Der komplette Machtverlust: 'The Ides of March'


Dass Politik nicht immer ein ganz sauberes Geschäft ist, weiß jeder, der die Tageszeitung liest oder im Fernsehprogramm auch mal zu den Nachrichten zappt. Weder Staaten noch Parteien schenken sich etwas, geht es um Intrigen, Korruption oder die Verbindung zwischen Politik und Wirtschaft. Die Welt ist schlecht und ungerecht, die Politik trägt dabei einen nicht gerade kleinen Teil dazu bei. Davon scheint zumindest George Clooney überzeugt zu sein, der sich immer wieder äußerst politisch gibt. Sei es nun in seiner Rolle als Darsteller oder wie in Good Night, and Good Luck. auch als Regisseur. Seinen neuen Film hätte er zeitlich nicht besser timen können, denn The Ides of March kommt zu einer Zeit, in der der amerikanische Vorwahlkampf auf Hochtouren läuft, auch wenn es dieses Mal nur die Republikaner sind, die einen geeigneten Kandidaten für das Amt des Präsidenten suchen. Das spielt für Clooneys Film aber ohnehin nur eine untergeordnete Rolle, bezieht sein Film doch erstaunlicherweise nicht eindeutig Stellung. In seinem Szenario schenken sich die beiden großen Parteien der Vereinigten Staaten nicht viel, auf beiden Seiten tobt sie Schlammschlacht. Und dann passiert es doch: In einem bedeutenden Moment des Filmes ist Clooneys Governor Morris der Meinung, dass die Demokraten endlich von den Republikanern lernen müssten. Unlautere Methoden meint er damit natürlich.

Clooney, der alte Demokrat, macht nicht einfach nur Zugeständnisse, sondern zeichnet ein äußerst dunkles Bild der politischen Landschaft, das weder schwarz und weiß, noch Gewinner und Verlierer kennt. Auch die Gewinner sind hier eigentlich nur Verlierer, denn sie haben nicht nur ihre eigenen Prinzipien verraten – das Fatalste, was ein Politiker tun kann -, sondern auch ihre Mitarbeiter, Freunde und Wähler verraten. Es ist durchaus ansehnlich wie es Clooney gelingt, sich selbst erst als Heiland mit stahlend-weißem Lächeln zu inszenieren (inklusive abgekupfertem Obama-Hope-Poster), nur um ihn später in eine äußerst ambivalente Figur zu verwandeln. Es verhält sich dabei wie in der echten Politik: Man lässt sich durch das Äußere und die Rhetorik täuschen, die berechnender kaum sein könnte und meist nicht einmal im Ansatz ernst gemeint ist. Man gibt dem (potentiellen) Wähler einfach das, was er hören möchte und lässt sich bei jedem von ihnen mal blicken. Die, die dennoch gegen ihn sind, bekommt er einfach, in dem er seine Positionen – oder besser gesagt seine Formulierungen – anpasst. Dieser Governor Mike Morris glaubt nicht an Gott, Allah oder gar einen anderen Gott – er glaubt an Amerika. Eine Aussage, die ihm gelinde gesagt gemischte Reaktionen einbringt.

Clooneys fiktiver Wahlkampf, der parallel zum echten Wahlkampf läuft, ist gerade am Anfang von vielen Analogien und Parallelen gezeichnet, die genau die richtige Richtung vorgeben, die der Film später aber nicht wirklich einschlägt. Es wird schnelles, verschachteltes Polit-Sprech gesprochen, das es des Öfteren erst einmal zu entziffern gilt, das gleichzeitig aber auch diese Authentizität aufbaut, die man dem Film so hoch anrechnet. Clooney ist zumindest anfangs nicht sehr darum bemüht, dem Zuschauer das alles verständlich und goutierbar zu machen, sondern er will ihn absichtlich herausfordern. Politik erfordert einen langen Atem, erst recht von jenem, der bei all den Rauchbomben, die von Politikern geworfen werden, dennoch durchblicken möchte. Man weiß lange nicht, wer nun eigentlich Freund und Feind ist, geschweige denn wen man selbst wählen würde. Es stellt sich dann aber recht schnell heraus, dass man sie alle nicht wählen wollte – und erst recht nicht für sie arbeiten. Stepehn Meyers (Ryan Gosling) tut es dennoch, wenn auch nicht ohne Hintergedanken. Während er lange Zeit die einzige Figur ist, mit der man sich zumindest ansatzweise identifizieren könnte, soll auch sein Fall kommen; auch wenn bei ihm die Fallhöhe bei weitem nicht so groß ist wie bei seinem 'Präsidenten' Morris.

The Ides of March macht lange Zeit vieles richtig, und man ist nicht nur ob des tollen Schauspielkinos angetan – bis das dunkle Geheimnis Morris' ans Licht kommt und Clooneys Film leider in gewöhnliche Bahnen abdriftet. Diese Richtung, die der Film dann einschlägt verschenkt zu viel von dem Potential, das er anfangs aufgebaut hat und kommt mit Wendungen um die Ecke, die weder spannend, noch überraschend sind. Den Anspruch, den Clooney für sich selbst erhebt, kann er leider nicht aufrecht erhalten. Das Politthrillerdrama, das nicht selten an ein Stück von Shakespeare erinnert (das ihm ja indirekt auch den Titel gegeben hat), bekommt nun eine Dramaturgie, die nur noch durchexerziert wird und nun nicht mehr an Shakespeare, sondern vielmehr an einen ZDF-Sonntagsfilm erinnert. Das ist angesichts dessen, was uns The Ides of March anfangs präsentiert natürlich umso bitterer. Dennoch bleibt ein hervorragend gespielter, politisch hochaktueller Film übrig, der bei den Oscars sicher nicht unbeachtet bleiben dürfte. (7/10)


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Trailer zu George Clooneys 'The Ides of March'


George Clooneys The Ides of March (Wikipedia erklärt, was es mit dem Titel auf sich hat) dürfte bei den Oscars im nächsten Jahr durchaus berücksichtigt werden, denn der erste Trailer zum Film (480p/720p/1080p) sieht nach typischem Oscarmaterial aus, mit dem Unterschied zu vielen anderen Oscar-bait-Filmen, dass das Ganze wirklich sehr gut aussieht. Ryan Gosling spielt Clooneys Berater, der vom Konkurrenten abgeworben werden soll und die schmutzigen kleinen Spielchen der Politik kennen lernt. Alexandre Desplat steuert den Score bei. Deutscher Start ist am 22. Dezember.


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Der einsame Tagelöhner: 'The American'


Es gibt in Anton Corbijns The American eine Szene, in der George Clooney in einem Café sitzt und seinen Espresso genießt. Im Hintergrund ist Renato Carasones Klassiker 'Tu vuò fà l'americano' zu hören. Ein schöner Anachronismus, könnte man meinen. Jeder, der in diesen Tagen jedoch dem Radio lauscht, weiß, dass das Stück dank einem äußerst erfolgreichen Cover wieder in aller Munde ist. Ein veränderter Text und ein paar zusätzliche Beats und schon hat man einen aufpolierten Song – aus alt mach neu quasi. Der Song ist aber nicht das Einzige, mit dem Corbijns zweiter Spielfilm auf Altbewährtes setzt. Er setzt vor allem auf eines: Ruhe. In Zeiten, in denen ein Kamerastativ nicht weniger als ein Anachronismus angesehen wird, tut es unglaublich gut, einen Regisseur zu sehen, der weiß wie man mit ruhigen, stillen Bildern arbeitet. The American ist ruhig, manchmal sogar statisch, aber nie langweilig. Dabei geben die Anfangscredits bereits den Weg vor: Clooney fährt in einem alten Wagen durch einen langen Tunnel eher er im hellen Abendrot ankommt, dabei nimmt man lediglich Umgebungsgeräusche und Herbert Grönemeyers wundervolle Musik wahr, die die ewig lange Einstellung vom fast schon stoisch wirkenden Jack (Clooney) perfekt untermalt. Es sind Einstellungen, die man in heutigen Thrillern fast schon mit der Lupe suchen muss.

Diese Vorliebe für das Bild an sich, für die Mise-en-scène und ihre Wirkung auf den Zuschauer zieht sich dann auch wie ein Leitmotiv durch Corbijns gesamten Film. Die Geschichte wird dabei schnell sekundär. Ein einsamer Killer, der die Schnauze voll vom Business hat und sich nach einem letzten Auftrag endlich absetzen und nur noch zur Ruhe kommen will. Das ist wahrlich keine Neuerfindung des Rads, aber das ist Corbijn auch bewusst. Selten versucht er sich bei typischen Thrillerelementen zu bedienen, stattdessen ist der Ausgang des Ganzen bereits lange vor dem eigentlichen Klimax offensichtlich. The American ist vielmehr am Zwischenmenschlichen, am Psychologischen interessiert. Jack – allein der Name des Protagonisten könnte generischer kaum sein – meint in einer der ersten Szene mit dem Priester (Paolo Bonacelli), dass er kein Händchen für Maschinen und Technik habe. Genau das Gegenteil ist allerdings der Fall. Bereits hier wird deutlich, dass Jack für etwas ganz anderes kein Händchen hat, nämlich für die Menschen in seiner Nähe, und für die Beziehung zu diesen. Seine letztes love interest hat er selbst exekutieren müssen, er ist buchstäblich zu weit gegangen. Nun tröstet er sich mit der Prostituierten Clara (eine Augenweide: Violante Placido), die ihm zumindest einige Bedürfnisse erfüllen kann.

Corbijn stellt Clooney dabei jede Menge Figuren zur Seite, die jede für sich eine andere Seite von Jacks innerem Leben widerspiegeln. Clara, die Jacks unterdrückte emotionale Seite offenlegt oder Vater Benedetto, der der Reue und der Selbstreflexion Jacks Raum gibt. Es ist nicht leicht, dieses Leben des einsamen loners, der wie ein Tagelöhner von Ort zu Ort zieht, seine Arbeit für einen oder mehrere Tage erledigt und weiter zieht. Es gibt deshalb auch nicht viele Konstanten in Jacks Leben, am ehesten noch die Tasse Espresso, die er an jedem Ort gleich gern trinkt. Oder seine Liebe zur Fitness, die ihm einen Sinn im Leben gibt, auch, weil sie wiederum obligatorisch für seine Arbeit ist. Ein Leben ohne die Arbeit, die er gut kann, aber nicht gerne macht, ist also nicht möglich. Das wird auch daran deutlich, dass er seine Auftraggeber stets bei einem Espresso im Straßencafé trifft. 'Du gibst vor Amerikaner zu sein', heißt in etwa die Übersetzung des Carasone-Songs, und in der Tat, Clooneys Figur im Film gibt nicht nur das vor zu sein. Seine wahre Identität, geschweige denn Zugehörigkeit erfahren wir nie, sie bleibt ebenso im Dunkel wie die iatlienische Kleinstadt bei Nacht. Seine Loyalität liegt nur bei ihm, das weiß Jack, sie ist ein Privileg für ihn, keine Notwendigkeit.

The American ist ein in erster Linie ein stream of consciousness, der sich seinen Figuren verschreibt und einen spannenden Plot dabei konsequent vernachlässigt. Clooney zeigt hier einmal mehr, dass er zur ersten Riege Hollywoods gehört, trägt er den Film doch nahezu ganz allein. Dass ein Fotograf wie Corbijn dabei ein Auge und ein Gespür für die kleinen Momente, aber auch das big picture hat, zeigt sich hierbei völlig deutlich. Und das von jemandem, der sonst primär Musikvideos dreht, die doch so völlig anders funktionieren, ist eine umso beeindruckendere Leistung. The American ist ein Musterbeispiel dafür, dass in der Ruhe eben doch die Kraft liegt. (8/10)


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It's Only in Your Mind: 'The Men Who Stare at Goats' Trailer


Und schon wieder sind unsere Jungs im Irak – dieses Mal aber weder in Form eines Thrillers, noch eines Actioners, sondern in Form einer Komödie, die auf dem gleichnamigen Roman von Jon Ronson basiert, The Men Who Stare at Goats. Richtig, der Titel klingt schon genau so bescheuert wie der Trailer zur Verfilmung selbst (480p/720p/1080p), aber das durchaus im positiven Sinne. So lange das Ganze keine Buffalo Soldiers-Gefilde betritt ist auch alles in Ordnung. Deutscher Kinostart ist am 4. März 2010.


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'Burn After Reading': Red Band Trailer

Nach den ersten Bildern zum neuen Film der Coen Brothers ist nun der erste Trailer da – warum der Gute als Red Band/Restricted Trailer erschien (480p/720p/1080p), weiß aber wohl nur die MPAA. Nichtsdestotrotz schaut das mal wieder nach einem weiteren großen Wurf der Coens aus, denn allein der Cast liest sich schon wie ein Gedicht. Zudem scheint es Burn After Reading auch nicht an der nötigen Portion Humor zu fehlen ("PC or Mac?") – ergo: Das kann nur was werden.


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'Burn After Reading': Erste Bilder zum neuen Coen

Nach ihrem düsteren Meisterwerk No Country for Old Men scheinen die Coens mit Burn After Reading wohl wieder etwas leichtere Kost zu bevorzugen. Mit einem mehr als hochkarätigen Cast und einer ziemlich humorvollen Geschichte kann man dann wohl auch davon ausgehen, dass das Ganze alles andere als ein Rohrkrepierer werden dürfte (wobei ja viele schon ein Problem mit Intolerable Cruelty hatten). Kinostart in den USA ist am 12.09., die ersten Bilder wurden heute veröffentlicht. Ach ja, ich will die gleiche Bettwäsche wie auf dem Bild mit Clooney haben…


"Hey, dude, you forgot your porn collection I borrowed from you!"

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»I'm not the guy you kill. I'm the guy you buy!«

Michael Clayton
(Tony Gilroy, USA 2007)
Kino

‘Michael Clayton’Steuerflucht nach Liechtenstein, inländische Steuerhinterziehung, große Konzerne, die nicht von der Politik bevormundet werden, sondern die Politik bevormunden – man will es eigentlich gar nicht wissen, was da bei den Großen und Mächtigen alles hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Jemand, der die Spuren, die dabei entstehen, beseitigt, ist Michael Clayton (George Clooney). Oder auch nicht. Zumindest beseitigt er Müll, und die Definition dieses ist Ansichtssache. Er ist kein Mann, der das Musterbeispiel einer integeren Person wäre, doch ist er auch nicht unbedingt das Gegenteil. Clayton ist ein vielschichtiger, undurchschaubarer Charakter, mal Familienmensch, mal Zocker, mal bester Freund, mal kalter Hund. Es ist genau dieser Vielschichtigkeit und Tiefe, die Clooneys Figur so interessant macht. Man könnte ihm ob seines großartigen Spiels stundenlang zusehen, was der Film im Prinzip auch macht. Es ist kein gewöhnlicher Thriller, ja, plottechnisch am ehesten noch, aber alles andere an Michael Clayton ist eifrige Detailarbeit, die man zu jeder Sekunde sieht.

Es ist kein Thriller, mit dem man es hier zu tun hat, vielmehr ein ruhiger Erzählfilm, der zwar eine gewissen Spannungsbogen besitzt, diesen aber in aller Ruhe spannt. Das Ausgangsszenario ist dabei aber so konstruiert, dass eine vorschnelle Auflösung nicht dringend benötigt wird, sondern so, dass man Clayton nahezu in Echtzeit begeleitet und den Fall mit ihm gemeinsam löst. Fast aus dem Nichts gelingt es Gilroy immer wieder Spannung aufzubauen, keine, die an den Nerven zerrt, aber genug, um am Ball zu bleiben. Clooney zur Seite steht ein fantastischer Cast, der so gut zusammenspielt, dass man nicht genug davon bekommen kann. Besonders Tom Wilkinson als latent verrückter Kanzleichef weiß in seiner Rolle zu gefallen, wohingegen Tilda Swinton zwar gut wie eh und je ist, aber von einem Oscar – besonders angesichts der Konkurrenz – dann doch ziemlich weit entfernt. Michael Clayton ist also, um es kurz zu machen, auch großartiges Schauspielkino, das ob des eher konventionellen Drehbuchs locker von seinen Darstellern allein getragen wird.

Nicht weniger positiv fallen Musik, Dialoge und Kamera auf. Letztere begeistert besonders, sind mir doch seit langer Zeit keine Bilder mehr aufgefallen, die so perfekt durchkomponiert und passend waren (von No Country for Old Men, der sowieso eine Klasse für sich ist, mal abgesehen). Sie ist metaphorisch, scheint die Gedanken der Figuren nonverbal zu äußern, sodass man sich voll und ganz auf die schönen Bilder konzentrieren kann. Besonderes Highlight ist Rolltreppenszene, die einen wunderbaren Übergang zum Abspann eingeleitet hätte, hätte sich Regisseur Gilroy nicht doch für das 0815-Ende, das Clooney aber immerhin noch mal voll und ganz fordert, entschieden. Michael Clayton ist lange nicht perfekt, nein, doch ist er ein intelligenter, ruhiger Thriller, der keinen ausgeklügelten Plot oder sonstigen Firlefanz benötigt um zu fesseln. Ihm reichen aussagekräftige Bilder, eine ordentliche Portion Ruhe und eine schauspielerisch große Darstellerriege. Ein schönes Beispiel dafür, dass ein Thriller nicht immer Action oder Psychoelemente haben muss, um zu fesseln – und dass George Clooney ein wirklich Großer ist. (8/10)


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