langen Clips gibt es bisher in Form von drei Staffeln, viele davon sind auf YouTube zu sehen. Diese sind natürlich alles andere als jugendfrei – die DVDs mit den Clips haben beispielsweise keine Jugendfreigabe -, denn es geht durchaus auch mal härter zur Sache. Außerdem wir nichts und niemand von den fünf Niederländern verschont – egal ob Ausländer, Behinderte oder Alte. Millionen von Klicks und Fans generieren die Clips damit.

Dass irgendwann der Sprung auf die große Leinwand erfolgen musste, versteht sich also fast von selbst. Doch wie bekommt man die Jungs, die normalerweise nur für drei Minuten zu sehen sind, in einen abendfüllenden Spielfilm? Ganz einfach, man schreibt ihnen ein großes Abenteuer auf den Leib, das unter der Loser-retten-die-Welt-Oberfläche ein herrlicher Kommentar zu sozialen Spannungen, zu Randgruppen und zur Finanzkrise ist. New Kids Turbo (und das 'Turbo' ist hier in der Tat angebracht) gibt sich als kleiner Mann aus, als niederländischer Otto-Normal-Verbraucher, der von all den sozialen Ungerechtigkeiten und der vielen Bürokratie die Schnauze voll hat. Erst recht von der Finanzkrise, die die Hilfsbedürftigen noch hilfsbedürftiger gemacht hat und die Leute, die einen Job hatten, um diesen gebracht hat. Einige von den Jungs hatten nämlich einen Job. Bis zu dem Tag, an dem ihnen eiskalt gekündigt wurde. Zu allem Überfluss wird ihnen nun auch noch die Sozialhilfe gekürzt, so dass sie nicht mehr genug Geld zum Rumhängen, den Chinamann und Bier haben. Da beschließen sie eben kurzerhand, dass sie von heute an nichts mehr bezahlen werden. Und so gibt es das Bier schließlich umsonst im Supermarkt – der Manta ist ja direkt vor der Türe geparkt, da muss man den Sicherheitsdienst nicht fürchten.

New Kids Turbo hat einen gewissen Hang zum Größenwahn, denn es wird stets übertrieben und überzeichnet. Und dennoch scheint es nachvollziehbar, warum die Jungs nicht nur von der niederländischen Regierung, sondern von der ganzen Welt angepisst sind. Ihnen, dem schwächsten Glied der Gesellschaft, wird übel mitgespielt. Alle denken, dass man es mit den fünf Asis ja machen könne – die haben außer fernsehglotzen, Bier saufen und rumpöbeln ja nichts Besseres zu tun. Doch was die fiesen Strippenzieher vergessen, ist die Tatsache, dass die Jungs eines ganz besonders schätzen, nämlich ihre Freundschaft und die damit verbundene Kameradschaft. Einer für alle, alle für einen quasi. Und so kommt es schließlich, dass es ebenjene vermeintliche Verlierer sind, die durch Kameradschaft und Zusammenhalt ihr Dorf retten und die restliche Gemeinde dazu bringen, ihnen zu folgen. Der große Showdown am Ende ist nichts anderes als ein großer Kampf gegen das Kapital und das Establishment. Vokuhilas und Schnauzer gegen Anzüge und Gelhaare. Und dazwischen sind sie dann immer wieder zu finden, diese gross-out-Momente, die nur zwei Reaktionen möglich machen: lautstarkes Lachen oder angewiderte Verachtung. Jeder bekommt am Schluss sein Fett (oder mehr) weg, auch der Alt-Nazi, der in seiner ganz eigenen Welt lebt, die mindestens so anachronistisch ist wie jene, die Robbie, Barrie, Rikkert, Richard und Gerrie gerade mit Waffengewalt beseitigt haben.

Jeder wächst hier über sich hinaus und alle liegen sie sich am Ende in den Armen – Xenophobie und Behindertenfeindlichkeit gehören der Vergangenheit an. Und zwischen all dem Chaos findet ein verlorener Sohn dann auch noch seinen Vater. Schließlich fickt keiner mit Maaskantje, so das Motto der Jungs. Ja, New Kids Turbo muss man schon gesehen haben, um es zu glauben. Comedy-Kino war schon lange nicht mehr so politisch und subversiv wie hier, Junge! Und genau hier zeigt der Film auch einmal mehr, wie vielseitig und intelligent er doch ist. Wer mit politischem Kino oder Subtext nichts am Hut hat und einfach nur Brachialhumor liebt, der kommt ebenso auf seine kosten, wie jene Akademiker, für die der Film eine ganze empirische Soziologie-Studie ersetzt. Das Sequel New Kids Nitro ist bereits abgedreht und kommt am 08. Dezember in die niederländischen Kinos. Bei uns soll es im Januar dann so weit sein, bis uns eine weitere Dröhnung der New Kids erreicht. Es scheint also so, als wäre das Phänomen New Kids erstmal nicht tot zu kriegen. "Gut gemacht, Junge!" (8/10)

Die DVD von Constantin Film (Amazon-Partnerlink), verfügt lediglich über die deutsche Synchronisation (und die ist geschnitten, wenn auch nur um einen Satz), was allerdings nur halb so wild ist, denn wie man es schon von den Clips gewöhnt ist, haben sich die fünf Jungs selbst synchronisiert. Und mal ganz ehrlich: Deutsch mit Rudi-Carell-Akzent ist doch immer noch hundert Mal schöner als Niederländisch mit deutschen Untertiteln, oder? Das Bild ist recht makellos, der Ton knallt in den richtigen Momenten – und davon gibt es einige – ordentlich (man kann auch dts-Ton auswählen). An Extras bietet die Scheibe ein Making-of, einen Making-of-Extraclip, einen Videoclip und natürlich Darstellerinfos. Sehr löblich, weil heutzutage leider eine Seltenheit: Die DVD hat ein Inlay mit Kapitelübersicht. So oder so: Die DVD hat man im Schrank zu haben. Am besten mit dem Soundtrack!


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Sechs vor zwölf: 'Countdown to Zero' Blu-ray Review


Es ist sechs vor zwölf. Ja, das ist es jeden Tag, könnte man nun meinen. Doch damit ist nicht etwa die normale Uhrzeit gemeint, sondern die 'Doomsday Clock', die aktuell auf 11.54 Uhr steht. 2007 stand sie das letzte Mal auf fünf vor zwölf, Gott sei Dank haben wir seitdem wieder eine Minute gewonnen. Denn eine Minute ist auf dieser Uhr so kostbar wie für die meisten ein Jahrzehnt. Sechs Minuten bleiben uns also noch bis zum nuklearen Holocaust, den jeder fürchtet, gegen den aber kaum einer etwas wirklich unternimmt. Countdown to Zero versucht hier ein Zeichen zu setzten. Das Dokument, das Lucy Walker uns hier präsentiert, ist dabei noch erschreckender als die symbolische Kraft der Doomsday Clock. Denn was ihr Film zeigt hat weniger symbolischen, als vielmehr faktischen Charakter. Was, wenn es al-Qaida oder anderen Terrororganisationen eines Tages gelingen sollte, an nukleares Material oder gleich an eine fertige Atombombe zu gelangen? Was, wenn die Technik oder der Mensch versagen und die erste ICBM in die Luft steigt? Was, wenn eine Situation falsch eingeschätzt wird und die Welt als Konsequenz mit Atompilzen überzogen wird?

Es gibt viele Filme, denen man ungern zuschaut, aber bei Dokumentationen des wahren Lebens, wiegt das gleich doppelt so schwer. Countdown to Zero versucht erst gar nicht zu schönen, sondern rückt von Minute eins an mit den harten Fakten heraus, die für immer wieder für reichlich Gänsehaut sorgen. Mit einem Rückblick zu allen großen Terroranschlägen der letzten Jahre zeigt Walker, in welcher Welt wir leben und macht damit gleichzeitig deutlich, wie wichtig es ist, dass jene Länder, die über Atomwaffen verfügen – und das sind einige (Deutschland wurde allerdings vergessen, auch wenn diese nicht unter deutschem, sondern unter NATO-Kommando stehen) – diese auch so gut wie möglich sichern. Nicht, dass diese Waffen überhaupt von Nöten wären, aber dass man die geschätzten 23.500 Atomwaffen, die es aktuell auf der Welt gibt, nicht von heute auf morgen vernichten kann, versteht sich dabei von selbst. Das sieht auch Walker ein, muss sie, denn ihre Schlussforderung, dass die Welt auf genau null Atomwaffen reduzieren muss, ist nahezu utopisch. Auch wenn immer wieder Fortschritte gemacht werden.

Und obwohl die Intention des Filmes eine äußerst lobenswerte ist, ist Countdown to Zero weniger aufschlussreich als man auf den ersten Blick meinen könnte. Denn wer nicht völlig politisch uninteressiert ist oder seit Jahren keine Nachrichten mehr gesehen hat, dem sind viele Vorfälle und Fakten schon bekannt. Nicht, dass es die Wirkung des Filmes schmälern würde, aber der Informationsgehalt der Dokumentation hält sich somit zumindest für diese Rezipienten in Grenzen. Auch von vielen der beinahe-Apokalypsen, die Countdown to Zero anführt, hat man schon mal gehört. Für diejenigen, die sich mit der Thematik Atomwaffen und atomarer Holocaust aber noch nicht größer auseinander gesetzt haben, für die ist Walkers Film eine äußerst gelungene Zusammenfassung der wichtigsten Fakten und Stationen. Über die Geschichte der Bombe wird allerdings nicht allzu viel erzählt, was etwas enttäuscht, denn gerade die Historie zeigt, wie gefährlich diese unbändige Kraft, die durch Menschenhand geschaffen wurde, doch ist. Robert Oppenheimer, von dem hier ebenfalls die Rede ist, hätte es sich wohl zwei Mal überlegt, hätte er gewusst, was 'seine' Erfindung eines Tages anstellen könnte.

Was Countdown to Zero letztlich aber für alle spannend macht, sind seine hochkarätigen Interviewpartner. Da plaudert Michail Gorbatschow beispielsweise über das atomare Wettrüsten und Jimmy Carter und sein damaliger Berater Zbigniew Brzezinski über beinahe-Katastrophen. Wenn man irgendetwas aus den Interviews mitnimmt, dann die traurige Tatsache, dass sich über die Jahrzehnte – egal unter welchen Staatschefs – nicht wirklich etwas getan hat, im Gegenteil. Tony Blair resümiert schließlich über die Gefahr von Atomwaffen in den Händen von Terroristen, und seien es nur schmutzige Bomben. Sowieso: Es macht keinen Unterschied, ob es das reine Material ist, das in die Hände von Terroristen gelangt oder eine ganze Bombe – wer hoch angereichertes Uran oder Plutonium hat, für den ist es ein Leichtes, es in eine Waffe umzuwandeln. Und genau hier wird der Film dann auch am bedrückendsten, nämlich wenn er zeigt, wie leicht man in den ehemaligen Ostblockstaaten an nukleares Material gelangen kann. Doch Countdown to Zero ist nicht nur an diese Staaten ein Appell, sondern an die gesamte Menschheit. Denn wenn nicht alle zusammen an einem Strang ziehen, dann wird die Uhr weiter vor-, aber nicht zurückgestellt. Und das ist dann unser aller Untergang. (7.5/10)

Die Blu-ray von Ascot Elite (Amazon-Partnerlink) kann sich trotz des vielen Archivmaterials mehr als sehen lassen, denn sowohl die vielen Interviews, als auch die Kamerafahrten über Metropolen wie New York und Washington erstrahlen in detailreichem, farbenkräftigem HD. Allein dafür lohnen sich die wenigen Euro mehr. Der Ton ist hingegen kein wirkliches Highlight, die Interviews und Voice-Overs sind zwar sehr gut verständlich, aber gerade in den düsteren Szenarien wäre ein druckvollerer Ton wünschenswert. Ebenso wünschenswert wären Untertitel für die nicht-englischsprachigen Interviews gewesen, denn schaut man den Film im Original ohne deutsche Untertitel, wird keine Fremdsprache untertitelt. Das ist natürlich sehr schade, denn man will ja nicht die ganze Zeit UTs ein- und ausschalten. Die Extras sind mit Trailern und einem drei-Minuten-Clip etwas dünn geraten.


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Porno, Krieg und Traumata: 'A Serbian Film'


Ich möchte vorausschicken, dass es sich hierbei weniger um eine Kritik als vielmehr um eine Gedankensammlung handelt. Das liegt zum einen daran, dass ich keine Besprechung zum Film geplant hatte, er mich nun aber doch so für sich vereinnahmt hat, dass ich etwas mehr dazu schreiben wollte. Zum anderen ist es schwer den politischen Subtext in wirklich richtig geordnete Gedanken zu bringen – so, dass es sich auch noch gut liest.

Es ist ja immer so eine Sache an "den härtesten Film ever" (kein Zitat, eher eine Eindrucks-Zusammenfassung aus Foren, Kritiken und Blogs) heranzugehen. A Serbian Film (Srpski film) ist auf den zweiten Blick jedenfalls interessanter als die Gore- und Snuff-Oberfläche, für die ihm sein Ruf allerdings vorauseilt, ihn erscheinen lässt. Die (subtileren) Analogien zum Bosnienkrieg finden sich eher auf der Tonspur, beispielsweise wenn ständig von "Kriegshelden", "Kriegern" und dem Verlust der Nation gesprochen wird. Vukmir – dessen Name klingt als sei er einer der Kriegsverbrecher, die sich vor dem Tribunal in Den Haag verantworten müssen, wie Milos' Frau anmerkt – beharrt darauf, dass das Land nur noch von der Pornoindustrie getragen werde. Schaut man sich die tristen Straßen Belgrads (?) an (was durch die kühlen Grautöne unterstrichen wird), dann würde man ihm fast zustimmen wollen. Obwohl Milos' Haus eine glänzende Ausnahme darstellt, aber gut, er war ja auch mal gut im Geschäft.

Und genau hier ist A Serbian Film (also was die Gewalt und die gross-out-Momente angeht) dann auch weniger Fiktion, als vielmehr eine kathartische Vergangenheitsbewältigung, denn was man aus dem Krieg auch im Westen mitbekommen hat, stellt vieles, was der Film zeigt sogar noch in den Schatten. Ich will nicht unbedingt wissen, wie es in den Lagern wirklich zugegangen ist. Die Rolle als stiller Beobachter, ja Voyeur, ist dem Westen ja ohnehin bekannt … Genau das nehmen uns viele 'Kriegskinder' heute noch übel, wie ich auch schon in Erfahrung gebracht habe. Sowieso spielen Kinder hier eine große Rolle. Sie sind schließlich diejenigen, die den Krieg nicht mehr erlebt haben – oder besonders unter ihm gelitten haben. So zeigt der Film dann auch, dass auch vor Kindern kein Halt gemacht wurde – und diese heute noch traumatisiert sind. Milos' Junge gehört zu den wenigen, die behutsam, sprich mit Pornos und Schmetterlingen im Bauch aufgewachsen sind. Doch auch er soll schließlich ein Trauma erleben. Jenes, das vielen anderen wohl auch widerfahren ist. Porno ist pure Exploitation, dito Krieg und Kriegsverbrechen.

Interessant auch, dass alle außer Milos eine enge Verbindung zum Staat haben, er aber eher ein Weltbürger zu sein scheint (Englisch zu Beginn, Pornoindustrie ist ja ohnehin ein globales Business, er hat einen Uniabschluss – ist vielleicht sogar der einzige Darsteller, der einen hat, wie seine Frau meint, die selbst Übersetzerin ist und mehrere Sprachen spricht). Sein Bruder ist Polizist, auch wenn wir ihn nie in Uniform sehen und er auch nie den Eindruck erweckt, als mache er den Job gern oder sei gar ein Patriot. Stattdessen ist er ein abgehalfterter, impotenter, frustrierter Co, der seinen Bruder beneidet. Es ist etwas wie Kain und Abel, nur umgekehrt. Sowieso ist die Brüder-Analogie ja etwas, das hier ins Schwarze betrifft – die Jugoslawienkriege waren ja nichts anderes als ein Krieg zwischen Brüdern und Schwestern (diese wiegen dann auch am schwersten, siehe Korea, oder die jüngsten Entwicklungen auf dem Balkan).

Produktionstechnisch ist A Serbian Film auf sehr hohem Niveau, kein Vergleich zu asiatischen Sickos, mit denen man den Film vergleichen würde, wäre man allzu kurzsichtig. Des Öfteren hat er mich übrigens an das jüngere französische Horrorkino erinnert, allen voran an Martyrs. Lange, schlecht beleuchtete Gänge, die viele Türen aufweisen, hinter jeder von ihnen könnte das pure Grauen lauern. Und dann natürlich auch wegen der äußerst brutalen Gewalt gegen Frauen, die in A Serbian Film aber noch mehr Sinn macht (Frauen und Kinder, die ersten und schwerwiegendsten Opfer des Krieges). Natürlich liegt dazwischen ganz viel Overacting, das in solch einem Kontext natürlich gleich doppelt so schlimm, sprich albern, anmutet. Aber das ist vielleicht gar nicht so verkehrt, hin und wieder ein comic relief zu haben. Wobei: in Kriegszeiten hat man das auch nicht. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen an den Rezipienten, dass es sich doch nur um Schauspieler handelt und den typischen Slogan 'It's only a movie'.

Er ist jedenfalls durchaus der ultraharte Tobak, als der er gehandelt wird. Ich frage mich nur, ob es wirklich positiv zu verstehen ist, dass sich Spasojevics Debüt nun zu all den Filmen zählen darf, deren Ruf ihnen vorauseilt (sprich Pasolini, Noé & Co.). Der Kosovo gehört auf dem Poster fest zu Serbien, aber genau hier fließt am meisten Blut. 'Not all films have a happy ending', stellt die tagline richtig fest und gibt erneut einen politischen Kommentar ab. Definitiv einer der interessantesten Filme, die ich in diesem Jahr gesehen habe.


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Wilde Orchidee: 'Colombiana'


Olivier Megaton hat sich mit seinem Transporter 3 nicht gerade mit Ruhm bekleckert, war das zweite Sequel doch seelenlose Action ohne wirkliche Höhepunkte und vor allem mit jugendfreier Gewalt. Da konnte auch Produzent und Autor Luc Besson nichts mehr retten, und so wurde die Serie schließlich zu Grabe getragen (wollen wir hoffen, dass da nicht noch etwas kommt). Für Colombiana haben sich Regisseur Megaton und Produzent/Autor Besson erneut zusammengetan – dieses Mal aber mit einem deutlich attraktiverem Ergebnis. Das mag zum einen daran liegen, dass Colombiana um einiges straighter als der letzte Audi-Werbespot geworden ist. Zum anderen ist diese Tatsache sicherlich der Protagonistin des Filmes geschuldet, die spätestens seit J.J. Abrams' Star Trek vielen Männern ein Begriff sein dürfte. Und genau darauf verlässt sich der Film auch ein gutes Stück weit. Zoe Saldana, die superschlanke Verführung mit dominikanischen Wurzeln, die die Männer in Colombiana buchstäblich übers Kreuz legt und dabei stets auch noch eine hervorragende Figur macht (ebenfalls wortwörtlich zu verstehen). Es dürfte ihr endgültiger Durchbruch sein, denn auch wenn der Film kein wirkliches Actionhighlight ist, so ist es doch Zoe Saldanas Film – und nicht etwa Olivier Megatons oder Luc Bessons.

Das lässt sich bereits am restlichen Cast ablesen, der keinerlei wirklich große Namen parat hält. Michael Vartan, den man aus Alias und einer Handvoll Filmen kennt, vielleicht. Oder Jordi Mollà, der seine Rolle aus Bad Boys II wiedergibt und den fiesen Drogendealer mimt. Und dann wäre da natürlich noch Cliff Curtis, der – wie alle im Film – allerdings zur Nebenfigur gerät. Davon profitiert Saldana natürlich, doch nicht nur davon, denn die Rolle scheint ihr wie auf den Leib geschnitten zu sein. Vergleiche zu Lara Croft, Nikita oder anderen Actionheroinnen oder Killerinnen hinken dann auch größtenteils, denn Cataleya (Zoe Saldana) ist präzise, schnell und kompromisslos – und dennoch nicht ohne Gefühle. Vor allem ist es aber der Film, der schnell ist. Lässt sich der Film für seine Exposition noch recht viel Zeit, kennt er nur noch das Gaspedal, ist er einmal in Fahrt gekommen. Das ist zwar nicht immer ganz logisch oder gar nachvollziehbar, macht größtenteils aber dennoch Spaß. Und auch wenn es keine wirklich herausragenden action set pieces außer einem Haifischbecken gibt, macht Colombiana dennoch Spaß.

Das verdankt der Film zu einem nicht gerade unerheblichen Teil seinem erstaunlich hohen Gewaltgrad. Colombiana darf sich nämlich eines Prädikats durchaus rühmen – es ist der härteste PG-13-Film, den ich bis dato gesehen habe. Schaut man sich all die kleinen Gemeinheiten an, mit denen Colombiana immer wieder auftrumpft, vergisst man schnell, dass es sich hier nicht etwa um eine R-Rated-Produktion handelt, sondern tatsächlich um einen jugendfreien Actioner aus dem Hause Besson. Hierzulande kommt das Ganze aber zurecht mit einer FSK-16-freigabe (uncut) in die deutschen Kinos. Das ist dann aber auch schon die einzige große Nachhaltigkeit, für die der Film sorgt. Wirkliche Highlights gibt es nicht, weder darstellerisch, noch sonst irgendwie. Ja, Colombiana ist ein straighter, kurzweiliger Actioner mit einer tollen Hauptdarstellerin, der sich nicht mit unnötigem Ballast aufhält, letztlich aber doch in gewohnte Bahnen abdriftet (auch wenn einige politische Anspielungen wie das 'Unter-Obama-machen-die-USA-gemeinsame-Sache-mit-Drogenbossen-Szenario' eine nette Idee sind). Colombiana ist was für den kleinen Hunger zwischendurch. (6.5/10)


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