Meine Straße, mein Zuhause, mein Block: 'Attack the Block'


Kaum hat sich die Lage wieder beruhigt, wird es erneut knallen. Dieses Mal aber nicht etwa auf den tatsächlichen Straßen Londons samt all seiner Vororte, sondern auf der Leinwand. Der Verleiher hat wohl mehr als nur einmal tief durchgeatmet, dass auf Englands Straßen wieder Ruhe eingekehrt ist, denn ein Starttermin, der mit Gewaltausschreitungen zusammenfällt, ist nicht gerade die feine englische Art – auch wenn die Briten schwarzem Humor ja nicht abgeneigt sind. Diese Kritik wird wohl nicht die einzige sein, die die Krawalle in London anführt und Parallelen zum Film zieht. Wäre in London in den letzten Monaten nie etwas vorgefallen, dann wäre Attack the Block auch keinesfalls ein schlechterer Film als er es jetzt, nach den Krawallen, ist. In Großbritannien hatte der Film seinen Kinostart ohnehin schon längst hinter sich. Doch wenn sich aktuelle Ereignisse mit Filmstarts überschneiden, dass übt das immer einen gewissen Reiz auf den Film selbst und dessen Rezeption aus. Er ist plötzlich seiner Zeit voraus, eine Art Prophet. 'Life imitating art' quasi. Oder doch 'art imitating life'? Davon aber einmal ganz abgesehen, ist Attack the Block das ziemlich gelungenes Spielfilmdebüt von Joe Cornish, das auch als Anti-These zu Daniel Barbers Harry Brown.

Attack the Block beginnt ähnlich trist und grau wie Daniel Barbers Film. Ein Blick auf die Straßen Londons zeigt, wie jugendliche Gangs die Stadt im Griff haben und ehrliche, unbescholtene Bürger sich kaum noch aus dem Haus trauen. Die Gangs – natürlich zu einem Großteil aus Migranten bestehend – finden dann auch recht schnell ihr erstes Opfer, nämlich eine junge Frau (Jodie Whittaker), die eigentlich nur noch Hause möchte. Doch sie kann dem Mob nicht entkommen, wird ausgeraubt und von Jugendlichen erniedrigt, die ihre kleinen Brüder sein könnten. Natürlich kommen sie alle aus dem Plattenbau, auch die junge Frau, die als einzige in der Straße, so scheint es, einen Job hat. Sie ist verärgert, genau so wie es auch Michael Caine in Harry Brown war. Ärger, der sich schnell in Wut und Rachegedanken wandelt. Während Harry Brown allerdings einen militärischen Hintergrund hat und schon einmal gekämpft hat, ist Sam eine zierliche Frau, die der Gewalt nicht zugewandt ist. Doch ihre Rachegedanken muss sie schon bald unterdrücken, denn der Feind ist plötzlich nicht mehr der eigene Nachbar, nicht einmal mehr der Mitbürger, sondern ein Feind von außerhalb. Er ist noch gefährlicher und blutrünstiger als der Mob auf der Straße – und so wird der Feind meines Feindes plötzlich zum Freund.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Einstellungen in Attack the Block und Harry Brown nahezu identisch sind. Die langen, leblosen Einstellungen von Plattenbauten, die dreckigen, nur von den Laternen beleuchteten Straßen, sowie die jungen Erwachsenen, die sich durch Mutproben und schließlich Gewalttaten beweisen müssen. Während Harry Brown, der sich immer wieder mit dem Faschismus-Vorwurf auseinandersetzen musste, für dieses Problem eine einfache, aber effektive Lösung präsentiert, schlägt Attack the Block einen völlig anderen Weg ein. Hier werden die eigentlichen Anti-Helden plötzlich zu Helden, die ihr Stadtviertel nicht etwa gefährlicher, sondern sicherer machen. Die Aliens, die ausgerechnet in Südlondon landen müssen, sind eine Bedrohung – nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Gang selbst, die ja schließlich die gefährlichste im Block sein möchte. Man könnte sogar so weit gehen und diese Invasion der Aliens als Gentrifizierung verstehen (ich bin gespannt, wann Kritiken erscheinen, die hier sogar Parallelen zu den Schwaben in Berlin ziehen). Plötzlich ist da nämlich ein Wir-Gefühl da, das sich vorher nicht mal wirklich durch die Gangs zog. Nun ist sogar Sam ein Teil der Gang geworden. So wie viele andere.

Insofern ist Attack the Block also eine Art Anti-These zu Harry Brown. Die Intelligenz, der Mut und der Zusammenhalt der Bewohner des Blocks wird hier gefeiert. Somit zieht Cornishs Film ein völlig anderes Fazit als Barbers Film. Natürlich geschieht dies erst in letzter Instant, aber dennoch: Wenn es hart auf hart kommt, zeigen die Möchtegern-Gangster Eier und kämpfen für- und miteinander. Gerade der, der die größte Fresse von allen hat, zeigt, dass hinter der großen Klappe auch etwas steckt. Mit einer heroisch passenden Inszenierung untermauert Cornish seine Sichtweise, die im Gegensatz zu Barbers Herangehensweise fast schon humanistisch erscheint. Eines haben sie aber dann doch noch gemeinsam, nämlich die Hilflosigkeit der Staatsmacht. Die Polizei kommt ihren Verpflichtungen kaum nach, kann nicht wirklich für den Schutz des Blocks sorgen. Ob sie es nicht kann oder einfach nur nicht will, wird dabei nicht klar. Und schon wieder ist man in der Gegenwart angekommen, denn auch in London war die Polizei (zumindest anfangs) einer Übermacht an Krawallmachern (und nichts anderes sind die Aliens) ausgesetzt. Umso mehr stellt der Film somit seine Protagonisten und ihre Taten in den Vordergrund. Es mutet fast schon obligatorisch an, die beiden Filme im Doppelpack zu sehen. Die Reihenfolge ist dabei eigentlich egal, denn so verschieden sie sind, so gleich sind sie dann doch auch wieder.

Vom tagesaktuellen Geschehen aber einmal abgesehen ist Attack the Block ein formal gesehen durchaus gelungenes Debüt, das dem großen Hype allerdings nicht immer ganz gerecht wird. Ja, das creature design ist große Klasse, ja, die Darsteller sind allesamt talentiert. Nur basiert der Großteil des Humors auf der Sprachebene, die durch die Synchronisation komplett verloren gehen dürfte. Trotz vieler Spannungsmomente gibt es aber auch genügend Durchhänger und Rohrkrepierer, die doch etwas ins Gewicht fallen. Da kann der Film mit seinen kleinen Gewaltspitzen, die es immer wieder gibt, schon eher punkten. Attack the Block ist letztlich ein klarer Fall von 'es-wird-heißer-gekocht-als-gegessen'. Und dennoch handelt es sich um eine leckere Mahlzeit. (7/10)


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Die Tops & Flops des Kinojahres 2010


Und schon wieder ist das Jahr zu Ende. Ein eher durchwachsenens für den Film, möchte ich mal meinen. Wie auch bereits im vergangenen Jahr konnten Dokus viel Raum einnehmen und machen fast die Hälfte meiner Top 10 Liste dieses Jahres aus. Vielleicht ist es in Zeiten von Comicverfilmungen und Remakes ja genau diese Suche nach Authentizität, auf die man sich nur allzu gern begibt. Wie auch im letzten Jahr habe ich leider viel zu viel verpasst, weil es entweder keine Pressevorführungen gab oder ich schlichtweg keine Zeit (und Muse) fand regulär ins Kino zu gehen. Allen voran wäre hier Jackass 3D zu nennen, der wohl sicher auf der Liste gelandet wäre … ja hätte ich ihn denn gesehen. Andererseits bin ich mit meiner Liste aber auch sehr zufrieden – die Nummer 1 stand nach der ersten Sichtung bereits fest, die zweite war dann nur noch affirmativ (zumal es sich um eine digitale Projektion handelte). Ich will nicht lange um den heißen Brei reden, hier meine Top 10 des Jahres 2010 – dieses Mal ganz ohne Kommentar, eine reine Auflistung, denn die Kritiken (oder Kurzkommentare) dazu finden sich ja recht schnell:

10. Not Quite Hollywood: The Wild, Untold Story of Ozploitation!

09. The Young Victoria

08. Harry Brown

07. The Expendables

06. An Education

05. Anvil! The Story of Anvil

04. Restrepo

03. Brothers at War

02. Monsters

01. The Social Network

Runners Up: The Messenger, Crazy Heart, Enter the Void, The American, The Blind Side, The Last Exorcism, The Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleans

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Eine generelle Entdeckung des Jahres waren vor allem die Mad Men, deren dritter Season ich nun entgegen fiebere und die in Zeiten von 3D und sonstigem Technikwahn so herrlich old fashioned daherkommt, dass ich sie 2010 so genießen konnte, wie es 2007 wohl nicht möglich gewesen wäre. Ebenfalls zu erwähnen ist die kleine Retrospektive zu Errol Morris' drei ersten Dokumentationen, von denen The Thin Blue Line gleichzeitig auch den besten Film markiert, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Ebenfalls ein Film, der in diesem Jahr erst entdeckt wurde und wohl noch lange nachwirken wird, ist die australische Perle Long Weekend, die mich ziemlich beeindruckt hat (Not Quite Hollywood sei Dank). Auch Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens muss an dieser Stelle natürlich genannt werden – selten hat mich etwas im TV so gefesselt wie diese deutsche Ausnahmeproduktion.

Es gab allerdings nicht nur viel zu sehen in diesem Jahr, sondern auch zu hören. Ilan Eshkeris wundervoll-melancholischer Score zu The Young Victoria beispielsweise, der zusammen mit Hans Zimmers Score zu The Pacific den diesjährigen Höhepunkt in Sachen Ohrenschmaus markiert. In Sachen Magic Moments sind dieses Jahr primär zwei Momente zu nennen: zum einen die Clubszene aus The Social Network, die nicht nur unglaublich authentisch daherkommt, sondern einen selbst so dermaßen in Partystimmung bringt, dass man am liebsten gleich aus dem Saal raus und in den Club reinrennen würde. Auch der andere Moment 2010 hat mit Musik zu tun – nämlich jene Szene aus Restrepo, in der die Soldaten für einen kurzen Moment alles um sich herum vergessen und zu Eurodance-Mucke ihre Kameraden antanzen.

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Kommen wir also zu den etwas schlechteren Filmen dieses Jahres – wobei das noch recht mild ausgedrückt ist, denn einige von ihnen waren wirklich zum Foltern geeignet, so weh taten sie. Bei der Nummer 1 musste ich auch hier nicht lange grübeln und man fragt sich einmal mehr, was bei den Japanern eigentlich anders läuft, dass sie solche Stinker wie Shock Labyrinth 3D raushauen, der zu allem Übel auch noch auf einem Themenpark basiert (wait, what …?). Hier also die Flop 10 des Jahres – inklusive Blockbusterrepräsentanten:

10. Jud Süß – Film ohne Gewissen

09. Exit Through the Gift Shop

08. Inception

07. Predators

06. Kick-Ass

05. Survival of the Dead

04. Machete

03. Legion

02. Amer

01. Shock Labyrinth 3D (Senritsu meikyû 3D)

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Auf ein gutes Filmjahr 2011! Und erneut ein herzliches Dankeschön an Tilo Hensel, der auch in diesem Jahr wieder für die tolle Collage verantwortlich zeichnet. Viele der genannten Filme sind übrigens auch via Videoload online verfügbar.


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Fünf DVD & Blu-ray Kaufempfehlungen


So lobe ich mir virales Marketing doch. Gutschein Codes, die Anfang des Jahres bereits das Oscar-Tipp-Spiel veranstalteten, hat mich gefragt, ob ich für meine Leser nicht fünf Filme des Jahres 2010 nennen könnte, die man unbedingt auf DVD haben sollte. Bei Gutschein Codes kann man aktuell zum Beispiel mit einem 10 Euro Otto Gutschein Filme günstiger kaufen. Allen voran die von mir Genannten natürlich. Als erstes will ich dann auch einen Film nennen, der im Kino nahezu unterging, nämlich The Young Victoria. Ein Film, der zu Recht den Oscar für die beste Ausstattung gewann und übermorgen auf DVD und Blu-ray erscheint. An zweiter Stelle möchte ich eine weitere britische Produktion nennen, die bereits auf DVD/Blu-ray erschienen ist: An Education. Ein wundervolles period piece, das deutlich macht, dass Carey Mulligan zum Besten gehört, das das Kino an Nachwuchs hat.

Gehen wir etwas weg von der Insel, zu einem anderen Kontinent, der aber noch immer Spuren des Vereinigten Königreiches trägt: Kanada. Hier fristen zwei alte Herren ein recht tristes Dasein. Eines Tages beschließen sie jedoch, diesem ein Ende zu setzen und das zu machen, was sie immer gern getan haben: Metal. Die Rede ist natürlich von Anvil! The Story of Anvil, einer ebenso witzig wie emotionalen Doku, die selbst für nicht-Metal-Fans eine absolute Empfehlung ist. Bleiben wir bei Dokus (die sowieso viel zu kurz kommen): letzte Woche ist Roman Polanski: Wanted and Desired auf DVD erschienen. Der Film geht dem Prozess um Polanski nach und schildert, was in den Siebzigern alles falsch gelaufen ist. Die Doku liefert reichlich Hintergrund und ist dabei meist neutral, auch wenn sie sich gegen Ende dann doch etwas auf Seiten Polanskis schlägt. Ebenfalls seit kurzem auf DVD/Blu-ray erhältlich ist Harry Brown, in dem Michael Caine zum Charles Bronson wird und mehr als nur rot sieht. Ein beinharter Thriller, der kühler und rücksichtsloser kaum sein könnte.

Fünf Empfehlungen, die Euch hoffentlich bei der nächsten Kaufüberlegung helfen werden (man kennt es ja: man steht vor dem Regal und ist sich nicht sicher, ob man die Scheibe nun mitnimmt oder doch im Regal verstauben lässt). Es war bisher ja ohnehin ein recht schwaches Kinojahr, wie ich finde. Bleibt zu hoffen, dass auf DVD wenigstens noch einige weitere Perlen erscheinen, die den Weg ins Kino nicht geschafft haben – allen voran Dokus.


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Michael Caine sieht rot: 'Harry Brown' Trailer


Heute nachmittag, Kollege @SebastianSelig und meine Wenigkeit kommen frisch aus der PV zu Edge of Darkness, wovon wir uns beide doch etwas mehr straightness erwartet hätten (was allerdings nicht gegen den Film spricht, falsche Erwartungen eben). Nach dieser Feststellung meint Sebastian, dass der 'neue' Taken ja eh bald komme, nämlich in Form von Harry Brown, von dem ich bis dahin noch gar nichts gehört hatte. Ein großer Fehler, denn der Trailer sieht in der Tat ziemlich gut aus, quasi Michael Caine meets Charles Bronson meets Death Wish 3. In UK lief Harry Brown Anfang November an, hierzulande wartet man jedoch noch auf einen Starttermin. Hoffentlich nicht mehr lange.


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