Der Rachefeldzug ist noch nicht zu Ende

Lady Snowblood 2: Love Song of Vengeance

Lady Snowblood 2: Love Song of Vengeance (ä羅雪姫 怨み恋歌)
(Toshiya Fujita, Japan 1974)
DVD

Zur Abwechslung mal etwas kürzer: Deutlich schlechter als der Erste, dabei vor allem bei der Dramaturgie mit großen Schwächen. Vieles ist zu lang, Spannung will nie so recht aufkommen und gematscht wird auch weniger als im Vorgänger (was jedoch mehr als zu verkraften ist). Der Plot ist einfach viel zu konventionell und dünn (auch wenn die politischen Absichten begrüßenswert sind), von den ziemlich mies geratenen Choreografien ganz zu schweigen. Pluspunkte gibt’s für die nach wie vor charismatische Meiko Kaji, die schöne Kameraarbeit und die doch recht präsente Action. Absolut kein Vergleich zum starken Erstling, was sofort zeigt, dass dieses Sequel nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

 

(5-6/10)

 

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Die neue Identität Japans

Yamato

Yamato (男たちの大和)
(Junya Sato, Japan 2005)
DVD

Ganz grob kann man YAMATO wohl als Japans Antwort auf Bays PEARL HARBOR sehen. Die japanischen Soldaten sterben, die Amerikaner sind die bösen, die sie angreifen und ihre Schiffe versenken. Schon irgendwie verkehrte Welt: Bei Bays Film fiebert man mit den GIs mit und die Japaner sind der böse Feind. Hier fiebert man logischerweise mit den japanischen Soldaten mit, die Amerikaner sind die Bösen. Das tolle an YAMATO ist aber gerade diese Tatsache. Der Film versucht eben nicht die Tatsachen zu verdrehen und aus den Japanern die Guten zu machen, sondern zeigt anhand von historischen Originalaufnahmen den tatsächlichen Verlauf des Krieges, inklusive der Besetzung Koreas, Hong Kongs, etc. durch die Japaner. Und dennoch sterben sie alle durch US-Kugeln.

 

Ja, leicht zwiespältig ist YAMATO. Bei all der Militärverherrlichung, dem Pathos und Patriotismus ist die Prämisse zwar deutlich (der Krieg ist Mist, alle sind viel zu jung und für nichts gestorben), aber ein gewisser Nebengeschmack bleibt eben. Denn YAMATO ist im Grunde genommen ein ganz übler tear jerker, ein Film, der es auf die Tränendrüsen der Zuschauer abgesehen hat. Und so kämpfen auch unsere Protagonisten nicht selten mit den Tränen, sind Tod und Verderben doch ständiger Begleiter der Soldaten, die größtenteils noch Teenager sind. Satos Film ist deshalb auch primär ein Denkmal für die Gefallenen, für die es nichts Großartigeres gab, als ihr Leben für das Land zu lassen. Mit reichlich Action gespickt – auch wenn bei weitem nicht die tollen CGI eines PEARL HARBOR erreicht werden -, kommt man sogar auf dieser Ebene auf seine Kosten.

 

Es scheint fast so, als benötigten die Japaner dieser Art von Filmen. Auch AEGIS und SINKING OF JAPAN haben zuletzt gezeigt, dass sich in Japan eine neue Form der nationalen Identifikation und des Patriotismus herausbildet. Sie rekapitulieren ihre Geschichte und es entsteht eine neue Stärke, die die Fehler der Vergangenheit einsieht. Das wurde auch höchste Zeit, bedenkt man nur mal, dass wir Deutschen schon seit über 50 Jahren wieder eine eigene Armee haben und Japan noch immer von den so genannten Selbstverteidigungskräften sprechen muss (auch wenn es seit einigen Monaten offiziell ein Verteidigungsministerium gibt). YAMATO ist dabei ein großer Schritt in die richtige Richtung.

 

(8/10)

 

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"Death frees every soul."

The Fountain 

The Fountain
(Darren Aronofsky, USA 2006)
DVD

Kenne von Aronofsky ja bisher nur REQUIEM FOR A DREAM, den ich zwar sehr gut finde, entgegen dem allgemeinen Tenor aber für kein Meisterwerk halte. Was genannten Film so gut macht, findet sich auch bei THE FOUNTAIN wieder. Aronofsky spielt virtuos mit den Bildern, seine Kameraarbeit lässt nichts zu wünschen übrig und sorgt dafür, dass sein Neuester erst so richtig zu gefallen weiß. Im Kern ist die ganze Sache wieder ein aufwühlendes Drama, das eine hochemotionale Beziehung in den Mittelpunkt stellt und diese für die Protagonisten einen alles andere als wünschenswerten Verlauf nimmt.

Hugh Jackman, der in letzter Zeit sowieso ausschließlich positiv auffällt, liefert dabei eine so gute Performance ab, dass man es kaum glauben kann. Gebt dem Mann gefälligst einen Oscar! Auch Rachel Weisz, die zuletzt in THE CONSTANT GARDENER begeistern konnte (und zu Recht auch den Oscar dafür bekam), ist nicht weniger gut, steht aber im Windschatten Jackmans.

Doch nicht nur schauspielerisch und optisch weiß Aronofskys Film zu gefallen. Die Idee, die Geschichte auf drei Zeitebenen ablaufen zu lassen ist toll und funktioniert dabei auch noch ohne irgendwelche Mängel. THE FOUNTAIN bombardiert uns mit einer Bilderflut, die man so schon lange nicht mehr gesehen hat (am ehesten wohl in SUNSHINE). Und eines wird dabei sofort klar: dieser Film braucht nicht nur eine Sichtung um seine volle Pracht zu entfalten, denn auch erzählerisch kommt er einer Flut an Informationen gleich. Wie ist es so passend auf dem Cover der DVD verewigt: „Takes us places movies rarely dare to go.“ (Pete Hammond, Maxim) Das trifft es absolut treffend, denn für den durchschnittlichen Kinogänger wird THE FOUNTAIN ein einziges Mysterium bleiben.

 

Für alle anderen ist der Film eine Art Frischzellenkur, abseits der Multiplex füllenden Mainstreams. Auch wenn ich von PI bisher nur den Trailer gesehen habe (der unbedingt Lust auf mehr macht), wage ich es dennoch zu behaupten, dass Aronofsky ein außergewöhnlicher Filmemacher ist, der die letzte Bastion des „anderen“ Kinos aufrechterhält. Anlass zur Kritik lässt er hier so gut wie keinen, auch wenn ich Cliff Curtis ob seines Optischen für eine absolute Fehlbesetzung halte (vielleicht hat er mich aber auch einfach nur zu stark an Hilmi Sözer erinnert und ich mir deshalb ein [unpassendes] Schmunzeln gerade noch so verhalten konnte).

 

Klar hervorzuheben auch noch die Musik, die für THE FOUNTAIN alles andere als unwichtig ist. Clint Mansells Score ist gleichzeitig so minimalistisch, andererseits aber auch so episch (ohne dabei zu pathetisch zu wirken), dass er den Film zusammen mit den Bildern erst zu dem werden lässt, was er ist. THE FOUNTAIN macht alles richtig, was man nur richtig machen kann und mündet in einem audiovisuell einmaligen Erlebnis. Ganz groß, Mister Aronofsky!

 

(9/10)

 

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Der Schrei nach Anerkennung

Silmido 

Silmido (실미도)
(Woo-Suk Kang, Südkorea 2003)
DVD

To the soldiers who risked death to answer their nation's call, and to the 31 trainees, abandoned by a divided nation, who cried out in search of their identities at their place of death, we dedicate this film.

Vor einigen Tagen erst gab es nach langer Zeit wieder eine Zugfahrt von Süd- nach Nordkorea und zurück. Es wird aber bei einer außerordentlichen Fahrt bleiben, denn das Trauma Koreas ist noch immer präsent – vielleicht sogar präsenter als je zuvor. SILMIDO rollt nämlich einen weiteren Brocken koreanischer Geschichte beiseite, der jahrzehntelang ein schmutziges Geheimnis hütete: Nicht nur der Norden wollte das Staatsoberhaupt des Gegners töten, sondern auch der Süden (Kim Jong-Ils Vater, Kim Il-Sung). Durchführen sollte diesen Auftrag 1968 Einheit 684, eine Einheit bestehend aus 31 zum Tode verurteilten Häftlingen. Die genauen Umstände sind bis Heute noch nicht ganz geklärt.

 

Kangs Film widmet sich dieser Geschichte um Patriotismus, Pflichtbewusstsein, dem nationales Trauma und den Helden der Einheit 684. Zwar hört sich das Ganze an, als sei es eine asiatische Kopie von THE DIRTY DOZEN, aber glücklicherweise trifft dies nicht ganz zu. Unsere Soldaten in spe kommen nie zu ihrem Einsatz, zumindest nicht zum vorgesehenen. Ihre Ausbildung ist hart, ja teilweise sogar menschenverachtend. Sie sollen treu ergeben Killer sein, Killer, die Kim die Kehle durchschneiden sollen und somit die Nation wieder vereinigen. Das Training ist erfolgreich, sie alle sind Soldaten geworden. Doch sind sie auch Bürger des Staates, dem sie dienen sollen?

 

Im Kern vertritt SILMIDO die gleiche Aussage wie THE ROCK: Die Regierung, respektive Politiker, sind schlecht, der Soldat ist gut. Doch damit nicht genug. Die Mittel, deren sich die 31 Männer bedienen, sind ähnlich denen, die General Hummel und Co. einsetzen. Und so müssen sie am Ende ihre eigenen Landsleute bekämpfen, das tut weh, das ist grausam. Jeder Ethiker hätte wohl hier seine helle Freude, denn was Kang hier für ein Szenario entwirft, wirft gleich mehrere Dutzend ethisch-moralische Fragen auf. Immer wenn man denkt, dass es nicht noch krasser kommen kann, setzt er dem Ganzen noch eins drauf und brachte mich so fast an den Rande des Wahnsinns. Emotional das mitreißendste, das ich seit TAEGUKGI gesehen habe. Dieser große Bruder ist natürlich ständig präsent, nicht zuletzt auch wegen dem hohen Anteil an Pathos.

 

Ja, SILMIDO ist pathetisch, heroisch, Militär verherrlichend und weiß Gott alles noch. Aber genau deshalb liebe ich das asiatische, insbesondere koreanische Kino auch so. Keiner (die Amerikaner leider immer seltener) versteht es so gut, den Zuschauer mit ebendiesen Mitteln zu fesseln, wie die Koreaner und Japaner (AEGIS). Und wenn ich oben zitierte Widmung lese, dann bin auch ich den Männern dankbar, denn beispielhafter und selbstloser kann man nicht sein. Wenn dann der Abspann episch eingeleitet wird, begleitet von der grandiosen Musik (die – zugegeben – teilweise extrem dreist von Zimmer kopiert wurde), dann ist es um mich geschehen. Ein starkes Stück Film (und Geschichte), das noch lange nachwirkt. Zwar nicht ganz so gut wie das Meisterwerk TAEGUKGI, aber auch nicht viel schlechter.

 

Es gäbe noch so viel Anlass zur Diskussion und Nennung weiterer Aspekte (die tollen Darsteller, die Kameraarbeit), aber ich will es jetzt einfach mal dabei belassen. Die Lust auf mehr (Geschichte) ist jedenfalls geweckt, denn auch ohne Koreaner zu sein halte ich Koreas Tragödie für extrem bewegend und faszinierend. Eine stolze Nation, die aber auch Fehler macht(e) – wie jede Nation eben, das hat SILMIDO eindringlich gezeigt.

 

(9/10)

 

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Frauen des Grauens

Singapore Sling

 

Singapore Sling

(Nikos Nikolaidis, Griechenland 1990)

TV

 

What the fuck!? Ich habe ja schon vieles gesehen, aber das hier toppt wirklich alles. So ist es mir auch nahezu unmöglich, das Gesehene auch nur ansatzweise zu interpretieren. Schnelles Brainstorming würde am ehesten wohl Stichworte wie Feminismus, SM, Inzest, Folter und Film noir ausspucken. Ansonsten habe ich wirklich keinen blassen Schimmer. Fest steht hingegen aber, dass eine erneute Sichtung nicht unbedingt sein muss…

 

(5/10)

 

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ELEPHANT [TV]

Elephant

 

Die Ruhe vor dem Sturm. Buchstäblich. Die Ruhe bevor der Elefant den Porzellanladen betritt und das Chaos ausbricht. Es ist der ganz normale Wahnsinn des Schulalltags. Es gibt die nervenden Tussis, den sportlichen Playboy, den ruhigen Eigenbrötler und die gehänselten Außenseiter. Wer kennt diese nicht aus seiner eigenen Schulzeit? Hier und da gibt es zwar Ärger, aber das gehört ja irgendwie auch dazu. Dann, aus heiterem Himmel bricht das Gewitter los und der Normalzustand wechselt in den Ausnahmezustand. Tote Schüler in den Gängen, Explosionen, Blut an den Wänden und Schreie, die man sogar noch von außerhalb noch wahrnimmt.

 

Was leider in fast schon regelmäßigen Abständen in Schulen in den USA (und auch hier) stattfindet, führt uns Van Sant hautnah vor Augen. Für mich persönlich bei weitem intensiver und erschreckender als alle Berichte realer Ereignisse auf CNN & Co. Was man dort zu sehen bekommt sind lediglich Bilder, Bilder aus dem Fotoalbum der Familie des/der Täter(s), Interviews mit Überlebenden. Bei ELEPHANT ist man – so unpassend das auch klingen mag -, mittendrin statt nur dabei. Deutlicher kann die Prämisse nicht ausfallen. So meditativ man sich den ersten 60 Minuten auch hingeben mag (ich hätte dem Treiben stundenlang zusehen können), so hat man doch stets im Hinterkopf, dass jeden Moment die Hölle losbrechen kann.

 

ELEPHANT ist sowohl in seiner Optik, als auch in der Inszenierung nahezu makellos. Und in der Tat, auch wenn im Abspann der obligatorische Text zu finden ist, der auf die Fiktionalität hinweist, so sind die Parallelen dennoch überdeutlich. Leider verfällt Van Sant aber den üblichen Klischees: Die Killer sind Außenseiter, Waffennarren, spielen Killerspiele und stehen auf Naziinsignien. Und was sollte das mit dem Schwarzen und der Dusche!? Schade, denn dies sorgt doch für ein kleines Ärgernis, das angesichts der anderen Faktoren jedoch ein Kleines bleibt. Zwar kein ganz so großer Runterzieher und Seelenaufreißer wie IRRÉVERSIBLE, aber dennoch ganz harter Tobak!

 

(8-9/10)

 

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ZWARTBOEK [Kino]

Zwartboek

Ganze sechs Jahre hat es gedauert, bis uns Paul Verhoeven wieder mit einem Spielfilm überrascht. Eine lange Zeit, wenn man bedenkt, dass andere Regisseure in dieser Zeit zwei bis fünf Filme machen. Vielleicht ist es aber auch gar nicht mal schlecht, dass sich der gute Paul so viel Zeit gelassen hat. Wobei: Bedenkt man, dass zwischen seinen Klassikern wie BASIC INSTINCT, ROBOCOP, TOTAL RECALL und STARSHIP TROOPERS auch nur wenige Jahre liegen, relativiert sich diese Annahme wohl wieder. Weg von Hollywood, wollte sich Verhoeven wieder mehr seiner Heimat widmen, endlich wieder einen Film in Holland drehen.

Dabei raus gekommen ist ZWARTBOEK, ein Thriller, der die Kulisse des 2. Weltkriegs nutz, um die volle Ambivalenz des Stoffes zu entfalten. So ist Verhoevens Neuester nicht nur Thriller und Kriegsfilm, sondern weißt durchaus auch Tendenzen zum Exploitationkino auf. Besonders natürlich in Hinsicht auf seine Darstellung von Sex, Gewalt und den Nazis. Die Nazis haben Verhoeven schon immer irgendwie fasziniert, kein Wunder, hat er als Kind den Krieg doch aus nächster Nähe miterlebt. So wage ich es auch zu behaupten, dass ZWARTBOEK sein persönlichster Film ist, eine Art Verbildlichung und Rekapitulation seiner eigenen Erlebnisse, gemischt mit einer ordentlichen Prise altbewährter Zutaten.

Wie historisch Akkurat das Ganze ist, kann man (respektive ich) wohl nicht genau sagen. Klar, die Niederlande waren von den Deutschen besetzt, der Widerstand gegen die Nationalsozialisten war rege. Verhoeven mischt diesen historischen Hintergrund gekonnt mit den Mittel des exploitativen Kinos. Es gibt jede Menge Sex, nackte Haut (sogar male full frontal nudity), Tabus so gut wie keine und die Gewalt kommt auch nicht zu kurz. Wenn auch nicht so krass in seiner Darstellung wie bei seinen „üblichen Verdächtigen“. Kann man dem guten Paul also vorwerfen, dass er den Krieg nur ausnutzt, einen Unterhaltungsfilm aus den Schrecken des Krieges macht? Ich denke nicht, wobei ich die Meinung der fünf Rentner im Kinosaal gestern gerne in Erfahrung gebracht hätte.

Der Krieg ist dreckig, voller Intrigen, Machtspielchen und sonstigen Lastern. Es gibt keine Guten und keine Bösen im Krieg, die Grenzen sind fließend, wie Verhoeven auf beeindruckende Art und Weise zeigt. Und dennoch verheddert er sich dabei bisweilen, denn wenn die Kernaussage jene ist, dass nicht alle Nazis Nazis waren (in Form von Sebastian Kochs Figur), so generalisiert er sie andererseits doch wieder. Christian Berkels Figur (herrlich fies und durch DER UNTERGANG schon in der Rolle erprobt) des Offiziers Käutner ist solch eine: Er kennt jeden Paragrafen auswendig, kann am Tag Hitler nicht oft genug Heil wünschen und versucht selbst nach der Kapitulation noch die Regeln aufrecht zu erhalten. Nicht viel anders verhält es sich mit Franken (Waldemar Kobus) und den anderen NS-Schergen im SD-Hauptquartier. Sie alle sind saufende und hurende Unmenschen, die tagsüber Morden und nachts Sodom und Gomorrha in nichts nachstehen.

Vielleicht ist aber dies aber auch von Verhoeven genau so beabsichtigt. Das Exploitationkino lässt grüßen. Oder muss man wirklich sehen, wie sich Ellis (Carice van Houten) das Schamhaar bemalt, zwei Damen auf die Toilette pinkeln gehen oder zig Kugeln in einen Torso gefeuert werden? Das ist Paul Verhoeven, dafür steht er mit seinem Namen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass aus fast allen seinen vorherigen (amerikanischen) Filmen gewisse Parallelen in ZWARTBOEK mit einfließen. Das offensichtlichste ist dabei wohl sein anderer Erotikthriller, der Erotikthriller, BASIC INSTINCT, der nicht nur durch den Score omnipräsent ist. Von seinem meiner Meinung nach schlechtesten, SHOWGIRLS, der aber trotzdem noch irgendetwas Nettes an sich hat, ganz zu schweigen.

Bei alledem ist er bisweilen aber auch schrecklich konventionell, was dem Ganzen schon ein wenig Abbruch tut. Angefangen bei den Nazis, über die Wiederverwertung des Soundtracks von BASIC INSTINCT, bis hin zur Geschichte und deren – für den heutigen Kriegsfilm obligatorische – epische Exposition. So etwas hätte ich von Verhoeven ehrlich gesagt nicht erwartet, denn was ist bei dem Mann und seinen vorherigen Filmen (okay, bis auf SHOWGIRLS und HOLLOW MAN [dessen Entstehung aber auch andere Gründe hat]) bitteschön konventionell? Rein gar nichts. Hinzu kommt, dass dem Film – der immerhin eine Spielzeit von 153 Minuten hat – einige Kürzungen nicht schlecht getan hätten. Die tollen Darstellerleistungen, allen voran natürlich Carice van Houten (die auch noch unglaublich sexy ist), machen dies dann aber doch wieder wett.

Es war gut, dass Verhoeven sich Zeit gelassen hat, denn das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Es herrscht schon jetzt große Vorfreude auf AZAZEL, der vom Sujet her ähnlich wie ZWARTBOEK klingt. Aber hey, Paul, irgendwann musst Du schon mal wieder was im Stile Deiner Gewaltopern machen… Übrigens kann ich folgendes Buch über Verhoeven nur empfehlen – habe es selber im Regal und war durchaus angetan, auch wenn sich der Großteil auf Bilder beschränkt: Douglas Keesey, Paul Duncan: Paul Verhoeven.

(8/10)

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THE HITCHER [DVD]

The Hitcher

 

Das Wichtigste gleich vorweg: Ich kenne das Original mit Hauer nicht. Das kann von Nachteil, aber auch von Vorteil sein. Storytechnisch sollen aber ja beide – so ist es mir zu Ohren gekommen – nahezu identisch sein. Rutger Hauer ist ein klasse Mann, keine Frage. Aber kommt er gegen einen Sean Bean an, dessen Charisma Berge versetzen könnte? Ich weiß es noch nicht, das Original wird aber bei Gelegenheit (ja, ich weiß, das sage ich immer) nachgeholt. Es ist nicht schwer, selbst ohne Kenntnis des Originals, zu bemerken, dass der Stoff ins neue Jahrtausend geholt wurde.

 

Schon zu Beginn wird klar gemacht, dass es sich hierbei um einen bösen Film handelt, der selbst vor unschuldigen Kaninchen und Libellen keinen Halt macht. Vor Menschen – und seinen sie noch so attraktiv – gleich zwei Mal nicht! Was folgt ist das Musterrezept des (Teen-)Horrorfilms des 21. Jahrhunderts: Ein Pärchen, beide gut aussehend, ein Psycho, ein wenig Splatter (wobei dessen Einsatz hier bisweilen gewaltig ist) und ein Finale, das man so schon mindestens tausend Mal gesehen hat.

 

“I want you to say four little words: I… Want… To… Die"

Ach ja, die Dialoge. Die besten kennt man ja schon aus dem Trailer, auf Grund derer ich auch erst so richtig Lust auf den Film bekommen habe. Ich meine, geht es noch dämlicher? Warum ist der Film dann trotzdem noch recht gut ansehbar und unterhaltsam? Richtig, es sind genau diese Dialoge, die so dämlich sind, dass es schon wieder lustig ist. Hinzu kommt natürlich die hübsch anzusehende Sophia Bush, wer hätt’s gedacht? Sean Bean halte ich für einen begnadeten Schauspieler, auch wenn er sich auf solch niedriges Niveau herab begibt und nur selten nicht am overacting vorbeischlittert.

 

Froh sein muss man in diesen Zeiten ja auch, wenn es einen Horrorstreifen gibt, der mal kein PG-13-Rating besitzt, sondern noch ordentlich auf den Putz haut, so wie es THE HITCHER tut. Natürlich reizt auch der Name Michael Bay, der hier als ausführender Produzent agierte, und dessen Optik omnipräsent ist. Nettes Teil für Zwischendurch, schön kurz, irgendwo zwischen Hochglanztrash und overacting, mit schönen Splattereinlagen und massig eyecandy. Für Genrefans aber ein Muss.

 

(6-7/10)

 

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SECOND IN COMMAND [DVD]

Second in Command

 

Hmm, nee, das war wirklich nix. Van Damme, Militär, Terroristen, Action – klingt eigentlich gut, ist es hier aber nicht. Darsteller und Dramaturgie sind allerhöchstens auf TV-Niveau, auch die Effekte können nur teilweise überzeugen. Von den unzähligen Logik- und Technikfehlern und der grässlichen Optik ganz zu schweigen. Die Story passt natürlich auf einen Bierdeckel: In Moldawien versuchen Putschisten den Präsidenten zu ermorden, der flüchtet schnell in die US-Botschaft und bekommt Asyl. Die bösen Jungs greifen die Botschaft an, Punkt. Zur Sache geht es dabei ziemlich blutlos, auch die Inszenierung kommt lustlos daher. Alles in allem mehr schlecht als recht und ziemlich öde. Aber das ist wohl die ungeschriebene Gesetzmäßigkeit von Van Dammes DTVs. Dann wohl lieber mal WAKE OF DEATH.

 

(4/10)

 

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APOCALYPSE NOW [DVD]

Apocalypse Now

 

Beim Filmstöckchen der Film gewesen, den ich schon immer sehen wollte, bisher aber noch nicht dazu gekommen bin. Was liegt da also näher als dies endlich zu ändern? Und der Film hält, was er verspricht. Zumindest für die erste Stunde. Der legendäre Angriff auf das vietnamesische Dorf, begleitet von Wagners Walkürenritt – ich könnte mit den Superlativen nur so um mich werfen, aber schlicht und ergreifend fehlen mir während dieser Szene die Worte. Ein absolutes Highlight, eine der größten Szenen der Filmgeschichte. Der Angriff ist zugleich wunderschön in Szene gesetzt, als auch deutlicher als deutlich in seiner Prämisse. Der Krieg ist hässlich, Menschen entwickeln einen Gottkomplex (der Hammer: Robert Duvall) und Menschlichkeit ist ein Fremdwort.

 

Bis dahin ist Captain Willard (Martin Sheen) die einzige Identifikationsfigur des Filmes. Dies ändert sich aber schlagartig, als er einen verwundeten Zivilisten eiskalt erschießt. Und endgültig fehlt dem Zuschauer jedwede Figur der Identifikation. Der Krieg ist eben grausam, es gibt keine Guten und keine Bösen.

 

Neben bereits genannter Szene werden aber wohl auch noch einige andere Dinge für immer im Gedächtnis bleiben. Martin Sheen beispielsweise. So jung habe ich ihn nie gesehen, in manchen Einstellungen dachte ich, nicht ihn, sondern Charlie zu sehen – jener Charlie, der sieben Jahre später seine Unschuld verlieren sollte. Der Film markiert wohl die Rolle seines Lebens, denn besser habe ich ihn nie gesehen. Vom immensen Staraufgebot, welches APOCALYPSE NOW auffährt, ganz zu schweigen. Das ist es aber auch, was Coppolas Film für mich darstellt – er ist in erster Linie großartiges Schauspielerkino, nur in zweiter Instanz ist er Antikriegsfilm. Denn was nach dem Angriff auf das Dorf passiert ist leicht träge, um nicht zu sagen zäh.

 

Vielleicht liegt es auch am Redux, dessen Vorlage ich hier bespreche, aber allein die Szene im französischen „Restaurant“ hätte länger nicht sein können. Spannung wird nur noch zum Schluss aufgebaut, wobei auch dieses in erster Linie ein Psychoduell zwischen Kurt (Marlon Brando) und Willard ist.

 

Ein weiterer Netzhautbrenner hier übrigens die Szene, in der Willard mit massig Schlamm im Gesicht aus dem Wasser auftaucht. Ich dachte, jemand hätte heimlich PREDATOR in den Film geschnitten, erst dann realisierte ich, dass McTiernan Coppola hier enorm huldigt. Die Schrecken des Krieges werden gezeigt, ja. Bisweilen sogar ziemlich drastisch. Es mangelt dem Ganzen aber an einem ausgewogenen Spannungsbogen und einem ordentlichen Zeitmanagement, leider. Darin liegt wohl auch die Begründung, warum ich PLATOON deshalb nach wie vor für den besten Antikriegsfilm halte. Okay, er ist bei weitem pathetischer als APOCALYPSE NOW, aber es mangelt ihm eben nicht an genannten Qualitäten. Die Schrecken des Krieges zeigt er dabei mindestens genauso deutlich, wenn nicht sogar noch eine Stufe deutlicher (die ermordete Frau, der Einsatz des Gewehrkolbens).

 

Zu Recht ein Klassiker, aber nicht ganz so gut wie erhofft. Vielleicht waren aber auch nur mal wieder die Erwartungen zu hoch, wie eben so oft. Ich bin mir der Tatsache durchaus bewusst, dass es einer Schande gleicht, den Film erst jetzt, ganze 28 Jahre später, gesehen zu haben, aber es macht auch immer wieder Spaß, mit einer anderen Rezeptionshaltung an die Filme zu treten, denn ohne diese wäre mir wahrscheinlich so einiges Genanntes entgangen.

 

(8/10)

 

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