Der Mensch ist aus Stahl, ein Panzer nur aus Eisen: 'Lebanon'


'Kintopp' ist ein Begriff, der fast schon archaisch, mindestens aber anachronistisch anmutet. Er beschreibt nicht nur das Kino in seinen Anfängen, sondern auch Darstellungen, die in der Realität so nicht möglich wären. Aber genau das ist es ja, was den Reiz des Kinos bis heute ausmacht: etwas zu zeigen, das man so nur im Kino findet. Samuel Maoz' Lebanon ist so etwas wie Kintopp-Kino, erzählt er doch nahezu seine kompletten 93 Minuten aus einer bestimmten Perspektive, einem einzigen POV. Zwar ist dieser POV nicht unrealistisch oder gar Gimmick, er ist zumindest für den Zuschauer aber nicht nachstellbar. Das Setting ist so einfach wie die Prämisse selbst: eine Gruppe junger israelischer Soldaten bildet mit ihrem Panzer die Vorhut einer Einheit, die 1982 in den Libanon eindringt und einen eigentlich einfachen Auftrag ausführen soll. Dieser gerät natürlich zum Alptraum für die Männer. Deutlich komplexer als die Prämisse, ist jedoch die formale Umsetzung des Ganzen. Zugegeben, den gesamten Film über das Geschehen in Echtzeit und lediglich durch ein Panzerfernroh zu sehen – und eben das, was im Panzer selbst vor sich geht -, hat seinen Reiz.

Andererseits birgt diese formalästhetische Entscheidung aber auch Probleme. Durch den ständigen Fokus auf diese eine Perspektive wird diese so intensiviert, dass es recht einfach ist, den Rezipienten zu beeinflussen. Stichworte wie Krieg, Gewalt und Unschuld sind ohnehin Sujets, denen man nur selten nicht emotional entgegen treten kann, weshalb Lebanon letztlich sehr kalkuliert wirkt. Der Zuschauer wird, ob er will oder nicht, ein Teil der Panzertruppe; er trifft zwar keine Entscheidungen, aber er muss sich den engen Raum mit den jungen Soldaten teilen. Er muss mit ansehen, wie eine Frau ihr Kind verliert und vor Wut und Trauer verzweifelt schreit. Er muss mit ansehen, wie ein alter Mann den Soldaten direkt in die Augen sieht, eine gefühlte Ewigkeit lang. Man wird so aus seinem Kinosessel gerissen und zum Kriegsteilnehmer, wenn nicht sogar zum Mittäter gemacht. Man findet sich inmitten des Panzers, inmitten der Truppe junger israelischer Soldaten wieder. Noch perfider ist jedoch, dass man nicht etwa mit den Bodentruppen an vorderster Linie kämpft, sondern mit den Männern, die sich hinter einem Monster aus Stahl verstecken – sie müssen lediglich Knöpfe drücken, die über Leben und Tod entscheiden. Zwar ist das nicht immer einfach, aber auch wenn es oftmals den Anschein hat, als sei kein Stahl zwischen den Kriegsteilnehmern, so wird es einem kurze Zeit später doch wieder in Erinnerung gerufen, wenn wir ins Innere des Panzers zurückkehren.

Dass im Krieg zuerst die Unschuld stirbt, derer uns Maoz bereits auf formeller Ebene beraubt, ist für den Anti-Kriegsfilm nichts Neues. Dass sich die Filme dabei Methoden des Kriegsfilmes bedienen, ebenfalls nicht. Lebanon geht hier allerdings einen Schritt weiter, denn statt eine Gräueltat nach der anderen zu zeigen – die für den Rezipienten doch so nah, aber doch auch wieder so fern ist, da es sich ja schließlich nur um einen Film handelt -, wirft er uns direkt in diese hinein. Dabei entwickelt der Film schon fast einen pseudo-dokumentarischen Charakter, denn Maoz verarbeitet mit dem Film auch seine eigenen Erfahrungen aus dem Libanon-Krieg. Umso anmaßender mag es daher erscheinen, dass Maoz uns das durchleben lassen will, was ihm widerfahren ist. Zwar kritisiert er dabei sein eigenes Land – was irgendwann nur noch redundant erscheint und nicht selten mit dem Holzhammer präsentiert wird -, überlässt es dem Zuschauer schlussendlich aber doch, ob die jungen Soldaten nun Täter oder Opfer sind.

Ersterer ist dabei aber schon längst als Täter kategorisiert, weshalb die Ereignisse im Panzer etwas klischeehaft wirken – diese verfolgen dann auch die Dramaturgie eines beliebigen Anti-Kriegsfilmes, der einfach nur zeigen will, wie unmenschlich der Krieg doch ist. So bemüht Maoz und sein Film vor allem auf visueller Ebene auch sind, so ambivalent gestaltet sich diese aber auch. Dass solch eine Fokalisierung funktioniert, das zeigt Lebanon eindrucksvoll, denn auch wenn auf der Handlungsebene nicht allzu viel passiert, bleibt es stets spannend. Lebanon ist letztlich ein durchaus interessanter Versuch neue Wege im Genre zu gehen. Leider ist er dabei aber etwas zu politisch geraten, weshalb es auch nicht wundert, dass er im letzten Jahr den Goldenen Löwen in Venedig gewinnen konnte. (7/10)


Tags , , , , , , , , , ,