Part machine. Part man. All human.

WALL•E
(Andrew Stanton, USA 2008)
Kino

Es ist nicht nur der Wunsch eines jeden Ingenieurs, eine Maschine zu bauen, die dem Menschen so ähnlich ist, dass man die beiden auf den ersten Blick gar nicht mehr differenzieren kann. Seit Anbeginn der Filmgeschichte ist es nämlich auch der Traum einer jeden Maschine, menschliche Züge anzunehmen, ja sogar vollkommen menschlich zu werden. So nahe sie dem Menschen physisch auch kommen mögen, das Fleisch das Metall penetrieren mag, so werden sie doch nie so etwas wie einen Verstand oder eine Seele besitzen. Gefühle scheinen ihnen also auf ewig vorenthalten zu bleiben. Nicht so bei WALL•E, der durch das Hinterherräumen menschlicher 'Überreste' den Lebensweg eines Menschen einschlägt. Seine Lunchbox im Gepäck, macht sich der gute jeden Morgen auf gen Arbeit, die er sauber verrichtet. Pünktlich zum Feierabend kehrt er dann nach Hause zurück, zieht die Schuhe beziehungsweise Ketten aus, schaltet den Fernseher und iPod ein, gibt seinem Haustier, einer Kakerlake, etwas zu essen und räumt noch etwas auf. Home Sweet Home.

Doch WALL•E möchte mehr, er will jene verstehen, die einst diesen Planeten bewohnten. Und so findet der Müllroboter in einer Szene auch etwas zutiefst menschliches – einen Ehering, den seine elektrischen Schaltkreise aber für nutzlos halten, jedenfalls in Beziehung zur Plastikhülle, die den Ring sicher umschließt. Und so wirft er den Brillanten kurzerhand auf den staubigen Boden, während er die Schatulle mit nach Hause nimmt. Es ist eine dieser Szenen, die uns die Entwicklung der kleinen Maschine so wundervoll vor Augen führt. WALL•E ist nicht nur auf der Suche nach Menschlichem, also nach Entwicklung, sondern ist er auch auf der Suche nach Gesellschaft. Tagtäglich schaut er sich Szenen aus Hello, Dolly! an, die ihm das Phänomen Liebe näher bringen. Auf diesem Gebiet ist er natürlich gänzlich unerfahren, trotzdem merkt er, dass das etwas in ihm wach wird, dass definitiv etwas ganz Schönes markiert. Und so ist die Ambivalenz dieser Szene selbstredend für die Humanisierung des kleinen Müllsammlers, in jeglicher Hinsicht. Seine große Liebe findet er dann schließlich auch in EVE, die zwar Erfahrung mit Menschen hat (wie sich später ableiten lässt), aber auf dem Gebiet der Liebe ebenfalls neu ist.

Nach den ersten Annäherungsversuchen, die vor allem auf der männlichen Seite ob der Dominanz und Andersartigkeit der Frau eher zurückhaltend verlaufen, kommen sich die beiden schließlich näher. Es gibt viel zu entdecken und voneinander zu lernen. Und spätestens hier sind die beiden Protagonisten keine metallischen Maschinen mehr, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. In der ersten Hälfte des Filmes nimmt uns Andrew Stanton also mit auf die Reise, die erste Liebe Revue passieren zu lassen, über die Liebe zu philosophieren und mit zwei Menschen zu fiebern, denen man das Zusammenkommen doch so wünscht. Noch halten sich Moraldidaxe, Al Gore und leicht albern wirkende Anspielungen auf Genreklassiker im Hintergrund, denn die erste Hälfte von WALL•E gehört niemand geringerem als der Liebe und den Gefühlen. Die atemberaubende Animation und die von Pixar gewohnte Liebe zum Detail lassen auch dem größten Grießgram das Herz aufgehen. Man muss dieses kleine Wesen mit seinen großen Kulleraugen und seiner niedlich piepsenden Stimme einfach gern haben. Und auch wenn der Planet selbst nicht danach aussieht, so wurde EVE (!) und WALL•E das Paradies geschenkt – doch auch hier hat eine Pflanze einen Haken, für den Moment zumindest.

Was folgt, ist die Vertreibung aus dem Garten Eden und EVE und ihrem Freund passiert genau das, was den Menschen bereits zum zweiten Mal passiert ist. Doch ebenjene Pflanze in den richtigen Händen bringt auch hier eine Erlösung, eine, die besonders in ihrer zweiten Hälfte leider doch etwas zu penetrant und didaktisch geworden ist, sodass auch der letzte kapiert, dass es mit unserem Planeten auf Dauer nicht so weiter gehen kann, wie es derzeit der Fall ist. Da kann man noch so viele Maschinen bauen, natürliches Leben ist durch nichts zu ersetzen. Natürlichkeit ist leider auch im Falle der Menschen, die im Film auftauchen, das Problem. Wählt man in der ersten Hälfte, als die Menschen noch nicht so unendlich durch die Technik verwöhnt waren, echte Menschen, statt Mann und Frau aus dem Computer, so kommt mit ihrer zweiten Industrialisierung auch gleichzeitig die Animation ins Spiel. Der Mensch ist durch die Technik verwöhnt, wird fett und unbeweglich, sodass er irgendwann komplett von ihr abhängig ist und ohne sie gar nicht mehr weiß, was er eigentlich tun soll. Da passt es ja fast schon wieder, dass er selbst zur Maschine (aus dem Computer) wird. Interessant auch zu sehen, was passiert, wenn ein Glied in der vollständig technisierten Welt einmal aus der Reihe fällt – Abhängigkeit schafft eben immer auch Probleme, eine Art umgekehrte Symbiose quasi. Und wann hat man bitteschön zuletzt psychisch angeschlagene Roboter in einem Film gesehen, die in einer Psychiatrie behandelt werden?

Zu verdanken hat der Film das nicht zuletzt auch Ben Burtts (Star Wars: Episode I-VI) großartigem Sounddesign, das sich wohl schon jetzt als Oscar gekrönt betrachten dürfte. Und so ist WALL•E besonders in seiner ersten, deutlich besseren Hälfte fast überlebensgroß und zeigt, dass bisweilen auch der Mensch noch einiges von der Maschine lernen kann. (8.5/10)


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