
Es war ungefähr halb eins als ich Firefox öffnete und Echofon die neuesten Tweets aufbereiten lies. Ich rechnete mit dem Üblichen: nützliche Links, persönliche Statusmeldungen, Leute, die sich via foursquare irgendwo einloggen und natürlich rechnete ich auch mit etwas Spam (der gehört ja irgendwie dazu). Als ich das erste Mal das Wort 'Blumenkübel' in einem Tweet las, dachte ich mir auch noch nichts Böses. Doch dann, immer mehr Tweets, die entweder das bloße Wort oder gar den Hashtag 'Blumenkübel' beinhalteten. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen blassen Schimmer, was es mit all den Blumenkübeln auf sich hatte. Es interessierte mich auch nicht weiter, denn ich wusste nur eines sicher: es ging mir gehörig auf den Zeiger!
Die Tweets nahmen sukzessive zu, langsam wollte ich doch wissen, was es damit auf sich hat, und einige Twitterer waren dann auch so freundlich auf den Ursprung allen Übels zu verlinken, nämlich einen Artikel, genauer gesagt eine Art Polizeibericht, auf dem Onlineangebot der Münsterschen Zeitung. Der Artikel selbst ist nicht der Rede wert, einige wenige Zeilen über einen Sack Reis, der in China umfiel über einen Blumenkübel, der in Neuenkirchen umgestoßen wurde. Natürlich ist das Ganze hanebüchen, aber wer wie ich die Arbeit einer Lokalredaktion kennt, der weiß, dass jedes noch so kleine Ereignis von mehr oder weniger großer Relevanz ist. Ja, das ist eben Lokaljournalismus: heute die Theateraufführung der fünften Klasse einer Hauptschule, morgen die Vorstandssitzung des Kleintierzuchtvereins, übermorgen eben einige kaputte Blumenkübel. Der Zeitung und speziell der Verfasserin des Artikels – wohl eine Praktikantin oder eine Volontärin – ist also alles andere als ein Vorwurf zu machen.
Dieser ist schon viel eher all den Möchtegernspaßvögeln auf Twitter zu machen, die diese Meldung in Massen auf den Arm nahmen, indem sie irgendwelche Meldungen twitterten, die – in welcher Form auch immer – den Blumenkübel involvierten. Ich bin seit über zwei Jahren bei Twitter und twittere selbst für mein Leben gern; seit es das Licht der Welt erblickt hat, hat Twitter immer und immer wieder gezeigt, von welcher Relevanz der Microbloggingdienst bisweilen ist und das selbst die Leitmedien (Twitter ist ja mittlerweile selbst eines) nicht mehr um diesen Dienst herumkommen. Es sind aber genau Momente wie dieser, in denen Twitter seine Schattenseiten offenbart. Jeder meint, er müsse auf den Zug aufspringen, jeder fürchtet Follower oder die Aufmerksamkeit zu verlieren, wenn er diesen 'Trend' nicht mitmacht. Das größte Problem dabei jedoch: jeder versucht lustiger zu sein als der andere und dem Ganzen noch eines draufzusetzen – meist, nein, in diesem Fall immer, ein vollkommener Schuss in den Ofen, denn lustig war nicht ein einziger Tweet, der sich da in meiner Timeline befand.
Und als wäre das noch nicht genug, partizipierten ab einem gewissen Zeitpunkt sogar die großen Medien (@StZ_Stuttgart, @ZDFonline), spätestens hier war für mich klar, dass ich meinen Client für einige Stunden schließen musste, um nicht weiter zugespammt zu werden. Dass die Münstersche Zeitung selbst zu diesem Phänomen Stellung nimmt, ist dabei völlig in Ordnung, aber dass der Blumenkübel sogar in den Trending Topics auftaucht nur ein weiteres Armutszeugnis – erst recht wenn sich ausländische Twittere zurecht fragen, was mit uns Deutschen eigentlich los sei und dies gar böse kommentieren. In solchen Momenten denke ich dann auch an Bekannte und Freunde zurück, die Twitter stets verdammten, weil es ja keinen interessiere, was der andere gerade so von sich gibt. Recht haben sie, in solch einem Moment schäme ich mich dann doch auch Twitterer zu sein. In diesem Sinne: beruhigt Euch mal alle wieder, lasst den Hype abflachen und den Lokaljournalismus weiter seine Arbeit machen. Und bitte, dass Ihr lustig sein könnt, das bekomme ich so gut wie jeden Tag mit, aber das heute war wirklich schlimmer und unlustiger als das Gros der deutschen Comedy.
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