Trailer zu Errol Morris' Rumsfeld Doku 'The Unknown Known'

Fast vier Jahre ist es schon wieder her, dass Dokulegende Errol Morris mit Tabloid eine feature length-Doku in die Kinos brachte. Im April erscheint sein neuer Film The Unknown Known in den US-Kinos und als VOD. Darin begleitet er Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – von dessen Anfangstagen als Abgeordneter bis zur Irak-Invasion 2003. Der Trailer verspricht ein Gänsehauterlebnis wie der thematisch sehr ähnliche The Fog of War. Ob der Film auch hierzulande starten wird, bezweifle ich. Aber zum Glück gibt es ja VOD.

(Via Film Junk)


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Re-enacting War Crimes: 'The Act of Killing' Doku Trailer

Indonesien, 1965: Bei einem Militärputsch sterben mehr als 1 Millionen Menschen. Drei der dafür verantwortlichen Kriegsverbrecher stellen nun ihre Kriegsverbrechen nach, und zwar für die Doku The Act of Killing, die in Toronto zu sehen war und für mehr als nur gemischte Reaktionen sorgte. Was absolut insane klingt, ist es auch, lauscht man den Worten der Jungs von Film Junk ("It's the weirdest and craziest thing I saw at TIFF, it was insane!"). Es handelt sich im Prinzip um American Movie – mit dem Unterschied, dass es sich bei den Filmemachern um Massenmörder handelt, die nie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen wurden.

Schaut man sich den Trailer zur Doku an, die von Werner Herzog und Errol Morris produziert wurde, dann stellt man schnell fest, dass es sich hierbei um harten Tobak handelt, denn die Männer gehen ganz offen mit dem um, was sie getan haben und sind nicht selten stolz darauf. Darf man lachen? Darf man den Film überhaupt gut finden? Fragen, die sich viele nach der Sichtung in Toronto stellten. Fest steht jedenfalls, dass es sich bei diesem Projekt um einen äußerst interessanten Film handelt, der in meiner Must-Watch-Liste sofort um einige Plätze nach oben geklettert ist.


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Mormonen, Sex-Spielchen und der Boulevard: 'Tabloid'


Dass Schönheitsköniginnen und Missionare im Dienste der Mormonen nicht unbedingt eine gute Paarung sind, dürfte jedem bewusst sein, der einmal mit einem der beiden Typen Mensch in Kontakt gekommen ist. Der einen geht es um den Erfolg und ihr Äußeres, dem anderen um das Leben nach dem Tod, wenn er schließlich zur Gottheit werden soll. Gegensätze ziehen sich bekanntermaßen ja aber auch an. Manchmal zumindest. So auch im Falle von Ex-Miss Wyoming Joyce McKinney und dem jungen mormonischen Missionar Kirk Anderson. Angeblich war es Liebe auf den ersten Blick, so stellt es zumindest Joyce McKinney dar, der sich Errol Morris' jüngste Doku Tabloid annimmt. Doch es ist nicht nur McKinneys Sicht der Dinge, der Morris Platz einräumt, es sind auch die 'Mitverschwörer' und englische Journalisten, die zu Wort kommen und ihre Version der Geschichte erzählen. Letztere sind für den Skandal, der eigentlich keiner ist, darf man McKinney glauben, maßgeblich verantwortlich, lieferten sich Daily Mirror und Daily Express doch eine erbitterte Schlacht um den vermeintlichen Mormonen-Sex-Skandal, der alles beinhaltete, was der Boulevard so liebt: Eine hübsche junge Frau, eine Entführung, Vergewaltigung und diverse Sexspielchen. Während sich die Regenbogenpresse mit Schlagzeilen versucht gegenseitig zu übertrumpfen, ist der Leidtragende wie immer das Objekt der Begierde (hier sogar buchstäblich).

Morris' Film beginnt mit der Version Joyce McKinneys, die ausführlich zu Wort kommen darf und der man ob ihrer Emotionalität sofort jedes Wort glauben mag. Sie habe natürlich gewusst, dass sein Glaube ein Hindernis sei, aber es sei doch schließlich Liebe gewesen. Liebe, die Kirk erwiderte – bis er nach England als Missionar abberufen wurde und dort laut McKinney einer Art Gehirnwäsche unterzogen wurde. Da beschloss sie kurzerhand nach England zu fliegen und ihn mit einigen Gehilfen zu entführen (inklusive einer Fake-Pistole) – beziehungsweise zu befreien. Danach gaben sie sich auf einem Landsitz einige Tage der Lust hin. Und von dort an gab es natürlich kein Zurück mehr für den jungen Mormonen. Schon bald sollte auch der Boulevard davon Wind bekommen, denn schließlich wurde McKinney mit Haftbefehl gesucht und letztlich auch geschnappt. Bis hierhin sind die Geschichten aller Parteien auch nahezu deckungsgleich. Doch als wäre diese Geschichte noch nicht verrückt genug, sollte der ganze Skandal noch deutlich skurrilere Züge annehmen, in dessen Verlauf es dann nur noch Verlierer gibt – vielleicht nicht ökonomisch, aber definitiv emotional.

McKinney gesteht im Laufe des Interviews mit Morris, der hier explizit nachfragt und mit Begrifflichkeiten weiterhilft, dass sie alles andere als ein Unschuldslamm ist. Und dennoch war die Motivation hinter allem, was sie getan hat, doch einfach nur unbändige Liebe. Sie ist gezeichnet, nicht nur physisch durch mehrere Hundeangriffe und Boulevard-Journalisten, sondern auch durch die Geschichte selbst, die ihr noch immer äußerst nahe geht, ja sie sogar bis kurz vor den Suizid trieb. Und dennoch ist diese Frau nicht unterzukriegen, denn etwas Stolz schimmert in ihren Worten immer auch mit. Bei vielen Details kann sie sogar herzhaft lachen, feiert sie ein Stück weit doch auch ihre Intelligenz und Durchtriebenheit, aus der sie zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis macht. Tabloid ist ihr weniger Projektionsfläche, als vielmehr eine Art Katharsis, die ihr dabei hilft, dieses Lebenskapitel ein für allemal abzuschließen. Weniger damit abgeschlossen zu haben, scheinen die Journalisten, die noch immer davon erzählen, als wäre es erst gestern und nicht in den Siebzigern passiert. Noch immer brüskieren sie sich damit, wie effektiv und besser ihr jeweiliges Medium gearbeitet habe. Und genau hierin liegt auch die Kraft von Tabloid, rollt der Film doch nicht nur einfach eine alte Boulevard-Geschichte wieder auf, sondern zeigt er damit deutlich, wie der Boulevard auch heute noch funktioniert.

Es ist egal, welchen Wahrheitsgehalt eine Geschichte hat, so lange sie sich gut verkaufen lässt und das 'Opfer' immer wieder nachlegt (freiwillig oder unfreiwillig). Dabei bleibt sich Morris auch selbst treu, ist er doch immer auch an verschiedenen POVs interessiert, die sich nicht immer zu einem kohärenten Ganzen zusammensetzen lassen. Dass er seinen talking heads dabei das entlocken kann, was er ihnen entlockt, ist beeindruckend und professionell zugleich. Tabloid ist ein wahres Wechselbad der Gefühle: Einmal fühlt man Mitleid, dann wieder Verachtung und wieder ein anderes Mal will man sie einfach alle nur dazu bringen, dass sie ihren Mund halten und die Geschichte endlich ruhen lassen. Dass nach der Geschichte aber oft vor der Geschichte ist, zeigt Tabloid schließlich, wenn er dem Ganzen noch eines draufsetzt und einen kurzen Exkurs über geklonte Hunde macht, die McKinney bis heute Partnerersatz sind. Und dann noch dieser südkoreanische Arzt, der die undurchsichtigste aller Interviewpartner ist – mit Tabloid beweist Errol Morris einmal mehr, warum er solch eine Institution im Genre ist. (8.5/10)


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Trailer zu Errol Morris' neuer Doku 'Tabloid'

Ich habe fast jeden Tag auf YouTube und Konsorten geschaut, ob der Trailer endlich draußen ist, seit ich von Errol Morris' neuer Doku Tabloid gehört hatte. Heute wurde der Trailer dann endlich veröffentlicht, und er sieht fantastisch aus. Die Doku war bereits im letzten Jahr in Toronto zu sehen – wo sie ein sehr positives Echo erfuhr -, schafft aber erst jetzt den Weg zur regulären Veröffentlichung. Errol Morris geht darin der Yellow-Press-Geschichte um einen jungen Mormonen nach, der angeblich von einer früheren Schönheitskönigin sexuell missbraucht wurde – ein gefundenes Fressen für die Presse. In den Staaten bekommt der Film ab 15. Juli einen (wohl kleinen) Start gegönnt, dass er es aber auch nach Deutschland schafft, daran habe ich keine Zweifel, denn bisher haben alle jüngeren Morris-Dokus eine Kinoauswertung erfahren.

(Via The Documentary Blog)


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Tausend Worte sagen mehr als ein Bild

Standard Operating Procedure
(Errol Morris, USA 2008)
Kino

Keine Frage, die militärische Intervention der Koalitionstruppen, die 2003 im Irak begann, war nie sonderlich populär. Doch welcher Krieg ist schon populär? Noch schwerer kann man es sich eigentlich kaum machen, allen voran, wenn man USA heißt und einen Präsidenten wie Bush Jr. im Oval Office sitzen hat. Kann man? Ja, man kann, wie die Bilder aus Abu Ghraib, dem wohl bestbekannten irakischen Gefängnis zeigten. Genau jene Fotos, die uns wohl für immer im Gedächtnis bleiben werden, machte sich Dokulegende Errol Morris zum Sujet und folgte ihnen von ihrer Entstehung, über ihre Manipulation, bis hin zu ihrer Veröffentlichung in den Medien – und beweist damit, dass 1000 Worte manchmal doch viel mehr sagen als ein Bild. Er geht nämlich viel tiefer, schaut hinter die Bilder, die die Medien so reißerisch auseinander nahmen und zeigt die wahren Täter – und Opfer. Ja, es gab hier Opfer, und sie waren nicht nur irakischer, sondern auch amerikanischer Nationalität. Im Schach nennt man diese Bauernopfer.

Völlig frei von Exploitation kommt Morris' Film natürlich nicht aus, das war bereits im Trailer ersichtlich; man denke nur an den in Zeitlupe abgelichteten, zähnefletschenden Wachhund, unterlegt mit Danny Elfmans elegischer musikalischer Untermalung. Doch solch eine Thematik völlig ohne Wertung angehen, ist so etwas überhaupt möglich. Das gelang nicht einmal Zoo, der zwar ziemlich nah dran war, sich von der einen oder anderen bisweilen reißerischen Szene aber ebenfalls nicht völlig lossagen konnte. Morris versucht dennoch sein Bestes, das sieht man Standard Operating Procedure an. Auf den ersten Blick scheint das alles eine deutliche Sprache zu sprechen. Was man in den Medien gesehen hat, war schlicht und ergreifend unmenschlich, gegen jede Regel des Krieges verstoßend und absolut inakzeptable. Doch was ist die Geschichte, die hinter den Fotos steckt? Ist wirklich alles so geschehen, wie auf den Bildern zu sehen? Morris liefert hier eine Antwort, die deutlicher nicht sein könnte, und sie lautet nein, es ist nicht alles so passiert, wie auf den Bildern zu sehen.

Sie waren jung, gerade einmal 19 oder 20 Jahre alt, keine Offiziere, sondern enlisted, also von Mannschaftsdienstgraden. Morris ruft uns ins Gedächtnis, dass man in diesem Alter bei weitem noch nicht Herr der Dinge ist, zumal die jungen Soldaten und Soldatinnen im Schnellkurs in Sachen Abu Ghraib instruiert wurden. Hinzu kommt die Liebe der zwei Soldatinnen zu ihren Vorgesetzten, die wiederum in die Pläne – zumindest tiefer gehend – eingeweiht waren als ihr weibliches, deutlich jüngeres love interest. Morris lässt ebendiese Personen fast zwei Stunden zu Wort kommen, und selbst diese zwei Stunden scheinen bei Weitem nicht für all die Komplexität dieses (Vor)Falles zu reichen, um ihn wirklich zu analysieren. Lynndie England und ihre Kameraden wollten immer wieder in Erfahrung bringen, was hier überhaupt vor sich geht, doch keiner der Militärgeheimdienstler klärte sie hinreichend auf. Vielmehr wurde das militärische Autoritätensystem ausgenutzt um die jungen Soldaten das zu machen, was sie heute bisweilen bereuen.

Eine der Soldatinnen echauffiert sich, dass es doch nur Bilder seien, ohne jedoch die Konsequenzen eines einzigen Schnappschusses im Kopf zu behalten. Doch warum überhaupt Bilder, warum dachte niemand an eventuelle Folgen? Diese Frage vermag auch SOP leider nicht hinreichend zu beantworten, denn diese Frage scheint mindestens so geheimnisvoll umhüllt zu sein wie der Militärgeheimdienst, der alles anordnete. Genau hier kommen auch Morris' Reenactments ins Spiel. Es sind intensive Szenen, bisweilen pathetisch, doch vermitteln sie einen Eindruck davon, was im Irak anno 2004 unglaubliches vor sich ging. Dabei steht jedoch nie das Gesicht der Iraker im Fokus, vielmehr das verletzliche Fleisch. Genau mit diesem spielte man auch Spiele, die zum Teil jedoch – das stellt Morris recht früh und nüchtern da – nichts anderes als eben Standardprozedur waren (beispielsweise wurde der Iraker, der an einen Stormkreis angeschlossen zu sehen ist, nicht gefoltert, da der Stromkreis nie ein solcher war, sondern vielmehr eine Attrappe). Eine Standardprozedur, die von ganz oben festgeschrieben und befohlen wurde. Da kann auch der weibliche Ein-Stern-General nur mit den Ohren flackern, denn auch sie erfuhr nur durch ein Memo, dass sie all ihrer Pflichten enthoben sei.

Morris sucht keinesfalls nach Absolution für die Täter, vielmehr bringt er Licht ins Dunkel. Licht, ins Dunkel der Fronten, die klar verteilt waren, Sieger und Verlierer von Vornherein festlegten. Richtig interessant wird dieser Aspekt, begibt sich Morris einmal auf die technische Schiene und erläutert, wie stark die Bilder bisweilen beschnitten wurden, um die Opfer-Täter-Rollen klarer zu definieren – und die schlampige Arbeit der Medien vorzuführen, für die das Ganze natürlich ein gefundenes Fressen in einem ohnehin alles andere als prestigeträchtigen Krieg war. Morris blendet Typenbezeichnung der verwendeten Kameras ein, zeigt technisch haargenau auf, wie es zur Veränderung der Fotos kam und wie sich die Bilder das ein oder andere Mal sogar überschnitten. Wenn ein Regisseur das alles wieder rekonstruieren kann, warum können es die großen Nachrichtenagenturen dann nicht? Oder wollen sie ganz einfach nicht?

Am Ende bereuen dann nicht alle ihre Taten, vielmehr berufen sie sich auf ihre Naivität und die Umstände. Doch die einzigen Fragen, auf die Morris' Film eine Antwort findet, sind gerade einmal zwei Stück: Was war SOP, was war außerordentlich? Die deutlichste Antwort ist dem Zuschauer zwar schon lange klar, wird von Morris aber noch einmal verstärkt, denn man kann es nicht oft genug aufzeigen: Die wahren Täter sitzen nicht im Irak, sie sitzen hinter ihren großen Schreibtischen, geben Befehle und lassen andere die Schmutzwäsche waschen (so gab es beispielsweise genügend Iraker in Abu Ghraib, die zurecht saßen, sei es wegen Mord oder Vergewaltigung). Die finale Texttafel macht es dann endgültig: No one above the rank of staff sergeant was being held responsible for the events. Da scheint man den tatsächlichen Ausführen fast schon zu verzeihen (was aber genau das Gegenteil dessen wäre, was der Film will) und erkennt, dass Bays Philosophie dann doch nicht allzu weit von der Realität entfernt zu sein schein. (8.5/10)


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'Standard Operating Procedure': Trailer zur Morris Doku

Bisher kenne ich ja nur The Fog of War von Dokufilmer Errol Morris. Dieser hat mich damals so was von gepackt, dass ich seinen Neuen, Standard Operating Procedure, der auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären geehrt wurde, kaum mehr erwarten kann. Das Thema ist einmal mehr eines, über das die meisten wohl eher das Tuch des Schweigens legen würden: Die Folterfotos im irakischen Militärgefängnis Abu-Ghuraib. Erstaunlich auch, dass der Trailer (480p/720p/1080p) erst jetzt offiziell erschienen ist, obwohl der Film ja bereits letzten Monat in Berlin lief. Deutscher Kinostart ist der 29.05.

‘Standard Operating Procedure’


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