Christophs Top 10 des Kinojahres 2011


An dieser Stelle die Top 10 des Kinojahres 2011 von Christoph Gumpert

Im abgelaufenen Kinojahr gab es ganze 54 Filme, die ich auf einer Skala von 0-10 im Bereich von 8-10 ansiedeln würde. Daraus eine Top 10 auszuwählen gestaltet sich durchaus schwierig und wenn ich mit meinen Ausführungen fertig bin hat sich bestimmt noch der ein oder andere Platz verschoben oder wurde gänzlich ausgetauscht.

Sechs Filme haben die Top 10 besonders knapp verfehlt: Der Plan mit der perfektesten Leinwandchemie des Jahres zwischen Matt Damon und Emily Blunt, der zurecht mit mehreren Oscars und zahlreichen weiteren Preisen bedachte The King's Speech, das experimentelle Doku-Projekt Life in a Day, einer der emotional mitreissendsten Filme des Jahres und Centerpiece des Fantasy Film Fest Perfect Sense, Susanne Biers mit dem Oscar für dem besten fremdsprachigen Film ausgezeichnetes Drama In einer besseren Welt, sowie das opulente Animationsspektakel Kung Fu Panda 2.

Auch bei der Top-Liste gilt, dass ich leider nicht alle potenziellen Kandidaten sehen konnte. Dazu gehören vor allem: This Must Be The Place, Eine dunkle Begierde, Die Haut in der ich wohne, Restless und Eine offene Rechnung. Berücksichtigt wurden, wie schon bei der Flop 10, lediglich Filme, die im Jahr 2011 einen deutschen Kinostart hatten. Wiederaufführungen, wie die restaurierte Langfassung von Fritz Langs Metropolis und Disney's König der Löwen wurden ausgeschlossen.

Platz 10: Der Gott des Gemetzels

Zwei Elternpaare treffen sich um über ein Aneinandergeraten ihrer beiden Söhne zu sprechen. Was völlig normal und gefasst beginnt, schaukelt sich langsam hoch bis hin zu völligem Chaos und liefert im Ergebnis: ganz großartiges Darstellerkino! Damit ein Film wie Der Gott des Gemetzels funktioniert, braucht man großkalibrige Schauspieler wie Christoph Waltz, Kate Winslet, Jodie Foster und, einen der unterschätztesten Schauspieler überhaupt, John C. Reilly. Alle vier laufen hier zu Bestform auf und jeder einzelne hätte einen Oscar für seine Leistung verdient. Ebenso Regisseur Roman Polanski, der das auf einem 80-seitigen Theaterstück basierende, zunehmend aufbrausende Kammerspiel perfekt in Szene gesetzt hat. Ich hätte dem Treiben gerne noch länger als die 76 Minuten bis zum Abspann zugeschaut, aber so ist der Film ein kurzweilig, durchgehend sehr unterhaltsames Stück Kino.

Platz 9: Geständnisse – Confessions

Confessions ist ein ganz besonderes und eigenes Rachedrama, das durchaus Tiefgang zu bieten hat. Der Film beginnt mit einem 20minütigen Eröffnungsmonolog, in dem eine Lehrerin ihrer Klasse enthüllt, dass der Tod ihrer Tochter, von der Polizei als Unfall eingestuft, in Wahrheit ein von zwei ihrer Klassenkameraden ausgeübter Mord war. Dabei verrät sie nicht nur, wer diese beiden Schüler sind, sondern auch, wie sie sich an ihnen rächen will. Dieser Monolog wird beinahe schon unerträglich ruhig vorgetragen und übt eine hypnotische Gewalt auf den Zuschauer aus. Doch dann folgt eine schockierende Enthüllung auf die nächste und die Charaktere zeigen ihr wahres Gesicht. Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert. Und wie kalt sie hier serviert wird! Selbst die Bilder wirken blau-lastig unterkühlt. Doch Matsu Takako schafft es bei der kompromisslosen Ausführung ihres Racheplans dem Zuschauer auch die Emotionen ihrer Figur zu vermitteln und Mitgefühl zu wecken. Wirklich Sympathie für eine der beiden Parteien zu empfinden und sich auf deren Seite zu stellen ist trotzdem schwer bis unmöglich und das ist auch gut so. Confessions ist ein verstörender und brutaler Film (und das nicht nur im blutigen Sinne), ein perfekt geschriebener und ebenso makellos inszeniertes Rachedrama, das seinesgleichen sucht.

Platz 8: Super 8

J.J. Abrams's Film ist wie eine Mischung aus Stand By Me, Die Goonies, ein bisschen E.T. mit einem Schuss Cloverfield. Endlich wieder ein Sci-Fi-Streifen, bei dem die Charaktere nicht einfach egal sind sondern man wirklich mitfühlt und -fiebert. Die Kinderdarsteller leisten hervorragende Arbeit und wirken sehr natürlich, was vor allem daran liegen mag, dass es für einige von ihnen das erste Mal vor der Kamera war. Elle Fanning begeistert hierbei am meisten. Es ist Abrams hoch anzurechnen, dass die menschliche Geschichte und deren Charaktere immer im Vordergrund stehen, während er im Hintergrund durchaus beeindruckende Actionsequenzen abfeuert. Ein geschickter Zug, dass er es, was auch immer es sein mag, erst extrem spät zeigt. Zu jedem Zeitpunkt spürt man die Liebe zum Filmemachen und die Bewunderung für den frühen Steven Spielberg. Super 8 fühlt sich an, wie eine große Hommage an das (Sci-Fi-)Kino der 80er Jahre, ist aber letztlich viel mehr als nur das. In Zeiten leerer, emotionloser Materialschlachten à la Transformers eine dringend nötige, willkommene Abwechslung und eine Erinnerung daran, wie gut Science-Fiction-Kino sein kann. Ein fantastischer Film!

Platz 7: Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn

Genau SO hätte ein vierter Indiana Jones Film sein müssen. Steven Spielberg hat es halt doch noch drauf, einen packenden Abenteuerfilm zu machen. Durchgehend spannende Handlung, optisch atemberaubend, großartige Action (und sicherlich DIE Actionsequenz des Jahres), da stimmt einfach alles. Allein technisch ein echtes Brett, der Film. Was man hier auf der Leinwand präsentiert bekommt sieht so unglaublich gut aus, da kann man schonmal vergessen, dass man in einem Animationsfilm sitzt. Die Kameraführung ist auffällig toll, in einem Animationsfilm hat man eben einfach andere Freiheiten und die bereits erwähnte Actionsequenz des Jahres folgt dem fulminanten Geschehen etwa 10 Minuten ohne einen einzigen Schnitt. Wahnsinn! Auch wurde nie Performance Capturing so perfekt eingesetzt wie hier, da hat sogar Daniel Craig mehr als 2 Gesichtsausdrücke. Endlich löst man sich von dem Glauben, eine auf Performance Capturing basierende Figur müsse hinterher auch so aussehen wie ihr Darsteller. Statt dessen bildet man die Charaktere so originalgetreu wie möglich ab und haucht ihnen echtes Leben ein. Insgesamt wurde der Film der Vorlage getreu umgesetzt und bietet viele kleine Anspielungen auf andere Hefte. Was will man mehr? Naja, MEHR DAVON!

Platz 6: Die Frau die singt – Incendies

Zwei Geschwister machen sich nach dem Tod ihrer Mutter auf die Suche nach ihrem Vater und ihrem Bruder um ihnen jeweils einen Brief der Mutter zu überbringen. Ihre Reise führt sie von Kanada in den Mittleren Osten und zu einer Unmenge Entdeckungen über die Vergangenheit ihrer Familie. Womöglich mehr, als ihnen lieb ist. Regisseur Denis Villeneuve inszenierte eine intensive, absolut kompromisslose, emotionale Achterbahnfahrt und mehr als einmal wird man als Zuschauer fassungslos und schockiert auf die Leinwand starren. Mieses Gefühl im Magen garantiert. Eigentlich ein perfekter Film. Das einzige, was ich kritisieren kann, ist, dass er am Ende schlicht zu konstruiert ist um komplett zu überzeugen.

Platz 5: Midnight in Paris

Eine fantastische und unsagbar witzige Komödie von Woody Allen! Eine Liebeserklärung an Paris, den Film, die Literatur, die Kultur. Um wirklich Spaß an dem Film zu haben, ist einiges an literatur- und kunstgeschichtlicher Vorbildung von Vorteil. Das hochkarätige Darstellerensemble ist durchgehend sehr gut, bis in die kleinsten Rollen ist der Film perfekt besetzt, doch begeistern kann allen voran Owen Wilson. Dieser darf hier endlich unter Beweis stellen, dass er die Bezeichnung Schauspieler verdient und weit mehr kann, als niveauloses Geblödel. Ein entscheidendes Plot-Detail wurde in den Trailern übrigens gekonnt unter den Tisch fallen gelassen, auf den Covern der deutschen Heimkinoveröffentlichungen leider jedoch nicht. Weniger zu wissen ist wieder einmal mehr! Der beste Woody-Allen-Film seit langem und einer seiner großartigsten Werke überhaupt.

Platz 4: Nader und Simin – Eine Trennung

Ganz großes Kino aus dem Iran, einem Land, in dem Filmemachen gar nicht mehr möglich sein sollte. Man sollte am besten gänzlich unvoreingenommen an den Film herangehen und im Vorfeld möglichst wenig über seinen Inhalt wissen. Soviel sei gesagt: diese Geschichte einer Trennung ist ein durchgehend spannendes, packendes und sehr menschliches Drama, das von einem glaubwürdigen, nachvollziehbaren Script, beeindruckender Regie und perfekten Darstellern getragen wird. Völlig zurecht hat der Film auf der Berlinale Preise für den Besten Film und Beste Darsteller/in abgeräumt. Dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film dürften allenfalls politische Gründe im Weg stehen.

Platz 3: The Tree of Life

Terrence Malick lässt sich in der Regel viel Zeit um einen neuen Film zu machen, doch wenn es dann soweit ist, kann man sich (fast immer) sicher sein, großes Kino auf der Leinwand zu erleben. The Tree of Life ist keine Ausnahme. Der Film mag nicht gerade leicht zugänglich zu sein und manch einer wird aufgrund des teils sehr religionslastigen Inhalts und der gesamten 'Arthouseigkeit' überhaupt keinen Zugang finden. Doch wer sich auf den Film einlässt und etwas Gabe zur Eigeninterpretation mitbringt kann in The Tree of Life viel entdecken. Mit- und Nachdenken ist hier wahrlich nötig, denn Malick sprengt bei seinem neuesten Geniestreich jegliche klassiche Erzählform und spannt seine Geschichte, in dessen Zentrum ein Familiendrama steht, von der Entstehung der Welt bis ins Jenseits. Ein höchst ambitioniertes Werk, das in unfassbar schönen Bildern eingefangen wurde. Wer also inhaltlich keinen Zugang findet, kann sich immernoch von der großartigen Bilderflut erschlagen lassen. Ein Film, den man im Kino gesehen haben muss! Anmerkung: Die erste Schnittfassung ging offenbar 8 Stunden, die Kinofassung hingegen nur 139 Minuten. Angeblich arbeitet Malick an einer 6-stündigen Fassung. Diese wäre dann möglicherweise leichter verständlich. Ich würde sie jedenfalls sofort ansehen!

Platz 2: Black Swan

Bereits im Januar kam Black Swan in die deutschen Kinos und was war das für ein Auftakt in das neue Kinojahr! Zuzuschreiben ist dies vor allem zwei Personen: 1. Natalie Portman, die hier eine unglaubliche toure de force hinlegt und eine der besten darstellerischen Leistungen hinlegt, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Kein Skandal über darüber, wie groß der Anteil der von ihr selbst dargebotenen Ballettszenen nun wirklich war, kann daran rütteln. Der Oscar musste kommen und er kam. 2. Darren Aronofsky. Auch er hätte meines Erachtens einen Oscar für seine Regieleistung verdient gehabt. Der Beitrag des Regisseurs zu großen darstellerischen Leistungen wird oft vernachlässigt und neben Natalie Portman führt er auch Vincent Cassel und Mila Kunis extrem gekonnt. Mit nur 13 Millionen Dollar hat Aronofsky einen ungemein packenden Film mit intensiver, geradezu elektrisierender Bildsprache geschaffen. Und obwohl man schon früh ahnen kann, wie der Film endet (und ein besseres Ende ist nicht denkbar), blickt man als Zuschauer dennoch über die gesamte Laufzeit gebannt auf das spannende Treiben. Lange war ich fest davon überzeugt, dass im Kinojahr 2011 kein Film mehr kommen könnte, der das Potenzial hätte Black Swan vom Thron zu stoßen. Doch dann kam …

Platz 1: Melancholia

Zu Lars von Triers Meisterwerk Melancholia muss ich wohl kaum noch viele Worte verlieren, dies habe ich ja schon mehr als ausführlich an anderer Stelle getan. Es ist der Film, der mich in diesem Jahr am meisten gepackt hat und über seine volle Laufzeit mitreissen konnte, der mich hinterher noch lange beschäftigt hat und auch nach Zweitsichtung nichts von seiner ungemeinen Kraft verloren hat. Meine ausführliche Meinung kann man hier nachlesen.


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Die Top 10 des Kinojahres 2011


Es ist wieder mal rum! Vorgestern sind die letzten Filme für dieses Jahr in den deutschen Kinos angelaufen, DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen bekommt man bis heute noch in den Videotheken. Insgesamt ein ordentliches Jahr, wie ich finde. Keine allzu vielen Highlights, aber auch keine vielen Enttäuschungen. Ich will mich an dieser Stelle auch nicht etwa über Statistiken oder dergleichen auslassen – wobei fest steht, dass ich in diesem Jahr nicht sehr häufig im Kino war, vieles habe ich auf Blu-ray nachgeholt -, sondern vielmehr auf zwei Dinge eingehen. Zum einen hatte ich sehr, sehr lange keine eindeutige Nummer eins. In den letzten Jahren wusste ich meist schon im ersten Halbjahr, was mein Favorit sein würde. Dieses Jahr hat es sehr lange gedauert, da ich ihn erst sehr spät gesehen habe.

Des Weiteren ist es auch keine Nummer eins, von der ich in allerhöchsten Tönen spreche oder die ich gar mehrmals gesehen habe. Sie ist eher eine Notlösung, da mich in diesem Jahr – was eigentlich sehr traurig ist – kein Film so richtig von den Socken gehauen hat. Einzelne Szenen oder Momente, ja, aber kein Film als Ganzes. Das hat mir 2011 schon irgendwie gefehlt. Natürlich stört es mich auch ein klein wenig, dass ich nun quasi die Standard Nummer eins habe, die man in diesen Tagen auf gefühlt jeder zweiten Liste liest. Aber sei's drum, das spricht nur weiter für den Film, dessen eine Sequenz ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

Zum anderen wäre da die traurige Tatsache, dass die deutschen und amerikanischen Starttermine immer weiter auseinander klaffen. Die Hälfte nicht nur meiner Liste, konnte man so schon im letzten Jahr bei der amerikanischen Kritik finden. In diesem Jahr finden sich bei den amerikanischen Kollegen dafür wieder Filme, die bei uns erst kurz vor den Oscars oder gar danach anlaufen (z.B. Drive und Hugo). Dass das markttechnische Gründe hat, ist mir durchaus bewusst und macht ja auch Sinn, ist aber insofern schade, als sich die Listen dadurch immer weniger decken und eben um ein oder sogar mehrere Jahre nach hinten verschieben – erst recht bei den Dokus. Würde man nun ganz auf Festivaltermine verzichten und lediglich deutsche Kino- und Videostarts berücksichtigen, dann hätte ich mir meine Top 10 fast schon aus den Fingern saugen müssen.

Bevor wir zu den Filmen kommen vielleicht noch einige Filme, die ich nicht mehr geschafft habe zu schauen. Allen voran The Skin I Live In (La piel que habito), A Separation (Jodaeiye Nader az Simin) oder Hobo With a Shotgun. Besonders den Almodóvar hätte ich gern gesehen, weil ich anfangs überhaupt kein Interesse hatte, sich die positiven Stimmen dann aber überschlugen – und spätestens als ich von Nip/Tuck-Reminiszenzen hörte, hatte er mich. Sogar einen major wie The Fighter habe ich noch immer nicht gesehen (was diverser Meinungen aber auch nicht weiter schlimm sein soll). Das werde ich dann eben im kommenden Jahr nachholen. Plus weitere viele gute Filme, hoffe ich.

10. The Devil’s Double

09. Midnight in Paris

08. The King’s Speech

07. Black Swan

06. Super 8

05. Transformers: Dark of the Moon

04. The Veteran

03. Scream 4

02. The Woman

01. The Tree of Life

Runners-up: I Saw the Devil (Akmareul boatda), Margin Call, New Kids Turbo, Take Me Home Tonight, SUPER, A Serbian Film (Srpski film)


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Das Streben nach Perfektion: 'Black Swan'


Bereits Natalie Portmans sonst so unschuldig wirkendes Gesicht, das mit Make-Up nur so zugekleistert ist und auch das Poster zu Black Swan ziert, wirkt irgendwie unheimlich. Es ist die Subtilität, die Andeutung, aus der Darren Aronofsky den wahren Schrecken bezieht – wie in der wohl berühmt-berüchtigsten Szene aus Requiem for a Dream oder der finalen Szene aus The Wrestler, die von lautstarkem Fangeschrei untermalt wird. Auch das Finale in Black Swan ist laut: Das Publikum ist einmal mehr anwesend; nicht nur das Publikum im Kinosaal – welches konträr dazu muxmäuschenstill ist -, sondern allen voran das Opernpublikum, das gerade dem Finale von Schwanensee entgegenfiebert. Nina Sayers (Natalie Portman) steht im Mittelpunkt, hat schließlich das erreicht, von dem sie immer zu geträumt hat. All ihre Zeit und Kraft hat sie in diesen Auftritt investiert. Er soll nicht nur ihre Katharsis sein, sondern auch eine Art Denkmal, mit dem sie wie bereits ihre Vorgängerin (Winona Ryder) unvergesslich werden soll. Was nach einer weiblichen Version von The Wrestler klingt, ist in der Tat eine folgerichtige und konsequente Fortsetzung zu Mickey Rourkes Wrestlerdrama, mit dem er sich zurück an die Spitze katapultierte.

Der Unterschied zwischen The Wrestler und Black Swan – bei all den Parallelen, die beide Filme miteinander verbinden – ist allerdings, dass es sich bei Nina Sayers um die Rolle ihres Lebens handelt (bei Rourke ja eher um eine Renaissance). Portmans Spiel ist so eindringlich und authentisch, dass Rollen wie Königin Amidala, für die sie lediglich traurig dreinschauen musste, nahezu vergessen scheinen. Portman ist die perfekte Besetzung für Nina, die gefangen ist zwischen Selbsterfüllung, Selbsthass und der Entdeckung ihrer selbst. War sie in nahezu all ihren vorherigen Rollen noch die unschuldige Sauberfrau, verwandelt sie Aronofsky in einen buchstäblich weißen Schwan, der allerdings auch die böse Zwillingsschwester in sich trägt. Aronofsky ist sich der Ambiguität von Portmans Figur bewusst und weiß diese geschickt für sich zu nutzen. Wirkt Nina in einer Szene noch wie das unschuldige 13-jährige Mädchen, das lediglich tanzen möchte und auf alles hört, was ihre Mutter (Barbara Hershey) ihr sagt, ist sie in der nächsten Szene die undschuldige Lolita, die weiß, was sie will. Nina erscheint wie ein Gustav von Aschenbach, hin und hergerissen zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen.

Dieser ist dann auch jener Konflikt, auf den sich Aronofsky mit seinem Film konzentriert. Während Nina zu Beginn noch wie das zerbrechliche kleine Wesen wirkt, dem man am liebsten zu Hilfe eilen würde – wunderbar veranschaulicht durch Aronofskys tracking shot, den er bereits in The Wrestler häufig zum Einsatz brachte -, entwickelt sie sich im Laufe des Filmes immer mehr zur selbstbewussten Frau. Sie durchlebt eine Art zweite Pubertät, die sie nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch verändert, ja selbstständiger macht. Es sind genau jene Momente, in denen Black Swan offenbart – und doch wieder nicht, da vieles lediglich angedeutet wird -, das es sich primär um einen psychologischen Film handelt und nicht etwa um einen Horrorfilm. Aronofsky kombiniert Motive des Horrorfilms mit denen des Psychothrillers und kann somit nahezu komplett auf selbstzweckhafte Darstellungen oder gar Szenen verzichten. Es ist ebenjene Andeutung, die seinen Film so spannend und psychologisch interessant machen. Man fragt sich schließlich, welche Schuld Ninas Mutter trifft, wenn sie ihre Tochter dazu zwingt ihre Nägel möglichst kurz zu halten oder sie spätabends nicht mehr aus dem Haus zu lassen. Ist das alles nur Selbstschutz oder ist Ninas Mutter ein erfolgloses Abbild ihrer selbst, das es nie zu Ruhm und Ehre geschafft hat, der Nina nun sicher scheint? Auch Barbara Hersheys körperliche Präsenz spielt hier eine wichtige Rolle, scheint sie im Gegensatz zu Ninas zerbrechlicher Statur doch fast schon ein Ungetüm zu sein.

Black Swan ist ein buchstäblich physischer Film: Aronofsky bereitet Ballet, das einen eher langweiligen Ruf hat, so auf, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, was zu einem Großteil natürlich auch Portman selbst zu verdanken ist, deren Leistung gerade auch deshalb nicht zu unterschätzen ist. Black Swan besitzt nicht wenige Szenen, die gerade ob der spektakulären Balleteinlagen den Eindruck vermitteln, dass hier viel technische Arbeit dahintersteckt, und zwar für alle Beteiligten. Vor allem in seinen Motiven ist der Film aber eine Art Körperkino. Psychische Qualen und Schmerzen entladen sich immer wieder in physischen Wunden, für deren Intensität der Film dann doch hin und wieder eine etwas drastischere Darstellung wählt. Ohnehin ist Black Swan ein sehr dunkler Film. Es gibt nur wenige Szenen, in den überhaupt Tageslicht wahrnehmbar ist oder gar dominiert. Die meiste Zeit verbringen wir in gedimmten Balleträumen oder in dunklen Opernsälen, die in Kombination mit dem sehr lauten Sounddesign und Clint Mansells wunderbarem Score, der gekonnt Motive des Schwanensee verarbeitet, alles andere als einladend und gemütlich sind. Aber gemütlich oder gar angenehm ist an Black Swan sowieso rein gar nichts. Will man die Grazie des Ballet genießen, so ist es beispielsweise Vincent Cassel, der mit seiner unterkühlten und unberechenbaren Figur alles aus dem Gleichgewicht bringt.

Es ist gerade dieses Gleichgewicht, das Nina sucht, aber zu keinem Zeitpunkt im Film findet. Auch für Aronofsky ist das Gleichgewicht kein wünschenswerter Zustand. Wenn er gerade nicht am Ballet selbst oder Ninas Psyche interessiert ist, sind es die sexuellen Untertöne, die sich durch den gesamten Film ziehen, und die mal subtiler, mal weniger subtil – der ganze Film ist ohnehin auch als eine Deflorationsmetapher zu lesen – den Film noch verstörender wirken lassen. Trotz großer Oscarchancen mag Black Swan kein Film für die Ewigkeit und auch kein Meisterwerk sein, auch, weil er bisweilen unfreiwillig komisch anmutet. Black Swan dürfte vor allem aber eines sein: der Film, der Natalie Portman ewig anhaften wird. (8.5/10)


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